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Archiv der Kategorie z DISS
Marguerite Porete: Aufbruch als Ausbruch
5.10.2010 by admin.
Aufbruch als Ausbruch
Marguerite Poretes mystisches Werk „Mirouer“ als Zeugnis einer Reaktion intellektueller Frauen auf den Bildungsausschluss im 13. Jahrhundert
1. Einleitung und These
2. Marguerite, ihre Zeit, ihre Person und ihr Werk „Mirouer“
2.1.Die Zeit des religiösen Aufbruchs
2.2.Rekonstruktion der Biographie Marguerites
2.3.Der Spiegel der einfachen Seelen
3. Aufbruch als Ausbruch
3.1.Marguerite als intellektuelle Theologin
3.1.1. Kenntnis von anderen Theologen
3.1.2. Wertschätzung für die Erkenntniskraft
3.3. Verbindung zu und Einfluss auf Meister Eckhart
1. Einleitung und These
2010, zum 700. Todesjahr Marguerite Poretes, erschienen zahlreiche Artikel über ihr Leben und Werk. Der „Spiegel der einfachen Seelen“ in der Übersetzung von Louise Gnädinger, der lange vergriffen war, erfuhr einen Nachdruck und gut 10 Jahre nach der richtungsweisenden Dissertation Irene Leichts über die spätmittelalterliche Mystikerin und ihr Werk, widmete sich Barbara Hahn-Jooß dem Spiegel in einer vertiefenden theologischen Dissertation.
Allen Autorinnen und Autoren, weit über den deutschsprachigen Horizont hinaus, ist gemeinsam die Anerkennung Marguerites als eigenständige und selbstbewusste Denkerin und Theologin, die ihre Lehre konsequent bis in den Tod vertritt. Ihre starke Haltung gegenüber den Hierarchien ihrer Zeit, vor allem dem Bündnis von Kirche und Staat, wie es sich im Inquisitionsprozess darstellt, lässt sie als eine herausragende Frauengestalt im Gegenüber der von Männern diktierten Ordnung erscheinen. In der Regel wird sie als standhafte Frau interpretiert, die sich von den Männern ihrer Zeit nicht zum Schweigen bringen ließ. Ihr Leben und Sterben wird darum oft schablonenhaft dargestellt und durch den heute oft verklärenden oder verzerrenden Blick auf das Mittelalter verstellt. Umso interessanter ist eine Analyse ihres Werkes, das uns als einzig sichere und authentische Quelle ihren Motiven näher bringt.
Ihre mystische Lehre, welche die Seele wieder zurückführt zu ihrem Ursprung in Gott und dabei alle Äußerlichkeiten, Strukturen und Bindungen hinter sich lässt und für nichtig erklärt, ist in einer sorgfältigen lateinischen Edition von Paul Verdeyen von 1986 im Corpus Christianorum enthalten[1] und in viele neue Sprachen übersetzt und erläutert worden. Die Grundlagen für eine konsequente Erforschung des Mirouer sind somit gegeben.
Immer noch unzureichend beantwortet ist die Frage nach Grund und Ursache für die mystische Lehre, die Marguerite auch mit den anderen Mystikerinnen ihrer Zeit verbindet. Im 13. Jahrhundert erfuhr die Mystik eine schlagartige Verbreitung in allen Gebieten des damaligen Deutschen Reiches, besonders aber entlang des unteren Rheins. Was allgemein als religiöser Aufbruch angesehen wird, kann aber durchaus als ein Ausbruch aus den Zwängen einer Gesellschaft gesehen werden, die sich gerade erst zu Lebzeiten Marguerites, also im Übergang vom Hoch- ins Spätmittelalter, ausformte.
Obwohl Simone de Beauvoir bereits 1949 in ihrem Buch „Le Deuxième Sexe“ die Mystikerin allgemein und damit die weibliche Mystik überhaupt als Ausbruchversuch der Frau aus den ihr von außen auferlegten Zwängen benannt hat,[2] wurde diese These weder von Beauvoir noch von Leicht, die ihre Dissertation selbst als ein Werk der feministischen Theologie beschreibt, aufgegriffen oder weitergeführt. Dass die Verurteilung und Hinrichtung Marguerites und ihres Werkes unschwer im Kontext der Unterdrückung der Frau zu lesen ist, wird in den meisten Veröffentlichungen sehr deutlich. Was aber veranlasste die Begine aus Valenciennes dazu ein Buch zu schreiben, das für die damalige Ordnung scheinbar so gefährlich war, bzw. was in ihrem Werk war dermaßen anstößig, dass sie dafür in den Tod ging?
Für ein besseres Verständnis der Frage, ob der religiöse Aufbruch seit der Wende vom Hoch- zum Spätmittelalter ein Ausbruch, insbesondere der Frauen war, werden zunächst in gebotener Kürze die Umstände genannt, die zur Aufbruchsbewegung führten und ebenso die z.T. bis heute nachwirkenden Frömmigkeitsformen, die daraus entstanden sind.
Im Blick auf Marguerite und den „Mirouer“ ist also zu fragen, ob die spätmittelalterliche Mystik[3] eine ursprünglich typische weibliche Frömmigkeitsform war, und ob die Autorin unter den durchaus vielen anderen eine besondere Rolle einnimmt.
Weiter ist zu fragen, was als Ursache für das Aufkommen dieser weiblichen Mystik im Spätmittelalter ausschlaggebend war, bzw. was für Anhaltspunkte diesbezüglich in den mystischen Schriften der Frauen, insbesondere im „Mirouer“, zu finden sind.
Eine weitere Frage ist, wo die Berührungspunkte einer typisch weiblichen Frömmigkeitslehre mit den männlichen Theologen der damaligen Zeit liegen, bzw. ob sich Indizien finden lassen, welche die Mystik als eine ursprünglich weibliche Bewegung in eine allgemeine, also auch für Männer interessante Frömmigkeitsform transformiert haben und ob diese an einzelnen Personen festzumachen sind.
So könnte ein neues Bild der spätmittelalterlichen Frömmigkeitsbewegung entstehen, das die Mystik als ursprünglich und typisch weibliches Phänomen beschreibt, in dem die Frauen mehr oder weniger unbewusst auf den Bildungsausschluss ihrer Zeit reagierten. Nur mit wenig zeitlicher Verzögerung wurde diese spirituelle Lehre durch Schlüsselfiguren und leichte Akzentverschiebung auch für Männer als individuelle Frömmigkeitsform attraktiv. Der Ursprung im weiblichen Protest wurde damit schnell nivelliert…
….
DEMNÄCHST ALS PRINT VERÖFFENTLICHT.
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Friedhelm Mennekes. Die Homepage
3.3.2010 by admin.
die neue homepage von p. friedhelm mennekes: www.artandreligion.de
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Schatzkammer Aachen
10.2.2010 by admin.
vom dom aus kommt man mit nur einmal fragen zur schatzkammer. dann betritt man altes gemäuer und fühlt sich erst nicht ganz richtig. man hat das gefühl in einen mittelalterlichen hintereingang geraten zu sein. der freundliche tickeverkäufer im seitenzimmer leitet dann auf den rechten weg: “gerade aus und dann zwei mal links”. tatsächlich.
ein beeindruckender schatz wird hier verwahrt. die bezüge auf karl den grossen und die kaiserkrönungen durch das gesamte mittelalter hindurch hinterliessen ihre sichtbaren spuren. mit viel liebe zum detail sind im keller teile der kostbaren paramentensammlung präsentiert. leicht sieht man mit hilfe der kleinen figürchen den früheren, profanen gebrauch der stoffe aus dem die rauchmäntel oder madonnenkleider gemacht wurden. nur der erklärende text bedarf einer überarbeitung. vielleicht ist aachen auch zu nah an der sprachgrenze…
die schatzkammer scheint ansonsten sehr reinlich zu sein. zumindest sind die deutschen texte an den vitrinen fast alle bis zur unleserlichkeit weggewischt.
alte und ehrwürdige kult- und kunstobjekte können in gesellschaft von moderner kunst an spannung, sinn und bedeutung gewinnen. dies gilt ebenso für das zeitgenössische werk. was diese bunten leinwände allerdings in der schatzkammer zu suchen haben, ist mir ein rätsel. vielleicht schätzen die verantwortlichen ihre schätze auf ähnlichem niveau? das wäre traurig.
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Päpstliche Kommission für die Kulturgüter: die kirchlichen Museen
21.1.2010 by admin.
PÄPSTLICHE KOMMISSION FÜR DIE KULTURGÜTER DER KIRCHE
Rundschreiben
DIE PASTORALE FUNKTION
DER KIRCHLICHEN MUSEEN
Vatikanstadt, den 15. August 2001
Eminenz (Exzellenz),
hochwürdigster Herr Kardinal (Herr Erzbischof, Herr Bischof)!
Nachdem sich die Päpstliche Kommission für die Kulturgüter der Kirche nicht nur mit den Bibliotheken und Archiven befaßt hat1, sondern auch die Notwendigkeit und Dringlichkeit der Inventarisierung und Katalogisierung des (beweglichen und unbeweglichen) historischen Kunst- und Kulturerbes bekräftigt hat2, wendet sie sich jetzt den kirchlichen Museen zu, um die bedeutenden, üblicherweise nicht mehr in Gebrauch befindlichen Kunst- und Kulturschätze materiell zu erhalten, rechtlich zu schützen und für die Pastoral zu erschließen.
Mit diesem neuen Dokument will die Päpstliche Kommission für die Kulturgüter der Kirche einen weiteren Beitrag liefern, um das Wirken der Kirche mit Hilfe der Kulturgüter zu stärken und dadurch einen neuen Humanismus im Hinblick auf die Neuevangelisierung zu fördern. Hauptaufgabe der Päpstlichen Kommission ist es nämlich, sich dafür zu verwenden, daß das ganze Volk Gottes und vor allem die Fachleute (Laien und Kleriker) das beachtliche historisch-künstlerische Erbe der Kirche im pastoralen Bereich zur Geltung bringen.
Das Christentum ist gekennzeichnet durch die Verkündigung des Evangeliums im Hier und Jetzt jeder Generation und durch die Treue zur Überlieferung (traditio). Die Kirche „nimmt im Lauf ihrer Geschichte die Errungenschaften der einzelnen Kulturen in Gebrauch, um die christliche Botschaft zu verbreiten und zu erklären“3. Daher „neigt der Glaube naturgemäß dazu, sich durch künstlerische Formen und historische Zeugnisse auszudrücken, die eine Kraft der Verkündigung und einen kulturellen Wert besitzen, denen die Kirche höchste Aufmerksamkeit schenken muß“4. Darum hat sich in den alten christlichen Ländern, aber bereits auch in jenen Gebieten, die erst in jüngster Zeit evangelisiert wurden, ein reichliches Erbe an Kulturgütern angesammelt, denen im Bereich ihrer kirchlichen Zweckbestimmung ein besonderer Wert zukommt.
In diesem Sinn ist auch ein kirchliches Museum mit allen in seinem Umfeld angebotenen Veranstaltungen eng mit dem kirchlichen Leben in der Vergangenheit verbunden, da es den Weg, den die Kirche im Laufe der Jahrhunderte in Gottesdienst, Katechese, Kultur und Nächstenliebe zurückgelegt hat, sichtbar dokumentiert. Ein kirchliches Museum ist daher der Ort, der nicht nur den genialen Geist des Menschen, sondern - als Gewähr für die Gegenwart - auch die Entwicklung des kulturellen und religiösen Lebens dokumentiert. Es kann daher nicht in einem „absoluten“ Sinn, das heißt herausgelöst aus dem Gesamtkontext der pastoralen Tätigkeiten, verstanden werden, sondern muß im Zusammenhang mit dem ganzen kirchlichen Leben und in bezug zum historischen Kunst- und Kulturerbe jeder Nation und Kultur gedacht werden. Das kirchliche Museum muß sich also unbedingt in den Bereich der pastoralen Aktivitäten einfügen; dabei kommt ihm die Aufgabe zu, durch eine umfassende Heranführung an die Kunst- und Kulturschätze das kirchliche Leben widerzuspiegeln.
Im christlichen Bewußtsein gehören die kirchlichen Museen vollberechtigt zu den Strukturen, die sich der Erschließung der „in den Dienst der Sendung der Kirche gestellten“5 Kulturgüter widmen und daher so organisiert sein müssen, daß sie das Heilige, das Schöne, das Alte und das Neue zu vermitteln vermögen. Sie sind also ein integrierender Bestandteil der kulturellen Veranstaltungen und der Pastoraltätigkeit der Kirche.
Das historisch-künstlerische Gut, das nicht mehr in Gebrauch ist, beiseite gelegt wird und sich kaum schützen läßt, kann in den kirchlichen Museen angemessenen Schutz finden und in geeigneter Weise zugänglich gemacht werden. Man muß sich in der Tat darum bemühen, die verwendbaren und die außer Gebrauch befindlichen Güter in eine Wechselbeziehung zu bringen, um rückblickende Einsicht, aktuelle Funktionsfähigkeit und weiterführende Perspektiven zum Vorteil der betreffenden Region so zu gewährleisten, daß man Museen, Denkmäler, Einrichtungsgegenstände, geistliche Theaterspiele, Formen der Volksfrömmigkeit, Archive, Bibliotheken, Sammlungen und andere vor Ort übliche Bräuche miteinander in Verbindung bringt. In einer Kultur, die bisweilen in Auflösung begriffen ist, sehen wir uns zu Initiativen genötigt, die uns das wiederentdecken lassen, was in kultureller und geistiger Hinsicht der Allgemeinheit gehört, und das nicht im streng touristischen, sondern in jenem eigentlich humanistischen Sinn. In diesem Sinn ist es nämlich möglich, Ziel und Zweck des historischen Kunst- und Kulturerbes so wiederzuentdecken, daß man es als Kulturgut nutzt.
Nach dieser Ausgangsposition kann das Kirchenmuseum zum wichtigsten Bezugspunkt werden, um den herum der Plan zu einer Neuinterpretation der Vergangenheit und zur Entdeckung der Gegenwart in ihren besten und mitunter unbekannten Aspekten angeregt wird. Darüber hinaus fungiert das kirchliche Museum als Ort der Koordinierung von erhaltenden Maßnahmen, Menschenbildung und christlicher Glaubensverkündigung in einem bestimmten Gebiet. Die Organisation des Museums muß sich deshalb soziale, politische und kulturelle Entwicklungen und die auf die betreffende Region abgestimmten Pastoralpläne zu eigen machen.
So wichtig die Museumseinrichtungen innerhalb der Kirche auch sind, der Schutz der Kulturgüter bleibt doch vor allem der Kirchengemeinde anvertraut. Sie muß die Bedeutung ihrer Vergangenheit begreifen, das Bewußtsein ihrer Zugehörigkeit zu dem Gebiet, in dem sie lebt, reifen lassen und den pastoralen Charakter der Kunst- und Kulturschätze wahrnehmen. Es geht also darum, ein kritisches Bewußtsein zu erzeugen, um das historisch-künstlerische Erbe zu erschließen, das von den verschiedenen, aufeinanderfolgenden Kulturen auch dank der Präsenz der Kirche als erleuchteter Auftraggeberin ebenso wie als wachsamer Hüterin der Spuren längst vergangener Zeiten hervorgebracht worden ist.
Es liegt daher auf der Hand, daß für den Aufbau und Betrieb der kirchlichen Museen ein ekklesiologisches Fundament, theologische Perspektiven und eine geistliche Dimension notwendig sind, da sich solche Einrichtungen nur in diesem Sinne in einen Pastoralplan integrieren lassen. Das vorliegende Rundschreiben, das sich zwar mit diesen Überlegungen nicht eingehender befaßt, sondern von ihnen ausgeht, möchte eine Reflexion allgemeinen und vorwiegend praktischen Charakters über die Bedeutung und die Rolle der kirchlichen Museen im Rahmen des sozialen und kirchlichen Lebens bieten. Die Originalität und Wirksamkeit der kirchlichen Museen ist durch den Zusammenhang gegeben, in den sie als integrierender Bestandteil gehören.
1. Bewahrung des historischen Kunst- und Kulturerbes der Kirche
1.1 Bedeutung des historischen Kunst- und Kulturerbes
Die kirchlichen Kulturgüter sind direktes Erbe und Eigentum der christlichen Gemeinschaft. Gleichzeitig gehören sie aber auf Grund der universalen Dimension der christlichen Verkündigung in gewissem Sinn der ganzen Menschheit. Ihr Zweck gilt der Sendung der Kirche in der doppelten und sich wirksam ergänzenden Dynamik menschlicher Förderung und christlicher Glaubensverkündigung (Evangelisierung). In ihrer Bedeutung unterstreichen und veranschaulichen sie das Werk der Inkulturation des Glaubens.
Die Kulturgüter, die für uns zum historischen Gedächtnis werden, erlauben uns nämlich, über die Werke der verschiedenen Generationen deren Glaubensweg wiederzuentdecken. Sie offenbaren durch ihren künstlerischen Wert die schöpferische Fähigkeit lokaler Künstler, Handwerker und Fachkräfte, die es vermochten, dem sinnlich Wahrnehmbaren ihr eigenes religiöses Denken und Fühlen und die Frömmigkeit der christlichen Gemeinde einzuprägen. Durch den kulturellen Inhalt übergeben sie der heutigen Gesellschaft die individuelle und gemeinschaftliche Geschichte menschlicher und christlicher Weisheit in einer bestimmten Region und innerhalb einer bestimmten geschichtlichen Periode. Durch ihre liturgische Bedeutung sind sie besonders für den Gottesdienst bestimmt. Durch ihre universale Bestimmung gestatten sie einem jedem die Nutznießung der kirchlichen Kulturgüter, ohne daß er aber zu deren ausschließlichem Eigentümer wird.
Erklärender Hinweis auf den Wert, den die Kirche ihren Kulturgütern beimißt, ist „der Wille seitens der Gemeinschaft der Gläubigen und besonders der kirchlichen Institutionen, seit der Zeit der Apostel die Glaubenszeugnisse zu sammeln und ihr Andenken zu pflegen; er ist Ausdruck der Einzigartigkeit und Kontinuität der Kirche, die diese Endzeit der Geschichte erlebt“6. In diesem Zusammenhang hält die Kirche die Weitergabe des Erbes ihrer Kulturgüter für wichtig. Sie stellen nämlich ein wesentliches Glied der Traditionskette dar; sie sind das sichtbare Gedächtnis der Evangelisierung; sie werden zu einem Werkzeug der Pastoral. Daraus folgt dann „die Verpflichtung, sie zu restaurieren, zu bewahren, zu katalogisieren und zu schützen“7, zum Zweck der „Erschließung dieser Güter, wodurch eine bessere Kenntnis von ihnen und eine angemessene Verwendung sowohl in der Katechese wie in der Liturgie gefördert werden soll“8.
Zu den Kulturgütern der Kirche zählt das riesige historische und künstlerische Erbe, das sich, in unterschiedlichem Ausmaß, verstreut in allen Teilen der Welt findet. Es verdankt seine Identität dem Gebrauch durch die Kirche, weshalb es aus diesem Kontext nicht herausgelöst werden darf. Daher müssen Strategien für eine globale und zugleich umfeldbezogene Erschließung des historischen Kunst- und Kulturerbes ausgearbeitet werden, um es in seiner reichen Vielfalt nutzen zu können. Auch alles, was z.B. infolge von Liturgiereformen außer Gebrauch gekommen oder wegen seines Alters nicht mehr verwendbar ist, muß mit den in Gebrauch befindlichen Gütern in Verbindung gebracht werden, um herauszustellen, daß die Kirche stets ein Interesse daran hatte, der Katechese, dem Gottesdienst, der Kultur und dem karitativen Dienst in mannigfaltiger kultureller Gestalt und durch verschiedene Stilformen Ausdruck zu verleihen.
Daher muß sich die Kirche der Gefahr, die Gegenstände auszusondern, der Zerstreuung preiszugeben oder sie anderen (staatlichen, städtischen und privaten) Museen zu überlassen, dadurch entziehen, daß sie, wenn nötig, eigene „Museumsdepots“ einrichtet, die die Aufbewahrung der Objekte und ihre Nutzung im kirchlichen Bereich sicherstellen können. Auch Gegenstände von geringerem künstlerischem Wert zeugen vom eifrigen Bemühen der jeweiligen Gemeinde, die sie hergestellt hat, und können die Identität der heutigen Gemeinden mitformen. Für diese Gegenstände muß man also die Schaffung geeigneter “Museumsdepots“ ins Auge fassen. In jedem Fall ist es notwendig, daß die in den Museen und Depots kirchlicher Zuständigkeit aufbewahrten Werke in direkter Verbindung mit den Werken bleiben, von denen die Einrichtungen der Kirche noch Gebrauch machen.
1.2 Ansatz zur Bewahrung des historischen Kunst- und Kulturerbes
Die Vorgehensweisen, nach denen man sich in den einzelnen Kulturen der Bewahrung des überlieferten Kulturerbes annimmt, sind ganz unterschiedlicher Art. So pflegen zum Beispiel das Abendland und die zu ihm gehörigen Kulturen die Erinnerung an die Vergangenheit dadurch, daß sie obsolet gewordene, nicht mehr gebräuchliche Gegenstände wegen ihrer historisch-künstlerischen Bedeutung oder einfach wegen ihres Erinnerungswertes aufbewahren. In anderen Kulturen hingegen wird die Pflege des Gedächtnisses früherer Zeiten vorwiegend dem mündlichen Erzählen vergangener Taten und Ereignisse überlassen, oft auch deshalb, weil sich die Erhaltung der Fundstücke aus klimatischen Gründen nicht selten als schwierig erweist. In wieder anderen Fällen schließlich erfolgt die Erhaltung durch Nacharbeitung der Gegenstände in originalgetreuen Materialien und genauer Einhaltung der stilistischen Vorbilder. Bei allen Völkern jedoch ist das lebendige Bewußtsein für das Gedächtnis der Vergangenheit vorhanden als tragender Wert, den es mit großer Sorgfalt zu pflegen gilt.
In den Ländern mit alter christlicher Tradition hat das historisch-künstlerische Erbe, das im Laufe der Jahrhunderte ständig durch neue Interpretationsformen bereichert worden und über ganze Generationen hin bevorzugtes Mittel für Katechese und Gottesdienst gewesen war, in jüngster Zeit infolge der Säkularisierung eine fast ausschließlich ästhetische Bedeutung angenommen. Es ist daher angebracht, daß die Kirchen durch geeignete Strategien die kontextimmanente Bedeutung der historischen Kunst- und Kulturgüter herausstellen, so daß der Gegenstand in seinem ästhetischen Wert nicht völlig von seiner pastoralen Funktion abgetrennt noch von dem historischen, sozialen, raum- und andachtsbezogenen Zusammenhang losgelöst wird, dessen charakteristischer Ausdruck und Zeugnis er ist.
Ein kirchliches Museum ist in der betreffenden Region verwurzelt, mit dem Wirken der Kirche unmittelbar verbunden und die sichtbare Bestätigung ihres historischen Gedächtnisses. Es beschränkt sich nicht auf die bloße „Sammlung von Antiquitäten und Kuriositäten“, wie in der Renaissancezeit Paolo Giovio und Alberto Lollio es verstanden, sondern bewahrt Kunstwerke und Objekte religiösen Charakters, um sie zu erschließen. Ein kirchliches Museum ist auch nicht das Mouseion oder der „Musentempel“ in der etymologischen Bedeutung des Begriffes, der an die Gründung des Ptolemaios Soter im ägyptischen Alexandria erinnert, sondern es ist immer auch das Gebäude, in dem man das historische Kunst- und Kulturerbe der Kirche aufbewahrt. Denn auch wenn viele Objekte keine bestimmte kirchliche Gebrauchsfunktion mehr haben, vermitteln sie weiterhin eine Botschaft, welche die vor langer Zeit lebenden christlichen Gemeinden an die nachfolgenden Generationen weitergeben wollten.
In Anbetracht dieser Überlegungen ist es daher wichtig, bestimmte Strategien für eine im kirchlichen Sinn geeignete Erschließung und Bewahrung des historisch-künstlerischen Erbes zu entwickeln. Grundlage für derartige Strategien sollten die folgenden Verpflichtungen sein:
– der Schutz mit Unterstützung von eigens dafür auf diözesaner und nationaler Ebene eingerichteten Dienststellen;
– die Kenntnis nicht nur von der eigentlichen Zweckbestimmung und der Geschichte kirchlicher Kulturgüter, sondern auch von deren Beschaffenheit durch die systematische Erstellung von Inventaren und Katalogen9;
– die Einbettung der Werke in das tatsächlich gelebte soziale, kirchliche, religiöse Leben;
– die Betrachtung der Werke der Vergangenheit in bezug auf die heutige kirchliche und kulturelle Erfahrung;
– die Erhaltung und der eventuelle Gebrauch solcher Werke der Vergangenheit in pastoralem Umfang10.
Um diesen Verpflichtungen nachzukommen, kann die Einrichtung von kirchlichen Museen angebracht sein, die dadurch, daß sie auf das historische und künstlerische Erbe einer bestimmten Gegend Bezug nehmen, auch die Rolle von Zentren für kulturelle Belebung übernehmen könnten. Immer wichtiger wird auch die Rationalisierung der verschiedenen Stellen, die in der Kirche für den Sektor Kulturgüter zuständig sind. Wo es möglich ist, muß man sich um Formen der Zusammenarbeit zwischen den eben genannten kirchlichen Stellen und den analogen zivilen Behörden bemühen, um gemeinsame Vorhaben zu vereinbaren.
1.3 Geschichtliche Hinweise auf die Bewahrung des historisch-künstlerischen Erbes
Die engagierte Sorge der Kirche um ihr historisches und künstlerisches Erbe während ihrer gesamten Geschichte geht aus den Beschlüssen der Päpste, der Ökumenischen Konzilien, der Lokalsynoden und der einzelnen Bischöfe hervor und ist allen bekannt. Ausdruck gefunden hat diese Sorge sowohl darin, daß Kunstwerke in Auftrag gegeben wurden, die hauptsächlich für den Gottesdienst und die Ausschmückung geheiligter Stätten bestimmt waren, als auch in der Pflege und der Erhaltung dieser Werke11.
Für die Aufbewahrung wertvoller Gegenstände - darunter vor allem der liturgischen Geräte und der Reliquien mit den dazugehörigen Reliquienschreinen - wurden seit der Spätantike an den Kathedralen oder anderen bedeutenden Kultstätten (z.B. Heiligtümern) die sogenannten „Schatzkammern“ eingerichtet, sehr oft in einem Nebenraum der Sakristei und in dafür vorgesehenen Schränken bzw. Schreinen. Diese Sammlungen hatten in erster Linie die Funktion eines Depots für besonders wertvolle Kultgegenstände, die bei besonders feierlichen Gottesdiensten verwendet wurden; außerdem besaßen sie, besonders wegen des Vorhandenseins berühmter Reliquien, einen gewissen Repräsentationswert; und nicht zuletzt konnten sie als Goldreserve für Notfälle dienen. Ein leuchtendes Beispiel dafür ist die Päpstliche Sakristei im Vatikan.
Es ist jedenfalls zulässig, uns die mittelalterlichen „Schatzkammern“ der eigentlichen Sammlungen von Gegenständen anzusehen, die (vorübergehend oder endgültig) aus dem Bereich praktischer Nutzung entfernt worden waren und nun unter besonderer institutioneller Aufsicht standen. Die Objekte, aus denen diese Sammlungen bestanden, wurden allerdings an geeigneten Orten und aus besonderen Anlässen zur öffentlichen Bewunderung ausgestellt. Ein Unterschied dieser Sammlungen im Vergleich zu den Privatsammlungen der Antike bestand darin, daß die „Schatzkammern“ nicht das Werk eines Einzelnen, sondern der entsprechenden Institutionen waren, so daß die öffentliche Nutznießung erhalten blieb. Unter den ältesten „Schatzkammern“ Europas sind jene der Abtei Saint-Denis in Frankreich und der Domschatz von Monza in Italien zu erwähnen, die beide im 6. Jahrhundert errichtet wurden. Unter den berühmtesten mittelalterlichen „Schatzkammern“ nennen wir jene der Sancta Sanctorum in Rom, der Markusbasilika in Venedig und des Doms Sant’Ambrogio in Mailand (Italien); des Heiligtums Sainte Foy de Conques und der Kathedrale von Verdun-Metz (Frankreich); des Kölner Doms, des Aachener Doms und des Doms von Regensburg (Deutschland); der Camera Santa von Oviedo (Spanien); der Kathedrale von Clonmacnoise (Irland). Viele der obenerwähnten „Schatzkammern“ sind mit Inventarverzeichnissen oder Katalogen ausgestattet, die in unterschiedlicher Weise im Laufe der Jahrhunderte erstellt worden sind.
Das seit dem 14. Jahrhundert dokumentierte private Sammeln wertvoller oder einfach sonderbarer antiker Gegenstände wurde auch von Geistlichen in privater Form praktiziert. Unter die größten Sammlungen klassischer Werke, die infolge des neuerwachten humanistischen Interesses für die Antike seit dem 15. Jahrhundert entstanden, sind die von Päpsten und Kardinälen geförderten Sammlungen einzureihen. Ein in diesem Zusammenhang wesentliches Ereignis für die Geschichte des Museumswesens ist die auf Wunsch Papst Sixtus’ IV. im Jahr 1471 erfolgte Aufstellung einiger antiker Bronzestatuen auf dem Kapitol; dadurch sollte dem Volk von Rom wieder in Erinnerung gebracht werden, daß diese Statuen ihm gehörten. Es handelt sich um die erste öffentliche Zweckbestimmung von Kunstwerken auf Initiative eines Souveräns hin, ein Konzept, das sich ab dem Ende des 18. Jahrhunderts durchsetzen und zur Eröffnung des Kapitolinischen Museums und der Vatikanischen Museen in Rom sowie der großen Nationalmuseen in den bedeutendsten Hauptstädten Europas führen wird.
In der Zeit nach dem Trienter Konzil, wo die Kirche im kulturellen Bereich eine bedeutende Rolle spielte, verstand der Mailänder Erzbischof Kardinal Federigo Borromeo - um nur ein Beispiel zu nennen - seine Gemäldesammlung als Aufbewahrungsort und zugleich als Bildungszentrum, das einem ausgewählten Publikum offenstehen sollte. Deshalb errichtete er, an seine Pinakothek angeschlossen, 1609 die Biblioteca Ambrosiana und 1618 die Akademie für Malerei, Bildhauerei und Architektur; 1625 veröffentlichte er einen Katalog, das Musaeon, der vornehmlich illustrativen Charakter hatte. In diesen Initiativen, welche die für die damalige aristokratische Gesellschaft typischen Modelle des Mäzenatentums aufgreifen, tritt klar die Integration zwischen Bibliothek, Museum und Schule zutage, um eine einheitliche Bildungs- und Kulturplanung zu realisieren.
Zwischen dem 16. und dem 17. Jahrhundert entstehen nach und nach neue Museumstypen, die vorwiegend pädagogischen und didaktischen Zielen dienen und im kirchlichen Bereich weitverbreitet sind, wie die wissenschaftlichen Museen, mit denen Priesterseminare, Kollegien und andere, vor allem an die Gesellschaft Jesu gebundene Bildungseinrichtungen ausgestattet werden.
In jüngerer Zeit sind dann neben den „Schatzkammern“ die Dommuseen und die Museen der Dombauhütten mit dem Ziel entstanden, aus den Kathedralen selbst oder aus ihren Sakristeien stammende Kunstwerke und Kultgegenstände (oder andere Objekte), die gewöhnlich nicht mehr in Gebrauch sind, aufzubewahren und auszustellen. Im ausgehenden 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts tauchen die ersten Diözesanmuseen auf; sie sind den vorher erwähnten Museen ähnlich, ihre Objekte stammen aber auch aus anderen Kirchen der Stadt und der Diözese und werden an einem einzigen Ort zusammengetragen, um sie vor Vernachlässigung und Zerstreuung zu bewahren. Mit ähnlichen Zielsetzungen sind dann die Museen der Ordensfamilien entstanden.
1.4 Kirchliche Museen betreffende gesetzgeberische Interventionen
Die Gesetzgebung des Kirchenstaates des frühen 19. Jahrhunderts bezüglich des Schutzes und der Bewahrung von Altertümern und Kunstwerken bestätigt die seit dem 15. Jahrhundert von verschiedenen Päpsten erlassenen Verfügungen, die der Zerstörung der Denkmäler aus römischer Zeit und der Zerstreuung der klassischen Werke Einhalt gebieten sollten. Sie enthält zudem moderne, innovative Gedanken, was die Museen betrifft. Der berühmte Chirograph (vom Papst handschriftlich verfaßter Erlaß in Briefform) Pius’ VII. vom 1. Oktober 1802 bestimmt, daß die übergeordneten staatlichen Institutionen dafür „sorgen [müssen], daß die Denkmäler und die schönen Werke der Antike […] als die wahren Prototypen und Musterbeispiele des Schönen aus Ehrfurcht und für Schulunterricht und Bildung erhalten bleiben und durch die Auffindung weiterer Raritäten noch vermehrt werden“12. Mehr noch, auf Grund des Prinzips der Unveräußerlichkeit und Unabsetzbarkeit der archäologischen Fundstücke und eines Großteils der anderen Kunstwerke außerhalb der Grenzen des Staates ist es möglich, dem Grundgedanken von ihrer Gemeinnützigkeit zu Unterrichts- und Bildungszwecken Gewicht zu verleihen. Es kommt daher zu dem Entscheid, ungeachtet der damals herrschenden Geldknappheit öffentliche Mittel aufzuwenden für „den Erwerb interessanter Gegenstände zur Aufstockung unserer Museen; mit Sicherheit werden die direkten Kosten für die Förderung der Schönen Künste reichlich kompensiert von den immensen Vorteilen, welche die Untertanen und der Staat daraus ziehen“.13
Die Vorschriften des Heiligen Stuhls im 20. Jahrhundert, was die Museen betrifft, sind zwar an die Bischöfe Italiens gerichtet, können aber analog auch als gültig für die Universalkirche angesehen werden. Im allgemeinen betreffen sie nicht ausschließlich die Museumseinrichtungen, sondern gehören in einen weiteren Rahmen, der auch Archive, Bibliotheken und die sakrale Kunst insgesamt umfaßt, wobei das Kulturgut auch unter dem pastoralen Gesichtspunkt gesehen wird. In diesem Zusammenhang ist es angebracht, an das Rundschreiben des Staatssekretariats vom 15. April 1923 zu erinnern; es empfiehlt, „dort, wo es noch keines gibt, ein Diözesanmuseum zu gründen […] und am Bischofssitz oder an der Kathedrale richtig zu gestalten“14. Erwähnt werden muß auch das von Kardinal Pietro Gasparri versandte zweite Schreiben vom 1. September 1924. Es teilt den italienischen Bischöfen die Errichtung der Päpstlichen Zentralkommission für die Sakrale Kunst in Italien mit und verfügt die Einrichtung von Diözesan- bzw. Regionalkommissionen für die Sakrale Kunst in jeder Diözese, deren Aufgabe unter anderem „die Errichtung und der geordnete Aufbau der Diözesanmuseen sein soll“15. Ähnliche Verfügungen sind von der Konzilskongregation in den Erlässen vom 24. Mai 1939 getroffen worden16, wo als Zielsetzung solcher Einrichtungen die Aufbewahrung und damit Erhaltung der Werke angegeben wird, die andernfalls in Gefahr wären verloren zu gehen. Die oben genannte Zentralkommission erarbeitete in jenen Jahren in Zusammenarbeit mit den zuständigen staatlichen Stellen eine Reihe von Hilfestellungen an die italienischen Diözesen für die Gründung und Verwaltung der Diözesanmuseen17.
Wirklich universellen Wert hat hingegen das Rundschreiben der Kleruskongregation an die Vorsitzenden der Bischofskonferenzen vom 11. April 1971, das die Aufbewahrung jener infolge der Liturgiereform nicht mehr verwendeten „Kunstwerke und Schätze“ in einem Diözesan- oder interdiözesanen Museum verfügt18.
Weder der Codex des kanonischen Rechtes von 1917 noch jener von 1983 noch der Codex des Kirchenrechtes der orientalischen Kirchen erwähnen jedoch die Museen, obwohl es sonst klare Hinweise auf den Schutz und die Bewahrung des künstlerischen und historischen Erbes gibt19.
Daß die Kirche inzwischen in demselben Maß wie die konsolidierten Archive und Bibliotheken auch das Museum in jeder Hinsicht als kulturelle und pastorale Einrichtung ansieht, ist eine Tatsache, die in der Apostolischen Konstitution Pastor Bonus aus dem Jahr 1988 klar zutage tritt. Denn mit ihr wird diese Päpstliche Kommission errichtet und beauftragt, mit den Teilkirchen und den bischöflichen Stellen für die Errichtung von Museen, Archiven und Bibliotheken zusammenzuarbeiten, damit „auf dem ganzen Gebiet der Diözese das Sammeln und der Schutz des gesamten künstlerischen und historischen Erbes sachkundig so gehandhabt wird, daß dieses allen daran Interessierten zur Verfügung steht“20.
2. Eigenart, Zweckbestimmung und Typologie des kirchlichen Museums
2.1 Eigenart
2.1.1 Die Aufbewahrung im kirchlichen Rahmen
Zum Verständnis der Eigenart des kirchlichen Museums muß man hervorheben, daß die Nutznießung der Kulturgüter der Kirche in erster Linie und grundlegend im christlichen Kulturrahmen erfolgt. Das historisch-künstlerische Kulturgut der Kirche ist nämlich nicht für den Betrieb von Museen entstanden, sondern um den Gottesdienst, die Katechese, die Kultur und den Dienst der Nächstenliebe zum Ausdruck zu bringen. Da sich jedoch im Laufe der Zeit die pastoralen Bedürfnisse und die Geschmäcker der Menschen ändern, werden viele Gegenstände ungebräuchlich, so daß sich das Problem ihrer Aufbewahrung stellt, um in Anbetracht ihres historischen und künstlerischen Wertes ihr Fortbestehen zu garantieren. Die materielle Aufbewahrung und der Schutz vor widerrechtlichen Eingriffen erfordert manchmal drastische Entscheidungen, da die Gefahren einer Zerstreuung, auch auf Umwegen, zunehmen. In solchen Fällen liegt die Dringlichkeit der Einrichtung kirchlicher Museen auf der Hand, um die Zeugnisse der christlichen Geschichte und ihrer künstlerisch-kulturellen Ausdrucksformen an geeigneten Orten zu sammeln und sie, nachdem sie nach sachlichen Kriterien geordnet worden sind, öffentlich ausstellen zu können.
Die kirchlichen Museen stehen also in enger Wechselbeziehung mit den Teilkirchen und innerhalb dieser mit den Gemeinden, die ihnen Leben verleihen. Sie „sind nicht Aufbewahrungsorte seelenloser Fundstücke, sondern lebendige Stätten, an denen der Genius und die Spiritualität der Gemeinschaft der Gläubigen durch die Jahre weitergegeben werden“21. Daher ist das kirchliche Museum nicht einfach eine Sammlung veralteter Gegenstände: Es gehört vollberechtigt zu den pastoralen Einrichtungen, weil es Kulturgüter hütet und erschließt, die einst „in den Dienst der Sendung der Kirche gestellt waren“ und nun aus historisch-künstlerischer Sicht von Bedeutung sind22. Es präsentiert sich als Werkzeug christlicher Evangelisierung und geistlicher Erhebung, des Dialogs mit den Fernstehenden, der kulturellen Bildung, des Kunstgenusses und der Geschichtskenntnis. Es ist also ein Ort des Kennenlernens, der Freude, der Katechese und der Spiritualität. Deshalb „muß man die Bedeutung der kirchlichen Museen – auf Diözesan-, Gemeinde- und regionaler Ebene – ebenso unterstreichen wie die religiös inspirierter literarischer und musikalischer Werke, Theaterstücke und kultureller Werke im allgemeinen, um dem historischen Gedächtnis des Christentums ein konkretes und brauchbares Gesicht zu geben“23, indem man das pastorale Wirken der Kirche in einem bestimmten territorialen Bezirk sichtbar macht.
Das kirchliche Museum muß daher als in jede Teilkirche integrierter und mit den anderen dort bestehenden Institutionen interagierender Teil gesehen werden. Es ist in seiner Organisation nicht eine auf sich allein gestellte Einrichtung, sondern es stellt Verbindungen her und entfaltet sich auf dem jeweiligen Territorium, um so die Einheit und Unzertrennbarkeit des gesamten historisch-künstlerischen Erbes, seine Kontinuität und seine Entwicklung im Laufe der Zeit, seine aktuelle Nutzung im kirchlichen Bereich sichtbar zu machen. Da es eng mit der Sendung der Kirche verbunden ist, verliert das, was in ihm enthalten ist, nicht den ihm eigenen Bestimmungs- und Verwendungszweck.
Das kirchliche Museum ist also kein starres Gefüge, sondern besitzt eine dynamische Struktur, die durch die Koordination zwischen den im Museum untergebrachten Gütern und jenen, die sich noch vor Ort befinden, Gestalt annimmt. Daher muß die etwaige zeitweise Wiederverwendung der im Museum ausgestellten Güter, die sowohl aus streng pastoralen und liturgischen Gründen wie aus kulturellen und sozialen Gründen erfolgen kann, rechtlich und praktisch garantiert werden. Es müssen Initiativen zur Förderung des kulturellen Engagements für die Erforschung, die Nutzung und den Gebrauch der in den Museen zusammengetragenen Objekte eingeleitet werden. In der Tat soll man durch Museen, Ausstellungen, Kongresse, geistliche Spiele, Theateraufführungen und andere Veranstaltungen die Geschichte der Kirche einer bestimmten, noch heute lebendigen Gemeinde neu lesen und geistig wiederbeleben können.
2.1.2 Die Erschließung im kirchlichen Bereich
Rund um das kirchliche Museum, das vor allem die der Gefahr der Zerstreuung ausgesetzten kirchlichen Kulturgüter sammelt, wird ein Projekt angeregt, das ein Kennenlernen der Vergangenheit und die Wiederentdeckung des Lebens der Kirche in dieser Vergangenheit zum Ziel hat. Aus dieser Sicht wird das kirchliche Museum auf dem Gebiet der jeweiligen Ortskirche zum kirchlichen, kulturellen und gesellschaftlichen Treffpunkt.
Das kirchliche Museum muß daher in enger Verbindung mit der Region, zu der es gehört, gesehen werden weil es andere kirchliche Stätten „ergänzt“ und „zusammenfaßt“. Es ist dadurch gekennzeichnet, daß es einen Bezug zu der Region herstellt, um so deren historisches, kulturelles, soziales und religiöses Gefüge herauszustellen. Damit verbunden ist daher der Schutz und die Erschließung des gesamten lokalen historisch-künstlerischen Erbes, um bei den Einzelnen und in der Gemeinde das Bewußtsein für die Bedeutung der menschlichen und christlichen Geschichte zu entwickeln.
„Der Wille seitens der Gemeinschaft der Gläubigen und besonders der kirchlichen Institutionen, seit der zeit der Apostel die Glaubenszeugnisse zu sammeln und ihr Gedächtnis zu pflegen, ist Ausdruck der Einzigartigkeit und Kontinuität der Kirche, die diese Endzeit der Geschichte erlebt. Das verehrende Gedenken an die Worte und Taten Jesu, an die erste Christengemeinde, an die Kirche der Märtyrer und Väter, an die Ausbreitung des Christentums in der Welt ist ein wirksamer Anlaß, den Herrn zu loben und ihm für die ‚großen Dinge‘ zu danken, die er an seinem Volk getan hat. Im Bewußtsein der Kirche führt das chronologische Gedächtnis daher zu einem geistlichen Wiederlesen der Ereignisse im Zusammenhang mit dem Heilsgeschehen, eventum salutis, und nötigt dringend zur Umkehr, um zum ‚ut unum sint‘ zu gelangen“24.
Dieses Gedächtnis nimmt Gestalt an in den von Menschenhand gefertigten Gegenständen, die die Umwelt in Übereinstimmung mit den geistlichen Bedürfnissen nachgebildet haben, um auf diese Weise den Verlauf des kirchlichen Lebens nachzuzeichnen. Deshalb müssen sie sowohl wegen ihres historischen als auch wegen ihres künstlerischen Wertes aufbewahrt werden. Die Aussage, daß alle in kirchlichen Museen vorhandenen Bestände ein „Erinnerungsgut“ seien, bedeutet folglich die Aufnahme dieses Fachbereiches unter die Instrumente der Pastoral, denn was für die Kirche ein Gut ist, trägt bei zum salus animarum (Heil der Seelen).
Die kirchlichen Museen gehören also in den spezifisch pastoralen Bereich, weil sie für die Gegenwart das kulturelle, karitative und erzieherische Wirken der christlichen Gemeinden in Erinnerung rufen, die den heutigen Gemeinden im Zeichen des einen Glaubens vorausgegangen sind. Sie sind also ein „kirchlicher Ort“, denn:
– sie sind integrierender Bestandteil der Sendung der Kirche in Vergangenheit und Gegenwart;
– sie geben Zeugnis vom Wirken der Kirche durch die Gegenüberstellung mit den Kunstwerken, die für die Katechese, den Gottesdienst und die Zeichen der Nächstenliebe bestimmt waren;
– sie sind Zeichen des geschichtlichen Werdens und der Kontinuität des Glaubens;
– sie repräsentieren einen Rest der vielfältigen gesellschaftlich-sozialen Verhältnisse und des kirchlichen Lebens;
– sie sollen in der heutigen Zeit zur Entfaltung der Inkulturation des Glaubens beitragen;
– sie stellen die Schönheit der menschlich-schöpferischen Prozesse dar, denen es darum geht, der „göttlichen Herrlichkeit“ Ausdruck zu verleihen.
Aus dieser Sicht verlangt der Besuch des kirchlichen Museums eine besondere innere Vorbereitung, da es dort nicht nur schöne Dinge zu sehen gibt, sondern der Besucher berufen und eingeladen ist, im Schönen das Heilige wahrzunehmen.
Der Besuch im kirchlichen Museum darf also nicht ausschließlich als touristisch-kulturelles Angebot verstanden werden, da viele der ausgestellten Werke Ausdruck des Glaubens der Künstler sind und auf den sensus fidei der Gemeinde hinweisen. Diese Werke müssen daher in ihrer Vielfältigkeit und Gesamtheit gelesen, erfaßt und genossen werden, um ihre echte, ursprüngliche und letzte Bedeutung zu begreifen.
2.2 Zweckbestimmung
2.2.1 Die Wahrung des Gedächtnisses
Die Zweckbestimmung des kirchlichen Museums hängt mit dem Glaubenssinn, dem sensus ecclesiae, zusammen, der in der Geschichte der Kirche das fortschreitende Sich-Verwirklichen des Gottesvolkes sieht. Deshalb übernimmt das kirchliche Museum innerhalb der Pastoral der Ortskirche eine spezifische Zweckbestimmung.
Im einzelnen erfüllt das kirchliche Museum verschiedene Funktionen, unter denen folgende anzuführen sind:
– die Erhaltung der Gegenstände, da es alle jene Werke sammelt, die wegen unzulänglicher Verwahrung, unbekannter Herkunft, Veräußerung oder Zerstörung der zugehörigen Strukturen, Verfalls der Herkunftsstrukturen und verschiedener Gefahren nicht an ihrem ursprünglichen Ort bleiben können;
– die Erforschung der Geschichte der christlichen Gemeinde, da in der Einrichtung des Museums, in der Auswahl der Exponate und in ihrer Anordnung die zeitliche und territoriale Entwicklung der christlichen Gemeinde rekonstruiert und erzählt werden soll;
– die Herausstellung der geschichtlichen Kontinuität, da das kirchliche Museum, zusammen mit den anderen Spuren, das „fortdauernde Gedächtnis“ der christlichen Gemeinde und gleichzeitig ihre „aktive und gegenwärtige Präsenz“ darstellen soll;
– die Gegenüberstellung mit den kulturellen Ausdrucksformen der Region, da die Bewahrung der Kulturgüter bei der Neugestaltung ihres Gesamtrahmens eine „katholische“ Dimension haben, das heißt sämtliche in einer Region vorhandenen kulturellen Angebote berücksichtigen muß.
2.2.2 Pastoral durch Erinnerung
Das kirchliche Museum gehört in den Bereich der komplexen Beziehung zwischen den Gläubigen und den Kulturgütern, mit besonderem Bezug auf die Kultgegenstände, die zu „Zeichen der Gnade“ werden, wenn sie eine „sakramentale“ Rolle übernehmen25.
„Die Kirche als Lehrmeisterin des Lebens kann sich nicht dem Auftrag entziehen, dem zeitgenössischen Menschen zu helfen, das religiöse Staunen wiederzufinden angesichts des Zaubers der Schönheit und Weisheit, der aus den Hinterlassenschaften der Geschichte strömt. Diese Aufgabe erfordert eine anhaltende und beharrliche Arbeit der Orientierung, der Ermutigung und des Austausches“26. Das kirchliche Museum hat das besondere Vorrecht, Werkzeug für das Glaubenswachstum zu sein. Es besteht daher ein Zusammenhang mit der Pastoraltätigkeit, die von der Kirche jahrhundertelang vollbracht worden ist, um die von den einzelnen Generationen ausgesäten Keimzellen der Wahrheit aufzunehmen, sich von dem Glanz der in den sichtbaren Werken Gestalt gewordenen Schönheit erleuchten zu lassen und in der Geschichte der Menschen die Spuren des transitus Domini zu erkennen27.
Unterstrichen wird dieser pastorale Vorrang von der Typologie der Kulturgüter, die gewöhnlich in den kirchlichen Museumseinrichtungen aufbewahrt werden. Diese Gegenstände beziehen sich trotz ihrer Verschiedenheit auf ein einziges „Kultursystem“ und helfen, das theologische und liturgische Gespür und das Andachtsbewußtsein wieder aufzubauen. Deshalb werden die für den Gottesdienst verwendeten Dinge, die Bildung der Gläubigen und die Werke der Nächstenliebe, sobald sie außer Gebrauch sind, nicht schlechthin zu einer „toten Sache“. Denn in ihnen „überleben“ andere Elemente, wie die kulturellen, theologischen, liturgischen und historischen Aspekte und vor allem die künstlerischen Formen, so daß sie weiterhin eine pastorale Funktion erfüllen.
In diesem Zusammenhang gibt das kirchliche Museum Zeugnis vom Wirken der Kirche durch die Jahrhunderte, wodurch es das pastorale Lehramt des Gedenkens und der Schönheit ausübt. Es ist Zeichen der Geschichtswerdung, der kulturellen Veränderungen und des gelegentlichen Verfalls. Folgerichtig zur Logik der Inkarnation verkörpert es eine „Reliquie“ des Lebens der Kirche in der Vergangenheit, die für die heutige Entwicklung der Arbeit zur Inkulturation des Glaubens bestimmt ist. Es erzählt die Geschichte der christlichen Gemeinde mit Hilfe dessen, wovon die verschiedenen Ritualisierungen, die vielfältigen Frömmigkeitsformen, die abwechslungsreichen gesellschaftlichen und sozialen Zusammenhänge, die besonderen milieubedingten Situationen Zeugnis geben. Es präsentiert die Schönheit all dessen, was geschaffen wurde für den Gottesdienst, um an die unaussprechliche „Herrlichkeit“ Gottes zu erinnern; für die Katechese, um den Evangeliumsbericht mit Wundern zu erfüllen; für die Kultur, um die Großartigkeit der Schöpfung zu verherrlichen; für den Dienst der Nächstenliebe, um das Wesen des Evangeliums offenkundig zu machen. Es gehört zu der unverkürzbaren Gesamtheit des Wirkens der Kirche durch die Jahrhunderte, weshalb es „lebendige Wirklichkeit“ ist.
Als pastorales Werkzeug dient das kirchliche Museum dazu, durch sichtbare Beweisstücke das Glaubenszeugnis vergangener Generationen zu entdecken und wieder lebendig werden zu lassen. Darüber hinaus führt es an die Wahrnehmung der Schönheit heran, die sich alten und modernen Werken in verschiedener Weise eingeprägt hat, und hat somit letztlich den Zweck, Herz, Verstand und Willen auf Gott hinzulenken. Für die Vergänglichkeit der Materialien, für Naturkatastrophen, für schwierige bzw. günstige historische Verhältnisse, für den Wandel des kulturellen Wahrnehmungsvermögens, für die Liturgiereformen finden sich Beweisstücke in den kirchlichen Museen. Diese erinnern mit schmucklosen Fundstücken oder berühmten Werken an die vergangenen Epochen, indem sie mit der Schönheit der aufbewahrten Objekte die schöpferische Kraft des Menschen in Verbindung mit dem Glauben der Gläubigen herausstellen. Durch die Vermittlung einer Sicht der Geschichte und eines ästhetischen Genusses erfüllen die musealen Einrichtungen somit eine lehramtliche und katechetische Funktion.
2.3 Typologie
2.3.1 Typologie der musealen Einrichtungen
Es gibt verschiedene Typologien, nach welchen ein Museum als kirchliches Museum gelten kann. Diese Museumstypen sind in unterschiedlichen Epochen entstanden, oft auf Anregung kirchlicher Persönlichkeiten von einzigartigem Unternehmungsgeist. Es existiert jedoch kein vollständiges typologisches Verzeichnis der kirchlichen Museen. Will man eine summarische Aufzählung versuchen, kann man sich auf die kirchliche Stelle beziehen, die Eigentümer des Museums ist bzw. seine Errichtung veranlaßt hat, oder man kann sich auf das in dem Museum untergebrachte Kulturgut beziehen.
Wir haben bereits in der geschichtlichen Einführung28 auf die „Schatzkammern der Domkirchen“ als die ältesten kircheneigenen musealen Einrichtungen hingewiesen. Diese Einrichtungen bestehen in sehr vielen Fällen bis heute unter Beibehaltung ihrer Eigenart als sicherer Aufbewahrungsort kostbarer liturgischer Gegenstände, von denen manche bei bestimmten Gelegenheiten noch für den Gottesdienst verwendet werden können. Im Laufe der Jahrhunderte sind zu den „Schatzkammern“ die „Dom-Museen“ und in manchen Gegenden die „Museen der Dombauhütte“ hinzugekommen. Bei letzteren ist der Zusammenhang mit dem Gottesdienst weniger ausgeprägt, ihre Zweckbestimmung besteht in der Bewahrung und Ausstellung von Kunstwerken und anderen Fundstücken, die aus dem Dom und seiner Umgebung stammen.
In derselben geschichtlichen Einführung wurde auch auf die verschiedenen Arten möglicher „Sammlungen“ hingewiesen, die gewöhnlich monographischen Charakter haben (Kunstsammlungen, archäologische Sammlungen, naturwissenschaftliche Sammlungen), von denen manche schon sehr alt sind, andere erst in jüngster Zeit entstanden sind. Besagte Sammlungen, die manchmal durch Zufall in kirchlichen Besitz gelangt sind, haben ganz unterschiedliche Herkunft: Privatleute, kirchliche Stellen, zivile Körperschaften, andere Institutionen.
In der Zeit nach dem Konzil hat die Entstehung der „Diözesanmuseen“ zugenommen, die in vielen Fällen errichtet worden sind, um der Gefahr einer Zerstreuung des diözesanen Kunst- und Kulturerbes zu begegnen. Doch üblicherweise verband sich mit ihnen eine klare kulturelle Absicht. Analog zu den heute weit verbreiteten „Diözesanmuseen“ sind „Pfarreimuseen“, „Museen von Klöstern und Konventen“, „Museen von Ordensinstituten“ (z.B. die „Missionsmuseen“), „Museen von Bruderschaften“ und anderer kirchlicher Institutionen entstanden.
Die Museen, die wir soeben erwähnt haben, betreffen ein einzelnes religiöses Denkmal, einen bestimmten Kirchenbezirk, ein bestimmtes Ordensinstitut. Sie unterscheiden sich in ihrer Eigenart ebenso wie in ihren Zielsetzungen. Die Museen der Ordensleute zum Beispiel wollen die historische und geographische Einordnung der Präsenz und Entwicklung eines einzelnen Instituts des geweihten Lebens oder einer Gemeinschaft des apostolischen Lebens in ein bestimmtes Territorium oder in den Gesamtbereich des in verschiedenen Teilen der Welt entfalteten Wirkens vorstellen. Andere, wie die Diözesanmuseen und die mehreren Pfarrgemeinden gemeinsamen Pfarreimuseen, spiegeln besondere territoriale Wirklichkeiten mit klar definierten kirchlichen Aufgaben- und Jurisdiktionsbereichen wider. Die Missionsmuseen hingegen geben Zeugnis von den Kulturen, mit denen sich die Evangelisierungsarbeit auseinanderzusetzen hatte, und gewinnen dadurch eine beachtliche Bedeutung für Forschungen auf dem Gebiet der Kulturanthropologie.
2.3.2 Typologie der gesammelten Gegenstände
Die kirchlichen Museen bewahren alles auf, was sich auf die Geschichte und das Leben der Kirche und der Gemeinde bezieht, auch das, was eher für unbedeutend gehalten wird. Sie verhindern, daß Gegenstände, die zur Zeit nicht mehr für den liturgisch-pastoralen Dienst in Gebrauch sind, eliminiert, beiseite gelegt, veräußert oder zerstreut werden. Sie treten deshalb dafür ein, daß dieses Material als historisch-künstlerische Dokumentation des kirchlichen Lebens in seinen verschiedenen Äußerungen geschützt, bewahrt und genutzt wird.
Wenn wir die in den kirchlichen Museen vorhandenen Bestände in großen Zügen typologisch bestimmen sollen, können wir zunächst die Gegenstände für den liturgischen und paraliturgischen Gebrauch unterscheiden, die sich zu einigen großen Gruppen zusammenstellen lassen:
– Kunstwerke (Gemälde, Skulpturen, Dekorationen, Kupferstiche, Drucke, Werke der Kunsttischlerei und andere, scheinbar unbedeutendere Gegenstände);
– heilige Gefäße;
– Kirchengeräte;
– Reliquiare und Votivgaben;
– Paramente, Stoffe, Spitzen- und Stickereiarbeiten, kirchliche Gewänder;
– Musikinstrumente;
– Handschriften und liturgische Bücher, Choralbücher, Musikpartituren usw.
Zu diesen Gruppen von Gegenständen, die gewöhnlich den Bestand der kirchlichen Museen ausmachen, kommen oft weitere Bestände hinzu, für die eigentlich die Archive und Bibliotheken zuständig sind, wie z.B.:
– architektonische und künstlerische Entwürfe (Zeichnungen, Modelle, Skizzen, Korrespondenzen usw.);
– dokumentarisches Material im Zusammenhang mit den Objekten (Hinterlassenschaften, Testamente, Aufträge, Rechtsgeschäfte usw.);
– Erinnerungen über Werke, Dokumentationen über Sammlungen, Dokumentationen über Veranstaltungen im Zusammenhang mit den historisch-künstlerischen Beständen;
– weiteres Material, das Diözesen und Pfarreien, Institute des geweihten Lebens und Gemeinschaften apostolischen Lebens, Bruderschaften und Fromme Werke betrifft und einen gewissen Bezug zu den historisch-künstlerischen Beständen des Museums hat (Ordensregeln, Satzungen, Register usw.).
Außerdem soll das kirchliche Museum für die Bewahrung der Erinnerung an typische Bräuche, Traditionen und Gepflogenheiten der Kirchengemeinde und der Zivilgesellschaft besonders in jenen Nationen sorgen, in denen die Erhaltung der Kunstgegenstände und der Dokumente noch keinen vorrangigen Stellenwert hat.
Aber über die typologischen Unterteilungen hinaus ist das kirchliche Museum durch das Bemühen gekennzeichnet, den „Geist“ der einzelnen Werke, die es aufbewahrt und zur Schau stellt, einsichtig zu machen. Das heißt, es mißt ihnen nicht nur einen künstlerischen, historischen, anthropologischen und kulturellen Wert bei, sondern hebt vor allem die geistige und religiöse Dimension hervor. Diese Dimensionen bezeichnen im besonderen die Identität von Andachtsgegenständen und Objekten aus dem liturgischen und karitativen Bereich, und aus dieser Sicht läßt sich der Wille des Spenders, das Einfühlungsvermögen des Auftraggebers, die Darstellungsfähigkeit des Künstlers und die umfassende Bedeutung des Werkes selbst verstehen.
2.4 Einrichtung
Die Aufgabe, alles, was die kirchlichen Kulturgüter29 in den betreffenden Diözesen oder ihnen gleichgestellten Teilkirchen30 betrifft, zu ordnen, zu regeln und zu fördern und somit auch das Diözesanmuseum und andere von der Diözese abhängige kirchliche Museen einzurichten, obliegt dem Diözesanbischof31, der sich dabei auf die sachkundige Mitarbeit der Diözesankommission und des Amtes für die Sakralkunst und die Kulturgüter stützt. Im Geist des vorliegenden Rundschreibens gehören die kirchlichen Museen zu den „in den Dienst der Sendung der Kirche gestellten“32 Instrumenten, weshalb sie unbedingt in den Pastoralplan der Diözese einbezogen werden sollen33.
Für die Erhaltung, den Schutz und die Erschließung des historisch-künstlerischen Kulturerbes erweist sich die Errichtung von Museumsanlagen als dringend geboten. Denn „für den Fall, daß man solche Gegenstände als nicht mehr passend für den Gottesdienst hält, dürfen sie niemals zum profanen Gebrauch bestimmt werden, sondern sind an einem geeigneten Ort, d.h. in einem Diözesan- oder Interdiözesanmuseum aufzustellen, zu dem alle freien Zugang haben“34.
Das Museum muß mit bischöflichem Dekret errichtet und womöglich mit einem Statut und einer Betriebsordnung ausgestattet werden35, wobei das Statut die Eigenart und die Zweckbestimmung des Museums, die Betriebsordnung seine Struktur und praktischen Beschaffenheiten angeben sollen. Ohne Einwilligung des zuständigen Diözesanbischofs wird weder von kirchlichen, noch von öffentlichen oder privaten Stellen ein kirchliches Museum errichtet werden können, selbst wenn es ganz oder teilweise von diesen Stellen finanziert würde.
Bei der Planung eines Museums soll, wenn möglich, ein dafür vorgesehenes Komitee gebildet werden, das aus einigen Fachleuten unter der Leitung eines vom Bischof bestellten Vorsitzenden besteht. Es wird sich in Abstimmung mit den zuständigen kirchlichen Stellen um die Gestaltung der Räumlichkeiten, um die Auswahl der Objekte, um die Ausstellungsstrategien, um die Beziehung zum Personal, um die Belebung des Besucherzustroms und um alles kümmern, was das gute Funktionieren einer solchen Einrichtung betrifft. Besondere Aufmerksamkeit wird der Beschaffung der Geldmittel gelten müssen, wobei man auch auf öffentliche Maßnahmen setzt.
Die Höheren Oberen der Ordensinstitute36 und der Gemeinschaften apostolischen Lebens37 sind für die in die Zuständigkeit des jeweiligen Instituts gehörenden Kulturgüter gemäß dessen eigenem Recht verantwortlich. Sie erfüllen ihre Aufgabe durch den Lokaloberen, in der Nähe von dessen Haus das Museum gegründet wurde und besteht. Die für die Koordinierung, den Aufbau und die Verwaltung der Museen im allgemeinen angegebenen Bestimmungen werden auch auf die Museen angewandt werden müssen, die den Ordensinstituten und Gemeinschaften apostolischen Lebens gehören, ausgehend von der Einhaltung der diesbezüglichen Zivilgesetze und allem, was das interne Leben der Mitglieder der jeweiligen mit dem Museum betrauten Institution betrifft.
Entsprechend den Hinweisen des Rundschreibens über Die Kulturgüter der Ordensinstitute, das unsere Päpstliche Kommission an die Generaloberen und Generaloberinnen gerichtet hat38, ist zu wünschen, daß soweit als möglich zwischen Diözesen und Gemeinden eine Zusammenarbeit und eine gemeinsame Orientierung im Bereich der Kulturgüter im allgemeinen und der kirchlichen Museen im besonderen zustande kommt39. Sollte die Einrichtung des Diözesanmuseums dann öffentliche Merkmale annehmen, ist es notwendig, sich an die Anordnungen und Orientierungen des Diözesanbischofs zu halten.
Für den Fall schließlich, daß das Diözesanmuseum der Sorge eines Ordensinstituts anvertraut wird, sind die von can. 681 vorgesehenen Verfügungen einzuhalten40.
3. Organisation des kirchlichen Museums
3.1 Sitz
3.1.1 Struktur
Das kirchliche Museum muß mit einem eigenen Sitz in einem wünschenswerterweise kircheneigenen Gebäude ausgestattet sein. In vielen Fällen handelt es sich um ein Gebäude von großem historisch-architektonischem Wert, der allein schon für das kirchliche Museum bestimmend und bezeichnend ist.
Die Organisation und Gestaltung der zur Verfügung stehenden Räumlichkeiten muß klar definierten Kriterien folgen. Die Ausstattung des Museums muß einem Gesamtplan entsprechen, der von einem fachkundigen Architekten, dem weitere Fachleute zur Seite stehen sollten, erarbeitet wurde. Diese müssen sowohl in technischen Belangen (Installationen, elektrische und andere Anlagen) als auch im humanistischen Bereich (theologische und historisch-künstlerische Disziplinen) kompetent sein.
Die Planung des kirchlichen Museums muß unter Berücksichtigung des Sitzes, der Typologie der Bestände und des „kirchlichen“ Charakters des Museums erfolgen. Denn der Sitz des kirchlichen Museums darf nicht als ein undifferenzierter Raum verstanden werden; die Werke dürfen sowohl in bezug auf ihren ursprünglichen Verwendungszweck wie auf den architektonischen Sitz, der sie beherbergt, nicht aus dem Zusammenhang gerissen werden. Infolgedessen sollen alte Klöster, Konvente, Seminare, Bischofspaläste, Kurialräume, die in vielen Fällen als Sitz von kirchlichen Museen verwendet werden, ihre Identität beibehalten und sich gleichzeitig in den Dienst der neuen Bestimmung stellen können, so daß sich die Besucher in der Lage sehen, die Bedeutung der Architektur zusammen mit dem Eigenwert der ausgestellten Werke zu schätzen.
Der Sitz des kirchlichen Museums muß zweckmäßig gegliedert sein, um bequem benutzbar zu sein, ohne daß sich das Publikum oder das Museumspersonal gestört fühlt. Außerdem muß entsprechend den internationalen bzw. nationalen gesetzlichen Weisungen die Durchführung der notwendigen Maßnahmen für den Zutritt und den Besuch von Behinderten sichergestellt werden.
Beispielshalber wird hier im folgenden ein möglicher Verteilungsplan eines kirchlichen Museums dargestellt.
3.1.2 Eingang
Der Eingang des Museums ist sehr wichtig als erster Begegnungspunkt zwischen Besuchern und Museum. Er soll vor allem den Geist (mens) in die Augen springen lassen, der das Museum hervorgebracht hat und sein Bestehen kennzeichnet. Der Eingang muß leicht zugänglich und erkennbar sein. Er soll so gestaltet sein, daß das Museum klar zu identifizieren ist. Die Umrisse können, im Einklang mit den derzeitigen museumskundlichen Kriterien, schmucklos, einfach und klar sein. Während der Eingang reich an anregenden Informationen sein soll, muß er die Anhäufung von Informationsmaterial vermeiden. Die Eingangshalle soll Ausdruck eines eigenen Konzeptes und mit besonderen
architektonischen Bedeutungsmerkmalen ausgestattet sein. Dadurch soll nämlich der Besucher die Kriterien einordnen können, die zur Gesamtdeutung des Museums führen. Er muß sich daher an jenem Sakralraum inspirieren, an den es indirekt erinnert. Beim Entwurf der Eingangshalle muß im Maße des Möglichen der Empfang der Personen, die Information über die Organisation und die Einrichtung für Lehrzwecke eingeplant werden.
Die Eingangshalle ist der Ort, der den Besucher darauf vorbereitet, aus der Flüchtigkeitsatmosphäre der Außenwelt überzugehen zur persönlichen Konzentration und, wenn es sich um Gläubige handelt, zur geistlichen Sammlung, die von dem, was man zu bewundern vorhat, verlangt werden. Es bedarf also eines suggestiven, fast sakralen, äußerst diskreten «Klimas», um den Einklang zwischen Besucher und Museumswirklichkeit zu erleichtern. Der Besucher sollte seinen Gang durch das Museum nicht nur von Neugier getrieben beginnen, sondern eher deshalb, weil er von den sichtbaren Hinweisen, von den audiovisuellen Medien, von der sachkundigen Führung angezogen wurde. Darum sollen in der Eingangshalle einige (gedruckte und audiovisuelle) Hilfsmittel bereitliegen und in geeigneter Weise für die Besucher zur Verfügung stehen, wobei den verschiedenen Besuchertypen Rechnung zu tragen ist. In diesem Zusammenhang darf die Gelegenheit, Führungen zu organisieren, nicht vernachlässigt werden.
3.1.3 Ausstellungsräume
Die vom Eingang angebotene Annäherung gelangt in den Ausstellungsräumen zur vollen Entfaltung. Diese führen durch das von den Originalgegenständen, von den Kopien, von der Kartographie, von den gedruckten und den multimedialen Hilfsmitteln dargebotene historisch-künstlerische, soziale und religiöse Musterbild dem Besucher die vielgestaltige Geschichte einer Teilkirche, eines bestimmten Ordensinstituts, eines Heiligtums oder einer anderen kirchlichen Stätte vor Augen. Besondere Aufmerksamkeit muß der Gliederung jedes Saales gelten. Je besser sie bezeichnet sind, um so leichter wird der Besucher dem logischen Faden der Geschichte folgen und die von der Museumseinrichtung vorgegebenen Themenkreise aufnehmen können.
Die Anordnung der Objekte und ihre Präsentation für das Publikum muß nach einem umfassenden Kriterium durchdacht werden, so daß der architektonische Rahmen und das Ausstellungskonzept der Werke aufeinander abgestimmt werden41. Die Gliederung der Säle, die Durchgänge und alles, was in ihnen ausgestellt ist, müssen Teil eines einzigen, organischen Planes sein, dessen allgemeine Kriterien der Situation und den besonderen Absichten angepaßt werden müssen. Ratsam ist es sodann, die Säle mit geeigneten Ruhepunkten zu versehen, um die Betrachtung der ausgestellten Werke, besonders der bedeutenderen unter ihnen, zu begünstigen.
3.1.4 Vitrinen
Die Vitrine (oder Schaukasten) soll die in ihr enthaltenen Objekte nicht nur auf angemessene Weise aufbewahren, sondern sie zur Geltung bringen und voll sichtbar machen. Sie muß daher entsprechend, d.h. so beleuchtet werden, daß die Farben des Gegenstandes nicht verblassen und sein Anblick nicht verzerrt wird.
Gerade die Gestalt des Schaukastens wird zum Dienstelement nicht nur in dem engen Sinn der guten Aufbewahrung der Objekte, sondern auch im weiteren Sinn des glücklichen Genusses und der Freude an dem Gegenstand selbst. In diesem Zusammenhang gilt es, große Sorgfalt auf die Erstellung der Beschriftungen zu verwenden, die im museumskundlichen Gesamtgefüge eine fundamentale Rolle spielen. Sie müssen möglichst in zwei oder drei Sprachen abgefaßt, in leicht lesbaren Buchstaben geschrieben und an zugänglicher Stelle angebracht sein.
Zu dem kurzen technischen Steckbrief, der den Titel des Werkes, den Urheber, die Datierung, das Material und die Herkunft angibt, sollten zwei verschiedene Arten erläuternder Hilfsmittel, auf elektronischem Datenträger oder in gedruckter Form, hinzukommen. Das erste enthält Blätter, die jedes Werk mit den innerhalb und außerhalb des Museums auf demselben Territorium vorhandenen Werken in Zusammenhang bringen. Das zweite enthält Blätter, die die Kenntnis über die einzelnen Werke dadurch vertiefen, daß sie die liturgische oder paraliturgische Bestimmung, die Bedeutung des Namens, das ursprüngliche räumlich-zeitliche Umfeld, die Symbolik angeben und eventuell Hinweise auf berühmtere Objekte, ikonographische Erläuterungen, hagiographische Angaben und kurze bibliographische Hinweise hinzufügen. Das alles, um das Studium zu fördern und ihm Orientierung zu geben, indem man die Kenntnis der ausgestellten Gegenstände insgesamt in das jeweilige Umfeld einbettet.
3.1.5 Säle für befristete Ausstellungen
Da das kirchliche Museum als eine Kulturinstitution gedacht werden muß, die zum Zweck engagierter kultureller Belebung mit den in derselben Region bestehenden anderen Einrichtungen in wechselseitiger Verbindung steht, sollte es wenigstens mit einem Saal für befristete Ausstellungen und Kulturveranstaltungen ausgestattet sein. Derartige Veranstaltungen können zu besonderen Anlässen ausgerichtet werden (zum Beispiel: die geprägten Zeiten des Kirchenjahres, Titular- und Patronatsfeste, zivile Anlässe, Studienkongresse, schulmäßige Forschungen).
Solche Aktivitäten werden die Evangelisierungstätigkeit im Bereich der kulturellen Initiativen sowohl der Kirche wie öffentlicher und privater Stellen fördern können. Ihr besonderer okkasioneller Charakter stärkt die Verbundenheit zwischen dem Kirchenmuseum und der betreffenden Region; durch ein rotierendes Ausstellungssystem können Werke, die sich im Depot befinden, dem Publikum zugänglich gemacht werden; das erleichtert gewöhnlich das Sponsoring von Ausstattungen und Restaurierungen.
3.1.6 „Lehrsaal“
Neben den Sälen für ständige oder befristete Ausstellungen sollte das kirchliche Museum auch über einen Lehrsaal verfügen, der insbesondere für die Studenten, für die pastoralen Fachkräfte und für die Katecheten bestimmt ist42.
In diesem Raum soll der Besucher verweilen können, um nicht nur ausführlichere Angaben über die Gemeinde oder die Einrichtung zu erhalten, sondern auch die Einbettung der ausgestellten Bestände und die Wechselbeziehung zwischen Vergangenheit und Gegenwart zu erfahren. Unterstützt werden kann die Vertiefung durch Graphiken, audiovisuelle Hilfsmittel, Illustrationen und Experimente. Nicht ausschließen sollte man auch eine Lehrtätigkeit in Labor und Forschung, um das Interesse der jungen Leute auf dem Gebiet der Kulturgüter der Kirche zu fördern und ihre Kreativität anzuregen.
3.1.7 Hörsaal für kulturelle Bildung
Wenn es die Räumlichkeiten und Umstände erlauben - andernfalls müßte man sich um Alternativlösungen bemühen -, ist es angezeigt, einen Hörsaal für die kulturelle Grund- und Fortbildung von Fachkräften, Volontären, Forschern, Studenten vorzusehen, der dementsprechend ausgestattet sein muß. Dieser Saal verleiht dem Museum Lebendigkeit und beweist, daß im Geist der Kirche diese Einrichtung nicht bloß Aufbewahrungsort von Fundstücken ist, sondern eine Stätte der Reflexion, des Dialogs, der Auseinandersetzung und der Forschung.
Wenn derartige Räumlichkeiten zur Verfügung stehen, ist es zudem möglich, Initiativen zur Grund- und Weiterbildung der Fachkräfte im Bereich der Kulturgüter, einschließlich der Volontäre, zu fördern.
3.1.8 Bibliothek
In den Museumsdiensten insgesamt darf das Vorhandensein einer Fachbibliothek nicht vernachlässigt werden. Die Errichtung einer aktualisierten und dementsprechend ausgestatteten Bibliothek innerhalb des Museums ist in der Tat angebracht; in ihr sollte, im Maße des Möglichen, auch eine Sonderabteilung mit Videothek und anderen multimedialen Hilfsmitteln Platz finden.
In dieser Fachbibliothek sollten die Publikationen und Materialien aufscheinen, die das historisch-künstlerische Erbe der Stelle betreffen, die Eigentümer bzw. Förderer des Museums ist.
Die Bibliothek erfüllt die Aufgabe, wenigstens die lokale Geschichte und Kultur betreffende Publikationen zusammenzutragen und einsehbar zu machen, die oft von kirchlichen Institutionen, von lokalen Stellen und von privaten Bürgern gefördert und finanziert werden.
3.1.9 Aktuelles Archiv und historisches Archiv
Die organisatorische Gestaltung des Museums muß ein aktuelles Archiv vorsehen, in dem die Register der Erwerbungen und Leihgaben, die in regelmäßigen Abständen aktualisierten Inventare und Kataloge, die Rechts- und Verwaltungsakten, die Verzeichnisse von Photographien und Graphiken usw. untergebracht werden.
Wünschenswert wäre auch die Einrichtung eines besonderen historischen Archivs. Es unterscheidet sich vom üblichen historischen Archiv der Ortskirche, des Ordensinstituts oder einer anderen kirchlichen Einrichtung. In ihm sollen, zumindest in Kopie, alle jene Materialien enthalten sein, die brauchbar sind, um die Geschichte der einzelnen im Museum vorhandenen Werke zu dokumentieren. Denn allzu oft gehen auch offizielle Akten über Einlagerung oder vorübergehende Ausleihe verloren, und mit ihnen geht ein nützliches Material für den Rechtsschutz und die Kenntnis des Umfeldes des historisch-künstlerischen Kulturgutes verloren. Die Regelung für die Benützung – sowohl des aktuellen wie des historischen Archivs – durch die angestellten Sachbearbeiter und für die Einsichtnahme durch die Gelehrten muß in einem besonderen Reglement angemessen festgelegt werden.
3.1.10 Ausgang
Der Ausgang am Ende des Besuches darf, ebenso wie der Eingang, nicht unterschätzt werden. Soweit möglich, ist es nützlich, daß Eingang und Ausgang getrennt sind, und zwar nicht nur, um Unordnung bei den Besucherströmen zu vermeiden (zumindest in den bedeutenderen Museen, wo es tatsächlich einen solchen Zustrom gibt), sondern vor allem, um die vollständige Nutznießung der vorgeschlagenen Route zu gewährleisten.
Der Abschluß des Besuches stellt die Gelegenheit dar, dem Besucher durch Hilfsmittel (Bücher, Kataloge, Videos, Karten, Gegenstände usw.), die in eigenen Buchläden verkauft werden, oder durch gratis verteilte einfache Prospekte eine klare Botschaft anzubieten. Diese Materialien helfen in der Tat, daß sich der Besucher an das Gesehene erinnert, wenn sie eine christliche Deutung des Ganges durch das Museum anbieten und eine klare Erinnerung an die erlebte Erfahrung hinterlassen.
3.1.11 Erholungsräume
An einigen Museumssitzen von großer Bedeutung und Ausdehnung könnte man auch die Öffnung von Erholungsräumen erwägen, um eine längere Aufenthaltsdauer der Besucher und der Gelehrten im Museum zu begünstigen.
3.1.12 Büroräume des Personals
Neben dem öffentlichen Teil muß das kirchliche Museum geeignete Räume für die Museumsangestellten vorsehen. Es ist nämlich wichtig, daß die beim Museum angestellten Personen über die notwendigen Räume verfügen, um ihre Aufgaben erledigen zu können; dabei sind die zivilen Vorschriften zu beachten. Man sollte sich um angemessene Unterbringung derer kümmern, die durch ihre Tätigkeit für das effiziente Funktionieren des Museums sorgen.
Das betrifft besonders die Direktion und das Sekretariat, für die eigene Räume eingeplant werden sollen. Auch das äußere Image dieser Büros soll dem entsprechen, was oben ausgeführt wurde. Unterstrichen werden muß, daß die, wenn möglich ständige, Anwesenheit eines leitenden Fachmannes unentbehrlich ist.
3.1.13 Depot- oder Lagerräume
Das Leben des Museums braucht üblicherweise auch noch andere Diensträume, darunter die Depot- oder Lagerräume. In diesen Räumen werden die nicht ausgestellten Werke untergebracht. Dieser Begriff darf jedoch nicht mißverstanden werden. Das Depot eines Museums ist von Haus aus weder der Ort der vergessenen Objekte noch ein ungeordnetes Sammelsurium. Es nimmt Werke auf, die innerhalb des kirchlichen Bereiches durchaus wichtig und bedeutsam sind, aber aus verschiedenen Gründen hier untergebracht werden, um ihren umsichtigeren Schutz und damit ihre Erhaltung sicherzustellen.
Auch wenn solche Werke innerhalb des vorgesehenen Rundganges durch das Museum augenblicklich nicht verwendbar sind, können sie im Laufe der Zeit zu dessen integrierendem Bestandteil werden. Darüber hinaus können sie für Ausstellungen, sowohl innerhalb wie außerhalb des Museums verwendet werden. In diesem Zusammenhang muß betont werden, welche Bedeutung dem „In-Umlauf-Bringen der Werke“ innerhalb und außerhalb des Museums - natürlich mit den nötigen Vorsichtsmaßnahmen - zukommt, weshalb Verleih und Erwerb von Objekten sorgfältig geregelt werden müssen.
Die im Depot befindlichen Werke sollen deshalb sachgerecht geordnet und leicht auffindbar sein. Dazu müssen sie im Hauptinventar des Museums oder sogar in einem separaten Katalog dokumentiert und verzeichnet werden, während dafür zu sorgen ist, daß diese Dokumentation regelmäßig aktualisiert wird. Wünschenswert wäre zudem, diese Werke den Gelehrten und den Verantwortlichen entsprechender Institutionen zur Verfügung zu stellen.
Manche Werke werden im Depot untergebracht, weil sie in einem bedenklichen Zustand sind und daher dringend der Restauration bedürfen. Es muß also umsichtig für ihren Schutz gesorgt werden, da sie sich in einer heiklen Phase ihrer „Existenz“ befinden.
3.1.14 Restaurationswerkstatt
Wo es die Verhältnisse zulassen, ist es zweckmäßig, neben dem Museumsdepot eine kleine Restaurationswerkstatt einzurichten. Sie soll sich gewöhnlich um Maßnahmen zur Wartung und Erhaltung der Bestände kümmern. Sie hat auch die Aufgabe, dringend erforderliche Eingriffe an Objekten vorzunehmen, die sich in akutem Verfallszustand befinden.
Gibt es innerhalb des Museums keine Werkstatt, muß sich das Museum wegen regelmäßiger Kontrollen seiner Bestände an Restauratoren seines Vertrauens wenden. Wenn es möglich ist und gewünscht wird, soll die Durchführung dieser Kontrollen in Zusammenarbeit mit den zivilen Behörden erfolgen.
3.2 Sicherheit
3.2.1 Installierungen
Ein Aspekt, der sorgfältig beachtet werden muß, betrifft Anlagen, deren Installierung für den Betrieb des Museums unerläßlich ist. In diesem Zusammenhang wird es angebracht sein, sich an die - wenn sie bestehen - gültigen Zivilgesetze bezüglich elektrischer Anlagen, Feuerlösch-, Alarm- und Klimaanlagen zu halten.
Was die Sicherheit der Personen betrifft, gilt es, architektonische Sperren zu vermeiden, die Rundgänge mit den Notausgängen gut zu markieren und regelmäßige Kontrollen der Anlagen und Einrichtungen durchzuführen.
Was die Sicherheit der Werke betrifft, gilt es, sowohl die Bewahrung/Erhaltung des Gutes als solchem wie seinen Schutz vor widerrechtlichem Zugriff und vor Diebstahl zu gewährleisten43. Für die Erhaltung der Werke sind notwendig: eine angemessene Klimatisierung der Räume; der Schutz vor Staub, vor Sonnenlichteinwirkung, vor Mikroorganismen; die ordentliche Wartungsarbeit durch Reinhalten der Räume und Vernichtung von Ungeziefer; die regelmäßige diagnostische Untersuchung.
Im Hinblick auf den Schutz der Werke sind vorbeugende Sicherheitsvorkehrungen in allen Räumen notwendig; dabei ist besonders auf die Widerstandsfähigkeit des äußeren Mauerwerkes und auf den Schutz der Öffnungen zu achten (gepanzerte Türen, vergitterte Fenster und Dachluken, usw.). Natürlich bedarf es eines guten Alarmsystems, eventuell in direkter Zusammenschaltung mit dem Bereitschaftsdienst der Polizei. Unerläßlich ist sodann eine Kartei, in der alle im Museum untergebrachten Objekte in photographischen Aufnahmen erfaßt sind, um im Falle eines Diebstahls die Nachforschungen zu erleichtern.
3.2.2 Beaufsichtigung
Auch der Beaufsichtigung des Museums kommt eine wichtige Rolle zu. Es gilt nicht nur die allgemeine Beaufsichtigung des Museumsbereiches, also vor allem der Werke, die sich in den für die Besucher zugänglichen Sälen und in den Depots befinden, sicherzustellen, sondern größte Vorsicht muß man auch beim In-Umlauf-Bringen der Objekte innerhalb und außerhalb des Museums walten lassen.
Aufmerksamkeit und Beaufsichtigung sollen in bezug auf die verschiedenen Gegenstände „personalisiert“ werden, wofür man Fachpersonal braucht. Es sind also nicht nur die allgemeinen Regeln zur Erhaltung der Bestände zu beachten, sondern diese Regeln müssen umgesetzt und an die Erfordernisse jedes einzelnen Werkes angepaßt werden.
Die normale Beaufsichtigung muß sowohl während der Öffnungszeiten als auch während der Schließzeiten gewährleistet sein. Während der Öffnungszeiten ist für einen entsprechenden Überwachungsdienst zu sorgen, um zu verhüten, daß den ausgestellten Objekten und dem Gebäude Schäden zugefügt werden. Es kann sich als sehr nützlich erweisen, wenn für diesen Dienst das Berufsvolontariat zur Verfügung steht. Während der Schließzeiten wäre es angeraten, soweit es möglich ist, außer den genannten Sicherheitsvorkehrungen noch für einen Wachdienst zu sorgen.
Für die Sicherheit der Werke, die sich im Umlauf befinden, ist vor allem Sorgfalt und Besonnenheit seitens des beauftragten Personals notwendig, um jeglichem Zwischenfall zuvorzukommen. Besondere Umsicht und Wachsamkeit ist beim Verleih von Werken gefordert, um die Beaufsichtigung in allen operativen Phasen zu gewährleisten: durch gebührende Vorsicht während des Transportes (mit der Garantie eines besonderen Versicherungsschutzes) und durch besondere Vorsichtsmaßnahmen bei den Ausstellungsvorbereitungen.
3.3 Verwaltung
Damit das kirchliche Museum seine Aktivitäten entsprechend ausüben kann, ist eine gut strukturierte Verwaltung notwendig. In diesem Zusammenhang können die folgenden Empfehlungen nützlich sein:
– von Eigentümerseite her Schaffung einer autonomen wirtschaftlichen Ertragsquelle (z.B. einer „Stiftung“, die eine Einkommensquelle darstellt) ins Auge fassen, die die langfristige Planung zumindest der als wesentlich geltenden Aktivitäten erlaubt;
– Vorbereitung nicht nur eines mittel- und kurzfristigen, sondern eines mehrjährigen Wirtschaftsplanes, um mit besonderen organisatorischen Maßnahmen alle von den Strategien zur Erhaltung und Aufwertung des Museums auferlegten Erfordernisse zu erfüllen;
– im Lichte des Gesamtplanes Erstellung einer Jahresbilanz, mit Voranschlag und Abschlußrechnung, gegliedert in bestimmte Einnahmeposten (Eintrittskartenverlauf, gelegentliches Sponsoring, Institutionen, Verkäufe usw.) und Ausgabeposten (Ankäufe, Personal, Betriebskosten, Aktivitäten, Restaurierungen, Versicherungen, Werbung, Drucksachen, Veranstaltungen usw.), um die ordnungsgemäße Kontinuität der Aktivitäten sicherzustellen, Ausgabenveränderungen leicht auszumachen und bevorstehende Maßnahmen abschätzen zu können;
– Ausstattung des Museums mit einer regulären juristischen Form (sowohl im kirchlichen wie im zivilen Bereich) und einem detaillierten normativen Reglement;
– eine klare Rechtsgestalt für das gesamte Personal, d.h. für Angestellte wie für Volontäre (eventuell Errichtung von Genossenschaften bzw. Anlehnung an andere Verbände);
– gewissenhafte Bezahlung der Steuerlasten; umsichtiges Vorgehen bei der Aufnahme von Personal, das für die verschiedenen Anforderungen spezialisiert ist; vorsorgliche Einrichtung der Freiwilligendienste durch weitblickende Verantwortliche; Vertiefung der Entscheidungen über die Beschäftigung des Personals durch geeignete leitende Kräfte und mit der nötigen Flexibilität;
– Image-Förderung des Museums über die kirchlichen Kommunikationskanäle, durch die Schulen und Kultureinrichtungen und die lokalen Massenmedien.
3.4 Personal
– Notwendig ist ein verantwortlicher Direktor, den besondere Kompetenz und Hingabe an seine Aufgabe auszeichnet;
– es ist erwünscht, daß dem Direktor ein oder mehrere Komitees (oder wenigstens einige Fachleute) an der Spitze der wissenschaftlichen, kulturellen und administrativen Organisation des Museums zur Seite stehen;
– wenn es sich als zweckdienlich erweist, kann Personal für das Sekretariat, für die Öffentlichkeitsarbeit, für die Verwaltung usw. aufgenommen werden;
– für die Beaufsichtigung muß Personal zur Verfügung stehen, das die oben dargelegten Kriterien erfüllt;
– sehr erwünscht sind gut vorbereitete Führer/innen, um die verschiedenen Besuchergruppen auf den Rundgängen durch das Museum zu begleiten.
3.5 Vorschriften
Der ordnungsgemäße Verlauf des Museumsbetriebs im Zusammenhang mit den Kulturgütern jeder Teilkirche verlangt die Einhaltung der gültigen Normen bzw. Vorschriften. Aus diesem Normenkatalog seien die folgenden Punkte besonders hervorgehoben:
– vor allem Berücksichtigung der Normen und Richtlinien des Heiligen Stuhls, der Nationalen und Regionalen Bischofskonferenzen, der Diözese, die diesen Bereich verschiedentlich betreffen;
– möglicherweise Abfassung eines Statuts und eines Reglements, das durch die diözesanen Informationsorgane bekannt gemacht werden soll44;
– Erfüllung der auf internationaler und vor allem auf nationaler und regionaler Ebene getroffenen zivilen Verordnungen (z.B. die bereits angeführten von ICROM, ICOM, ICOMOS, Europarat);
– Leihgabenregelung für die Werke unter Bezugnahme auf die allgemeinen kirchlichen und zivilen Vorschriften, indem man sich über Ziel und Zweck der Anfrage vergewissert und die Einbettung der entliehenen Objekte in das kirchliche Umfeld empfiehlt ;
– normative Regelung der Vervielfältigungsrechte unter Berücksichtigung der kirchlichen und zivilen Verordnungen und Gewohnheiten;
– Regelung des Zugangs zu den Daten, sowohl auf papierenem Material wie vor allem auf Informatikmaterial (vor Ort oder im Netz);
– Erstellung von Richtlinien für die Verlegung unbewachter, aus dem Gebrauch gezogener, vom Verfall bedrohter Werke in die kirchlichen Museen oder in andere Depots.
Für die (bereits umgesetzte oder noch in Durchführung begriffene) Unterbringung kircheneigener historisch-künstlerischer Güter in - öffentlichen oder privaten - zivilen musealen (oder ähnlichen) Einrichtungen muß ein Abkommen oder eine andere Vereinbarung getroffen werden, um den Eigentumsschutz, die Sicherheit, die kirchliche Nutznießung der Objekte und den Charakter der vorübergehenden Unterbringung zu wahren.
Auch die Restaurierungsverfahren müssen sorgfältig durch präzise formelle Verträge geregelt werden.
3.6 Beziehungen mit anderen Institutionen
Bei der Geschäftsführung des kirchlichen Museums sollten auch Beziehungen mit anderen kulturellen Einrichtungen, insbesondere mit öffentlichen und privaten Museen, ins Auge gefaßt und angeregt werden.
Diese Zusammenarbeit muß so erfolgen, daß die Autonomie der einzelnen Einrichtungen gewährleistet ist und die Planung und Durchführung gemeinsamer Projekte zur kulturellen Belebung der Region angeregt wird.
Bei den mit anderen Museums- oder Kultureinrichtungen gemeinsamen Initiativen gilt es, den Eigentumsschutz der Gegenstände zu sichern, die Vorschriften bezüglich des Verleihs der Objekte einzuhalten und organisatorische Vereinbarungen zu treffen.
4. Nutzniessung des kirchlichen Museums
4.1 Öffentliche Nutznießung
Das kirchliche Museum ist ein Ort öffentlicher Nutznießung, da die Kulturgüter im Dienst der Sendung der Kirche stehen. Es erzieht mit Hilfe des von der christlichen Gemeinde hervorgebrachten Kulturerbes zur Wahrnehmung der Geschichte, der Schönheit und des Heiligen. Die Nutznießung hängt daher, obwohl von ihm unterschieden, eng mit dem Bildungswert zusammen, den das Museum haben soll. Die Unterscheidung und zugleich Verknüpfung des formativen und des nutznießerischen Momentes unterstreichen die Bedeutung der Komplementarität zwischen Erkenntnisaspekt und emotionalem Aspekt besonders was das religiöse Leben betrifft, dessen Handlungen als Äußerungen der Liebe zu Gott und zu den Brüdern gelten und das Zusammenwirken von Verstand, Gefühl und Willen erfordern.
Alle „Stätten“ des Christentums sind für die Aufnahme bestimmt, um durch jede Initiative „das Evangelium der Liebe“ zu verkünden. Die Kirche hat sich der sichtbaren Zeichen bedient, um ihren Glauben zum Ausdruck zu bringen und zu verkünden. Auch die in den Museen zusammengetragenen Werke sind zweckbestimmt - nach drinnen zur Katechese und nach draußen zur Verkündigung des Evangeliums, so daß sie zur Nutznießung sowohl der Glaubenden wie der Fernstehenden angeboten werden, damit beide, jeder auf seine Weise, in deren Genuß kommen können.
Aus diesen Gründen soll das kirchliche Museum, das in erster Linie für die christliche Gemeinde bestimmt ist, ganz besonders auch einem Publikum anderer kultureller, sozialer und religiöser Herkunft zugänglich sein. Und die christliche Gemeinde selbst nimmt durch die Fachkräfte des Museums die an den religiösen Erinnerungen Interessierten freundlich auf, denn „Ecclesiae catholicae nemo extraneus, nemo expulsus, nemo longinquus est (für die katholische Kirche ist niemand ein Fremder, niemand ein Ausgestoßener, niemand ein Fernstehender)“45.
Eine kluge Handhabung der Vorbestellungen und der Besuche ermöglicht einen besseren Dienst nicht nur für den Besucher, sondern auch für das Personal. Die einzelnen Museen sollen sich bemühen, außer den Ausstellungsrundgängen auch ergänzende kulturelle Veranstaltungen zu organisieren.
4.2 Nutznießung im kirchlichen Sinn
4.2.1 Die Nutznießung des kirchlichen Geistes
Um die kirchlichen Museen in geeigneter Weise „genießbar“ zu machen, muß man die enge Verknüpfung zwischen dem ästhetischen und dem religiösen Element deutlich herausstellen. Außerdem muß die unauflösbare Verbindung zwischen dem ausgestellten Kulturerbe und der Kirche und Welt von heute sichtbar werden: die Heranführung an die vom Christentum geförderten Werke kann in der Tat nicht in gleicher Weise erfolgen wie an die Fundstücke untergegangener Kulturen; denn viel von dem, was den Besuchern hier in die Augen fällt, hat eine enge Beziehung zur aktuellen kirchlichen Gegenwart.
Besonders in diesem geschichtlichen Augenblick verbreiteter Säkularisierung ist das kirchliche Museum dazu aufgerufen, die Spuren einer Daseinsform wieder vorzustellen, die im sensus fidei ihren ersten Lebens-, Erfahrungs- und Hoffnungsgrund findet. Das Ansammeln materieller Gegenstände ist nicht Zeichen von Stolz, sondern Zeichen des Angebotes des Genius so vieler Künstler an Gott, um ihm zu danken. Doch auch die schönsten Dinge müssen, ganz im Sinne der Worte Jesu, immer die Grenze der menschlichen Kreativität deutlich machen: „Lernt von den Lilien, die auf dem Feld wachsen: Sie arbeiten nicht und spinnen nicht. Doch ich sage euch: Selbst Salomo war in all seiner Pracht nicht gekleidet wie eine von ihnen“46.
Das kirchliche Museum übernimmt daher eine formative, geistbildende Rolle in der Didaktik der Katechese und der Kultur. Denn das Museumsgelände bietet dem Publikum Werke, die zur Neuevangelisierung des Menschen unserer Zeit anregen. Durch Führungen, Vorträge, Publikationen (Museumskataloge, Kataloge von Ausstellungen für Schulen, anschauliche Prospekte von den Kulturangeboten in der Region) haben die Besucher die Möglichkeit, die Grundelemente des Christentums aufzunehmen, dem die meisten von ihnen durch die Sakramente der christlichen Initiation persönlich beigetreten sind. Sie können mit Hilfe dieses ungewöhnlichen Instrumentes wieder Mittel und Wege finden, um auf dem Glaubensweg zu wachsen und zu reifen und schließlich ihre Zugehörigkeit zu Christus besser zum Ausdruck bringen zu können. Die Nichtglaubenden können dann beim Besuch der kirchlichen Museen eine Ahnung davon erhalten, welche Bedeutung von der christlichen Gemeinde der Verkündigung des Glaubens, dem Gottesdienst, den Werken der Nächstenliebe und einer christlich inspirierten Kultur beigemessen wurde.
Eine sorgfältige Lektüre der Kirchengeschichte, auch in ihrer Entwicklung auf der lokalen Ebene und in der Zusammensetzung des historischen Kunst- und Kulturerbes, ruft uns natürlich die großen Themen der christlichen Kunst wieder ins Bewußtsein. In dem auf uns gekommenen Kulturerbe liest und begreift man den Sinn des Opfers, der Liebe, des Mitleids, der Achtung vor dem Leben, des besonderen Naheverhältnisses zum Tod, der Hoffnung auf eine neue Welt. Diese Tatsachen, die von den in den Museen gesammelten Werken ausgedrückt werden, führen uns an die Grundzüge der kirchlichen Sendung heran:
– den Gottesdienst, der in der Liturgie, in der Volksfrömmigkeit, in den persönlichen Andachtsformen des einzelnen deutlich zum Ausdruck kommt;
– die Katechese, die in Lehre und Erziehung zur Entfaltung kommt;
– die Kultur, die in den vielfältigen Wissenschaften, mit besonderer Betonung der Humanwissenschaften, zur Entfaltung kommt;
– vor allem die Nächstenliebe, die in den Werken geistiger und leiblicher Barmherzigkeit ihren Ausdruck findet.
Auf jeder dieser Koordinaten ist ein dichtes Geflecht sichtbarer Zeichen entstanden, die sich im Laufe der Zeit entwickeln und entfalten. Ihr Fortbestand bildet die Rücklage des Gedächtnisses, das von den kirchlichen Museen geschützt und erschlossen werden kann. Mit dieser Auffassung lassen wir also den rein ästhetischen und historischen Aspekt hinter uns und dringen zum tiefsten, verborgensten Sinn im Bereich der civitas christiana vor.
4.2.2 Die Nutznießung im kirchlichen Kontext
Durch die Initiativen, die sich auf den didaktischen Auftrag des Museums beziehen, kann man in der Region sozusagen die „Mikrogeschichte“ der einzelnen Tatsachen rekonstruieren. Studientage, Führungen, zeitlich befristete Ausstellungen und andere Initiativen können in einer bestimmten Region die Wiederentdeckung der wesentlichen Werte des Christentums vorteilhaft fördern. Geschichte und Ereignisse um Hirten und Heilige der Ortskirche sind in den Formen der volkstümlichen Frömmigkeit und Verehrung wiederzuentdecken, die eine reiche Sammlung historisch-künstlerischer Schätze hinterlassen haben. Andere Spuren, die den Museen übergeben wurden, machen die wichtige Rolle der Vereinsbildung und der Bruderschaften deutlich.
Das kirchliche Museum erfüllt eine wichtige Aufgabe, um die heutigen Generationen und besonders die jungen Menschen innerlich zu engagieren, da es mit der Vorstellung der Erinnerungen an die Vergangenheit die historische Perspektive der christlichen Gemeinde in den Vordergrund rückt. Aus dieser Sicht erhält die Beziehung zwischen Schule, Region und Teilkirche fundamentale Bedeutung. Denn die institutionellen Synergien, die daraus erwachsen, fördern das Bewußtsein des kirchlichen Zusammenhangs, der in dem historisch-künstlerischen Erbe der Kirche seine Bestätigung findet. Die Entdeckung vergangener Ereignisse mittels der ausgestellten Fundstücke wird in diesem Sinne zum Gedenken an eine auch vertraute und daher um so stärker empfundene Erinnerung. Außerdem ist sie ein Element gemeinsamen Interesses für die Werte des überlieferten Glaubens.
4.2.3 Die Nutznießung im kirchlichen Leben
In der allgemeinen Vorstellung erinnert das Wort Museum an einen vom heutigen Leben getrennten, unveränderlichen, starren, kalten, schweigenden Ort. Das kirchliche Museum hingegen wird als echte „Pflanzstätte“, als lebendiges kulturelles Bildungszentrum anerkannt, das imstande ist, das Bewußtsein von der Bewahrung und Erschließung der Kulturgüter der Kirche zu entwickeln und verbreiten. Die Besonderheit des kirchlichen Museums besteht darin, die historischen Erinnerungen an das kirchliche Leben, wie es sich in einer bestimmten Region entwickelt hat, durch die vielfältigen künstlerischen Äußerungen zu bewahren und herauszustellen.
Um diese Ziele zu erreichen, genügt nicht die kluge Planung gut gegliederter Ausstellungsrundgänge, indem man Werke aufstellt, die dazu dienen sollen, einen örtlichen Zusammenhang und eine historische Wirklichkeit nachzuzeichnen und zu erfassen. Das Problem, dem man sich stellen muß, ist das korrekte Nebeneinander der beiden hauptsächlichen Funktionen der Struktur der kirchlichen Museen: Erhaltung/Bewahrung und Ausstellung. Die Ausstellungskriterien sollen nämlich dazu beitragen, den Zusammenhang zwischen dem Werk und der zugehörigen Gemeinde zu verdeutlichen, um auf das kirchliche Leben der christlichen Gemeinde in der Vergangenheit hinzuweisen. Die vom Museum angewandte Didaktik soll dann einen Kommunikations- und Bildungskreis ins Leben rufen, um die Besucher für das heutige kirchliche Leben innerlich zu engagieren.
Andererseits reicht die Zeit eines Besuches nicht aus, um den historischen und dokumentarischen Reichtum eines Museums gründlich zu würdigen. Es erscheint daher sinnvoller, unterschiedliche Rundgänge zu organisieren und den Besuchern zugleich mit dem Lehrbesuch Hilfsmaterial anzubieten, das außerhalb des Museums gelesen werden kann.
Das kirchliche Museum wird auf diese Weise zu einem kulturellen Animationszentrum für die Gemeinde. Es wird durch das Engagement der Gruppen immer wieder neu belebt. Es plant ein Jahresprogramm von Initiativen, das in den größeren Pastoralplan sowohl der Teilkirche als ganzer wie der einzelnen kirchlichen Institutionen, aus denen sie sich zusammensetzt, aufzunehmen ist. In diesem Programm können vorgesehen sein:
– befristete Ausstellungen, um durch sie Epochen, Künstler, geschichtliche Umstände, geistliche Strömungen, Andachtsformen, Traditionen, Riten einsichtig zu machen;
– Vorträge zu festgelegten Zeiten des Jahres nach thematischen Zyklen;
– Vorstellung von Büchern oder neuen bzw. restaurierten Kunstwerken;
– Begegnungen und Diskussionen mit Künstlern, Restauratoren, Historikern und Kritikern;
– Vorstellung von Initiativen, die von Einrichtungen und Verbänden gefördert wurden, denen es sonst nicht gelänge, sich wenigstens im Diözesanbereich auszubreiten;
– Ausrichtung katechetischer Tagungen vor Ort.
Aber der beste Weg, den Wert der Kunstwerke und damit den Sinn des kirchlichen Museums verständlich zu machen, besteht darin, den Besuchern beizubringen, daß sie sich umschauen, um über Ereignisse, Gegenstände, Geschichte, Personen, die sich in jener Gegend befunden haben und ihre lebendige, gegenwärtige Seele bleiben, nachzudenken und sie miteinander zu verbinden. So verbindet das kirchliche Museum Vergangenheit und Gegenwart im kirchlichen Leben einer bestimmten christlichen Gemeinde.
4.3 Nutznießung in der gesamten Region
Durch das kirchliche Museum lassen sich Initiativen in Gang bringen, um die Aufklärung über die in der Region vorhandenen Kulturgüter zu fördern. Nützlich dafür wäre sicher:
– die Anregung von Begegnungen zwischen Glaubenden und Nichtglaubenden, Gläubigen und Hirten, Nutznießern und Künstlern;
– die Sensibilisierung der Familien als dem Ort, wo Erziehung zur christlichen Kunst und zum Verständnis der von ihr vermittelten Werte stattfindet;
– die Weckung des Interesses der Jugend für die Kultur des Gedächtnisses und für die Geschichte des Christentums.
Von seiner Natur her steht das kirchliche Museum in engem Zusammenhang mit der Region, in der eine besondere pastorale Sendung stattfindet, da es das sammelt, was aus der Region stammt, um es durch den Doppelvorgang des historischen Gedächtnisses und der ästhetischen Nutznießung den Gläubigen erneut anzubieten. Außer „Ort der Kirche“ ist das kirchliche Museum nämlich „Ort eines Territorialgebietes“, da sich der Glaube in die einzelnen Umfelder inkulturiert. Die für die Herstellung der vielfältigen handgefertigten Gegenstände verwendeten Materialien verweisen auf ganz bestimmte natürliche Zusammenhänge; die Gebäude lassen einen unverkennbaren örtlichen Einschlag erkennen; die Künstler und ihre Auftragsarbeiten sind an die Tradition gebunden, die sich an einem bestimmten Ort herausbildet; die Inhalte der Werke inspirieren sich an und entsprechen den an den Standort der Entwicklung der christlichen Gemeinde gebundenen Bedürfnissen. Denkmalkomplexe, Kunstwerke, Archive und Bibliotheken sind von der Region geprägt und beziehen sich auf sie. Auch das kirchliche Museum ist kein abgeschiedener Ort, sondern steht in ständiger physischer und kultureller Beziehung zu dem umliegenden Gebiet.
Daher wird das kirchliche Museum nicht von den anderen kirchlichen Stätten entfremdet, die zu einer bestimmten Region gehören. Alle haben nämlich dieselbe pastorale Zweckbestimmung und stellen in ihrer je unterschiedlichen Typologie eine organische und differenzierte Beziehung her. Diese Kontinuität wird vom Geist der Kirche gegenüber den in den Dienst ihrer Sendung gestellten Kulturgütern unterstrichen. Diese Güter gehören in denselben thematischen Kontext, weshalb sie de iure aufeinander abgestimmt sind und de facto diese Einheit in der Komplexität und Verschiedenheit zum Ausdruck bringen müssen. Das Museum seinerseits sammelt und ordnet die historischen Kunst- und Kulturgüter, indem es den Bezug zur ganzen Region und zum kirchlichen Zusammenhang sichtbar macht.
In bezug auf die Region erfüllt das kirchliche Museum verschiedene Funktionen. Bestehen bleibt zunächst jene traditionelle Aufgabe der „bewahrenden Sammlung“ von allem, was aus den Gegenden stammt, wo sich die einzelnen Ortskirchen entwickelt haben, und was aus verschiedenen Gründen nicht mehr an Ort und Stelle untergebracht werden kann (Schwierigkeiten mit der Beaufsichtigung, unbekannte Herkunft der Gegenstände, Veräußerung oder Zerstörung der ursprünglichen Unterbringungsorte, Verfall der Herkunftsstrukturen, Gefährdung durch Erdbeben oder andere Naturkatastrophen). Hinzukommen jedoch weitere Funktionen, die bei der Planung des kirchlichen Museums sorgfältig beachtet werden müssen. Die Anordnung der Gegenstände soll ein bestimmtes Stück Kirche und seine Geschichte einsichtig machen. Dem Museum ist es aufgetragen, Rechenschaft zu geben über das ganze kirchliche Territorium, weshalb es die Verbindung der in ihm aufbewahrten Bestände zu den Herkunftsorten herstellen muß. Um den Kontinuitätsbezug zwischen Vergangenheit und Gegenwart deutlich zu machen, muß das kirchliche Museum das dauerhafte Gedächtnis der Geschichte einer christlichen Gemeinde sein; und zugleich sollte es Heimstatt sein für gelegentliche Veranstaltungen zeitgenössischen Charakters, die mit dem Wirken der Kirche zusammenhängen.
Diese Funktionen legen dort, wo es möglich ist, den Einsatz neuer multimedialer Technologien nahe, die imstande sind, die enge Bindung des Museums zu der Gegend, aus welcher die in ihm aufbewahrten Güter stammen, virtuell, systematisch und visuell darzustellen. In diesem Sinne kann der Begriff kirchliches Museum als integriertes und verbreitetes Museum spezifiziert werden. Diese Bedeutung schließt polyzentrische Strukturen ein, denen gegenüber das Diözesanmuseum die Koordinierungsrolle spielt. So können rund um das Diözesanmuseum angesiedelt sein und gleichsam um dieses kreisen: die Domschatzkammer und die Kulturgüter des Domkapitels; die Sammlungen von Heiligtümern, Klöstern, Konventen, Basiliken, Bruderschaften; die Sammlungen der Pfarrkirchen und der anderen kirchlichen Stätten; alle Denkmalkomplexe mit den dazugehörigen Werken; eventuelle archäologische Ausgrabungsstätten. So entsteht ein Netz, welches das Diözesanmuseum mit den anderen Museumszentren und die Gesamtheit der kirchlichen Kulturgüter mit der ganzen Region in dynamischer Weise verbindet.
Im einzelnen hat das Diözesanmuseum eine besondere Aufgabe zu erfüllen, da es die Einheit und Geschlossenheit der Kulturgüter der Teilkirchen offenkundig macht. In ihm sollte das Inventarverzeichnis des gesamten historisch-künstlerischen Erbes der Diözese aufliegen. Mit leicht lesbaren Beschreibungen sollten die aufbewahrten Güter und die anderen in der Kirchenprovinz vorhandenen Güter in den jeweiligen Kontext eingefügt werden. Mit wissenschaftlichen Mitteln sollte man Zugang zum Inventar und zur Katalogisierung für das historisch-künstlerische Erbe der Gegend haben (zumindest wenn es sich um öffentliche Nutznießung handelt). So fördert man ein Zentrum, das das Bemühen um die Inkulturation des Glaubens in der Region rechtfertigt; das die gesamte Aktivität der Ortskirche, die der Herstellung geeigneter Kulturgüter für ihre Sendung gilt, vereint; das die kulturelle und geistliche Bedeutung der Gedächtnishinterlage hervorhebt; das durch das von den einzelnen Generationen übermittelte Erbe das Zugehörigkeitsgefühl der Gemeinschaft anregt; das Schutzmaßnahmen und die wissenschaftliche Forschung fördert; das sich für die Aufnahme zeitgenössischer Schöpfungen öffnet, um die Lebenskraft und den pastoralen Charakter der Kulturgüter der Kirche zu beweisen, die überall vorhanden sind, wo die christliche Botschaft verbreitet wird.
So gesehen ähnelt das Diözesanmuseum einem Kulturzentrum von großer Bedeutung, da es auf die historisch-künstlerische Hinterlage gegründet ist, die die ganze christliche Gemeinde kennzeichnet und eint. Zusammen mit ihm stellt der Dom ein lebendiges Erbe dar, zu dem neben einem Schatzkammer-Museum funktionelle Strukturen und Werke für die vielfältigen gottesdienstlichen und organisatorischen Bedürfnisse gehören. So sind die Pfarreien, die Heiligtümer, die Klöster, die Konvente, die Bruderschaften Orte, die im eigenen oder in einem zentralen Museum schützenswerte Gegenstände besitzen (mit der Garantie der Wiederverwendung unter bestimmten Umständen). Auch die Restaurationswerkstätten und die technischen Büros müssen sich auf dieses diözesane Zentrum beziehen, um in den Lebenskomplex der Ortskirche eingegliedert zu werden. Die Erhaltungsaufgabe beschränkt sich also auf einen der Aspekte der Erschließungsarbeit, die vom Diözesanmuseum abhängt. Kunstwerke, Kirchengeräte, Einrichtungsgegenstände, Gewänder usw., die aus Sicherheitsgründen, wegen Veräußerung der Kultgebäude, wegen Unsicherheit oder Zerstörung der sie beherbergenden Strukturen in die kirchlichen Museen gelangen, bleiben somit lebendiger Teil der Kulturgüter der Kirchengemeinde und der ganzen in der Region anwesenden zivilen Gemeinschaft.
Der Begriff des integrierten musealen Systems erweitert sich beträchtlich und gewinnt wichtige kirchliche Bedeutung in bezug auf die anderen innerhalb der Region vorhandenen zivilen Institutionen. Diese Konzeption führt zur rechtlichen Anerkennung solcher Einrichtungen in ihrer Einheitlichkeit; sie bestimmt die Verwirklichung eines institutionellen Rahmens, der sich dieser Ordnung anzupassen vermag; sie ist die Grundlage für die Forderung öffentlicher Maßnahmen; sie prägt die Kulturpolitik der Region; sie liegt den Dienstvorschriften und Schutzmaßnahmen für das angestellte Personal und das Volontariat zugrunde. Daher hat diese Neugestaltung eine unbestreitbare soziale und politische Bedeutung, denn sie bietet eine kulturelle öffentliche Dienstleistung an und eröffnet recht gute Beschäftigungsmöglichkeiten.
Die Typologie des verbreiteten und dezentralisierten kirchlichen Museumssystems kennzeichnet die Region, indem sie deren gesamtes kirchliches historisches Kunst- und Kulturerbe erschließt. Aus dieser Perspektive ist das einzelne Museum oder die einzelne Sammlung nicht mehr Aufbewahrungs- oder Sammelort von Werken, die aus dem Zusammenhang gerissen wurden, sondern qualifizierendes Element der Lokalkultur, das mit den anderen Kulturgütern in Beziehung steht. Die Dezentralisierung, die sowohl die Werke an den Herkunftsorten als auch diese Kirchenräume selbst schützt, hebt besonders das Kunsthandwerk hervor und bereichert gleichzeitig jedes Teilstück des Gebietes der Diözese, das aus Pfarreien, Konventen, Heiligtümern usw. besteht. Würde man abgelegte, in den Kirchen lagernde Kirchengeräte und Einrichtungsgegenstände in einem einzigen Museum konzentrieren, würde sich das als Verarmung der Herkunftsorte herausstellen und aus dem Museum ein überladenes Materiallager machen. Eine solche Option würde die Gegenstände selbst entwerten, die neben so vielen anderen und auch bedeutenderen Werken bedeutungslos würden und kaum mehr verwendbar wären. Die verschiedenen Objekte, die die Erinnerung an Gönner und Aufträge, an berühmte Künstler und einfache Handwerker, an vergangene Bräuche und Gegebenheiten wachrufen, müssen daher an Ort und Stelle geschützt werden. Wenn dort geeignete Strukturen fehlen, ist allerdings ein zentraler Museumskomplex vorzuziehen.
Das Diözesanmuseum kann zum Ort der Sensibilisierung der Kirchengemeinde und des Dialogs zwischen den verschiedenen, in der Region vorhandenen kulturellen Kräften werden. Damit das geschieht, muß man durch Inventarverzeichnisse und Kataloge in Verbindung kommen; die topographische und photographische Dokumentation des Herkunftsgebietes der Werke und der ganzen Region anfordern; informative Ausstellungsstände einrichten, aktuelle Ausstellungen, historisch-künstlerische Forschungen und Restaurierungskampagnen fördern; Führungen organisieren, die vom Museum ihren Ausgang nehmen, um sich dann den anderen Denkmalkomplexen der Region zuzuwenden. Diese koordinierte Vielfalt von Veranstaltungen wird das von der Kirche in einer bestimmten Region vollbrachte Werk offenkundig machen und den Schutz der Kulturgüter in ihrem ursprünglichen Kontext begünstigen.
5. Ausbildung der fachkräfte für die kirchlichen Museen
5.1 Ausbildungsplan
5.1.1 Bedeutung der Ausbildung
Das Museum als künstlerisch-historisches Zentrum kann eine wichtige kulturelle Rolle übernehmen, wenn es im Rahmen des Pastoralplanes eine Aktivität in historischer Information und ästhetischer Erziehung entfaltet. Um dieses Ziel zu erreichen, muß man die Ausbildung des Klerus, der Künstler, der Museumsfachkräfte, der Führer, der Aufseher und auch der Besucher vornehmen, indem man ihnen mit erneuerter Professionalität, tiefer Demut, sorgfältigem Dialog, bereitwilliger Aufgeschlossenheit und Achtung vor den lokalen Traditionen die besondere Eigenart der Kulturgüter der Kirche verständlich macht.
Der Ausbildungsplan ist auf die Erschließung der Werke der Vergangenheit und auf die Förderung neuer Produktionen ausgerichtet. Angesichts der Krise des Heiligen und der daraus folgenden Verarmung der kultischen Ausdrucksformen - im architektonischen, ikonographischen und Ausstattungsbereich - ist es dringend nötig, sowohl an die Tradition anzuknüpfen, um den Beitrag der verschiedenen Epochen herauszustellen, als auch sich in die heutige Debatte einzuschalten, um eine neue Zeit christlich inspirierter Kunst und Kultur anzustoßen. Die Kirche ist in der Tat immer Auftraggeberin der Künste gewesen, weil sie in ihnen ein vorbildliches Werkzeug für die Erfüllung ihrer eigenen Sendung gesehen hat. Im Laufe der Jahrhunderte hat sie traditionsgemäß „die Förderung, den Schutz und die Erschließung der erhabensten Äußerungen des menschlichen Geistes im historisch-künstlerischen Bereich als integrierenden Bestandteil ihres Amtes“47 wahrgenommen. Eine derartige kulturelle Aktion verlangt Urteilsfähigkeit und beachtliche Vorbereitung. Es braucht daher sowohl einen entsprechenden Ausbildungsplan für das Personal als auch die gegenseitige Zusammenarbeit der Institutionen, die mit der Pflege der Kunst- und Kulturschätze der Kirche betraut sind.
Mit Hilfe von Institutionen und Experten wird die Kirche das aktuelle Interesse für die Kulturgüter weiterentwickeln können, indem sie die in den zweitausend Jahren ihrer Geschichte vollbrachte Arbeit noch einmal überdenkt und Vorschläge für die Zukunft erarbeitet. Es ist daher angebracht, der Menschheit den Sinn für die aus Alltäglichkeit und großen Taten gewobene Geschichte zurückzugeben; den jahrhundertelangen Einfluß des Christentums in den verschiedenen sozio-kulturellen Zusammenhängen offenkundig zu machen; an die Naturkatastrophen und kriegerischen Ereignisse zu erinnern, die in einigen Fällen zur Zerstörung berühmter Meisterwerke geführt haben; mit Hilfe eines angemessenen Planes zur Schulerziehung und zur ständigen Weiterbildung zu lehren, daß die Kulturgüter der Kirche von besonderer Bedeutung für die ganze Gemeinschaft sind; daran zu erinnern, daß die kirchliche Besonderheit dieser Güter die Verkündigung des Evangeliums und die Förderung des Menschen ist; die Diskriminierungen zwischen Reichen und Armen, zwischen verschiedenen Kulturen und Ethnien, zwischen verschiedenen religiösen Bekenntnissen und zahlreichen Religionen zu überwinden.
5.1.2 Dringlichkeiten bezüglich Bildung und Ausbildung
Dringend überwunden werden muß: ein gewisses kirchliches Desinteresse an der Erhaltung und Erschließung der Kulturgüter; die mangelnde Vorbereitung auf juristischem und administrativem Gebiet; der Mangel an entsprechend vorbereiteten Auftraggebern.
– Überwindung des kirchlichen Desinteresses an den Kulturgütern. In unserer Zeit des unbestrittenen gesellschaftlichen Interesses für das historische Kunst- und Kulturerbe, ist bisweilen im kirchlichen Bereich eine gewisse Unaufmerksamkeit und Abneigung gegenüber den Kunst- und Kulturschätzen festzustellen. Die Auferlegung anderer dringender pastoraler Aufgaben, der Personalmangel und wahrscheinlich die unzulängliche Vorbereitung der Verantwortlichen, hat den Schutz dieser Schätze unsicher gemacht. Insbesondere auf die ungenügende Ausbildung der Fachkräfte ist die Unzulänglichkeit in Geschäftsführung und Verwaltung zurückzuführen, die sich besonders in unvorhergesehenen Situationen oder Notlagen zeigt (Zusammenbruch der Strukturen, Gefahren für die Unversehrtheit, Ablösung von Fresken, Veräußerung von Gegenständen, Organisation der Sicherheit, Rechts- und Verwaltungsstreitigkeiten usw.). In solchen schwierigen Situationen werden sehr oft keine klaren Entscheidungen getroffen, weil es an einer ausgewogenen Vision und einer Präventivstrategie fehlt.
– Überwindung der mangelnden Vorbereitung auf juristischem und administrativem Gebiet. Der enorme Aufwand an wirtschaftlichen Ressourcen, die oft für die Durchführung mancher Maßnahmen notwendig sind, geht häufig mit schwerwiegenden institutionellen Mängeln einher. Als notwendig erweisen sich daher in diesem Zusammenhang Planungsfähigkeit, Kompetenz im Verwaltungs- und Rechtsbereich, Zusammenarbeit der Institutionen untereinander (sowohl im kirchlichen wie im zivilen Bereich). In vielen Fällen gelingt es nämlich wegen Unkenntnis der Vorgänge nicht, Vorkehrungen oft öffentlicher Art (auf regionaler, nationaler, internationaler Ebene) zu treffen. In diesem Zusammenhang muß daher für die Ausbildungsebene dringend empfohlen werden, die Fachkräfte mit den allgemeinen und besonderen Gesetzesquellen im zivilen und kirchlichen Bereich bekannt zu machen.
– Überwindung des Mangels an adäquaten Auftraggebern, die sich der Förderung der Kulturgüter widmen. Die Kirche ist in der Vergangenheit in vielen Fällen erleuchtete Auftraggeberin gewesen, wenn sie Künstler aller Art in das Herz der christlichen Spiritualität einführte. Das in den kirchlichen Institutionen erhaltene Zeugnis der Vergangenheit soll die heutigen Auftraggeber inspirieren, damit sie die Kulturgüter durch ein interdisziplinäres Engagement so fördern können, daß die Künstler den abwechslungsreichen kirchlichen background für den größeren Erfolg ihrer Werke begreifen können. Man braucht Personen, die auf Teamarbeit und auf die Begegnung mit den heutigen Künstlern vorbereitet sind48. In dieser Verpflichtung kann das Museum die Katalysatorenfunktion der Animation erfüllen, d.h. die Künstler innerlich zu engagieren und auf religiöse Themen vorzubereiten.
5.1.3 Ausbildungskriterien
Das kirchliche Museum kann eine eigene und ständige Ausbildungsrolle übernehmen, die sich auf drei Ebenen entfaltet: die historische Information, die ästhetische Erziehung, die geistliche Interpretation.
Damit ein kirchliches Museum diese Aufgabe erfüllt, muß das Personal sorgfältig vorbereitet werden. Bei der Ausbildung des Personals gilt es einige grundsätzliche und unverzichtbare Aspekte zu berücksichtigen:
– Erziehung der einzelnen Fachkräfte zur Mitverantwortung, damit sie an den von der Kirche geförderten Kulturprojekten angemessen teilnehmen können;
– Erziehung zum Unternehmungsgeist durch die Einführung neuer Tätigkeiten und Berücksichtigung der bereits vorhandenen Erfahrungen;
– Erziehung zum Einfühlen in die Umgebung, damit es zu einer angemessenen Einbettung der Initiativen in den Gesamtkomplex der in den einzelnen Teilkirchen bestehenden Kulturgüter kommt;
– Erziehung zur Anwendung verschiedener, auch multimedialer, didaktischer Instrumentarien, um die Heranführung der Nutznießer an die Kulturgüter der Kirche zu erleichtern;
– Erziehung zur pastoralen Dimension, um das historisch-künstlerische Erbe einem kirchlichen Geist gemäß und mit Bezug auf die verschiedenen Publikumstypen einzusetzen.
5.1.4 Ausbildungsinhalte
Die Ausbildungsinitiativen sollen verschiedene Lehrinhalte vorsehen und dabei besondere Aufmerksamkeit auf die folgenden Themen legen: allgemeine und lokale Kirchengeschichte; Geschichte der volkstümlichen Traditionen; Hagiographie und Spiritualität; Ikonographie und Ikonologie; Geschichte der religiösen Kunst und Architektur; Geschichte der Institute des geweihten Lebens und ihrer Anwesenheit in der Region; Geschichte der kirchlichen Laieninstitute, des katholischen Verbandswesens, der Bruderschaften, der Sozialbewegungen, der Kultureinrichtungen. In diesem Zusammenhang kann man Kurse, Studienseminare, Kongresse, Diskussionen, Vortragsreihen organisieren, um Grundausbildung, Spezialisierung, Aktualisierung und ständige Weiterbildung zu ermöglichen. Die genannten Ausbildungsinitiativen helfen auch, Personen mit vielfältiger ideologischer Herkunft zusammenzuführen, um einen pastoral nutzbringenden Dialog zu versuchen.
Für die Fachkräfte und die Verantwortlichen des kirchlichen Museums ist eine besondere Ausbildung erforderlich. Außer den oben angeführten Themenkreisen wird man Speziallehrgänge über die Organisation des Museums, über Geschäftsführung und Verwaltung, Beaufsichtigung der Güter, Aufbewahrung und Erhaltung der Objekte, geltende Gesetzeslage (was Schutz, Steuern, institutionelle Beziehungen betrifft). Die etwaigen Diözesanblätter oder andere Veröffentlichungen hingegen können für den normalen Informationsstand sorgen.
5.1.5 Ausbildungsorte
Die Ausbildung findet mit vielfältigen Initiativen an den verschiedenen für sie zuständigen Orten der (lokalen, diözesanen, regionalen, nationalen, internationalen) Institutionen statt. Im großen und ganzen soll ein konstruktiver Dialog zwischen Priestern und Laien, zwischen Berufstätigen und Dozenten angebahnt werden, der über die Problemkreise Schutz, Erhaltung und Erschließung der Kulturgüter alle intellektuellen, menschlichen und geistlichen Fähigkeiten einbezieht, die zu einer Teamarbeit und zur Zusammenarbeit der Institutionen untereinander beitragen können.
Auch in diesem Zusammenhang sind die für die Kulturgüter zuständigen regionalen Ämter zu tatkräftiger Mitarbeit eingeladen, damit durch runde Tische, Vorträge, Diskussionen immer für nützliche Information und Aktualisierung gesorgt wird.
Mit besonderem Bezug auf die in der Region vorhandenen Museen soll man die Einrichtung von Expertenkommissionen oder -vereinigungen fördern, um ihnen Aufgaben der Verwaltung und der Animation sowohl auf der Ebene allgemeiner Strategien wie auf der Ebene einzelner Museumskomplexe anzuvertrauen (z.B. nationale Vereinigungen der kirchlichen Museen und nationale Vereinigungen der für die Inventarisierung zuständigen Fachleute, usw.).
5.1.6 Interinstitutionelle Zusammenarbeit
Die Errichtung des mit der Region integrierten kirchlichen Museums führt zur Einbeziehung vieler Institutionen und zur Aktivierung verschiedener Bildungsinitiativen. Es ist daher von vorrangiger Bedeutung, sich der Zusammenarbeit der Institutionen untereinander zu öffnen.
Auf diözesaner oder auch interdiözesaner Ebene sollte man, wenn möglich, die zivilen Behörden und die anderen Kultureinrichtungen einbeziehen, um Ausbildungsprogramme zur Erschließung des Kunst- und Kulturerbes der Kirche aufeinander abzustimmen. Außerdem liegt es nahe, sowohl in den zivilen wie in den kirchlichen akademischen Zentren auf nationaler wie auf internationaler Ebene Fachpersonal auszubilden.
Die Bildungsprogramme sollen nicht nur für die Fachkräfte gedacht sein, sondern auch für die Besucher durch Förderung von Weiterbildungsstrategien.
5.2 Ausbildung der Fachkräfte
5.2.1 Grundsätze für die Ausbildung des Klerus
Im Ausbildungsplan kommt der Vorbereitung der Priesteramtskandidaten und des Klerus vorrangige Bedeutung zu. Denn diejenigen, die sich auf dem Weg zum Priestertum und zum Ordensleben befinden, müssen sich bilden, um den Wert der Kulturgüter der Kirche im Hinblick auf die kulturelle Förderung und die Evangelisierung schätzen zu können. Die Priester in der Seelsorge haben gewöhnlich auch die Verantwortung für die Aufsicht über die kirchliche Bauhütte in ihrer architektonischen Gestalt und in allen Gegenständen, die sie konkret repräsentieren.
In dem Rundschreiben an die Diözesanbischöfe über die Ausbildung der Priesteramtskandidaten (15. Oktober 1992)49 mahnt diese Päpstliche Kommission an, daß im Ausbildungszyklus der Priesteramtskandidaten „Kurse eingeplant werden sollen, in denen man sich eingehend und systematisch die Geschichte und die Prinzipien mit der sakralen Kunst, der christlichen Archäologie, der Archivistik und der Bibliothekswissenschaft beschäftigt. Diese Kurse können dazu beitragen, bestimmte Alumnen zu ermitteln und für diesen Fachbereich zu verpflichten, damit sie in Zukunft auch gegenüber den Mitbrüdern eine Funktion der Anregung und Hilfe wahrnehmen können“50. Wichtig ist ferner, daß in den verschiedenen philosophischen und theologischen Kursen Themen angesprochen werden, die sich auf die Kunst, auf die Ästhetik, die Bibliotheken, die Archive und die Museen beziehen. Außerdem sollen spezialisierte Studienzentren eingerichtet werden, um Experten in den Bereichen der Kulturgüter der Kirche auszubilden, in denen man sich auch mit den die kirchlichen Museen betreffenden Problembereichen auseinandersetzt51.
Eine angemessene Ausbildung des Klerus bereitet auf den Schutz der Kulturgüter vor und fördert die Beziehung zwischen Klerikern und Laien, um einen Kulturplan abzustimmen, der in der Lage ist, das gesamte historische Kunst- und Kulturerbe in einem kirchlichen und zivilen Zusammenhang zu erschließen. In diesen Kontext gehören auch die Strategien, die die Ausbildung des Personals für die kirchlichen Museen betreffen. Auch wenn die Priester nicht immer die leitenden Verantwortlichen dieser Institutionen sein können, werden sie die Voraussetzungen haben müssen, um die kirchlichen Museen fördern, sie im Gesamt der in der Region vorhandenen kirchlichen Kulturgüter koordinieren und sie in den Pastoralplan sowohl der Diözese wie der einzelnen lokalen Institutionen (Pfarreien, Klöster, Konvent, Ordensinstitute, Bruderschaften, Vereine) einbinden zu können.
Es müssen deshalb eigene Fortbildungskurse für die Priester eingerichtet werden, um sie für die Organisation und Geschäftsführung der kirchlichen Museen und für die Wahrung des Kulturerbes in der Region zu sensibilisieren.
5.2.2 Grundsätze für die Ausbildung der Fachkräfte und der Führer
Im Ausbildungsplan muß man sich der Fachkräfte und der Führer annehmen. Es geht nicht darum, die Experten der verschiedenen in die Organisation eines Museums implizierten Fachbereiche nur professionell vorzubereiten (bzw. die Vorbereitung zu überprüfen), sondern es gilt vielmehr, sie in das spezifisch Kirchliche einzuführen. Sie müssen in der Lage sein, das Kunst- und Kulturerbe der Kirche einzufügen in den katechetischen, kultischen, kulturellen und karitativen Kontext, damit sich die Nutznießung dieser Güter nicht auf das rein ästhetische Faktum beschränkt, sondern durch die universale Sprache der christlichen Kunst zu einem pastoralen Instrument wird.
– Interne Führer. Besonders der fachkundige Museumsangestellte, der die Aufgabe hat, das Publikum zu führen, ist berufen, die verschiedenen Wesensmerkmale des Besuchers festzustellen, um ihn durch Rundgänge, die zum Beispiel besondere Themenbereiche, einzelne Objekte, gleichartige Werkgruppen in den Mittelpunkt stellen, auf fruchtbare Weise in die Nutznießung der ausgestellten Werke einzuführen.
– Interne Animatoren. Aufgabe eventueller anderer interner Fachleute, die mit der Animation der Besucher beauftragt sind, ist es, Gelegenheiten zu Begegnung, Kennenlernen und Gegenüberstellung zu schaffen.
– Auswärtige Fachkräfte. Neben den Fachkräften innerhalb der Museumsstruktur kann man auch daran denken, Fachkräfte von draußen auszubilden, die in der Lage sind, durch Führungen, die in erster Linie den Ortsgemeinden selbst angeboten werden, ohne deshalb jene zu vernachlässigen, die den religiösen Tourismus betreiben, die im Museum ausgestellten Werke mit der Region in Verbindung zu bringen. Die ganze Region soll in der Tat zu einer allen offenstehenden „pastoralen Werkstatt“ werden und durch die Architektur, die Geschichte, die Dokumente, die vom Interesse der Kirche für die Kulturgüter zeugen, Gelegenheit zu kulturellem Engagement sein.
– Lehrer und kirchliche Fachkräfte. Um den Zusammenhang zwischen Kulturgütern und Pastoralplan zu konkretisieren, muß man daher bei der Ausbildung der Katecheten, der Religionslehrer und der verschiedenen kirchlichen Fachkräfte mit besonderer Sorgfalt vorgehen, damit sie in den vielfältigen Aktivitäten und Initiativen das ihnen zur Verfügung stehende Kunst- und Kulturerbe erfolgreich zu nutzen wissen.
– Auswärtige Führer und Tourismusexperten. Durch besondere Unterstützungsmaßnahmen sollte man auch auf die auswärtigen Führer und die Tourismusexperten Einfluß nehmen können; es wäre wünschenswert, von ihnen die Voraussetzungen für ihre Eignung zu verlangen, um eine angemessene Erschließung des historischen Kunst- und Kulturerbes der Kirche zu gewährleisten. In diesem Zusammenhang könnte man von ihnen - in Analogie zu dem, was man für die Religionslehrer einfordert - die Bescheinigung für den Besuch eines kirchlichen Kurses für Fachleute des religiösen Tourismus verlangen. Eine solche Perspektive sollte allerdings den zuständigen zivilen Institutionen zur Kenntnis gebracht werden, um Orientierungen, Prozeduren und wünschenswerte Anerkennungen von Abmachungen zu vereinbaren.
Die angemessene Ausbildung der Verantwortlichen und der Fachkräfte sowohl im kirchlichen wie im zivilen Bereich führt zu einer größeren Zusammenarbeit auf dem Gebiet der Kulturgüter der Kirche. Sie fördert nämlich einen reifen Vergleich zwischen Personen und Institutionen (Experten der verschiedenen Sachbereiche, dem Schutz der Kulturgüter übergeordnete Institutionen, Schulen jeden Ranges und jeden Grades, Kultur- und Tourismuszentren).
5.2.3 Initiativen für die Ausbildung der Fachkräfte
Die Vorbereitung des Klerus und der Fachkräfte wird vor allem an den üblichen Ausbildungsstätten durch Teilnahme an den ordentlichen Programmen durchgeführt. Wünschenswert ist sodann, auf verschiedenen Ebenen eingerichtete Spezialkurse zur Vertiefung und Fachausbildung zu fördern. Äußerst nützlich sind kurze Fortbildungskurse, die in regelmäßigen Abständen zu besonderen Themenbereichen organisiert werden. Um dem Ausbildungssystem Beständigkeit zu verleihen, kann die Veröffentlichung von Informationsblättern oder Rundbriefen hilfreich sein, in denen auf Erfahrungen hingewiesen wird, administrative Informationen gegeben, die kirchlichen und zivilen Dokumente zu dem jeweiligen Bereich aufgezählt werden und eine detaillierte Bibliographie geboten wird.
Die Ausbildungskurse können, wie folgt, verteilt werden:
– Für die Priesteramtskandidaten müssen, wenn möglich, Zusammenkünfte an den Priesterseminaren organisiert werden, die sowohl dazu dienen, die zum Thema Kulturgüter in den verschiedenen philosophisch-theologischen Disziplinen bereits enthaltenen Inhalte zu verdeutlichen, als auch auf die Betriebsführung, auf die Beziehung zu den zivilen Behörden, auf die Zusammenarbeit mit den Institutionen vorzubereiten;
– für die Fortbildung der Priester ist es ratsam, Studientage nach Themen zu organisieren, darunter jenen, welche de kirchlichen Museen betreffen (Organisation und Aufwertung des Diözesanmuseums; Errichtung einer lokalen oder einer Sammlung der Pfarrgemeinde; Integration des Diözesanmuseums in die Region; pastorale Animation durch das historische Kunst- und Kulturerbe der Kirche; Beziehung zu den zivilen Behörden; administrative Fragen; usw.);
– für die Leiter (Priester oder Laien), die auf Diözesanebene Verantwortung für die Diözesanmuseen übernehmen sollen, ist es notwendig, weitere Fachkurse, eventuell auf der Ebene der Regionalen Bischofskonferenz oder der Nationalen Bischofskonferenz, vorzubereiten. Man kann auch von Kursen an zivilen Einrichtungen oder von akademischen Lehrkursen Gebrauch machen;
– für die Laien-Fachkräfte, die besondere Rollen übernommen sollen, ist es angemessen, ihnen sowohl eine allgemeine Vorbereitung an den kirchlichen Studienzentren (Universitäten, Hochschulen, Päpstliche Fakultäten; Institute für Religionswissenschaften) als auch eine Fachausbildung mit eigens dafür vorgesehenen Kursen zu garantieren. Was das angeht, so gibt es lobenswerte Beispiele von Kursen, die von den Instituten für Religionswissenschaften für Fachkräfte der Kulturgüter und für touristische Führer organisiert werden.
5.2.4 Initiativen für die Bildung der Nutznießer
Auch das Publikum muß durch geeignete Initiativen für die Nutznießung der Kulturgüter der Kirche herangebildet werden. Stattfinden kann diese Bildung durch die Gestaltung der Ausstellungsrundgänge, durch eventuelle Sekundärinitiativen, durch das Schulsystem, die Massenmedien, die Studientagungen, die Kulturpolitik der Region usw. Das Publikum läßt sich in zwei Gruppen teilen: jene, die zu der Kirchengemeinde gehören, und jene, die aus anderen Umfeldern herkommen. Um eine größere Anzahl von Personen zu erreichen, müssen diözesan geprägte und lokal geprägte Initiativen eingeleitet werden. Darüber hinaus gilt es, die Maßnahmen auf Grund der Typologie der Adressaten zu unterscheiden: Einzelpersonen im Schulalter, erwachsenes Publikum, Touristen, Pilger usw.
Diözesan geprägte Initiativen. Wir stellen als Beispiele einige mögliche Initiativen vor:
– regelmäßige Ausrichtung von Studientagen und Tagungen auf Diözesanebene über Themen, die den kulturellen Reichtum einer bestimmten Region ans Tageslicht bringen;
– Planung von Führungen an kirchlichen Museen, Heiligtümern, Kirchen, möglichen christlich-archäologischen Ausgrabungsstätten und an anderen besonders bedeutungsträchtigen Orten der Diözese, indem man versucht, die einzelnen Denkmäler in den Zusammenhang mit der Region und der Kirchengeschichte zu stellen;
– in den Museen oder in anderen kirchlichen Komplexen Veranstaltung befristeter Ausstellungen von altem und zeitgenössischem Material, das sich auf das Gebiet der Diözese oder auf die spezifische Tätigkeit einer Ordensfamilie bezieht.
Man muß es so einrichten, daß die verschiedenen Veranstaltungen nicht in rein kulturelle Formen zerrinnen, sondern auf kirchlichen Koordinaten aufgebaut werden, um die Besucher nicht allein für den historisch-künstlerischen, sondern für den religiös-pastoralen Wert der Kulturgüter der Kirche zu sensibilisieren.
Lokal geprägte Initiativen. Nützlich sind sodann Bildungsinitiativen für die einzelnen Gemeinden oder die einzelnen Orte, um die enge Verbindung zwischen Gütern, die noch im Gebrauch sind, und den abgelegten klarzumachen, die Werke zu verbinden, indem man die dafür nötige historische Perspektive liefert, die Beziehung zwischen Vergangenheit und Gegenwart sichtbar werden zu lassen. Wir stellen als Beispiele einige mögliche Initiativen vor:
– man kann vor allem die Gläubigen und die anderen Mitglieder der Gemeinschaft regelmäßig ihre Güter von historisch-künstlerischem Interesse wieder besuchen lassen, um das Glaubens- und Kulturzeugnis der vorigen Generationen, in besonderer Weise die eigenen Kirchen, offenkundig zu machen;
– man kann ein integriertes Jahresprogramm mit Tagungen, Gesprächsrunden, Theateraufführungen, Museumsbesuchen erstellen, um die eigene Region wiederzuentdecken und im Zugehörigkeitsgefühl zu wachsen;
– man kann in diese Animationsarbeit besonders die Jugendlichen einbinden, so daß sie Interessen nähren können, die in religiöser, sozialer und kultureller Hinsicht nutzbringend sind;
– man kann der ganzen Gemeinschaft begreiflich machen, daß die historischen Kunst- und Kulturgüter der Kirche allen, besonders den Ärmsten gehören, da sie die Verkündigung des Evangeliums der Liebe ausdrücken und die Würde der kirchlichen Gemeinschaft darstellen;
– man kann sich den auswärtigen Besuchern durch die Ausrichtung touristisch attraktiver Veranstaltungen öffnen;
– man kann die Zielsetzungen alter Bruderschaften dadurch integrieren, daß man sie auch im Bereich der Kulturgüter der Kirche wirksam macht.
Initiativen für Touristen und Pilger. Wir stellen als Beispiele einige mögliche Initiativen vor:
– was die Touristen betrifft, so muß man den Tourismus an den kirchlichen Orten als religiösen Tourismus anerkennen, weshalb auch die Nutznießung der Museen mit der kirchlichen Funktion der Herkunftsorte der dort aufbewahrten Werke in Beziehung gesetzt werden muß;
– was die Pilger betrifft, so muß man die Museumssammlungen in einem religiösen Kontext erschließen, indem man den Glaubensweg der christlichen Gemeinde, der Auftraggeber, der Künstler ebenso wie die gegensätzlichen Frömmigkeitsformen und die lokalen Traditionen sichtbar werden läßt.
Außerschulische Initiativen. Was die Schule jedes Ranges und Grades betrifft, so besteht die Hauptaufgabe darin, die Kinder nicht nur für die in den kirchlichen Museen ausgestellten Werke oder deren Geschichte zu interessieren, sondern für die fortschreitende Entdeckung der Region. Besonderes Interesse für die Kulturgüter der Kirche können außer den schulischen Einrichtungen für Jugendliche die „Volkshochschulen für Senioren“ oder ähnliche Aktivitäten haben, da sie zu Erkenntnis und Kreativität anspornen. Im schulischen oder außerakademischen Zusammenhang sind die folgenden Initiativen möglich:
– Angebot von Führungen, welche die Museen mit dem ganzen kirchlichen Kulturerbe in Zusammenhang bringen;
– Aktivierung von Forschungen und Studienkampagnen;
– Förderung von Wettbewerben (schriftliche Aufsätze, Sammlungen von Zeugnissen, Umschulungsprojekte, Zeichnungen, Photographien usw.);
– die Schüler und Studenten tatkräftig engagieren, um sie für das historische Kunst- und Kulturerbe der Kirche zu interessieren.
5.3 Rolle des Volontariats
Im Zusammenhang mit der Verteilung der kirchlichen Aufgaben erweist es sich als wichtig und nützlich, entsprechend vorbereitete Laien als Freiwillige in den verschiedenen organisatorischen Seiten eines Museums mitverantwortlich einzusetzen. Im übrigen werden in vielen Fällen die kirchlichen Museen, besonders wenn sie klein sind, gewöhnlich von Personen geleitet, die diesen Dienst im Geist des Glaubens und des Zeugnisses unentgeltlich und freiwillig vollbringen.
In der Organisation des Volontariats ist jedoch seitens der Verantwortlichen eine besondere Beachtung der rechtlichen und steuerlichen Aspekte, welche die Zivilgesetzgebung in den einzelnen Staaten vorsieht, unabdingbar. Man muß sich also darum bemühen, daß dieser Dienst - jenseits der großzügigen Bereitschaft - unter den gebührenden Bedingungen und mit der nötigen Professionalität geleistet werden kann. Auch der freiwillige Fachmann wird daher entsprechende Ausbildungskurse besuchen und in die Lage versetzt werden müssen, dort, wo es notwendig ist, in Interaktion mit dem angestellten Personal zu arbeiten.
Es lassen sich einige Kategorien des freiwilligen Mitarbeiters ausmachen: da sind einmal die Personen im Ruhestand; sodann jene, die auf der Suche nach der Erstanstellung sind; und schließlich jene, die beruflich in Bereichen beschäftigt sind, die den Tätigkeiten am Museum nahekommen, und die bereit sind, einen Teil ihrer Freizeit dafür einzusetzen.
– Pensionisten. Diese Personengruppe kann eine wichtige Rolle übernehmen, wenn sie unentgeltlich kostbare Hilfe leistet. Da diese Leute Zeit zur Verfügung haben, können sie ihren Dienst in den verschiedenen Bereichen der Museumsorganisation leisten. Es ist allerdings zu überlegen, daß sie für eine angemessene Integration ihres Dienstes die allgemeinen Kriterien der Organisation, der Vorschriften und der Arbeitszeiten einhalten müssen. Ihre Energien und ihre Verfügbarkeit können unter Berücksichtigung der vorausgehenden beruflichen Kompetenzen und der konkreten Bedürfnisse des Museums eingesetzt werden.
– Studenten. Auch die jungen Studenten bzw. diejenigen, die auf eine Erstanstellung warten, können in einer Form des Volontariats, die in manchen Fällen bezahlt werden kann (immer unter Berücksichtigung der gesetzlichen Bestimmungen), im Museumsbetrieb vorteilhaft eingesetzt werden. Dieses Volontariat kann ein mögliches Ausbildungspraktikum für künftige Berufsaussichten darstellen.
– Genossenschaften. Um den belastenden negativen Aspekten zu begegnen, entstehen in der Museumswirklichkeit bisweilen Formen einer kooperativen Arbeit, die von Stiftungen, von den Erträgen des Museums, von kirchlichen Vorsorgemaßnahmen getragen wird. Diese Art von Präsenz kann eine Beschäftigungsgelegenheit für die Jugendlichen und eine angemessene Verwaltungsform für das historische Kunst- und Kulturerbe der Teilkirchen darstellen.
– Berufstätige. Sodann gibt es beruflich engagierte Personen, die einen Teil ihrer Freizeit zur Verfügung stellen wollen. Sie kann man um eher gelegentliche Leistungen bitten, so daß es angebracht ist, ihre Professionalität in dem Maße einzusetzen, in dem sie der Organisation des Museums entspricht. Besonders in einigen Verwaltungs- und Fachbereichen ist die Mitarbeit freiwilliger Profis nützlich und von Vorteil.
– Konsultoren. In diesem Zusammenhang kann man zum Beispiel eine Konsultorenkommission des Museums einsetzen, deren vom Bischof für einen bestimmten, wiederholbaren Zeitraum ernannte Mitglieder in der Lage sein sollen, die von ihnen verlangten Leistungen unentgeltlich anzubieten und bestimmte Forschungen auf dem Gebiet zu fördern. Diese Forschungen können zu einem wertvollen Beitrag werden, um Kriterien festzulegen und Vorschläge in bezug auf die Aufgaben Aufsicht, Organisation, Geschäftsführung/Verwaltung, Auftreiben der Geldmittel, inneres Engagement durchzuführen.
6. Schluss
Die Kulturgüter der Kirche sind ein Erbe, das im Bereich jeder christlichen Gemeinde materiell erhalten, rechtlich geschützt und pastoral erschlossen werden muß, um das Gedächtnis der Vergangenheit zu pflegen und in der Gegenwart weiter zum Ausdruck zu bringen, was für die Sendung der Kirche bestimmt ist. Die Lektion der Geschichte durch die Betrachtung der Kunst öffnet sich der Prophezeiung, so daß „die Kirche als Lehrmeisterin des Lebens sich nicht dem Auftrag entziehen kann, dem zeitgenössischen Menschen zu helfen, sein religiöses Staunen wiederzufinden angesichts des Zaubers der Schönheit und Weisheit, der aus den Hinterlassenschaften der Geschichte strömt. Diese Aufgabe erfordert eine anhaltende und beharrliche Arbeit der Orientierung, Ermutigung und des Austausches“52.
Die kirchlichen Museen als Ort des inneren Engagements der Gläubigen und der Aufwertung und Erschließung des Kunst- und Kulturerbes verbinden dadurch, daß sie die greifbaren Zeichen der Traditio ecclesiae schützen, den Wert des Gedächtnisses wieder mit dem der Prophezeiung. Mittels des historisch-künstlerischen Erbes stellen sie die Erfüllung der Heilsgeschichte in Christus vor; sie bieten wieder das Werk christlicher Evangelisierung an; sie weisen in der Schönheit der Kunst auf „den neuen Himmel und die neue Erde“ hin; sie sind Zeichen für die Zusammenfassung aller Dinge in Christus. Was die kirchlichen Museen ausmacht, erlaubt ein Wachsen in Menschlichkeit und Spiritualität, weshalb es mit Recht in den Pastoralplan der Teilkirchen gehört. Die Aufmerksamkeit für dieses Erbe kann zu einem neuen und wirksamen Werkzeug christlicher Evangelisierung und kultureller Förderung werden.
Aus den in dem vorliegenden Rundschreiben entwickelten Überlegungen ergeben sich einige abschließende Forderungen, von denen sich die mit der Sorge um die Kulturgüter der Kirche zusammenhängenden Strategien leiten lassen können:
– im Bereich der einzelnen Teilkirchen ist ein umfassender Plan zum Thema Kulturgüter opportun;
– dieser Plan muß mit dem Pastoralplan auf diözesaner und lokaler Ebene eng verbunden sein;
– wünschenswert ist auch die Zusammenarbeit mit den zivilen Institutionen, die auf die gemeinsame Ausarbeitung von Plänen für die kulturelle Entwicklung abzielt;
– in diesem Zusammenhang darf das kirchliche Museum nicht nur als Besuchsort angesehen werden, sondern auch als Ort kultureller und pastoraler Aktivitäten und Erfahrungen in bezug auf das historische Leben der Kirche;
– es ist daher notwendig, die Priester für diese Themenbereiche zu erziehen, und zwar nicht allein durch Ausbildung und Fortbildung, sondern auch durch das unmittelbare Bewußtwerden des kirchlichen und zivilen Wertes des historischen Kunst- und Kulturerbes der Kirche;
– und ebenso unerläßlich ist die Vorbereitung der verschiedenen Fachkräfte, um die Nutznießer dieses Erbes auf angemessene Weise innerlich zu engagieren;
– opportun ist die Förderung von Forschungen auf dem Gebiet, um neue Formen der Kenntnis und der Heranführung an die Kulturgüter der Kirche entstehen zu lassen;
– sehr wichtig ist es, im Maße des Möglichen die Kulturgüter an ihrem Ursprungsort zu erschließen, indem man die verschiedenen Einheiten, aus denen sich die Kirchenregion zusammensetzt miteinander in Korrelation bringt;
– es ist opportun, angemessene Räume anzubieten, um im Diözesanmuseum alles unterzubringen, was vor Ort nicht bewahrt werden könnte, und in der genannten Einrichtung die vielfältigen Initiativen zur Animation der Besucher zu aktivieren,
– das Diözesanmuseum muß entsprechend organisiert werden: Durchführung der Inventarisierung und Katalogisierung sämtlicher in ihm untergebrachten Bestände (in Verbindung mit dem Inventar-Katalog der Diözese); gegebenenfalls Förderung multimedialer Didaktik; Aufbau der Verwaltung; Regelung des Umlaufs der Werke; Planung der Besuchsrouten; Anregung zum Zusammenwirken der Institutionen untereinander.
Angesichts des aktuellen Willens der Kirche, die eigenen Wurzeln zurückzugewinnen, ist es notwendig, sowohl auf kirchlicher wie auf ziviler Ebene die musealen Strategien auszubauen, um die verschiedenen Veranstaltungsangebote miteinander zu verbinden und das spezifisch Kirchliche wahrnehmbar zu machen.
Um diese Ziele zu erreichen:
– ist es vor allem notwendig, durch ein entsprechendes Kommunikationssystem das Interesse für das historische Kunst- und Kulturerbe der Kirche zu wecken: das ist die erste Dynamik - sie führt zum „Zugehen auf“ das kirchliche Museum und auf das, was mit ihm zusammenhängt, und macht den historischen, kulturellen, ästhetischen, affektiven und religiösen Wert des historisch-künstlerischen Erbes der Kirche offenkundig;
– ist es notwendig, allem, was im kirchlichen Museum ausgestellt ist, wieder Leben zu geben dadurch, daß man den Besuchern verständlich macht, daß das dargebotene Produkt Teil ihrer eigenen Existenz ist: das ist die zweite Dynamik - sie „führt hinein“ in das kirchliche Museum und betrachtet die inspirierenden Inhalte in ihrem Wert als Kulturgut;
– ist es notwendig, das Interesse dadurch ins Leben zurückzubringen, daß man in ihm all das wiederfinden läßt, was man in beispielhafter Weise in der musealen Vision gesehen hat: das ist die dritte Dynamik - sie „führt hinaus“ vor das kirchliche Museum, indem sie den Einzelnen wieder in seine Kultur eingliedert und in ihm den Wunsch aktiviert, die Kunst- und Kulturgüter, von denen er umgeben ist, zu schützen und zu bewahren.
In diesem Sinne wird das kirchliche Museum Ort der Menschlichkeit und religiöser Ort. In dem Maße, in dem der zeitgenössische Mensch die Vergangenheit bewußt in sich aufnimmt, hat er die Zukunft vor Augen. In dem Maße, in dem der Glaubende die eigene Geschichte wiederfindet, die Kunst genießt, heiligmäßig lebt, verkündet er den „Deus omnia in omnibus“, den „Gott, der alles in allen“ ist.
Nehmen wir zum Abschluß eine Aufforderung Johannes Pauls II. entgegen: „Wir befinden uns in einer Zeit, wo Erinnerungsstücke und Traditionen in der Absicht aufgewertet werden, den ursprünglichen Geist jedes Volkes wiederzugewinnen. Warum sollte man dasselbe nicht auch auf religiösem Gebiet machen können, um den Kunstwerken jeder Epoche wertvolle Hinweise auf den sensus fidei des christlichen Volkes zu entnehmen? Geht also auch ihr in die Tiefe, um die Botschaft heraufzuholen, die euch in dem Kunstgegenstand von der schöpferischen Prägespur der Künstler der Vergangenheit übergeben worden ist. Zahllose Wunder werden jedesmal ans Licht kommen, wenn der Prüfstein die Religion sein wird“53.
In der Hoffnung, daß die hier angestellten Überlegungen sich als brauchbarer Bezugspunkt für die einzelnen Teilkirchen erweisen und dadurch Orientierungen und besondere Regelungen fördern mögen, wünsche ich Ihnen alles Gute für Ihren Hirtendienst und für Ihr Bemühen um die kulturelle Förderung durch die Kulturgüter der Kirche, während es mir ein willkommener Anlaß ist, Ihnen meinen achtungsvollen und herzlichen Gruß zu entbieten. Ich verbleibe
Euer hochwürdigster Eminenz (Exzellenz)
im Herrn ergebener
Francesco Marchisano
Präsident
Rev. Prof. Carlo Chenis, SDB
Sekretär
Vatikanstadt, den 15. August 2001
1 Vgl. PÄPSTLICHE KOMMISSION FÜR DIE KULTURGÜTER DER KIRCHE; Rundschreiben Kirchliche Bibliotheken in der Sendung der Kirche, 19. März 1994, Prot. N. 179/91/35 (Enchiridion Vaticanum 14/610-649); EAD., Rundschreiben Die pastorale Funktion der Kirchenarchive, 2. Februar 1997, Prot. N. 274/92/118 (gedruckte Broschüre, Vatikanstadt 1997).2 Vgl. PÄPSTLICHE KOMMISSION FÜR DIE KULTURGÜTER DER KIRCHE; Rundschreiben Notwendigkeit und Dringlichkeit der Inventarisierung und Katalogisierung der Kulturgüter der Kirche, 8. Dezember 1999, Prot. N. 140/97/162 (gedruckte Broschüre, Vatikanstadt 1999).
3 II. VATIKANISCHES KONZIL, Pastoralkonstitution Gaudium et spes (7. Dezember 1965), Nr. 58. Diese auch an anderer Stelle (Ad gentes, Nr. 21) formulierte Konzilslehre wurde unter anderem von Johannes Paul II. in der Enzyklika Slavorum Apostoli (2. Juni 1985), Nr. 21 wieder aufgegriffen (Enchiridion Vaticanum 2/1554-1614).
4 JOHANNES PAUL II., Motu Proprio Inde a Pontificatus Nostri Initio (25. März 1993), Proömium (L’Osservatore Romano, d. Ausgabe, 14. Mai 1993, S. 7).
5 Die „Kulturgüter“ umfassen „vor allem das in den Dienst der Sendung der Kirche gestellte künstlerische Erbe der Malerei, der Bildhauerei, der Architektur, der Mosaikkunst und der Musik. Diesen sind sodann die in den kirchlichen Bibliotheken enthaltenen Buchbestände und die in den Archiven der Kirchengemeinden aufbewahrten historischen Dokumente hinzuzufügen. Schließlich gehören in diesen Bereich auch die Werke der Literatur, des Theaters und des Films, die von den Massenmedien erzeugt werden“: JOHANNES PAUL II., Ansprache an die Teilnehmer an der I. Vollversammlung der Päpstlichen Kommission für die Kulturgüter der Kirche, 12. Oktober 1995, Nr. 3 (L’Osservatore Romano, dt., 1.12.1995, S. 6).
6 PÄPSTLICHE KOMMISSION FÜR DIE KULTURGÜTER DER KIRCHE, Rundschreiben Die pastorale Funktion der Kirchenarchive, aaO., Nr.1.1.
7 JOHANNES PAUL II., Ansprache am 12. Oktober 1995, aaO., Nr. 4.
8 Ebd.
9 Vgl. HL. KONGREGATION FÜR DEN KLERUS, Rundschreiben Opera Artis. De cura patrimonii historico-artistici Ecclesiae, ad Praesides Conferentiarum Episcopalium, 11. April 1971; (AAS 63 [1971] S. 315-317), Codex Iuris Canonici (1983), can. 1283, §§ 2-3; PÄPSTLICHE KOMMISSION FÜR DIE KULTURGÜTER DER KIRCHE, Rundschreiben Notwendigkeit und Dringlichkeit der Inventarisierung und Katalogisierung der Kulturgüter der Kirche, aaO.
10 STAATSSKRETARIAT, Lettera circolare ai Vescovi d’Italia per la conservazione, custodia e uso degli archivi e delle biblioteche ecclesiastiche [Rundschreiben an die Bischöfe Italiens für die Erhaltung, den Schutz und die Benützung der kirchlichen Archive und Bibliotheken], 15. April 1923, Prot. N. 16605 (M. VISMARA MISSIROLLI, Codice dei Beni Culturali di interesse religioso. I. Normativa Canonica, Mailand 1993, S. 188-196). EAD., Lettera circolare agli Ordinari d’Italia [Rundschreiben an die Bischöfe Italiens], 1. September 1924, Prot. N. 34215 (ebd., S. 196-198).
11 Einen ausführlichen Überblick über die wichtigsten Interventionen des Lehramtes zugunsten der Kulturgüter seit der Antike bietet das 1. Kapitel des letzten Rundschreibens dieser Päpstlichen Kommission, Notwendigkeit und Dringlichkeit der Inventarisierung und Katalogisierung der Kulturgüter der Kirche, aaO.
12 PIUS VII., Chirografo sulla conservazione dei monumenti e sulla produzione di belle arti [Erlaß über die Erhaltung der Denkmäler und über das Schaffen der schönen Künste],1. Oktober 1802, enthalten in: Editto del Camerlengo di S.R.C. Cardinal Doria Pamphilj (A. EMILIANI; Leggi, bandi e provvedimenti oer la tutela die beni artistici e culturali negli antichi stati italiani, 1571-1860, Bologna 1978, S. 110-125).
13 Ebd., Nr. 10. Die im Chirograph enthaltenen Prinzipien liegen dem berühmten Editto del Cardinale Camerlengo Bartolomeo Pacca, sopra le antichità e scavi, vom 7. April 1820 zugrunde (A. EMILIANI, Leggi, bandi e provvedimenti, aaO., S. 130-145); dieser Erlaß mit seinen Verfügungen, was Ausgrabungen, Aufbewahrung und Umlauf der antiken und modernen Kunstwerke betrifft, gilt als ein Fundament der modernen Gesetzgebung in bezug auf die Kulturgüter.
14 STAATSSEKRETARIAT, Lettera circolare ai vescovi d’Italia per la conservazione, custodia ed uso degli archivi e delle biblioteche ecclesiastiche 15 April 1923, aaO.
15 STAATSSEKRETARIAT, Lettera circolare agli ordinari d’Italia, 1. September 1924, aaO.
16 HL. KONZILSKONGREGATION, Disposizioni per la custodia e conservazione degli oggetti di storia ed arte sacra in Italia, 24. Mai 1939 (AAS 31 [1939] S. 266-268).
17 PÄPSTLICHE ZENTRALKOMMISSION FÜR DIE SAKRALE KUNST IN ITALIEN, Schema di regolamento per i Musei diocesani (G. FALLANI, Tutela e conservazione del patrimonio storico e artistico della Chiesa in Italia, Brescia 1974, S. 225-229); EAD., Schema di verbale di deposito in Musei statali (ebd., S. 229-230); EAD., Schema di verbale di deposito in Musei non statali (ebd., S. 230-232); EAD., Norme relative al prestito di opere d’arte di proprietà di Enti ecclesiastici (ebd., S. 232-235).
18 HL. KONGREGATION FÜR DEN KLERUS, Rundschreiben Opera Artis, aaO., Nr. 6.
19 Codex Iuris Canonici (1983) [CIC], can. 638 § 3 , 1269, 1270, 1292, 1377 (Schenkung, Erwerb und Veräußerung); can. 1189 (Restaurierung von Bildern); can. 1220 § 2 und 1234 § 2 (sichere Aufbewahrung und sichtbare Aufstellung der heiligen und wertvollen Güter); can. 1222 (Rückführung einer nicht mehr zum Gottesdienst verwendeten Kirche in den profanen Gebrauch); can. 1283 und 1284 (Aufgaben und Pflichten der Verwalter; Bestandsverzeichnis).
Codex Canonum Ecclesiarum Orientalium (1990) [CCEO], can. 278 (Überwachung); can. 873 (Rückführung von Kirchen in den profanen Gebrauch); can. 887 § 1, 888, 1018, 1019, 1036 und 1449 (Veräußerung); can. 887 § 2 (Restaurierung); can. 1025 und 1026 (Bestandsverzeichnis).
20 JOHANNES PAUL II., Apostolische Konstitution Pastor Bonus, 28. Juni 1988 (AAS 80 [1988] S. 885-886) Art. 102.
21 JOHANNES PAUL II., Botschaft an die Teilnehmer an der II. Vollversammlung der Päpstlichen Kommission für die Kulturgüter der Kirche, 25. September 1997, Nr. 2 (in: L’Osservatore Romano, dtsch., 17.10.1997, S. 11).
22 JOHANNES PAUL II., Ansprache, 12. Oktober 1995, aaO., Nr. 3.
23 DERS., Botschaft, 25. September 1997, aaO., Nr. 3.
24 PÄPSTLICHE KOMMISSION FÜR DIE KULTURGÜTER DER KIRCHE; Rundschreiben Die pastorale Funktion der Kirchenarchive, aaO., Nr. 1.1.
25 PAUL VI., Ansprache Zum Tempelweihfest, 17. November 1965 (Insegnamenti di Paolo VI, Bd. III, Vatikanstadt 1965, S. 1101-1104).
26 JOHANNES PAUL II., Botschaft, 25. September 1997, aaO., Nr. 4.
27 Vgl. PAUL VI., Ansprache an die Teilnehmer am V. Kongreß der Kirchenarchivare, 26. September 1963 (Archiva Ecclesiae 5-6 [1962-1963], S. 173-175).
28 Vgl. vorliegendes Rundschreiben, Nr. 1.3: Geschichtliche Hinweise auf die Bewahrung des historisch-künstlerischen Erbes.
29 CIC, can. 1257 - § 1. Bona temporalia omnia quae ad Ecclesiam universam, Apostolicam Sedem aliasve in Ecclesia personas iuridicas publicas pertinent, sunt bona ecclesiastica et reguntur canonibus qui sequuntur, necnon propriis statutis. Vgl. CCEO, can. 1009 - § 2.
30 CIC, can. 368 - Ecclesiae particulares, in quibus et ex quibus una et unica Ecclesia catholica exsistit, sunt imprimis dioeceses, quibus, nisi aliud constet, assimilantur praelatura territorialis et abbatia territorialis, vicariatus apostolicus et praefectura apostolica necnon administratio apostolica stabiliter erecta. Vgl. CCEO, can. 178.
31 CIC, can. 381 - § 1. Episcopo dioecesano in dioecesi ipsi commissa omnis competit potestas ordinaria, propria et immediata, quae ad exercitium eius muneris pastoralis requiritur, exceptis causis quae iure aut Summi Pontificis decreto supremae aut alii auctoritati ecclesiasticae reserventur. § 2. Qui praesunt aliis communitatibus fidelium, de quibus in can. 368, Episcopo dioecesano in iure aequiparantur, nisi ex rei natura aut iuris praescripto aliud appareat.
32 JOHANNES PAUL II., Ansprache, 12. Oktober 1997, aaO., Nr. 3.
33 Im allgemeinen fällt alles, was mit der Erschließung der Kulturgüter zusammenhängt, in das apostolische Wirken der Kirche, um das sich der Diözesanbischof kümmert und das er fördert. Vgl. CIC, can. 394 - § 1. Varias apostolatus rationes in dioecesi foveat Episcopus, atque curet ut in universa dioecesi, vel in eiusdem particularibus districtibus, omnia apostolatus opera, servata uniuscuiusque propria indole, sub suo moderamine coordinentur.
§ 2. Urgeat officium, quo tenentur fideles ad apostolatum pro sua cuiusque condicione et aptitudine exercendum, atque ipsos adhortetur ut varia opera apostolatus, secundum necessitates loci et temporis, participent et iuvent. Vgl. CCEO, can. 203 - § 1-2.
34 HL. KONREGATION FÜR DEN KLERUS , Rundschreiben Opera Artis, aaO., Nr. 6.
35 Bei der Abfassung von Statuten und Betriebsordnungen ist es empfehlenswert, einige Aspekte zu berücksichtigen, die wir hier aufzählen.
Punkte für das Statut eines Diözesanmuseums (und analog eines Kirchenmuseums): 1. Gründungsdatum, Eigentum; 2. Zweckbestimmung der Einrichtung; 3. Kurzbeschreibung des Sitzes und der Sammlungen; 4. Direktor: Ernennung, Amtsdauer, Aufgaben und Zuständigkeiten; 5. Kommission des Museums: Ernennung der Mitglieder und Auftragsdauer, Aufgaben und Zuständigkeiten; 6. Rat für Wirtschafts- und Finanzverwaltung; 7. Sekretariat und Archiv; 8. Aufsichtspersonal.
36 Vgl. CIC, can. 620 - Superiores maiores sunt, qui totum regunt institutum, vel eius provinciam, vel partem eidem aequiparatam, vel domum sui iuris, itemque eorum vicarii. His accedunt Abbas Primas et Superior congregationis monasticae, qui tamen non habent omnem potestatem, quam ius universale Superioribus maioribus tribuit. Vgl. CCEO, can. 418.
37 Vgl. CIC, can. 734 - Regimen societatis a constitutionibus determinatur, servatis, iuxta naturam uniuscuiusque societatis, cann. 617-633. Vgl. CCEO, can. 557.
38 Vgl. PÄPSTLICHE KOMMISSION FÜR DIE KULTURGÜTER DER KIRCHE, Rundschreiben Die Kulturgüter der Ordensinstitute, 10. April 1994, Prot. N. 275/92/12 (Enchiridion Vaticanum 14/918-947).
39 Vgl. CIC, can. 678 - § 3. In operibus apostolatus religiosorum ordinandis Episcopi dioecesani et Superiores religiosi collatis consiliis procedant oportet. Vgl. CCEO, can. 416.
40 Vgl. CIC, can. 681 - § 1. Opera quae ab Episcopo dioecesano committuntur religiosis, eiusdem Episcopi auctoritati et directioni subsunt, firmo iure Superiorum religiosorum ad normam can. 678, §§ 2 et 3.
§ 2. In his casibus ineatur conventio scripta inter Episcopum dioecesanum et competentem instituti Superiorem, qua, inter alia, expresse et accurate definiantur quae ad opus explendum, ad sodales eidem addicendos et ad oeconomicas spectent. Vgl. CCEO, can. 415 - § 3.
41 Was die operativen Kriterien für die Ausstellung und die Wartung der Objekte betrifft, kann man sich an die von nationalen Ämtern und Vereinen erlassenen Richtlinien halten (so gab es z.B. in Irland die Veröffentlichung eines Handbuches vom HERITAGE COUNCIL, Caring for Collections. A Manual of Preventive Conservation, Dublin 2000).
42 Wegen einer geeigneten Einrichtung der Lehrräume kann man sich mit nationalen und internationalen Ämtern und Vereinen in Verbindung setzen, die Sonderprogramme für Museumspädagogik ausgearbeitet haben. In diesem Zusammenhang sei an die von den nationalen Zentren des ICOM (International Council of Museums) erarbeiteten und gestarteten Programme erinnert. Außerdem hat man in verschiedenen Ländern spezifische Lehrprogramme in bezug auf die Nutzung der Kulturgüter und die aktive gegenseitige Annäherung zwischen den Museumsanlagen eingeführt (in den USA z.B. wurden das Programm MUSE Educational Media und das vom Getty Information Institute in Zusammenarbeit mit der Association of Art Museum Directors, der American Association of Museums und der Coalition for Networked Information geförderte Projekt The Museum Educational Side Licencing Project [MESL] durchgeführt).
43 Es bestehen genaue internationale Vorschriften über die Ausstellung von Kunstwerken, die deren Bewahrung und Instandhaltung erleichtern sollen. In diesem Zusammenhang sei an einige von internationalen Körperschaften herausgegebene Dokumente erinnert: ICOM, Code de Déontologie Professionelle de l’ICOM, Paris 1990; ICOM, Documentation Committee CIDOC Working Standard for Museum Objects, 1995; EUROPARAT, Revidierte Konvention über den Schutz des archäologischen Erbes, Malta 1992; ICOMOS (International Council of Monuments and Sites), International Cultural Turism Charter, 1998, Art. 2.4, 6.1, 3.1, 5.4.
Zu diesen Dokumenten kommen noch die bei internationalen Tagungen über die Diözesan- und kirchlichen Museen erlassenen Direktiven, wie z.B. das Rome Document, das von der 44. Jahresversammlung der ARBEITSGEMEINSCHAFT KIRCHLICHER MUSEEN UND SCHATZKAMMERN angenommen wurde (Rom, 31. Mai 1995).
44 Vgl. Anm. 35.
45 PAUL VI., Predigt am Hochfest der ohne Erbsünde empfangenen Jungfrau und Gottesmutter Maria, 8. Dezember 1965 (Insegnamenti di Paolo VI, III, aaO., S. 742-747).
46 Mt 6, 28-29.
47 Vgl. PÄPSTLICHE KOMMISSION FÜR DIE ERHALTUNG DES HISTORISCHEN KUNST- UND KULTURERBES DER KIRCHE (heute: PÄPSTLICHE KOMMISSION FÜR DIE KULTURGÜTER DER KIRCHE), Rundschreiben an die Diözesanbischöfe über die Ausbildung der Priesteramtskandidaten bezüglich der Kulturgüter, 15. Oktober 1992, Prot. N. 121/90/18 (Notitiae 28 [1992], S. 714-731), Nr. 1.
48 JOHANNES PAUL II., Ansprache an die Teilnehmer am Italienischen Nationalkongreß für Sakralkunst Der Künstler ist Mittler zwischen dem Evangelium und dem Leben, 27. April 1981 (Insegnamenti di Giovanni Paolo II, IV/1, Città del Vaticano 1981, S. 1052-1056); DERS., Brief an die Künstler, 4. April 1999 (Città del Vaticano 1999).
49 Bezüglich des Ausbildungsproblems hielt es die Päpstliche Kommission für angebracht, ein erstes Rundschreiben (15. Oktober 1992) an alle Bischöfe der Welt zu richten über die Notwendigkeit, die künftigen Priester auf die Pflege der Kulturgüter der Kirche vorzubereiten (PÄPSTLICHE KOMMISSION FÜR DIE ERHALTUNG DES HISTORISCHEN KUNST- UND KULTURERBES DER KIRCHE [heute: PÄPSTLICHE KOMMISSION FÜR DIE KULTURGÜTER DER KIRCHE], Rundschreiben an die Diözesanbischöfe über die Ausbildung der Priesteramtskandidaten bezüglich der Kulturgüter, aaO.). Da es sich um einen fundamentalen Aspekt handelt, wandte sich die Kommission drei Jahre später noch einmal mit einem Rundbief an alle Bischofskonferenzen (3. Februar 1995) mit der Frage, welche Initiativen in dem besagten Zeitraum für die Ausbildung des Klerus für die Kulturgüter unternommen worden seien (PÄPSTLICHE KOMMISSION FÜR DIE KULTURGÜTER DER KIRCHE, Rundbrief, 3. Februar 1995, Prot. N. 15/95/2). Dieselbe Überlegung galt der von den Katholischen Universitäten geleisteten Arbeit für die Kulturgüter der Kirche. Dazu erging in Rundbrief (31. Januar 1992) an alle Katholischen Universitäten der Welt, in dessen Folge Daten gesammelt wurden, die für die künftige Arbeit der Kommission selbst beträchtliche Bedeutung besaßen (PÄPSTLICHE KOMMISSION FÜR DIE ERHALTUNG DES HISTORISCHEN KUNST- UND KULTURERBES DER KIRCHE [heute: PÄPSTLICHE KOMMISSION FÜR DIE KULTURGÜTER DER KIRCHE], Rundschreiben an die Rektoren der Katholischen Universitäten, 31. Januar 1992, und PÄPSTLICHE KOMMISSION FÜR DIE KULTURGÜTER DER KIRCHE, Brief an die Rektoren der Katholischen Universitäten zur Übersendung des „Berichtes über die Antworten der Katholischen Universitäten zu den bezüglich der Kulturgüter der Kirche geförderten Aktivitäten“, 10. September 1994, Prot. N. 239/89/18). Die KONGREGATION FÜR DAS KATHOLISCHE BILDUNGSWESEN ersuchte die PÄPSTLICHE KOMMISSION FÜR DIE KULTURGÜTER DER KIRCHE, eine Doppelnummer der Zeitschrift Seminarium über das Thema Die Ausbildung der Seminaristen für die pastorale Erschließung der kirchlichen Kulturgüter auszurichten (vgl. Seminarium N.S. 39/2-3 (1999). Dieser Band wurde allen Bischofskonferenzen der Welt zugesandt.
50 Vgl. PÄPSTLICHE KOMMISSION FÜR DIE ERHALTUNG DES HISTORISCHEN KUNST- UND KULTURERBES DER KIRCHE (heute: PÄPSTLICHE KOMMISSION FÜR DIE KULTURGÜTER DER KIRCHE), Rundschreiben an die Diözesanbischöfe über die Ausbildung der Priesteramtskandidaten bezüglich der Kulturgüter, aaO., Nr. 22. Das Dokument erwähnt ebenso wie die Verantwortung der Kirche in bezug auf das Kunsterbe „als integrierenden Bestandteil ihres Amtes die Förderung, den Schutz und die Erschließung der erhabensten Äußerungen des menschlichen Geistes im künstlerischen und historischen Bereich“.
51 In diesem Zusammenhang hat die Päpstliche Universität Gregoriana in Rom seit 1991 einen “Hochschulkurs für die Kulturgüter der Kirche“ ausgerichtet. Das Beispiel wurde mit ähnlichen Initiativen in Paris, Lissabon, Mexiko, Brescia (Italien) usw. aufgegriffen. In den staatlichen akademischen Zentren vieler Nationen wurden auch Fachkurse für Museumskunde eingerichtet, die eine wertvolle Stütze für die allgemeine Vorbereitung der Fachkräfte der kirchlichen Museen darstellen könnten.
52 Vgl. JOHANNES PAUL II., Botschaft, 25. September 1997, aaO., Nr. 4.
53 JOHANNES PAUL II., Ansprache an die Teilnehmer am Italienischen Nationalkongreß für Sakrale Kunst, 27. April 1981, aaO.
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Päpstlicher Rat für die Kultur: Für eine Kulturpastoral
21.1.2010 by admin.
PÄPSTLICHER RAT FÜR DIE KULTUR
FÜR EINE KULTURPASTORAL
INHALTSVERZEICHNIS
Einleitung: Neue kulturelle Situationen, neue Felder für die Evangelisierung
I. Glaube und Kultur: Orientierungslinien
Die Frohe Botschaft des Evangeliums für die Kulturen
Evangelisierung und Inkulturation
Eine Kulturpastoral
II. Herausforderungen und Ansatzpunkte
Eine neue Epoche der Menschheitsgeschichte
Neue Areopage und herkömmliche Kulturbereiche
Kulturelle Verschiedenheit und religiöse Pluralität
III. Konkrete Vorschläge
Vorrangige Ziele der Pastoral
Die Religionen und das “Religiöse”
Gewöhnliche Orte der Glaubenserfahrung, Volksfrömmigkeit, Pfarrei
Bildungseinrichtungen
Theologische Bildungszentren
Katholische Kulturzentren
Soziale Kommunikationsmittel und religiöse Information
Naturwissenschaften, Technik, Bioethik und Okologie
Kunst und Künstler
Kulturerbe und religiöser Tourismus
Die Jugend
Schluß: Für eine in der Kraft des Heiligen Geistes erneuerte Kulturpastoral
EINLEITUNG
Neue kulturelle Situationen, neue Felder für die Evangelisierung
1. “Der Prozeß der Begegnung und Auseinandersetzung mit den Kulturen ist eine Erfahrung, welche die Kirche von den Anfängen der Verkündigung des Evangeliums an erlebt hat” (Fides et ratio, Nr. 70), denn “in der Person des Menschen selbst liegt es begründet, daß sie nur durch die Kultur […] zur wahren und vollen Verwirklichung des menschlichen Wesens gelangt” (Gaudium et spes, Nr. 53). In diesem Sinn erreicht die Frohe Botschaft, das Evangelium Christi für jeden Menschen und für den ganzen Menschen, der “zugleich Kind und Vater der Kultur ist, in der er eingebunden ist” (Fides et ratio, Nr. 71), den Menschen in seiner Kultur, die sein Glaubensleben durchdringt und ihrerseits schrittweise vom Glauben umgestaltet wird. “In unserer heutigen Zeit, in der das Evangelium nach und nach mit Kulturräumen in Berührung kommt, die sich bisher außerhalb des Verbreitungsbereiches des Christentums befunden hatten, eröffnen sich für die Inkulturation neue Aufgaben” (ebd., Nr. 72). Zur gleichen Zeit befinden sich traditionell christliche Kulturen oder Kulturen mit jahrtausendealten religiösen Traditionen in einer Krise. Es geht folglich nicht nur darum, Kulturen mit dem Glauben zu veredeln, sondern auch darum, einer entchristlichten Welt, in der die einzigen christlichen Bezüge kultureller Natur sind, neues Leben zu schenken. Die neuen kulturellen Situationen in der Welt bieten der Kirche auf der Schwelle zum dritten Jahrtausend viele neue Felder zur Evangelisierung.
Angesichts dieser Herausforderungen unserer Zeit, die “zugleich etwas Dramatisches und Faszinierendes an sich hat” (Redemptoris Missio, Nr. 38) möchte der Päpstliche Rat für die Kultur verschiedene Überzeugungen und konkrete Vorschläge für eine neue Kulturpastoral weitergeben, da die Kultur ein bevorzugter Ort für die Begegnung mit der Botschaft Christi ist. “Jede Kultur ist [nämlich] ein Bemühen, über das Geheimnis der Welt und insbesondere des Menschen nachzudenken; sie ist eine Weise, die transzendente Dimension des menschlichen Lebens zum Ausdruck zu bringen. Das Herz jeder Kultur ist ihr Streben, dem größten aller Geheimnisse, dem Geheimnis Gottes, näherzukommen”.(1) Der springende Punkt der Kulturpastoral ist daher: “Wenn der Glaube nicht Kultur wird, ist er nicht vollends angenommen, nicht ganz durchdacht und nicht treu gelebt”.(2) Die folgenden Überzeugungen und Vorschläge sind das Ergebnis zahlreicher Gespräche und vor allem der konstruktiven Zusammenarbeit mit den Bischöfen, den Hirten der Diözesen, und ihren Mitarbeitern auf diesem Apostolatsfeld.
Der Päpstliche Rat für die Kultur möchte so dem eindringlichen Appell nachkommen, den Papst Johannes Paul II. an ihn gerichtet hat: “Sie sollen der Kirche helfen, auf die für die zeitgenössischen Kulturen grundlegenden Fragen zu antworten: Wie ist die Botschaft der Kirche den neuen Kulturen, den heutigen Formen des Verständnisses und der Empfindung zugänglich? Wie kann sich die Kirche Christi beim modernen Geist Gehör verschaffen, der so stolz auf seine Leistungen und zugleich so ängstlich besorgt um die Zukunft der Menschheit ist? Wer ist Jesus Christus für die Männer und Frauen von heute?”.(3)
I. GLAUBE UND KULTUR:
ORIENTIERUNGSLINIEN
2. Als Verkünderin der Botschaft Christi, des Erlösers des Menschen, ist sich die Kirche in unserer Zeit erneut der kulturellen Dimension der Person und der menschlichen Gemeinschaften bewußt geworden. Das II. Vatikanische Konzil, insbesondere die Pastoralkonstitution über die Kirche in der Welt von heute und das Dekret über die Missionstätigkeit der Kirche, die Bischofssynoden über die Evangelisierung in der Welt von heute und über die Katechese in unserer Zeit, die sich in den Apostolischen Schreiben Evangelii nuntiandi Pauls VI. und Catechesi tradendae Johannes Pauls II. niedergeschlagen haben, legen in dieser Hinsicht eine ergiebige Lehre vor, welche die folgenden Sonderversammlungen der Bischofssynode für die verschiedenen Kontinente und die Nachsynodalen Apostolischen Schreiben des Heiligen Vaters näher ausgeführt haben. Die Inkulturation des Glaubens war zudem Gegenstand eingehender Überlegungen der Päpstlichen Bibelkommission (4) und der Internationalen Theologenkommission.(5) Johannes Paul II. zitiert in seiner Enzyklika Redemptoris Missio das Schlußdokument der Außerordentlichen Bischofssynode 1985 anläßlich des zwanzigsten Jahrestags des Abschlusses des II. Vatikanischen Konzils und erklärt: “Inkulturation “bedeutet die innere Umwandlung der authentischen kulturellen Werte durch deren Einfügung ins Christentum und die Verwurzelung des Christentums in den verschiedenen Kulturen” (Außerordentliche Versammlung 1985, Schlußbericht, II, C 6)” (Nr. 52). Der Papst hat in vielen Ansprachen im Laufe seiner Apostolischen Reisen ebenso wie die Lateinamerikanische Bischofskonferenz in Puebla und Santo Domingo (6) die Pastoral der Kirche unserer Zeit im Hinblick auf diese neue Dimension aktualisiert und konkretisiert, um die Menschen in ihrer Kultur zu erreichen.
Die aufmerksame Analyse der verschiedenen Kulturbereiche, die das Dokument durchführt, zeigt den Umfang dessen, was Kultur ist, nämlich jene besondere Weise, in der Menschen und Völker ihre Beziehungen zur Natur und ihresgleichen, zu sich selbst und zu Gott pflegen, um zur vollen Verwirklichung des menschlichen Lebens zu gelangen (vgl. Gaudium et spes, Nr. 53). Es gibt nur eine Kultur des Menschen, durch den Menschen und für den Menschen. Sie ist die ganze Tätigkeit des Menschen, sein Denken und Fühlen, seine Sinnsuche, seine Bräuche und ethischen Grundsätze. Die Kultur entspricht so sehr der Natur des Menschen, daß sich die Natur nur in der menschlichen Kultur vollendet und nach außen zeigt. Ziel der Kulturpastoral ist es daher, den Menschen, der nach dem “Abbild Gottes” (Gen 1,26) geschaffen ist, wieder zur Fülle seines Wesens zurückzuführen. Die Kulturpastoral will ihn vor der anthroprozentrischen Versuchung bewahren, sich von seinem Schöpfer unabhängig zu erklären. Deshalb ist es nicht zu leugnen - und diese Feststellung ist für die Kulturpastoral entscheidend -, “daß sich der Mensch immer in einer bestimmten Kultur befindet, aber ebenso wenig läßt sich bestreiten, daß sich der Mensch in dieser jeweiligen Kultur auch nicht erschöpft. Im übrigen beweist die Kulturentwicklung selbst, daß es im Menschen etwas gibt, das alle Kulturen transzendiert. Dieses “Etwas” ist eben die Natur des Menschen: Sie gerade ist das Maß der Kultur und die Voraussetzung dafür, daß der Mensch nicht zum Gefangenen irgendeiner seiner Kulturen wird, sondern seine Würde als Person dadurch behauptet, daß er in Übereinstimmung mit der tiefen Wahrheit seines Wesens lebt” (Veritatis splendor, Nr. 53).
Die Kultur entspringt in ihrer wesentlichen Beziehung zur Wahrheit und zum Guten nicht allein den Noterfahrungen, Interessenschwerpunkten oder Grundbedürfnissen. “Die erste und grundlegende Dimension der Kultur ist”, wie Johannes Paul II. vor der UNESCO betont, “ihre gesunde Moral: also die moralische Kultur”.(7) “Wenn die Kulturen tief im Humanen verwurzelt sind, tragen sie das Zeugnis der typischen Öffnung des Menschen für das Universale und für die Transzendenz in sich” (Fides et ratio, Nr. 70). Da die Kulturen in der Spannung auf ihre Vollendung hin von den dynamischen Kräften der Menschen und ihrer Geschichte geprägt sind (vgl. ebd., Nr. 71), haben sie auch an der Sünde teil. Deshalb müssen die Christen eine entsprechende Gabe der Unterscheidung besitzen. Da das Wort Gottes in der Menschwerdung die menschliche Natur in ihrer konkreten, geschichtlichen Dimension angenommen, aber nicht gesündigt hat (vgl. Hebr 4,15), hat es sie gereinigt und zu ihrer Fülle im Heiligen Geist geführt. Gott offenbart sich dem Menschen “in Wort und Tat, die innerlich miteinander verknüpft sind” (Dei Verbum, Nr. 2) und öffnet ihm sein Herz. Er offenbart den Menschen in ihrer Sprache das Geheimnis seiner Liebe, “um sie in seine Gemeinschaft einzuladen und aufzunehmen” (ebd.).
Die Frohe Botschaft des Evangeliums für die Kulturen
3. Um sich dem Menschen zu offenbaren, mit ihm ins Gespräch zu kommen und ihn zum Heil zu berufen, hat Gott sich aus dem reichen Spektrum jahrtausendealter Kulturen, die der menschliche Geist hervorgebracht hat, ein Volk erwählt, dessen ursprüngliche Kultur er durchdrungen, gereinigt und fruchtbar gemacht hat. Die Geschichte des Bundes ist die Geschichte von der Entstehung einer Kultur, die Gott selbst in seinem Volk erweckt hat. Die Heilige Schrift ist das von Gott gewollte und gebrauchte Werkzeug, um sich zu offenbaren. Deshalb transzendiert sie die Kultur. “Zur Abfassung der Heiligen Bücher hat Gott Menschen erwählt, die ihm durch den Gebrauch ihrer eigenen Fähigkeiten und Kräfte dazu dienen sollten” (Dei Verbum, Nr. 11). In der Heiligen Schrift, dem Wort Gottes, das die ursprüngliche Inkulturation des Glaubens an den Gott Abrahms darstellt, “sind Gottes Worte, durch Menschenzunge formuliert, menschlicher Rede ähnlich geworden” (ebd. Nr. 13). Die in der heiligen Geschichte enthaltene Botschaft der Offenbarung besitzt immer eine kulturelle Hülle, von der sie sich nicht trennen läßt, insofern diese Hülle ein unerläßlicher Bestandteil der Botschaft der Offenbarung ist. Die Bibel, Gottes Wort im Menschenwort, stellt den Archetyp der fruchtbaren Begegnung zwischen dem Wort Gottes und der Kultur dar.
In dieser Hinsicht ist die Berufung Abrahams bezeichnend: “Zieh weg aus deinem Land, von deiner Verwandtschaft und aus deinem Vaterhaus” (Gen 12,1). “Aufgrund des Glaubens gehorchte Abraham dem Ruf, wegzuziehen in ein Land, das er zum Erbe erhalten sollte; und er zog weg, ohne zu wissen, wohin er kommen würde. Aufgrund des Glaubens hielt er sich als Fremder im verheißenen Land wie in einem fremden Land auf und wohnte […] in Zelten; denn er erwartete die Stadt mit den festen Grundmauern, die Gott selbst geplant und gebaut hat” (Hebr 11,8-10). Die Geschichte des Volkes Gottes beginnt mit einer Glaubenszustimmung, die gleichzeitig ein Bruch mit der Kultur ist, um im Kreuz Christi ihren Höhepunkt zu finden. Dieses Kreuz ist ein wahrer Bruch, die Erhöhung von der Erde, aber auch der Anziehungspunkt, der die Geschichte der Welt auf Christus ausrichtet und die verstreuten Kinder Gottes in Einheit versammelt: “Wenn ich über die Erde erhöht bin, werde ich alle zur mir ziehen” (Joh 12,32).
Der Bruch mit der Kultur, mit dem die Berufung Abrahams, “des Vaters im Glauben”, beginnt, bringt das zum Ausdruck, was sich in der Tiefe des menschlichen Herzens ereignet, wenn Gott in seine Existenz einbricht, um sich ihm zu offenbaren und von ihm die bindende Zusage seines ganzen Seins verlangt. Gott hat Abraham aus seiner geistigen und kulturellen Umwelt herausgerissen, um ihn im Glauben in das verheißene Land einzupflanzen. Ja, dieser Bruch macht den grundlegenden, wesenhaften Unterschied zwischen Glauben und Kultur deutlich. Im Gegensatz zu den Götzen, die Frucht der Kultur sind, ist der Gott Abrahams der ganz Andere. Durch die Offenbarung tritt er in Abrahams Leben ein. Die zyklische Zeit der alten Religionen ist überholt: Mit Abraham und dem jüdischen Volk beginnt eine neue Zeit, die zur Geschichte der Menschen auf dem Weg zu Gott wird. Nicht mehr das Volk schafft sich einen Gott, sondern Gott erwählt sich ein Volk und macht es zu seinem Volk, zum Volk Gottes.
In der biblischen Kultur spielt dieser Umstand eine große Rolle. Sie ist eine Kultur des Volkes Gottes, in dessen Mitte er Mensch geworden ist. Die an Abraham ergangene Verheißung erreicht in der Verherrlichung des gekreuzigten Christus ihren Höhepunkt. Der Vater im Glauben, der nach der Erfüllung der Verheißung strebt, verkündet das Opfer des Gottessohnes am Holz des Kreuzes. In Christus wird die ganze Schöpfung vereint, in ihm ruft Gott in seiner Liebe alle Menschen auf, ihm ähnlich zu werden. Gott, der ganz Andere, hat sich in Jesus Christus, der ganz einer von uns war, geoffenbart: “Des ewigen Vaters Wort ist durch die Annahme menschlich-schwachen Fleisches den Menschen ähnlich geworden” (Dei Verbum, Nr. 13). Auch der Glaube besitzt die Kraft, das Herz jeder Kultur zu erreichen, sie zu reinigen, fruchtbar zu machen, zu bereichern und zu einer Entwicklung zu befähigen, die der maßlosen Liebe Christi entspricht. Die Annahme der Botschaft Christi erweckt so eine Kultur, deren zwei wesentliche Bestandteile in völlig neuer Hinsicht die Person und die Liebe sind. Die erlösende Liebe Christi enthüllt - über die natürlichen Grenzen der Personen hinaus - ihren hohen Wert, der im Stand der Gnade, der Gabe Gottes, aufleuchtet. Christus ist die Quelle dieser Zivilisation der Liebe, nach der sich die Menschen seit dem Sündenfall im Garten Eden sehnen. Nach Paul VI. ruft uns Johannes Paul II. unermüdlich auf, diese Zivilisation zusammen mit allen Menschen guten Willens konkret zu verwirklichen. Denn die grundlegende Verbindung des Evangeliums, das heißt Christi und der Kirche, mit dem Menschen in seinem Menschsein, ist prinzipiell kulturbildend. Indem die Kirche nach dem Evangelium lebt - und die zweitausendjährige Geschichte bezeugt dies - erhellt sie den Sinn und Wert des Lebens; sie weitet den Horizont der Vernunft und bekräftigt die Grundlagen der Moral. Der richtig gelebte christliche Glaube offenbart die Würde der menschlichen Person in ihrer ganzen Tiefe sowie die Erhabenheit ihrer Berufung (vgl. Redemptoris hominis, Nr. 10). Das Christentum zeichnet sich seit seinen Ursprüngen durch sein Glaubensverständnis und sein kühnes Denken aus. Davon zeugen Pioniere wie der heilige Justin und der heilige Klemens von Alexandrien, Origenes und die Kappadokier. Auf diese fruchtbare Begegnung des Evangeliums mit den Philosophien bis in unsere Zeit hinein hat Johannes Paul II. in seiner Enzyklika Fides et ratio (vgl. Nr. 36-48) hingewiesen. “Die Begegnung des Glaubens mit den verschiedenen Kulturen hat tatsächlich eine neue Wirklichkeit ins Leben gerufen” (Fides et ratio, Nr. 70); sie hat so in den verschiedensten Kontexten eine eigenständige Kultur geschaffen.
Evangelisierung und Inkulturation
4. Die Evangelisierung im eigentlichen Sinn besteht in der expliziten Verkündigung des Heilsgeheimnisses Christi und seiner Botschaft, denn Gott “will, daß alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen” (1 Tim 2,4). “So ist es nötig, daß sich alle zu ihm, der durch die Verkündigung der Kirche erkannt wird, bekehren sowie ihm und seinem Leib, der Kirche, durch die Taufe eingegliedert werden” (Ad gentes, Nr. 7). Die unaufhörlich sprudelnde Neuheit der Offenbarung Gottes “in Wort und Tat, die innerlich miteinander verknüpft sind” (Dei Verbum, Nr. 2), macht die Wahrheit über Gott und das Heil des Menschen kund und wird durch den in der Kirche wirkenden Geist Christi mitgeteilt. Die Verkündigung Christi, “der zugleich der Mittler und die Fülle der ganzen Offenbarung ist” (ebd.), bringt die semina Verbi ans Licht, die in den Kulturen verborgen und manchmal gleichsam begraben sind; sie entfaltet sie nach Maßgabe ihrer Ausrichtung auf das Unendliche, die der Schöpfer in sie hineingelegt hat und in der wunderbaren Herablassung der ewigen Weisheit (vgl. Dei Verbum, Nr. 13) befriedigt, indem sie deren Sinnentwurf auf die Transzendenz hin umgestaltet, und macht jene festen Erwartungen zu Ansatzpunkten für die Aufnahme des Evangeliums. Durch das ausdrückliche Zeugnis ihres Glaubens durchdrangen die Jünger Jesu die vielfältigen Kulturen mit dem Evangelium.
“Evangelisieren besagt für die Kirche, die Frohbotschaft in alle Bereiche der Menschheit zu tragen und sie durch deren Einfluß von innen her umzuwandeln und die Menschheit selbst zu erneuern […] Für die Kirche geht es […] darum, […] zu erreichen, daß durch die Kraft des Evangeliums die Urteilskriterien, die bestimmenden Werte, die Interessenpunkte, die Denkgewohnheiten, die Quellen der Inspiration und die Lebensmodelle der Menschheit, die zum Wort Gottes und zum Heilsplan im Gegensatz stehen, umgewandelt werden. […]
Es gilt - und zwar nicht nur dekorativ wie durch einen oberflächlichen Anstrich, sondern mit vitaler Kraft in der Tiefe bis zu ihren Wurzeln - die Kultur und die Kulturen des Menschen im vollen und umfassenden Sinn, den diese Begriffe in Gaudium et spes haben, zu evangelisieren, wobei man immer von der Person ausgeht und dann stets zu den Beziehungen der Personen untereinander und mit Gott fortschreitet.
Das Evangelium und somit die Evangelisierung identifizieren sich natürlich nicht mit der Kultur und sind unabhängig gegenüber allen Kulturen. Dennoch wird das Reich, welches das Evangelium verkündet, von Menschen gelebt, die zutiefst an eine Kultur gebunden sind, und kann die Errichtung des Gottesreiches nicht darauf verzichten, sich gewisser Elemente der menschlichen Kultur und Kulturen zu bedienen. Unabhängig gegenüber den Kulturen, sind Evangelium und Evangelisierung jedoch nicht notwendig unvereinbar mit ihnen, sondern fähig, sie alle zu durchdringen, ohne sich einer von ihnen zu unterwerfen.
Der Bruch zwischen Evangelium und Kultur ist ohne Zweifel das Drama unserer Zeitepoche […]. Man muß somit alle Anstrengungen machen, um die Kultur, genauer die Kulturen, auf mutige Weise zu evangelisieren. Sie müssen durch die Begegnung mit der Frohbotschaft von innen her erneuert werden” (Evangelii nuntiandi, Nr. 18-20). Dafür ist es notwendig, das Evangelium in der Sprache und in der Kultur der Menschen zu verkündigen.
Die Frohbotschaft richtet sich an die menschliche Person in ihrer geistigen und moralischen, wirtschaftlichen und politischen, kulturellen und sozialen Ganzheit und Komplexität. Die Kirche scheut sich daher nicht, von einer Evangelisierung der Kulturen, das heißt der Anschauungen, Sitten und Gebräuche, zu sprechen. “Die Neuevangelisierung erfordert eine hellsichtige, ernsthafte und geordnete Bemühung, um die Kultur zu evangelisieren” (Ecclesia in America, Nr. 70).
Während die Kulturen, die als ganze aus uneinheitlichen Elementen bestehen, sich ständig wandeln und vergehen, sind der Vorrang Christi und die Universalität seiner Botschaft eine unversiegbare Quelle des Lebens (vgl. Kol 1,8-12; Eph 1,8) und der Gemeinschaft. Die Missionare des Evangeliums bringen Christus als absolute Neuheit in die Kulturen ein und gehen unaufhörlich über die Grenzen jeder Kultur hinweg, ohne sich dabei für irdische Vorstellungen von einer besseren Welt vereinnahmen zu lassen. “Da aber das Reich Christi nicht von dieser Welt ist (vgl. Joh 18,36), so entzieht die Kirche oder das Gottesvolk mit der Verwirklichung dieses Reiches nichts dem zeitlichen Wohl irgendeines Volkes. Vielmehr fördert und übernimmt es Anlagen, Fähigkeiten und Sitten der Völker, soweit sie gut sind. Bei dieser Übernahme reinigt, kräftigt und erhebt es sie aber auch” (Lumen gentium, Nr. 13). Wer das Evangelium verkündet, dessen Glaube ist selbst an eine Kultur gebunden. Er muß den einzigartigen Platz Christi, die Sakramentalität seiner Kirche, die Liebe seiner Jünger zu jedem Menschen und zu allem, “was immer wahrhaft, edel, recht, was lauter, liebenswert, ansprechend ist, was Tugend heißt und lobenswert ist” (Phil 4,8), immer klar bezeugen. Das impliziert, daß er alles zurückweist, was in den Kulturen Ursache von Sünde und Folge von Sünde ist.
5. “Ein weiteres Problem ergibt sich aus der heute stark vernehmbaren Forderung nach Evangelisierung der Kulturen und nach der Inkulturation der Glaubensbotschaft” (Pastores dabo vobis, Nr. 55). Beide gehen einher, vollziehen sich im gegenseitigen Austausch, der ständig eine genaue Prüfung und Unterscheidung im Licht des Evangeliums verlangt. Es gilt, die in den Kulturen vorhandenen Werte und Anti-Werte zu erkennen, um auf den ersten aufzubauen und die zweiten energisch zu bekämpfen. “Durch die Inkulturation macht die Kirche das Evangelium in den verschiedenen Kulturen lebendig und führt zugleich die Völker mit ihren Kulturen in die Gemeinschaft mit ihr ein und überträgt ihnen die eigenen Werte, indem sie aufnimmt, was in diesen Kulturen an Gutem ist, und sie von innen her erneuert. Ihrerseits wird die Kirche durch die Inkulturation ein immer verständlicheres Zeichen von dem, was geeigneteres Mittel der Mission ist” (Redemptoris Missio, Nr. 52). “Für notwendig und wesentlich gehalten” (Pastores dabo vobis, Nr. 55) und sowohl von nostalgischem Archäologismus als auch von intramondäner Nachahmung weit entfernt, soll die Inkulturation “die Kraft des Evangeliums mitten in die Kultur und die Kulturen einbringen”. “Bei dieser Begegnung wird den Kulturen nichts aberkannt; sie werden sogar ermuntert, sich dem Neuen zu öffnen, das die Wahrheit des Evangeliums enthält, um daraus Ansporn zu weiteren Entwicklungen zu gewinnen” (Fides et ratio, Nr. 71).
Im Einklang mit den objektiven Forderungen des Glaubens und dem Evangelisierungsauftrag trägt die Kirche folgender Grundgegebenheit Rechnung: Die Begegnung des Glaubens mit den Kulturen ereignet sich zwischen zwei Wirklichkeiten, die nicht zur gleichen Ordnung gehören. Ebenso bilden die Inkulturation des Glaubens und die Evangelisierung der Kulturen gleichsam eine Zweiheit, die jede Form von Synkretismus ausschließt(8): Das ist “der authentische Sinn der Inkulturation: Sie will angesichts der verschiedensten und manchmal gegensätzlichen Kulturen, die es in den verschiedenen Teilen der Welt gibt, gehorsam gegenüber dem Gebot Christi sein, allen Völkern bis an die äußersten Grenzen der Erde das Evangelium zu verkünden. Ein solcher Gehorsam bedeutet weder Synkretismus noch einfache Anpassung der Verkündigung des Evangeliums, sondern meint die Tatsache, daß das Evangelium voller Lebenskraft in die Kulturen eindringt, in sie hineinwächst, indem es deren kulturelle Elemente, die mit dem Glauben und mit dem christlichen Leben nicht vereinbar sind, überwindet und ihre Werte in das Heilsmysterium, das von Christus kommt, integriert” (Pastores dabo vobis, Nr. 55). Die Bischofssynoden betonten unaufhörlich die besondere Bedeutung dieser Inkulturation im Lichte der großen Heilsgeheimnisse Christi für die Evangelisierung: seine Menschwerdung, seine Geburt, seine Passion und seine glorreiche Auferstehung sowie das Geschehen am Pfingsttag, durch das jeder kraft des Geistes Gottes große Taten in seiner Muttersprache hört.(9) Die am Pfingsttag versammelten Nationen haben in ihrer Muttersprache nicht eine Rede über ihre eigenen menschlichen Kulturen gehört, sondern waren darüber erstaunt, daß jeder die Apostel in der eigenen Sprache die Großtaten Gottes verkünden hörte. “Einerseits kann man die Botschaft des Evangeliums nicht einfach und schlechthin von der Kultur trennen, in der sie sich zuerst eingeprägt hat; ebenso kann man sie auch nicht ohne schwerwiegende Verkürzungen von jenen Kulturen trennen, in denen sie sich schon im Verlauf der Jahrhunderte ausgeprägt hat; andererseits wirkt die Kraft des Evangeliums überall umgestaltend und erneuernd” (Catechesi tradendae, Nr. 53). “Die Verkündigung des Evangeliums in den verschiedenen Kulturen verlangt von den einzelnen Empfängern das Festhalten am Glauben; sie hindert die Empfänger aber nicht daran, ihre kulturelle Identität zu bewahren. […] wodurch die Weiterentwicklung des in ihr implizit Vorhandenen hin zu seiner vollen Entfaltung in der Wahrheit begünstigt wird” (Fides et ratio, Nr. 71).
“In Anbetracht der engen, organischen Beziehung, die zwischen Jesus Christus und dem von der Kirche verkündeten Wort besteht, kann die Inkulturation der geoffenbarten Botschaft gar nicht umhin, der dem Geheimnis der Erlösung eigenen “Logik” zu folgen. […] Diese Selbstentäußerung, diese Kenosis, derer es für die Verherrlichung bedarf, der Weg Jesu und jedes seiner Jünger (vgl. Phil 2, 6-9) ist Leuchtkraft für die Begegnung der Kulturen mit Christus und seinem Evangelium. Jede Kultur muß von den Werten des Evangeliums im Lichte des Ostergeheimnisses umgewandelt werden” (Ecclesia in Africa, Nr. 61). Der Säkularismus, der als vage Dominante die Kulturen durchzieht, idealisiert oft mit der suggestiven Wirkung der Medien Lebensmodelle, die im Gegensatz zur Kultur der Seligpreisungen und der Nachfolge des armen, keuschen, gehorsamen und von Herzen demütigen Christus stehen. Es gibt in der Tat große kulturelle Leistungen, die von der Sünde inspiriert sind und zur Sünde verleiten können. “Wenn die Kirche die Frohbotschaft verkündet, verurteilt sie auch gleichzeitig die in den Kulturen anwesende Sünde und befreit sie davon. Sie prangert die Anti-Werte an und bannt sie. Sie ist demnach kulturkritisch, götzenkritisch, das heißt, sie kritisiert die zu Götzen erhobenen Werte oder Werte, die eine angebliche Kultur für absolut erklärt”.(10)
Eine Kulturpastoral
6. Im Dienst der Verkündigung der Frohen Botschaft und demzufolge der Bestimmung des Menschen im Plan Gottes entfaltet die Kulturpastoral - in erneuter Wahrnehmung der an sie gestellten Anforderungen - die Sendung der Kirche in der Welt von heute, die das II. Vatikanische Konzil und die Bischofssynoden zum Ausdruck gebracht haben. Das erwachte Bewußtsein von der kulturellen Dimension der menschlichen Existenz bringt eine besondere Aufmerksamkeit für diesen neuen Bereich der Pastoral mit sich, dessen Grundlagen die christliche Anthropologie und Ethik sind. Die Kulturpastoral verfolgt ein christliches Kulturprojekt, nach dem Christus, der Erlöser des Menschen und die Mitte des Kosmos und der Geschichte (vgl. Redemptor hominis, Nr. 1), das ganze Leben der Menschen erneuert, indem sie “die weiten Bereiche der Kultur […] seiner rettenden Macht öffnet”.(11) In diesem Bereich gibt es praktisch unendlich viele Wege, denn die Kulturpastoral widmet sich konkreten Situationen, um sie für die universelle Botschaft des Evangeliums zu öffnen.
Im Dienst der Evangelisierung, welche die wesentliche Sendung der Kirche, ihre Gnade, ihre eigentliche Berufung und ihre tiefste Identität ist (vgl. Evangelii nuntiandi, Nr. 14), greift die Pastoral - auf der Suche nach den “geeignetsten und wirksamsten Weisen zur Mitteilung der Botschaft des Evangeliums an die Menschen unserer Zeit” (ebd. 40) - komplementäre Mittel zurück: “Die Evangelisierung ist […] ein vielschichtiges Geschehen mit verschiedenen Elementen: Erneuerung der Menschheit, Zeugnis, ausführliche Verkündigung, Zustimmung des Herzens, Eintritt in die Gemeinschaft, Empfang der Zeichen und Einsatz im Apostolat. Diese Elemente können als gegensätzlich, ja sogar einander ausschließend erscheinen. In Wirklichkeit ergänzen und bereichern sie sich jedoch gegenseitig. Man muß jedes einzelne von ihnen stets in einer integrierenden Funktion zu den anderen sehen” (ebd., Nr. 24).
Eine dank einer abgestimmten Pastoral inkulturierte Evangelisierung ermöglicht es der christlichen Gemeinschaft, ihren Glauben zu empfangen, zu feiern, zu leben und in der eigenen Kultur zum Ausdruck zu bringen, und zwar in “Vereinbarkeit mit dem Evangelium und der Gemeinschaft mit der Gesamtkirche” (Redemptoris Missio, Nr. 54). Sie bringt zugleich die absolute Neuheit der Offenbarung in Jesus Christus zum Ausdruck sowie die Forderung zur Umkehr, die der Begegnung mit dem einzigen Retter entspringt: “Seht, ich mache alles neu” (Offb 21,5).
Daraus ergibt sich, wie wichtig die Sorge der Theologen und Bischöfe um das richtige Glaubensverständnis und die pastorale Prüfung und Unterscheidung ist. Sie müssen auf die Kulturen wohlwollend zugehen, um die Botschaft Christi “in der Vorstellungswelt und Sprache der verschiedenen Völker” (Gaudium et spes, Nr. 44) auszusagen; dies dispensiert sie aber nicht von der erforderlichen Prüfung angesichts der großen und ernsthaften Probleme, die bei einer objektiven Analyse der heutigen Kulturphänomene zutage treten. Die Hirten sind sich deren Gewichtigkeit sehr wohl bewußt, stehen doch die Bekehrung von Menschen - und durch sie die der Kulturen - sowie die Christianisierung des Ethos der Völker (vgl. Evangelii nuntiandi, Nr. 20) auf dem Spiel.
II. HERAUSFORDERUNGEN UND ANSATZPUNKTE
Eine neue Epoche der Menschheitsgeschichte (Gaudium et spes, Nr. 54)
7. Die Lebensbedingungen des modernen Menschen haben sich in den letzen Jahrzehnten des zweiten Jahrtausends so tief gewandelt, daß das II. Vatikanische Konzil ohne Zögern von “einer neuen Epoche der Menschheitsgeschichte” (Gaudium et spes, Nr. 54) spricht. Für die Kirche gibt es einen Kairos, eine günstige Zeit für eine Neuevangelisierung, in der die neuen Züge der Kultur viele Herausforderungen und Ansatzpunkte für eine Kulturpastoral darstellen.
Die Kirche unserer Zeit ist sich dessen, nicht zuletzt durch die Anstöße der Päpste, lebhaft bewußt. Letztere haben - von Rerum novarum (1891) bis Centesimus annus (1991) - die Soziallehre der Kirche entfaltet und aktualisiert. Die Bischofskonferenzen, ihre Unionen und die Bischofssynode nehmen sie zur Grundlage für praktische Initiativen, die auf die besonderen Situationen der verschiedenen Länder abgestimmt sind. Mitten in dieser Vielfalt zeichnen sich aber dennoch einige gemeinsame Züge ab.
In der heute in verschiedenen Teilen der Welt herrschenden Kultur überwiegt der Subjektivismus als Wahrheitsmaßstab und Wahrheitskriterium (vgl. Fides et ratio, Nr. 47). Die positivistischen Vorstellungen über den Fortschritt der Wissenschaften und der Technik sind fraglich geworden. Nach dem spektakulären Scheitern des atheistischen, kollektivistischen Marxismus und Leninismus erweist sich auch der Liberalismus als unfähig, das Glück des Menschengeschlechts in Verantwortung gegenüber der Würde jeder Person zu schaffen. Anthroprozentrischer praktischer Atheismus, zur Schau getragene religiöse Gleichgültigkeit, überhandnehmender hedonistischer Materialismus grenzen den Glauben aus: In einer “heute überwiegend naturwissenschaftlichen und technischen Kultur” (Veritatis splendor, Nr. 112) ist er am Verschwinden, ja ohne Beständigkeit und kulturelle Relevanz, heißt es. “Die von denselben Gläubigen übernommenen Beurteilungs- und Entscheidungskriterien stellen sich im Rahmen einer entchristlichten Kultur tatsächlich oft so dar, als hätten sie mit den Kriterien des Evangeliums nichts zu tun oder stünden sogar im Widerspruch zu ihnen” (ebd., Nr. 88). Der Papst macht fünfundzwanzig Jahre nach der Promulgation der Konzilskonstitution über die Liturgie erneut darauf aufmerksam: “Die Anpassung an die Kulturen verlangt auch eine Bekehrung des Herzens und - falls notwendig - ebenso einen Bruch mit althergebrachten Gewohnheiten, die mit dem katholischen Glauben unvereinbar sind. Es erfordert eine ernsthafte theologische, geschichtliche und kulturelle Ausbildung wie auch ein gesundes Urteilsvermögen, um zwischen dem, was notwendig, nützlich oder auch unnütz und gefährlich für den Glauben ist, zu unterscheiden” (Vicesimus quintus annus, Nr. 16).
Galoppierende Verstädterung und kulturelle Entwurzelung
8. Unter verschiedenen Zwängen wie der Armut, ja der Unterentwicklung der ländlichen Gebiete, wo es an unentbehrlichen Gütern und Dienstleistungen fehlt, aber auch in bestimmten Ländern, wo Millionen von Menschen wegen bewaffneter Konflikte zum Verlassen ihrer Familie und ihres kulturellen Umfelds gezwungen sind, erleben wir einen großen Exodus aus den ländlichen Gebieten, der die großen städtischen Ballungszentren maßlos anwachsen läßt. Zu diesen wirtschaftlichen und sozialen Zwängen kommen Faszination, Wohlstand und Vergnügen, welche die Stadt bietet und mit denen die sozialen Kommunikationsmittel locken. Wegen fehlender Planung bilden sich am Stadtrand bzw. in den Vorstädten oft sogenannte Gettos, riesige Ansammlungen von gesellschaftlich entwurzelten, politisch ungebildeten, wirtschaftlich ausgegrenzten und kulturell einsamen Menschen.
Die kulturelle Entwurzelung, die vielfältige Ursachen hat, macht im Kontrast dazu die fundamentale Rolle der kulturellen Wurzeln deutlich. Der haltlose Mensch, dessen kulturelle Identität angeschlagen oder verlorengegangen ist, neigt leichter zu unmenschlichem Handeln. Der Mensch hat im 20. Jahrhundert wie nie zuvor so viele Fähigkeiten und Begabungen erkennen lassen. Gleichzeitig wurde aber die menschliche Würde noch nie zuvor in der Geschichte so oft verneint und verletzt, was die bittere Folge der Leugnung oder Ablehnung Gottes ist. Wenn die Werte in die Privatsphäre verbannt werden, steht die Moral auf dem Kopf, und das geistliche Leben ist geschwächt. Der grauenhafte Begriff “Kultur des Todes” prangert eine Anti-Kultur an, die den unheimlichen Widerspruch zwischen erklärtem Lebenswillen und hartnäckiger Ablehnung Gottes, der Quelle allen Lebens (vgl. Evangelium vitae, Nr. 11-12 und 19-28) deutlich hervortreten läßt.
“Die städtische Kultur zu evangelisieren, stellt für die Kirche eine riesige Herausforderung dar. So wie sie es im Laufe der Jahrhunderte verstanden hat, die ländliche Kultur zu evangelisieren, ist sie auch heute aufgerufen, durch die Katechese, Liturgie und die Gestaltungsweise ihrer pastoralen Strukturen eine methodische und engmaschige Evangelisierung der Stadt durchzuführen” (Ecclesia in America, Nr. 21).
Soziale Kommunikationsmittel und Informationstechnologie
9. “Ein solcher erster Areopag der neuen Zeit ist die Welt der Kommunikation, die die Menschheit immer mehr eint und - wie man zu sagen pflegt - zu einem “Weltdorf” macht. Die Mittel der sozialen Kommunikation spielen eine derartig wichtige Rolle, daß sie für viele zum Hauptinstrument der Information und Bildung, der Führung und Beratung für individuelles, familiäres und soziales Verhalten geworden sind. […] Es handelt sich um eine weitaus tiefere Angelegenheit, da die Evangelisierung der modernen Kultur selbst zum großen Teil von ihrem Einfluß abhängt. […] Die Botschaft selbst muß in diese, von der modernen Kommunikation geschaffene “neue Kultur” integriert werden. Es ist ein komplexes Problem, da diese Kultur noch vor ihren Inhalten aus der Tatsache selbst entsteht, daß es neue Arten der Mitteilung in Verbindung mit einer neuen Sprache, mit neuen Techniken und mit neuen psychologischen Haltungen gibt” (Redemptoris Missio, Nr. 37). Die Ausbreitung dieser richtigen Kulturrevolution mit der Wandlung der Sprache, die vor allem das Fernsehen hervorruft, und den Modellen, die es verkündet, treibt “nämlich die grundlegende Umgestaltung der Elemente [voran], wodurch der Mensch die ihn umgebende Welt erfaßt und seine Wahrnehmung überprüft und ihr Ausdruck verleiht. […] Die Medien können in der Tat genauso dazu verwendet werden, das Evangelium zu verkünden, wie es aus den Herzen der Menschen zu verdrängen”.(12) Die Medien, die den direkten Zugang zur Information bieten, heben die räumliche und zeitliche Distanz auf und verwandeln vor allem die Wahrnehmung der Dinge: Die Wirklichkeit tritt hinter das zurück, was gezeigt wird. Infolgedessen wird die anhaltende Wiederholung von ausgewählten Informationen zum entscheidenden Faktor für die Meinungsbildung, die dann als Öffentlichkeit betrachtet wird.
Der Einfluß der Medien, die sich insbesondere in der Werbung(13) spielend über die Grenzen hinwegsetzen, verlangt von den Christen eine neue Kreativität, damit sie die Millionen von Menschen erreichen können, die täglich eine bedeutende Zeit vor dem Fernseher sitzen oder Radio hören. Die Medien sind Informationsmittel und Mittel zur Förderung von Kultur sowie zur Evangelisierung derer, die in den säkularisierten Gesellschaften keine andere Möglichkeit haben, das Evangelium und die Kirche kennenzulernen. Die Kulturpastoral muß auf die Frage Johannes Pauls II. eine positive Antwort geben: “Gibt es in den herkömmlichen Massenmedien noch einen Platz für Christus?”.(14)
Die erstaunlichste Innovation auf dem Gebiet der Kommunikationstechnik ist sicherlich das Internet. Wie jede neue Technik, so löst auch diese Befürchtungen aus, die durch schlechten Umgang traurigerweise gerechtfertigt sind, und macht ständige Wachsamkeit und seriöse Information erforderlich. Es geht nicht nur um den rechten Gebrauch des Internets, sondern auch um radikal neue Folgen, die dieser nach sich zieht: Verlust des “spezifischen Gewichts” der Informationen, Angleichung der Botschaften, die auf reine Informationen verkürzt werden, fehlende sachdienliche Reaktionen auf die Botschaften im Internet durch verantwortungsbewußte Personen, Abschreckungseffekt, was die zwischenmenschlichen Beziehungen angeht. Es besteht kein Zweifel, daß die immensen Möglichkeiten des Internets eine beachtliche Hilfe für die Verbreitung der Frohen Botschaft sein können, wie einige vielversprechende kirchliche Initiativen zeigen; sie machen aber eine kreative und verantwortungsbewußte Entwicklung auf diesem “neuen Grenzgebiet der Sendung der Kirche” (Christifideles laici, Nr. 44) erforderlich.
Das Problem ist gewaltig. Wieso sollte man nicht in den Informationsnetzen, dessen Schirme mittlerweile die Haushalte bevölkern, präsent sein und sie nicht nutzen, um in sie die Werte und Botschaft des Evangeliums einzubringen?
Nationale Identität und nationale Minderheiten
10. Alle Menschen sind aufgrund der Einheit der Natur Glieder ein und derselben großen Gemeinschaft; aufgrund des geschichtlichen Charakters des Menschseins sind sie jedoch zwangsläufig innerlich enger mit besonderen Gruppen verbunden, die von der Familie bis zur Nation reichen. Das Menschsein steht daher in der Spannung zwischen dem Allgemeinen und dem Besonderen, und diese lebenswichtige Spannung ist besonders fruchtbar, wenn sie in Ausgeglichenheit und Harmonie gelebt wird.
Das Fundament des Völkerrechts ist ausschließlich die menschliche Person. In diesem Sinn ist das Völkerrecht nichts anderes als die Übertragung der Menschenrechte auf das Gemeinschaftsleben. Das erste dieser Rechte ist das Recht auf Leben. “Niemand also - weder ein Staat, noch eine andere Nation, noch eine internationale Organisation - ist je zu der Ansicht berechtigt, daß eine einzelne Nation nicht wert sei, zu existieren”.(15) Das Recht auf Leben impliziert natürlich für jede Nation das Recht auf eine eigene Sprache und Kultur, durch die ein Volk seine Souveränität artikuliert und verteidigt.
Während das Völkerrecht die Ansprüche der Besonderheit zum Ausdruck bringt, gilt es andererseits auch, die Bedürfnisse der Allgemeinheit zu betonen, das heißt die Pflichten, die jede Nation gegenüber jeder anderen und der ganzen Menschheit hat. Die erste dieser Pflichten ist sicherlich der Wille zum friedlichen, respektvollen und solidarischen Zusammenleben mit den anderen Nationen. Die jungen Generationen zu lehren, ihre eigene Identität in der Verschiedenheit zu leben, ist eine vorrangige Aufgabe der Erziehung zur Kultur, zumal Interessengruppen die Religion oft für politische Ziele mißbrauchen, die dieser allerdings völlig fremd sind.
Im Gegensatz zum Nationalismus, der Mißtrauen, ja sogar Abneigung gegen andere Nationen und Kulturen auslöst, ist der Patriotismus die legitime, bevorzugte, aber nicht ausschließliche Liebe zum eigenen Land und seiner Kultur, in deren Dienst man sich stellt; echtem Patriotismus liegt Kosmopolitismus ebenso fern wie Kulturnationalismus. Jede Kultur ist durch ihre guten Seiten offen für das Allgemeine. Auf der anderen Seite soll sie sich aber auch von ihrem sündigen Erbe reinigen, das in bestimmten Vorurteilen, dem Evangelium widersprechenden Sitten und Bräuchen besteht, den Beitrag des Glaubens integrieren und “die Gesamtkirche selbst in ihren verschiedenen Lebensbereichen an Ausdrucksformen und Werten” (Redemptoris Missio, Nr. 52; vgl. Slavorum Apostoli, Nr. 21) bereichern.
Zur gleichen Zeit stützt sich die Kulturpastoral auf die Gabe des Geistes Jesu und auf seine Liebe, “die jedem Volk und allen Völkern und Kulturen gilt, um sie nach dem Beispiel der vollkommenen Einheit des einen und dreifaltigen Gottes untereinander zu vereinen” (Ecclesia in America, Nr. 70).
Neue Areopage und herkömmliche Kulturbereiche
Umwelt, Naturwissenschaft, Philosophie und Bioethik
11. Mit der Entwicklung des Umweltschutzes zeichnet sich ein neues Bewußtsein ab. Für die Kirche ist es aber keine Neuheit: Das Licht des Glaubens erhellt den Sinn der Schöpfung und der Beziehungen des Menschen zur Natur. Der heilige Franz von Assisi und der heilige Philipp Neri sind Zeugen und Symbole für die Achtung vor der Natur, die sich aus dem christlichen Verständnis der geschaffenen Welt ergibt. Diese Achtung entspringt dem Umstand, daß die Natur nicht Eigentum des Menschen ist; sie gehört Gott, ihrem Schöpfer, der sie dem Menschen zur Verwaltung anvertraut hat (vgl. Gen 1,28), damit er sie achtet und mit ihr seinen berechtigten Unterhalt bestreitet (vgl. Centesimus annus, Nr. 38-39).
Die allgemein verbreiteten wissenschaftlichen Erkenntnisse bewegen den Menschen oft, seine Stellung im unermeßlichen Kosmos zu behaupten und vor Entzücken über die eigenen Fähigkeiten und über das Universum außer sich zu geraten, ohne auch nur im geringsten daran zu denken, daß Gott ihr Urheber ist. Die Herausforderung für die Kulturpastoral besteht darin, den Menschen zur Transzendenz zu führen, ihn zu lehren, wieder den Weg, der von seiner geistigen und menschlichen Erfahrung ausgeht und zur Erkenntnis des Schöpfers führt, zu gehen und dabei in Weisheit die guten Errungenschaften der modernen Wissenschaften im Licht der rechten Vernunft zu gebrauchen. Auch wenn die Wissenschaft aufgrund ihres Prestiges die zeitgenössische Kultur durchtränkt, kann sie weder die menschliche Erfahrung in ihrer Substanz noch die eigentliche Wirklichkeit der Dinge erfassen. Eine kohärente Kultur, die in der Transzendenz und der Überlegenheit des Geistes über die Materie gründet, erfordert Weisheit, damit sich die wissenschaftliche Erkenntnis in einem Horizont metaphysischer Überlegungen entfaltet. Auf der Erkenntnisebene sind Glaube und Wissenschaft nicht kongruent, und deshalb empfiehlt es sich, die Methoden und Prinzipien nicht zu vermischen, sondern sauber zu trennen, um jenseits der Sinnzersplitterung durch die abgekapselten Wissensbereiche eine harmonische Synthese und den einheitlichen Sinn des Gesamten wiederzufinden, die eine vollkommen menschliche Kultur kennzeichnen. In unserer zersplitterten Kultur, welche die große Ansammlung von Wissen, die wunderbaren Entdeckungen der Wissenschaften und die bemerkenswerten Beiträge der modernen Techniken nur mit Mühe integrieren kann, setzt die Kulturpastoral zwangsläufig eine philosophische Reflexion voraus, die sich mit der Organisation und Strukturierung des gesamten Wissens befaßt und dabei die Wahrheitsfähigkeit der Vernunft und ihre Regulierungsfunktion in der Kultur bestätigt.
“Da die Bruchstückhaftigkeit des Wissens eine fragmentarische Annäherung an die Wahrheit mit der sich daraus ergebenden Sinnzersplitterung mit sich bringt, verhindert sie die innere Einheit des heutigen Menschen. Sollte sich die Kirche etwa nicht darüber Sorgen machen? Diese der Weisheit geltende Aufgabe erwächst den Bischöfen direkt aus dem Evangelium; sie können sich der Verpflichtung nicht entziehen, dieser Aufgabe nachzukommen” (Fides et ratio, Nr. 85).
12. Aufgabe qualifizierter Philosophen und Theologen ist es auch, in der herrschenden Kultur der Technik und Wissenschaft fachkundig die Herausforderungen und die Ansatzpunkte für die Verkündigung des Evangeliums auszumachen. Dies macht eine Erneuerung der philosophischen und theologischen Vorlesungen erforderlich, insofern eine dem Geschenk des Glaubens vollkommen treue Theologie Voraussetzung für jeden Dialog und jede Inkulturation ist. Die Kulturpastoral bedarf ebenso katholischer Wissenschaftler, die es als Pflicht empfinden, ihren Beitrag zum Leben der Kirche zu leisten, indem sie ihre persönliche Erfahrung in der Begegnung zwischen Wissenschaft und Glauben weitergeben. Der Mangel an theologischer Bildung und wissenschaftlicher Fachkenntnis macht die Präsenz der Kirche in der aus wissenschaftlichen Forschungen und deren technischen Anwendungen entstandenen Kultur aleatorisch. Und deshalb ist die Zeit für den Dialog zwischen Naturwissenschaften und Glaube besonders günstig.(16)
13. Wissenschaft und Technik haben sich hervorragender Mittel bedient, um das Wissen, die Fähigkeit und den Wohlstand der Menschen zu vergrößern. Für einen verantwortungsbewußten Umgang mit Wissenschaft und Technik ist die ethische Dimension der wissenschaftlichen Fragen jedoch unumgänglich. Oft stellen die Wissenschaftler bei der Suche nach der Wahrheit selbst diese Fragen; sie zeigen die Notwendigkeit eines Dialogs zwischen Wissenschaft und Ethik. Diese Suche nach der Wahrheit, welche die Sinneserfahrung übersteigt, bietet neue Möglichkeiten für eine Kulturpastoral, die auf die Verkündigung des Evangeliums im wissenschaftlichen Umfeld zielt.
Ganz offensichtlich ist die Bioethik - und dies zeigt ihr Umfang - wegen ihrer kulturellen, sozialen, politischen und rechtlichen Auswirkungen, denen die Kirche größte Bedeutung beimißt, mehr als eine wissenschaftliche Disziplin. Die Entwicklung der Gesetzgebung im Bereich der Bioethik hängt in der Tat von der Wahl der ethischen Grundsätze ab, auf die sich der Gesetzgeber beruft. Die Grundfrage ist und bleibt unerbittlich: Wie sollen die Beziehungen zwischen moralischen Normen und dem bürgerlichen Gesetz in einer pluralistischen Gesellschaft aussehen? (vgl. Evangelium vitae, Nr. 18 und 68-74). Wenn man die ethischen Grundfragen einer späteren Gesetzgebung überläßt, läuft man dann nicht Gefahr, das zum Gesetz zu erheben, was moralisch inakzeptabel ist?
Die Bioethik ist einer jener sensiblen Bereiche, die zur Suche der Grundlagen der Anthropologie und der Sittlichkeit auffordern. Die Rolle der Christen ist hierbei unersetzlich. In einem respektvollen und anspruchsvollen Dialog tragen sie zur Bildung des Gewissens und des Bürgersinns in der Gesellschaft bei. Diese kulturelle Situation macht eine gründliche Ausbildung der Priester und Laien, die in diesem entscheidenden Bereich, der Bioethik, wirken, erforderlich.
Familie und Erziehung
14. “Die Familie als Gemeinschaft von Personen ist daher die erste menschliche “Gesellschaft”. Sie entsteht, wenn der bei der Trauung geschlossene eheliche Bund sich verwirklicht, der die Eheleute für eine dauernde Liebes- und Lebensgemeinschaft öffnet und sich im vollen und eigentlichen Sinn mit der Zeugung von Kindern vervollständigt: Mit der “Gemeinsamkeit” der Eheleute beginnt diese grundlegende “Gemeinschaft” der Familie” (Brief an die Familien, Nr. 7).
Als Wiege des Lebens und der Liebe ist die Familie auch Quelle von Kultur. Sie nimmt das Leben an, und in dieser Schule der Menschlichkeit lernen die zukünftigen Eheleute am besten, verantwortliche Eltern zu werden. Der Wachstumsprozeß, den sie in einer Lebensund Liebesgemeinschaft gewährleisten, geht in einigen Zivilisationen über den elterlichen Kern hinaus, um beispielsweise in Afrika in eine Großfamilie zu münden. Auch wenn materielle, kulturelle und moralische Armut die Ehe als Institution untergräbt und die Lebensquellen zu versiegen drohen, ist die Familie dennoch der bevorzugte Ort zur Personen- und Gesellschaftsbildung. Die Erfahrung lehrt: Die gesamten Zivilisationen und der Zusammenhalt der Völker hängt vor allem von der menschlichen Qualität der Familien ab, und insbesondere von der komplementären Teilhabe beider Elternteile mit ihren jeweiligen Rollen als Vater und Mutter an der Kinderziehung. In einer Gesellschaft, in der die Zahl der Familienlosen wächst, gestalten sich die Erziehung und die Vermittlung einer durch das Evangelium gestalteten Volkskultur schwieriger.
Die schmerzlichen persönlichen Situationen verdienen Verständnis, Nächstenliebe und Solidarität. Was sich aber als tragisches Scheitern der Familie erwiesen hat, darf keinesfalls zum neuen Gesellschafts- und Lebensmodell erhoben werden. Die Meinungsmache und die familienfeindlichen oder geburtenfeindlichen Politiken sind ebenfalls Versuche, das Familienverständnis zu verändern und es seinem Wesen nach zu entleeren. In diesem Kontext eine Lebens- und Liebesgemeinschaft zu bilden, die die Eheleute untereinander und mit ihrem Schöpfer verbindet, ist der beste kulturelle Beitrag, den christliche Familien in der Gesellschaft leisten können.
15. Mehr als in jeder anderen Epoche hat die spezifische Rolle der Frau in den zwischenmenschlichen und gesellschaftlichen Beziehungen zu Überlegungen und Initiativen geführt. In vielen zeitgenössischen Gesellschaften, die von Kinderfeindlichkeit geprägt sind, wird das Kind als Last empfunden; es beeinträchtigt die Autonomie der Frau und ihre Möglichkeiten zur Selbstverwirklichung. Damit wird die reiche Bedeutung der Mutterschaft sowie der weiblichen Persönlichkeit verdunkelt. Die grundsätzliche Gleichheit von Mann und Frau, die nach dem Abbild Gottes geschaffen sind (Gen 1,27), ist in der biblischen Botschaft begründet und wird ungeachtet der unangenehmen Überraschungen in der Geschichte und der Kultur der christlichen Nationen gefördert; sie wird durch das jahrhundertealte Kunsterbe der Kirche veranschaulicht und verlangt von der Kulturpastoral, daß sie der tiefen Umwandlung des Frauseins in unserer Zeit Rechnung trägt: “In jüngerer Zeit versuchten einige Strömungen der Frauenbewegung - in der Absicht, die Emanzipation der Frau zu fördern -, sie in allem dem Mann anzugleichen. Aber die in der Schöpfung bekundete göttliche Absicht will zwar die Frau in Würde und Wert dem Mann gleichstellen, weist aber zugleich ganz klar ihre Verschiedenheit und Besonderheit auf. Die Identität der Frau kann nicht darin bestehen, eine Kopie des Mannes zu sein”.(17) Die Besonderheit und Eigentümlichkeit jedes Geschlechts erschließt sich in der Zusammenarbeit zur gegenseitigen Bereicherung, wobei die Frauen als erste zum Aufbau einer menschlicheren Gesellschaft beitragen.
16. “Erste und wesentliche Aufgabe jeder Kultur”(18) ist die Erziehung; sie ist seit der christlichen Antike - auf religiöser und kultureller sowie auf persönlicher und gesellschaftlicher Ebene - einer der vorzüglichsten Bereiche der Seelsorge der Kirche. Heute aber ist sie so entscheidend und komplex wie nie zuvor. Sie unterliegt grundsätzlich der Verantwortung der Familien, bedarf aber der Hilfe der ganzen Gesellschaft. Die Welt von morgen hängt von der Erziehung von heute ab, und diese läßt sich nicht auf eine einfache Wissensvermittlung beschränken. Sie bildet Personen und bereitet sie auf die Integration in das Gesellschaftsleben vor. Sie unterstützt ihre psychologische, intellektuelle, kulturelle, moralische und spirituelle Reifung.
Die Herausforderung, Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen in der Schule und an der Universität das Evangelium zu verkünden, erfordert ein angemessenes Bildungsprogramm. Die Erziehung in der Familie, in der Schule oder an der Universität stellt “nicht nur eine tiefgreifende Beziehung zwischen Erzieher und zu Erziehendem her, sondern läßt diese beiden an der Wahrheit und an der Liebe teilhaben, dem Endziel, zu dem jeder Mensch von Gott Vater, Sohn und Heiligem Geist berufen ist” (Brief an die Familien, Nr. 16). Sie macht zu Beziehungen fähig, die auf der Wahrung der Rechte und Pflichten gegründet sind. Sie bereitet auf ein Leben in Aufnahmebereitschaft und Solidarität vor sowie auf den maßvollen Umgang mit dem Besitz und den Gütern, um für alle und überall gerechte Lebensbedingungen zu garantieren. Die Zukunft der Menschheit geht über die ganzheitliche und solidarische Entwicklung jeder Person: jedes Menschen und des ganzen Menschen (vgl. Populorum progressio, Nr. 42). Familie, Schule und Universität sind - jeweils ihrer Natur entsprechend - aufgerufen, die Kulturen des dritten Jahrtausends mit dem Sauerteig des Evangeliums zu durchsäuern.
Kunst und Freizeit
17. In einer vom Primat des Habens, von krampfhaftem Streben nach sofortiger Befriedigung, von Gewinnsucht und Profitgier geprägten Kultur stellt man erstaunlicherweise nicht nur ein ständiges, sondern auch steigendes Interesse für das Schöne fest. Die Formen, die dieses Interesse annimmt, bringen offenbar das bleibende, ja sogar stärker werdende Streben nach “etwas anderem” zum Ausdruck, das die Existenz bezaubert und sie vielleicht sogar öffnet und transzendiert. Die Kirche hat dies schon von Anfang an intuitiv erkannt und in Jahrhunderten christlicher Kunst wunderbar illustriert: Das echte Kunstwerk ist eine potentielle Eingangstür zur religiösen Erfahrung. Erkennt man die Bedeutung der Kunst für die Inkulturation des Evangeliums, dann erkennt man, daß der Geist und das Empfinden des Menschen mit der Wahrheit und Schönheit des göttlichen Geheimnisses wesensverwandt sind. Die Kirche hat eine große Achtung vor den Künstlern unabhängig von ihren religiösen Überzeugungen, weil das Kunstwerk gleichsam das Siegel des Unsichtbaren trägt - wohl wissend, daß die Kunst wie jedes andere menschliche Schaffen nicht absolutes Ziel in sich, sondern auf die menschliche Person hingeordnet ist.
Die christlichen Künstler stellen für die Kirche ein außergewöhnliches Potential dar, um neue Formulierungen auszufeilen und neue Symbole oder Metaphern zu schaffen, wenn sie jenem liturgischen Geist entspringen, der mit einer starken kreativen, in der Tiefe der katholischen Vorstellungswelt seit Jahrhunderten verwurzelten Kraft ausgestattet ist und die Fähigkeit besitzt, die Allgegenwart der Gnade zum Ausdruck zu bringen. Auf allen Kontinenten gibt es Künstler, deren deutliche christliche Inspiration Gläubige aller Religionen wie auch Ungläubige durch die Ausstrahlung des Schönen und Wahren anziehen können. Durch christliche Künstler erreicht das Evangelium als fruchtbare Quelle der Inspiration zahlreiche Menschen, die mit der Botschaft Christi noch nie in Berührung gekommen sind.
Gleichzeitig zeugt das Kulturerbe der Kirche von einer fruchtbaren Verschmelzung von Kultur und Glauben. Es stellt ein ständiges Mittel für die kulturelle und katechetische Unterweisung dar, das die Glaubenswahrheit mit echter Schönheit verbindet (vgl. Sacrosanctum Concilium, Nr. 122-127). Diese Kult- und Kulturgüter der Kirche sind Frucht einer christlichen Gemeinschaft, die ihren Glauben in Hoffnung und Liebe intensiv gelebt hat und lebt; sie sind imstande, der menschlichen und christlichen Existenz auf der Schwelle zum dritten Jahrtausend Impulse zu geben.
18. Die Welt der Freizeit und des Sports, des Reisens und des Tourismus stellt neben der Berufswelt unbestritten eine wichtige Dimension der Kultur dar, in der die Kirche schon lange Zeit präsent ist. Sie ist daher im Vollsinn einer der Areopage der Kulturpastoral. Die Arbeitskultur hat tiefgreifende Umwandlungen erfahren, die nicht ohne Folgen für die Freizeit und die kulturelle Tätigkeit bleiben. Für die meisten Menschen ist die Arbeit Mittel zum Erwerb des täglichen Brots (vgl. Laborem exercens, Nr. 1); sie ist aber in gleicher Weise wie die kulturellen Beschäftigungen auch ein Mittel, um das unaufhörliche und deutliche Verlangen nach persönlicher Entfaltung zu befriedigen. In einem Umfeld der Spezialisierung, des technischen und wirtschaftlichen Fortschritts gehen die neuen Formen der Arbeitsorganisation gleichwohl oft mit steigender Arbeitslosigkeit in allen Gesellschaftsschichten einher. Letztere ist nicht nur Ursache von materiellem Elend, sondern sät in den Kulturen auch Zweifel, Unzufriedenheit, Erniedrigung, ja sogar Kriminalität. Die prekären Lebensbedingungen und die unumgängliche Sorge um das Lebensnotwendige führen oft dazu, daß man die Kultur der Kunst und der Literatur als etwas Überflüssiges betrachtet, das einer begünstigten Elite vorbehalten ist.
Der Sport ist hingegen praktisch universell geworden und hat zweifellos im christlichen Kulturverständnis seinen Platz. Er kann zugleich die Gesundheit des Leibes und zwischenmenschliche Beziehungen fördern, insofern er Beziehungen schafft und zur Bildung von Idealen beiträgt. Er kann aber auch durch geschäftliche Interessen entstellt und zu einem Grund für nationale oder rassistische Rivalitäten werden, zu Gewaltausschreitungen Anlaß geben, welche die Spannungen und Widersprüche in der Gesellschaft aufdecken, und sich so in eine Anti-Kultur verwandeln. Der Sport ist ebenfalls ein wichtiger Ort für eine moderne Kulturpastoral. Sport und Freizeit sind eine vielfältige und komplexe Wirklichkeit voller Symbole und Vermarktungen. Sport und Freizeit schaffen nicht nur eine Atmosphäre, sondern eine Kultur, eine Verhaltensweise, ein Bezugssystem. Eine angemessene Pastoral muß darin die wahren pädagogischen Werte gleichsam als Sprungbrett erkennen, um den vielfältigen Reichtum der Gottebenbildlichkeit des Menschen zu feiern und nach dem Beispiel des Apostels Paulus das Heil in Jesus Christus zu verkünden (vgl. 1 Kor 9,24-27).
Kulturelle Verschiedenheit und religiöse Pluralität
19. Heutzutage übt die Kirche ihre evangelisierende Sendung in einer Welt aus, die von verschiedenen kulturellen Situationen und religiösen Horizonten geprägt ist. Der Austausch zwischen den Kulturen und den Religionen im Weltdorf läuft heute immer schneller ab, und von diesem Phänomen sind alle Länder und Kontinente betroffen.
Die Sonderversammlung für Afrika der Bischofssynode hat dies hervorgehoben. Auf dem afrikanischen Kontinent sind die herkömmlichen Religionen nach der Begegnung mit dem Christentum und dem Islam auch weiterhin lebendig und prägen die Kultur und das Leben der Menschen und Gemeinschaften. “Die Afrikaner haben einen tiefen Sinn für das Religiöse, einen Sinn für das Heilige, für die Existenz des Schöpfergottes und einer spirituellen Welt. Die Realität der Sünde in ihren individuellen und sozialen Formen ist im Bewußtsein jener Völker sehr gegenwärtig, und empfunden wird auch das Bedürfnis nach Reinigungs- und Sühneriten” (Ecclesia in Africa, Nr. 42; vgl. Nr. 30-37). Die von den traditionellen Kulturen überlieferten Werte wie Familiensinn, Liebe und Achtung vor dem Leben, Ehrfurcht vor älteren Menschen und Verehrung der Vorfahren, Solidaritätssinn und Gemeinschaftsleben, Respekt vor dem Vorgesetzten, feierliche Dimension des Lebens sind feste Ansatzpunkte für die Inkulturation des Glaubens, durch die das Evangelium alle Aspekte der Kultur durchdringt und zu ihrer vollen Entfaltung bringt (vgl. ebd. Nr. 59-62). Die von der Tradition vorgegebenen, dem Evangelium widersprechenden Haltungen werden hingegen kraft der Frohbotschaft Christi des Erlösers und der Seligpreisungen des Evangeliums (Mt 5,1-12) entschieden bekämpft.
20. Immense Regionen auf der Welt, vor allem die Länder in Asien mit antiken Kulturen sind von nichtchristlichen Religionen und Weisheiten geprägt, wie dem Hinduismus, dem Buddhismus, Taoismus, Schintoismus, Konfuzianismus. Es lohnt sich, sie aufmerksam zu betrachten, zumal die Botschaft Christi dort wenig Anklang findet. Liegt es vielleicht daran, daß das Christentum nur allzu oft als fremde, nicht hinreichend in den örtlichen Kulturen integrierte, assimilierte und gelebte Religion wahrgenommen wird? Diese Frage macht die ganze Bandbreite der Kulturpastoral in diesem speziellen Kontext deutlich.
Die in diesen Kulturen vorhandenen zahlreichen moralischen und spirituellen, ja sogar mystischen Elemente wie Heiligkeit, Askese, Keuschheit, Tugend, alles umfassende Liebe, Friedfertigkeit, Gebet, Kontemplation, Seligkeit in Gott, Anteilnahme sind für den Glauben an den Gott Jesu Christi offen. Der Papst weist darauf hin, wenn er schreibt: “Den Christen von heute, vor allem jenen in Indien, fällt die Aufgabe zu, aus diesem reichen Erbe die Elemente zu entnehmen, die mit ihrem Glauben vereinbar sind, so daß es zu einer Bereicherung des christlichen Denkens kommt” (Fides et ratio, Nr. 72). Als Ausdrucksformen des Menschen auf der Suche nach Gott offenbaren die fernöstlichen Kulturen in ihrer Vielfalt die Universalität des menschlichen Geistes und seine spirituelle Dimension (vgl. Nostra aetate, Nr. 2). In einer Welt, die der Säkularisierung zum Opfer gefallen ist, bestätigen sie die gelebte Erfahrung des Göttlichen und die Wichtigkeit der Spiritualität als lebendiger Kern der Kulturen.
Für die Kulturpastoral ist dies eine riesige Herausforderung. Es geht darum, die Menschen guten Willens, die mit ihrem Verstand die Wahrheit suchen, zu begleiten. Dabei gilt es, die reichen kulturellen Traditionen, wie die jahrtausendealte chinesische Weisheit, zum Ansatzpunkt zu nehmen und ihre Suche nach dem Göttlichen auf die Offenbarung Gottes zu lenken, der durch die Gnade des Heiligen Geistes die Menschen Jesus Christus, dem einzigen Erlöser, einverleibt.
21. Wie die Sonderversammlung für Amerika der Bischofssynode erklärt hat, leben andere große Regionen in einer von der Botschaft des Evangeliums zutiefst geprägten Kultur. Gleichzeitig sind sie dem penetranten Einfluß von Moden, materialistischen und säkularistischen Denkund Lebensweisen zum Opfer gefallen. Ein Zeichen hierfür ist, daß sich vor allem die Mittelschicht und gebildete Menschen von der Religion abgewandt haben.
Die Kirche, welche die Würde der menschlichen Person bekräftigt, ist bemüht, die Wunden des Gesellschaftslebens zu heilen: Gewalt, soziale Ungerechtigkeit, Mißbräuche, deren Opfer Straßenkinder sind, Drogenhandel, usw. Vor diesem Hintergrund bekräftigt die Kirche ihre Vorliebe für die Armen und Randgruppen und fördert auf allen Ebenen des Gesellschaftslebens eine Kultur der Solidarität: in den Regierungsstellen, in den öffentlichen Einrichtungen und Privatorganisationen. Indem sie eine größere Einheit unter den Menschen, den Gesellschaften und Nationen anstrebt, vereinigt sie sich mit den Bemühungen der Menschen guten Willens, um eine immer menschenwürdigere Welt zu errichten. Wenn sie dies tut, trägt sie “zur Verringerung der negativen Folgen der Globalisierung, das heißt der Herrschaft der Stärkeren über die Schwächeren, vor allem im wirtschaftlichen Bereich, und des Wertverlusts der örtlichen Kulturen zugunsten einer falsch verstandenen Vereinheitlichung” (Ecclesia in America, Nr. 55) bei.
Heutzutage fördert die fortwährende religiöse Unwissenheit verschiedene Formen von Synkretismus zwischen alten und heute erloschenen Kulten, neuen religiösen Bewegungen und dem katholischen Glauben. Die sozialen, wirtschaftlichen, kulturellen und moralischen Mißstände dienen neuen synkretistischen Ideologien, die in verschiedenen Ländern verbreitet sind, als Rechtfertigung. Die Kirche erkennt diese Herausforderungen - insbesondere im Hinblick auf die Armen - fördert die soziale Gerechtigkeit und evangelisiert die traditionellen Kulturen, aber auch die neuen, die in den Metropolen aufkommen.(19)
22. Die islamischen Länder bilden gleichsam ein Kulturuniversum eigener Gestalt, auch wenn diese in den arabischen Ländern vielseitiger ist als in den anderen Ländern Afrikas und Asiens. Der Islam erweist sich als Gesellschaft mit eigener Gesetzgebung und Überlieferung, die als ganzes eine weite Gemeinschaft (umma), mit eigener Kultur und eigenem Zivilisationsprojekt darstellt.
Der Islam breitet sich gegenwärtig stark aus, und diese Ausbreitung hängt vor allem mit den neuen Migrationsbewegungen in Ländern mit starkem Bevölkerungswachstum zusammen. Die traditionell christlichen Länder, die, sieht man einmal von Afrika ab, einen nur leichten Anstieg oder sogar einen Rückgang der Bevölkerung verzeichnen, nehmen heute oft die vermehrte Präsenz von Moslems wahr und betrachten dies als soziale, kulturelle, ja sogar religiöse Herausforderung. Die muslimischen Ausländer begegnen, zumindest in einigen Ländern, großen soziokulturellen Integrationsschwierigkeiten. Außerdem führt die Entfernung von der herkömmlichen Gemeinschaft oft zur Aufgabe bestimmter religiöser Übungen und zu einer kulturellen Identitätskrise. Dies gilt allerdings nicht nur für den Islam, sondern auch für die anderen Religionen. Eine aufrichtige Zusammenarbeit mit Moslimen auf kultureller Ebene kann zur Aufnahme konstruktiver - wahrhaft wechselseitiger - Beziehungen in den islamischen Ländern sowie zu den muslimischen Gemeinschaften in den traditionell christlichen Ländern führen. Eine derartige Zusammenarbeit dispensiert die Christen aber nicht davon, vor Gläubigen anderer monotheistischer Religionen für ihren Glauben an Christus und an die Heilige Dreifaltigkeit Rechenschaft zu geben.
23. Die säkularisierten Kulturen üben in verschiedenen Teilen der Welt, die von den zunehmend schnelleren und komplexeren kulturellen Umwandlungen geprägt sind, einen starken Einfluß aus. In Ländern mit antiker christlicher Tradition entstanden, ist die säkularisierte Kultur mit ihren Werten wie Solidarität, freigebige Hingabe, Freiheit, Gerechtigkeit, Gleichheit von Mann und Frau, Aufgeschlossenheit und Gesprächsbereitschaft, Umweltbewußtsein, noch immer von eigentlich christlichen Werten geprägt, die im Lauf der Jahrhunderte die Kultur durchdrungen haben. Ihre Säkularisierung hat sich positiv in der Zivilisation ausgewirkt und die philosophische Reflexion gefördert. Auf der Schwelle zum dritten Jahrtausend offenbaren die Wahrheits-, die Wert-, die Seins- und die Sinnfrage, die mit der menschlichen Natur verbunden sind, die Grenzen der Säkularisierung. Denn trotz allem wird “die geistliche Dimension des Lebens als Heilmittel gegen Entmenschlichung [noch immer] gesucht. Dieses sogenannte Phänomen der “Rückkehr zur Religion” ist nicht ohne Zweideutigkeit, enthält aber auch eine Einladung. […] Auch das ist ein Areopag, auf dem das Evangelium zu verkündigen ist” (Redemptoris Missio, Nr. 38).
Wenn die Säkularisierung zum Säkularismus wird (vgl. Evangelii nuntiandi, Nr. 55), mündet sie in eine schwere kulturelle und geistige Krise. Ein Zeichen dafür ist, daß die Achtung vor der menschlichen Person verlorengegangen ist und sich eine Art anthropologischer Nihilismus breit gemacht hat, der den Menschen auf seine Triebe und Neigungen verkürzt. Dieser Nihilismus, der eine ernste Krise um die Wahrheit (vgl. Veritatis splendor, Nr. 32) heraufbeschwört, “findet eine Art Bestätigung in der schrecklichen Erfahrung des Bösen, die unser Zeitalter gezeichnet hat. Der Dramatik dieser Erfahrung gegenüber vermochte der rationalistische Optimismus, der in der Geschichte den fortschreitenden Sieg der Vernunft als Quelle von Glück und Freiheit sah, nicht standzuhalten, so daß eine der ärgsten Bedrohungen am Ende dieses Jahrhunderts die Versuchung der Verzweiflung ist” (Fides et ratio, Nr. 91). Mißt man der vom Glauben erleuchteten Vernunft wieder den ihr gebührenden Stellenwert bei und anerkennt man Christus als Eckstein des menschlichen Lebens, dann wird die evangelisierende Kulturpastoral die christliche Identität stärken und den Menschen und Gemeinschaften helfen, auf allen Wegen dieses Lebens hin zur Begegnung mit dem Herrn, der kommen wird, und zum Leben der neuen Welt (Offb 21-22) ihre Lebensgründe wiederzufinden.
Die Länder, die nach langer Zeit der Unterdrückung durch den herrschenden atheistischen Marxismus bzw. Leninismus ihre Freiheit wiedererlangt haben, leiden heute noch unter einer gewaltsamen “De-Kulturation” des christlichen Glaubens: die menschlichen Beziehungen wurden künstlich verändert, die Abhängigkeit der Schöpfung von ihrem Schöpfer geleugnet, die dogmatischen Wahrheiten der christlichen Offenbarung und ihre Ethik bekämpft. Auf diese “Dekulturation” folgte eine radikale Infragestellung der christlichen Grundwerte. Die durch den Säkularismus verursachten und Ende der sechziger Jahre in Westeuropa verbreiteten Verkürzungen trugen zur Zerstörung der Kultur in den mittel- und osteuropäischen Ländern bei.
Andere, traditionell demokratische und pluralistische, Länder erfuhren auf der massiven Grundlage sozialer Zustimmung zur Religion den Druck von Strömungen aus einer Mischung von Säkularismus und Formen der Volksreligiosität, die durch die Migrationsströme eingeführt worden waren. Aus diesem Grund hat die Sonderversammlung für Amerika der Bischofssynode ein neues missionarisches Bewußtsein geweckt.
Sekten und neue religiöse Bewegungen (20)
24. Die Gesellschaft, in der eine neue Suche nach Spiritualität - mehr noch als vielleicht nach Religion - in vielfältigen Formen zutage tritt, erinnert unweigerlich an einen der Schauplätze der Verkündigung des Apostels Paulus, an den Areopag in Athen (vgl. Apg 17,22-31). Die Sehnsucht nach einer spirituellen Dimension, die außerdem einen Lebenssinn vermittelt, sowie das tiefe Verlangen nach einem Netz von affektiven und gesellschaftlichen Beziehungen, das zumindest in einigen Ländern oft wegen der zunehmenden Instabilität der Familie als Institution zerrissen ist, äußert sich in einem neuen “Rivival” im Christentum, aber auch in mehr oder weniger synkretistischen Gebilden, die auf eine bestimmte umfassende Einheit jenseits der einzelnen Religionen zielen.
Unter der mehrdeutigen Bezeichnung Sekten können zahlreiche, sehr unterschiedliche Gruppen rangieren: gnostische oder esoterische, augenscheinlich christliche oder christus- und kirchenfeindliche. Sie entsprechen oft einer unbefriedigten Sehnsucht, und dies begründet ihren Erfolg. Zahlreiche unserer Zeitgenossen finden in ihnen einen Ort der Zugehörigkeit, der Kommunikation, der Affektivität und Geschwisterlichkeit, ja dem Anschein nach sogar des Schutzes und der Sicherheit. Dieses Gefühl vermitteln großenteils auf den ersten Blick einleuchtende Lösungen - wie der “Gospel of succes” -, de facto aber trügerische Lösungen, welche die Sekten scheinbar für die komplexesten Fragen liefern, sowie eine pragmatische Theologie, deren Grundlage oft die Verherrlichung des von der Gesellschaft so schlecht behandelten Ichs ist. Die Sekten verbreiten sich oft dank ihrer angeblichen Antworten auf die Bedürfnisse von Menschen auf der Suche nach Heilung, Kindern, wirtschaftlichem Erfolg. Das gleiche gilt für esoterische Religionen, die dank der Unwissenheit und Leichtgläubigkeit von wenig oder schlecht gebildeten Christen leichtes Spiel haben. In vielen Ländern gibt es Menschen, die im Leben Schiffbruch erlitten haben, links liegen gelassen werden und - vor allem in der Anonymität der städtischen Kultur - die schmerzliche Erfahrung einer Randexistenz machen. Für eine Anschauung, die ihnen die verlorene Harmonie zurückgibt und ihnen das Gefühl einer leiblichen und seelischen Heilung vermittelt, sind sie bereit, alles zu akzeptieren. Darin zeigt sich die Komplexität und der transversale Charakter des Sektenphänomens, das sich die Unzufriedenheit mit dem Leben und die Ablehnung des institutionellen Charakters der Religion zunutze macht und in verschiedenartigen religiösen Formen und Äußerungen zutage tritt.
Die Verbreitung der Sekten ist aber auch eine Reaktion auf die Kultur des Säkularismus und eine Folge der gesellschaftlichen und kulturellen Umwälzungen, bei denen die traditionellen religiösen Wurzeln verlorengegangen sind. Die Menschen, die in das Netz der Sekten geraten sind oder in Gefahr stehen, von ihnen angeworben zu werden, zu erreichen, um ihnen Jesus Christus zu verkündigen, der sie im Herzen anspricht, ist eine Herausforderung, der sich die Kirche stellen muß.
Von einem Kontinent zum anderen bestätigt sich, daß ein “neues Zeitalter der Menschheitsgeschichte” angebrochen ist, wie das II. Vatikanische Konzil bereits festgestellt hat. Diese Erkenntnis macht eine Kulturpastoral erforderlich, die diese neuen Herausforderungen bewältigt in der Überzeugung, die Johannes Paul II. zur Gründung des Päpstlichen Rates für die Kultur bewogen hat: “Daraus ergibt sich für die Kirche, die dafür die Verantwortung trägt, die Bedeutung eines gewissenhaften und weitblickenden pastoralen Wirkens im Hinblick auf die Kultur, insbesondere im Hinblick auf das, was man als lebende Kultur bezeichnet, also die Gesamtheit der Grundsätze und Werte, die das Ethos eines Volkes ausmachen” (Schreiben an Kardinalstaatssekretär Agostino Casaroli zur Gründung des Päpstlichen Rates für die Kultur, 20. Mai 1982).
III.
KONKRETE VORSCHLÄGE
25. Eine inkulturierte Evangelisierung muß von den Kulturen ausgehen, die das Christentum in zweitausend Jahren geprägt hat, und von den Ansatzpunkten, die mitten in den neuen Kulturareopagen erkannt worden sind. Die neuen Herausforderungen, denen sie sich stellen muß, erfordern eine neue Form der Verkündigung der christlichen Botschaft, die in der lebendigen Tradition der Kirche verankert und vom echten Lebenszeugnis der christlichen Gemeinschaften getragen ist. Es kommt hauptsächlich darauf an, alles von der Neuheit des Evangeliums her, das in einer neuen und überzeugenden Weise verkündet wird, zu überdenken. In Hinblick auf eine dem Evangelium gemäße Vorbereitung besteht das vorrangige Ziel der Kulturpastoral darin, den Sauerteig des Evangeliums unter die Kulturen zu mischen, um das Menschen- und Gesellschaftsverständnis, welche die Kultur prägen, das Verständnis von Mann und Frau, von der Familie und der Erziehung, von der Schule und der Universität, von Freiheit und Wahrheit, Arbeit und Freizeit, Wirtschaft und Gesellschaft, Wissenschaft und Kunst im Licht der Offenbarung von innen heraus zu erneuern und zu verwandeln.
Um gehört zu werden, genügt es aber nicht, nur zu reden. Solange der Adressat noch wegen seiner traditionell vom Christentum geprägten Kultur grundsätzlich mit der Botschaft einverstanden und durch den ganzen sozio-kulturellen Kontext für sie grundsätzlich vorbereitet war, konnte er aufnehmen und verstehen, was ihm verkündet wurde. In der heutigen Kulturvielfalt muß man neben der Verkündigung auch die Bedingungen ihrer Annahme bedenken.
Das Gelingen dieses großen Unternehmens macht eine ständige Prüfung und Unterscheidung im Licht des im Gebet erflehten Geistes erforderlich. Um Männer und Frauen aller Kulturen zu erreichen, sind neben einer angemessenen Vorbereitung und geeigneten Ausbildung auch einfache pastorale Mittel - Predigt, Katechismus, Volksmission, Schulen zur Evangelisierung - in Verbindung mit den modernen Kommunikationsmitteln notwendig. Die Bischofssynoden machen Priester, Ordensleute und Laien seit dem II. Vatikanischen Konzil mit zunehmendem Nachdruck darauf aufmerksam. In dieser Hinsicht besitzen die Bischofskonferenzen in den Bischöflichen Kommissionen für die Kultur eine vorzügliche Schaltstation. Wo es noch keine solche Kommission gibt, wäre es wichtig, eine einzurichten, da sie geeignet ist, die Präsenz der Kirche in den verschiedenen Bereichen, wo Kultur entsteht, zu fördern und dort jene vielfältige Kreativität zu wecken, die aus dem Glauben hervorgeht, ihn zum Ausdruck bringt und trägt. “Um das zu tun, sollte jede Ortskirche ein Kulturprojekt haben, wie es schon in diesem oder jenem Land der Fall ist”.(21) Das ist der ganze Gegenstand einer Kulturpastoral, die vielleicht komplexer ist als eine erste Evangelisierung nichtchristlicher Kulturen.
Die Religionen und das “Religiöse”
26. In ihrer Sendung, den Menschen aller Kulturen das Evangelium zu verkünden, begegnet die Kirche, vor allem in Afrika und Asien den traditionellen Religionen.(22) Die Ortskirchen sind aufgerufen und ermutigt, die Kulturen und traditionellen religiösen Übungen ihrer Region zu untersuchen: nicht um sie abzusegnen, sondern um die Werte, Bräuche und Riten zu prüfen, die geeignet sind, eine tiefere Verwurzelung des Christentums in den örtlichen Kulturen zu fördern (vgl. Ad gentes, Nr. 19 und 22).
Die “Rückkehr” oder das “Wiedererwachen” des Religiösen im Westen erfordert sicherlich eine gründliche Prüfung. Auch wenn es sich dabei eher um die Rückkehr des religiösen Empfindens als um den persönlichen Glauben an Gott in der Glaubensgemeinschaft der Kirche handelt, läßt sich doch nicht bestreiten, daß Männer und Frauen in steigender Zahl einer Dimension der menschlichen Existenz ihre Aufmerksamkeit widmen, die sie je nachdem spirituell, religiös oder sakral bezeichnen. Vor allem unter jungen Menschen und unter Armen ist ein Phänomen zu beobachten, auf das es sorgfältig zu achten gilt. Sie kehren bald zu einem Christentum zurück, das sie ein bißchen enttäuscht hat, wenden sich bald anderen Religionen zu, geben bald dem Drängen der Sekten oder sogar den Täuschungen des Okkultismus nach.
Überall auf der Welt bieten sich der Kulturpastoral neue Möglichkeiten und Felder, damit das Evangelium Christi in den Herzen aufleuchtet. Es gibt zahlreiche Punkte, in denen der christliche Glaube den herrschenden Kulturen zugänglicher gemacht und dementsprechend besser zum Ausdruck gebracht werden sollte, um der steigenden Konkurrenz durch eine verbreitete und reiche Religiosität gewachsen zu sein.
Die Suche des Dialogs und die damit verbundene Notwendigkeit, das spezifisch Christliche besser zu bestimmen, stellen ein immer wichtigeres Überlegungs- und Handlungsfeld dar für die Verkündigung des Glaubens in den Kulturen. Angesichts der Herausforderungen der Sekten (vgl. Ecclesia in America, Nr. 73) paßt die Kulturpastoral in dieses Bild, denn die kulturellen Wirkungen, die sie hervorrufen, sind zuinnerst mit ihrem “spirituellen” Gerede verbunden. Diese Situation macht eine gründliche Erörterung darüber erforderlich, wie in unseren Gesellschaften Toleranz und Religionsfreiheit zu leben sind (vgl. Dignitatis humanae, Nr. 4). Es ist sicherlich notwendig, Priester und Laien besser auszubilden, um ihnen Sachkenntnis und Urteilsvermögen zu vermitteln, was die Frage der Sekten und ihren Erfolg angeht. Dabei darf man aber nicht aus dem Blick verlieren, daß die Qualität des kirchlichen Lebens das eigentliche Mittel gegen die Sekten ist. Daher ist eine entsprechende Vorbereitung der Priester notwendig, damit sie die Herausforderungen der Sekten erkennen und den Gläubigen beistehen, wenn diese in Gefahr stehen, aus der Kirche auszutreten und vom Glauben abzufallen.
Gewöhnliche Orte der Glaubenserfahrung,
Volksfrömmigkeit, Pfarrei
27. In den christlichen Ländern hat sich von Generation zu Generation allmählich ein bestimmter Modus herausgebildet, den Glauben zu verstehen und zu leben. Mit der Zeit hat der Glaube schließlich die Existenz und das Zusammenleben der Menschen geprägt: Ortsfeste, Familientraditionen, verschiedene Feiern, Wallfahrten, usw. So ist eine Kultur entstanden, an der alle teilhaben und in die der Glaube als wesentliches, ja integrierendes Element hineinpaßt. Diese Art Kultur ist vom Säkularismus offenbar besonders bedroht. Es kommt darauf an, die echten Bemühungen zur Wiederbelebung dieser Traditionen zu unterstützen. Diese dürfen nämlich nicht zum Alleingut von Folkloristen oder Politiken werden, deren Absichten dem Glauben manchmal fremd sind, wenn sie ihm nicht sogar widersprechen. Vielmehr sollten sich ihnen auch Verantwortliche der Pastoral, christliche Gemeinschaften und qualifizierte Theologen anschließen.
Um das Herz der Menschen zu erreichen, bedarf es für die Verkündigung des Evangeliums vor jungen Menschen und Erwachsenen sowie für die Feier des Heils in der Liturgie nicht nur eines eingehenden Wissens und der Glaubenserfahrung, sondern auch einer gründlichen Kenntnis ihrer Umwelt und Kultur. Wenn ein Volk seine Kultur, die vom Christentum geprägt ist, liebt und als Wesenselement seines Lebens betrachtet, bekennt und lebt es seinen Glauben in dieser Kultur. Bischöfe, Priester, Ordensleute und Laien müssen ein Gespür für diese Kultur entwickeln, um sie zu schützen, wenn es notwendig ist, und sie im Licht der Werte des Evangeliums fördern, besonders wenn es sich dabei um die Kultur einer Minderheit handelt. Diese Aufmerksamkeit kann den am meisten Benachteiligten in ihrer großen Verschiedenheit einen Zugang zum Glauben bieten und in der Kirche zur Verbesserung der Qualität des christlichen Lebens führen. Tiefgründige Menschen mit einer gut integrierten Erziehung und Bildung sind lebendige Zeugen, dank derer viele die christlichen Wurzeln ihrer Kultur entdecken können.
28. Die Religion ist auch Gedächtnis und Überlieferung, und die Volksfrömmigkeit ist und bleibt eine der wichtigsten Ausdrucksformen einer richtigen Inkulturation des Glaubens. In ihr harmonieren Glaube und Liturgie, Empfinden und Kunst und äußert sich das Bewußtsein der eigenen Identität in den örtlichen Traditionen. So “hat Amerika, das im Laufe seiner Geschichte ein Schmelztiegel von Völkern war und bleibt, im Mestizengesicht der Jungfrau von Tepeyac, Unserer lieben Frau von Guadelupe, das große Beispiel von vollkommen inkulturierter Evangelisation erkannt” (Ecclesia in America, Nr. 11). Die Volksfrömmigkeit zeigt, daß die erneuernde Dynamik der Botschaft des Evangeliums und die verschiedensten Bestandteile einer Kultur sich gegenseitig vollkommen durchdrungen haben. Die Volksfrömmigkeit ist ein vorzüglicher Ort für die Begegnung des Menschen mit dem lebendigen Christus. Eine ständige pastorale Prüfung wird darin die echten geistlichen Werte entdecken, um sie zu ihrer Vollendung in Christus zu führen, “damit diese Religiosität zu einer ehrlichen Verpflichtung zur Umkehr und zu einer konkreten Erfahrung von Nächstenliebe führen kann” (ebd., Nr. 16). Die Volksfrömmigkeit ermöglicht es einem Volk, seinen Glauben, seine Beziehungen zu Gott und seiner Vorsehung, zu Maria und den Heiligen, zum Nächsten, zu den Verstorbenen, zur Schöpfung zum Ausdruck zu bringen und seine Zugehörigkeit zur Kirche zu festigen. Die Ausdrucksformen der Volksfrömmigkeit zu reinigen und zu katechisieren, kann in bestimmten Regionen zum entscheidenden Element für eine tiefgreifende Evangelisierung werden, ein richtiges Gemeinschaftsbewußtsein im gemeinsamen Glauben aufrechterhalten und entwickeln, und dies insbesondere durch religiöse Veranstaltungen des Volkes Gottes wie die großen Feiern an Festtagen (vgl. Lumen gentium, Nr. 67). Mit diesen bescheidenen Mitteln, die für alle greifbar sind, bringen die Gläubigen ihren Glauben zum Ausdruck, stärken sie ihre Hoffnung und bezeigen sie ihre Liebe. In vielen Ländern prägt ein tiefer Sinn für das Sakrale das gesamte Leben und den Alltag. Eine angemessene Pastoral versteht es, die sakralen Orte, Heiligtümer und Wallfahrten, Gebetswachen und Anbetungsstunden sowie den Sakramentenempfang, die heiligen liturgischen Zeiten und Gedenktage zu fördern und zur Geltung zu bringen. Bestimmte Diözesen und Hochschulgemeinden veranstalten - nach dem Beispiel der Juden, die sich freuten, wenn sie bei der Ankunft in Jerusalem die Lobgesänge auf den Berg Zion anstimmen konnten - wenigstens einmal pro Jahr eine Wallfahrt zu einem Heiligtum.
Die Volksfrömmigkeit verlangt von Natur aus nach künstlerischen Ausdrucksformen. Die Verantwortlichen der Pastoral verstehen es, die Kunst in allen Bereichen zu fördern: Riten, Musik, Gesänge, dekorative Kunst, usw. und wachen über ihre gute kulturelle und religiöse Qualität.
“Wenn die Pfarrei Kirche mitten unter den Häusern der Menschen ist” (Christifideles laici, Nr. 27), ist sie eine der wichtigsten Errungenschaften in der Geschichte des Christentums und bleibt für die große Mehrheit der Gläubigen der bevorzugte Ort der alltäglichen Glaubenserfahrung. Eine lebendige Pfarrei, die im selben Glauben geeint ist und sich zur Feier der Eucharistie versammelt, gibt Zeugnis vom gelebten Glauben und von der Liebe Christi und ist Ort einer zutiefst menschlichen religiösen Erziehung. In vielfältigen Formen, je nach Alter und Fähigkeit der Gläubigen, bietet die Pfarrei eine konkrete, inkulturierte Darstellung des bekannten und gefeierten Glaubens der Glaubensgemeinschaft. Diese erste in der Pfarrei empfangene Bildung ist entscheidend; sie führt in die Tradition ein und legt die Grundlagen für einen lebendigen Glauben und ein tiefes sentire cum ecclesiae.
Im komplexen und manchmal gewalttätigen Umfeld der Stadt, erfüllt die Pfarrei als Ort der christlichen Initiation und der inkulturierten Evangelisierung eine unersetzliche pastorale Funktion. Verschiedene Menschengruppen finden dort ihre Einheit in der festlichen Feier desselben Glaubens und im Apostolat, dessen Seele die Liturgie ist. Als vielgestaltige Gemeinschaft ist die Pfarrei - dank religiös und kulturell gut ausgebildeter Priester und Laien (vgl. Christifideles laici, Nr. 27) - ein bevorzugter Ort für eine konkrete Kulturpastoral, die auf Zuhören, Dialog, Unterstützung des Nächsten ausgerichtet ist.
29. “Die Erziehung ist ein bevorzugter Bereich, um die Inkulturation des Evangeliums zu fördern” (Ecclesia in America, Nr. 71). Die Erziehung, die das Kind und dann den Jugendlichen zur Reife führt, beginnt in der Familie, die ihr entscheidender Ort bleibt. Die gesamte Kulturpastoral und die ganze Evangelisierung stützen sich letztlich auf die Erziehung und nehmen die Familie als “ersten Ort der Erziehung der Person” (ebd.) zum Ausgangspunkt.
Die Familie muß sich aber oft mit den verschiedensten Schwierigkeiten auseinandersetzen und kann deshalb keine ausreichende Erziehung gewährleisten. Daraus ergibt sich die zunehmende Bedeutung der Bildungseinrichtungen. In vielen Ländern leitet die Kirche in Treue gegenüber ihrer zweitausendjährigen Sendung im Bereich der Erziehung und Lehre viele Einrichtungen: Kindergärten, Schulen, Internate, Gymnasien, Universitäten, Forschungszentren. Aufgabe dieser katholischen Einrichtungen ist es, die Werte des Evangeliums in die Kultur einzubringen. Um dies zu tun, müssen die Leiter dieser Einrichtungen die Botschaft Christi studieren und der Lehre der Kirche den Kern ihrer Lehrpläne entnehmen. Um ihre Sendung richtig erfüllen zu können, bedürfen diese Institutionen entsprechender Mittel, die oft nur schwerlich zusammenzubringen sind. Dessen muß man sich bewußt werden, um diese Herausforderung anzunehmen: Die Kirche ist es sich schuldig, einen bedeutenden Teil ihrer Mittel für Personal und Lehrmittel einzusetzen, um die von Christus empfangene Sendung zu erfüllen, nämlich das Evangelium zu verkünden. Ein Erfordernis bleibt auf jeden Fall: Es gilt, die Sorge um eine solide menschliche und christliche Ausbildung mit der Sorge um eine gute Schulausbildung zu verbinden.(23) Denn eine Vielzahl von Jugendlichen, welche die Bildungseinrichtungen der verschiedenen Länder besuchen, kann - oft trotz des guten Willens und der Fachkenntnis der Lehrer - teilweise dekulturiert sein, obwohl ihnen eine vollkommene Schulausbildung zuteil wird.
Die Universitäten, Internate und katholischen Forschungszentren haben den Auftrag, den Studenten eine entsprechende Ausbildung zu vermitteln, die diese zu Recht erwarten. Im Lichte einer globalen Kulturpastoral sorgen sie sich zudem um eine fruchtbare Begegnung zwischen dem Evangelium und den verschiedenen Ausdrucksformen der Kultur. Die genannten Einrichtungen sind so ein vorzüglicher Ort für eine Verschmelzung von Glaubensleben und Geistesleben und tragen in eigenständiger und unersetzlicher Weise zu einer echten Ausbildung in den kulturellen Werten bei. In dieser Hinsicht ist es angemessen und empfehlenswert, den Fächern Philosophie, Geschichte und Literatur als wesentlicher Ort der Begegnung zwischen Glauben und Kultur eine besondere Aufmerksamkeit zu widmen.
Die Präsenz der Kirche an der Universität und in der universitären Kultur (24) bedarf konkreter Initiativen, die geeignet sind, die Präsenz wirksam zu gestalten; daher sind eine gründliche Prüfung und ständig erneuerte Bemühungen erforderlich, um eine neue christliche Kultur zu fördern, die von den hervorragenden Errungenschaften in allen Bereichen des Universitätslebens zehrt.
Für diese menschliche und christliche Formation braucht es gut ausgebildete Priester, Ordensleute und Laien. Ihre gemeinsame Arbeit erlaubt es den katholischen Bildungseinrichtungen, auf die didaktischen Mittel sowie auf die Kulturexperten Einfluß auszuüben, und fördert in einer richtigen Erziehungs- und Bildungsgemeinschaft die Verbreitung eines christlichen Beziehungsmodells zwischen Lehrern und Schülern bzw. zwischen Professoren und Studenten. Die harmonische Ausbildung der Person ist eines der Hauptziele der Kulturpastoral.
30. Die Schule ist per definitionem einer der Orte der kulturellen Initiation und in bestimmten Ländern und seit Jahrhunderten einer der bevorzugten Orte für die Vermittlung einer vom Christentum geprägten Kultur. Während “die religiöse Unterweisung” in einigen Ländern in der Schule ihren Platz hat, so gilt dies nicht in gleicher Weise für die Mehrzahl der säkularisierten Länder. In der einen oder anderen Situation stellt sich sogar grundsätzlich die Frage der Beziehung zwischen religiöser Bildung und Katechese. Die Befürchtung, daß die allgemeine Pflicht zur Teilnahme am Religionsunterricht das Lehrpersonal faktisch zwingt, nur eine einfache religiöse Bildung zu vermitteln, ist nicht unbegründet. Wenn nämlich die Zahl derer, die regelmäßig am Religionsunterricht teilnehmen, abnimmt und die religiöse Bildung nicht anderweitig gewährleistet ist, besteht kurzfristig die Gefahr, daß sie bei den meisten jungen Menschen immer weiter zurückgeht. Daraus ergibt sich die Dringlichkeit, die Beziehung zwischen religiöser Bildung und Religionsunterricht neu zu erörtern und die Verbindung zwischen der Notwendigkeit, den Schülern und Schülerinnen eine genaue und objektive religiöse Information zu bieten, die manchmal völlig fehlt, und der entscheidenden Bedeutung des Glaubenszeugnisses in neuer Weise zum Ausdruck zu bringen. Daraus ergeben sich auch die unentbehrliche Komplementarität von Pfarrei und Schule und die Notwendigkeit, Lehrer und Lehrerinnen einzustellen, die imstande sind, aus diesen Einrichtungen Schulen zur geistigen und kulturellen Reifung zu machen. Dies sind die Voraussetzungen für den Erfolg dieser vielversprechenden und anspruchsvollen Pastoral.
31. Darüber hinaus muß man sich aber noch eines anderen Umstands bewußt werden. Während früher in vielen Ländern allen Kindern aus christlichen Familien eine angemessene religiöse Bildung zuteil wurde, so fehlt diese heute einer steigenden Zahl von Jugendlichen völlig. Einige von ihnen verspüren das Bedürfnis nach einer wirklichen theologischen Bildung. Diese neue Suche ist aus wenigstens drei Gründen ermutigend: Erstens, weil viele anderweitig gebildete Christen im Glauben nur treu sein und Fortschritte erzielen können, wenn ihre religiöse Bildung das gleiche Niveau erreicht hat wie ihre profane Bildung. Dies gilt vor allem, was die Bereiche ihres Berufslebens betrifft; zweitens, weil sie eher imstande sind, sich in den Dienst der Kirche zu stellen, wenn sie besser für die Verteidigung des Glaubens gerüstet sind. Und die Kirche braucht sie in folgenden Bereichen: Liturgie, Religionsunterricht, Krankendienst, Sakramentenvorbereitung, vor allem bei der Tauf- und bei der Ehevorbereitung; drittens, weil die Integration des christlichen Glaubens in den Beruf es ihnen nur langfristig ermöglicht, ihre Sendung als Laien in der Welt vollkommen zu erfüllen, wenn die beiden Dimensionen ihres Lebens richtig verschmolzen sind.
Eine gründliche theologische Bildung ist heute immer notwendiger, denkt man an die neuen Herausforderungen, von religiöser Gleichgültigkeit bis hin zu agnostizistischem Rationalismus, die es zu bewältigen gilt. Die gründliche Kenntnis der Glaubensgrundlagen ist vor allem für eine richtige Evangelisierung unumgänglich. Dieses intellektuelle, im Gebet verinnerlichte und in der Liturgie gefeierte Wissen müssen die Gläubigen sich persönlich aneignen und begreifen, um von der Person Jesu Christi und von seiner Heilsbotschaft Zeugnis geben zu können. Der zudem von fundamentalistischen Strömungen geprägte Kontext bedroht die wahre Volksfrömmigkeit und die Kultur unserer Zeit. Eine angemessene theologische Bildung ist daher sicherlich das beste Mittel, diese ernste Gefahr zu bewältigen.
Die auf die Evangelisierung der Kultur und die Inkulturation des Glaubens zielende Pastoral setzt eine zweifache Fachkenntnis voraus: eine theologische und eine pastorale. Eine theologische Bildung - anfänglich und fortwährend, allgemein oder so speziell, daß ein kirchlicher Abschluß erworben werden kann - sollte nach dem Wunsch des II. Vatikanischen Konzils (vgl. Gaudium et spes, Nr. 7) dort, wo es noch nicht geschehen ist, in weitem Maße in der Kirche angeboten werden. Sie ist zweifellos einer der besten Orte der Verständigung zwischen der heutigen Kultur und dem christlichen Glauben. Sie bietet dem Glauben daher gute Möglichkeiten, die heutige Kultur zu durchdringen. Voraussetzung ist allerdings, daß die empfangene Ausbildung und das Glaubensverständnis, das durch Studium des Wortes Gottes und der Tradition der Kirche gefestigt wird, den ganzen Alltag inspirieren.
32. Die katholischen Kulturzentren, die es überall dort gibt, wo ihre Errichtung möglich war, sind eine entscheidende Hilfe für die Evangelisierung und Kulturpastoral. In ihrem Umfeld gut integriert, besteht ihre Aufgabe in der Erörterung der dringlichen und komplexen Fragen der Evangelisierung der Kultur und der Inkulturation des Glaubens. Dabei gehen sie nach dem Geist des Völkerapostels (1 Thess 5,21-22) von den Ansatzpunkten aus, die eine offene und umfassende Diskussion mit allen bieten, die Kultur schaffen und fördern sowie in diesem Bereich tätig sind.
Die katholischen Kulturzentren sind äußerst vielfältig, was ihre Bezeichnung (Kulturzentrum, Akademie, Universität, Bildungshäuser), ihre Ausrichtung (theologisch, ökumenisch, naturwissenschaftlich, pädagogisch, künstlerisch, usw.), die behandelten Themen (kulturelle Strömungen, Werte, Dialog der Kulturen und Religionen, Wissenschaften, Kunst, usw.), die entfalteten Tätigkeiten (Konferenzen, Diskussionen, Kurse, Seminare, Veröffentlichungen, Bibliotheken, Ausstellungen, usw.) angeht. Selbst der Begriff “katholisches Kulturzentrum” beinhaltet die Vielfalt und den Reichtum verschiedener Situationen eines Landes: Es handelt sich entweder um an kirchliche Strukturen (Pfarrei, Diözese, Bischofskonferenz, Orden, usw.) gebundene Einrichtungen oder um private Initiativen von Katholiken in Gemeinschaft mit der Kirche. Alle Zentren bieten kulturelle Veranstaltungen an in der ständigen Sorge um die Beziehung zwischen Glauben und Kultur, um die Förderung der von christlichen Werten inspirierten Kultur, und zwar durch Dialog, wissenschaftliche Forschung und Ausbildung sowie durch die Förderung einer vom Glauben an Christus befruchteten, inspirierten, belebten und bewegten Kultur.
“Die katholischen Kulturzentren bieten der Kirche einzigartige Möglichkeiten für ihre Präsenz und Wirksamkeit auf dem Gebiet der kulturellen Veränderungen. Sie stellen in der Tat öffentliche Foren dar, die durch den kreativen Dialog die weitreichende Verbreitung der christlichen Anschauungen über den Menschen, die Familie, die Arbeit, die Wirtschaft, die Gesellschaft, die Politik, über das internationale Leben und über die Umwelt ermöglichen” (Ecclesia in Africa, Nr. 103).
Der Päpstliche Rat für die Kultur hat hauptsächlich auf der Grundlage der von den Bischofskonferenzen erhaltenen Informationen eine Liste dieser Zentren veröffentlicht.(25) Diese erste internationale Dokumentation über die katholischen Kulturzentren soll die Beziehung und den Austausch fördern und der Arbeit in der Kulturpastoral dienen, bei der auch von den neuen Kommunikationsmitteln Gebrauch zu machen ist.
Soziale Kommunikationsmittel und religiöse Information
33. Ein Umstand weckt ganz besonders das Interesse der Verantwortlichen der Pastoral: Die Kultur wird unter dem Einfluß der Medien und der Informationstechnik immer globaler. Zwar standen die Kulturen zu allen Zeiten irgendwie miteinander in Beziehung. Doch heute sind nicht einmal mehr die nur ganz spärlich verbreiteten Kulturen isoliert. Sie profitieren von dem steigenden Austausch, leiden aber auch unter dem Druck einer starken Uniformation - ein extremes Beispiel hierfür ist die Verbreitung von Formen des Materialismus, des Individualismus und des Immoralismus. Gewalt und Sex werden durch Videokassetten, Filme, Fernsehen und Internet billig verbreitet und drohen auch die Erzieher mitzureißen. Die sozialen Kommunikationsmittel verbreiten zudem eine Vielfalt von extrem unterschiedlichen religiösen Meinungen, alten oder modernen Ursprungs, die sich fortan in derselben und Zeit und am selben Ort begegnen.
Auf der Ebene der sozialen Kommunikation spielen die, wenn auch kleinen, katholischen Fernseh- und Rundfunkanstalten bei der Evangelisierung der Kultur und der Inkulturation des Glaubens eine unbestreitbare Rolle. Sie erreichen Menschen in ihrem gewöhnlichen Alltag und tragen so wirksam zur Entwicklung ihrer Lebensweisen bei. Wo es möglich ist, sie einzurichten, ermöglichen die katholischen Rundfunkanstalten es den Diözesen ohne große Mittel nicht nur, von den technischen Mitteln der reicheren zu profitieren, sondern sie regen auch den kulturellen Dialog unter den christlichen Gemeinschaften an. Das Engagement der Christen, nicht nur in den religiösen, sondern auch in den staatlichen oder privaten Medien ist eine Priorität, weil die Kommunikationsmittel sich von Natur aus an die ganze Gesellschaft wenden und es der Kirche ermöglichen, Menschen außerhalb ihres Einzugsgebiets zu erreichen. In einigen Ländern, wo die Medien für religiöse Botschaften offen sind, veranstalten die Diözesen regelrechte Kampagnen und strahlen Programme und sogar Werbespots aus, um die für eine wirklich menschliche Kultur wesentlichen christlichen Werte zu verbreiten. Außerdem verleihen verschiedene katholische Einrichtungen Kulturpreise für hervorragende Leistungen im Bereich der Medien. Gute und ernsthafte Beiträge in den Medien können zur Verbreitung der Botschaft des Evangeliums beitragen und eine dementsprechend inspirierte Kultur fördern.
Die Tagespresse und regelmäßig erscheinenden Zeitschriften sowie das Verlagswesen haben nicht nur im Leben der Ortskirche, sondern auch im Gesellschaftsleben ihren Platz, weil sie oft schon seit Jahrhunderten von der Vitalität des Glaubens und dem spezifischen Beitrag von Christen zum kulturellen Leben zeugen. Um diese beachtliche Chance, Einfluß auszuüben, zu nutzen, bedarf es Journalisten, Autoren, Verleger mit christlichen Grundsätzen, die sich im weiten Horizont der Kultur engagieren. In den Ländern, wo es neben den offiziellen noch traditionelle Sprachen gibt, geben bestimmte Diözesen eine Zeitschrift oder zumindest einige Artikel in der traditionellen Sprache heraus, um eine unvergleichlich größere Zahl von Familien zu erreichen.
Die außerordentlichen Möglichkeiten der sozialen Kommunikationsmittel, die Botschaft des Evangeliums in der ganzen Welt zu verbreiten und der Kultur eine Seele zu geben, macht die Ausbildung von katholischen Fachkräften erforderlich: “Für eine wirksame Neuevangelisierung ist eine eingehende Kenntnis der aktuellen Kultur notwendig. In ihr haben die sozialen Kommunikationsmittel einen großen Einfluß” (Ecclesia in America, Nr. 72). Die Präsenz von Katholiken in den Medien ist um so wirksamer als die Bischöfe im Laufe ihrer Ausbildung für diese Kommunikationsmittel sensibel gemacht wurden. Ihr wohlüberlegtes und verantwortungsbewußtes Engagement ist allein imstande, die Klippen der Medien zu meistern und die Herausforderungen zu bewältigen.
34. Die Kulturpastoral verlangt die besondere Aufmerksamkeit der Journalisten von Presse, Fernsehen und Radio. Ihre Fragen sind manchmal unangenehm und enttäuschend, wenn sie dem Wesen der Botschaft, die wir vermitteln müssen, nur wenig entsprechen. Diese verwirrenden Fragen sind aber oft die Fragen der meisten unserer Zeitgenossen. Um die Kommunikation unter den verschiedenen Instanzen der Kirche und den Journalisten zu verbessern, aber auch um die Inhalte, die Begründer und die Methoden der kulturellen und religiösen Sender besser kennenzulernen, ist es wichtig, einer ausreichenden Zahl eine angemessene Ausbildung im Umgang mit den Kommunikationstechniken zu gewähren, angefangen bei den jungen Menschen in den Seminaren und Ordenshäusern. Viele junge Laien wenden sich den Medien zu. Aufgabe der Kulturpastoral ist es daher, sie auf eine aktive Präsenz in den Medien vorzubereiten: im Radio, Fernsehen, Buch- und Zeitschriftenwesen, das heißt in jenen Informationsträgern, die den täglichen Bezugspunkt der meisten unserer Zeitgenossen bilden. Durch offene und achtbare Medien können gut vorbereitete Christen eine missionarische Rolle auf erster Ebene spielen. Deshalb ist es wichtig, sie gut auszubilden und zu unterstützen.
Um Schöpfungen von hohem moralischem, geistigem und künstlerischem Niveau anzuregen, veranstalten viele Ortskirchen Film- und Fernsehfestivals und verleihen nach dem Beispiel des katholischen Filmpreises entsprechende Auszeichnungen. Um die Qualität der Information durch eine angemessene Ausbildung zu fördern, haben einige Berufsgenossenschaften und Journalismusgewerkschaften eine ethische Mediencharta, einen Verhaltenskodex für Journalisten erstellt oder einen ethischen Medienrat eingerichtet. Andere haben Arbeitsgemeinschaften von Medienfachleuten gegründet, um Konferenzen zu ethischen, religiösen, kulturellen Fragen sowie Einkehrtage zu veranstalten.
Naturwissenschaften, Technik, Bioethik und Ökologie
35. Trotz aller Mißverständnisse haben die Kirche und die ganze Gesellschaft seit Jahrhunderten von den qualifizierten Arbeiten versierter Christen in den exakten und in den experimentellen Wissenschaften profitiert. Nach der Prüfung des Szientismus, dessen Postulate heute in der Regel abgelehnt werden, muß die Kirche auf die Beiträge bzw. neuen Fragen und Herausforderungen der Naturwissenschaften, Technik und neuen Biotechniken achten. Es ist daher nicht nur wichtig, die laufende Entwicklung der Paradigmen der Ars Medica zu verfolgen, sondern es gilt auf einem für die menschliche Person so grundlegenden Gebiet vor allem auch, sich auf die Arbeiten von anerkannten Fachleuten und verläßliche Moraltheologen zu stützen. Die Entwicklung einer interdisziplinären und kohärenten Lehre hilft, ein für den in den letzten Jahrzehnten begonnenen Dialog zwischen Naturwissenschaft und Glaube günstiges Terrain zu schaffen. Der Erfolg der Kulturpastoral hängt in dieser Hinsicht ab von:
- der Ausbildung qualifizierter Berater, die sich nicht nur in Physik, Chemie und Biologie auskennen, sondern auch in Theologie und Philosophie, damit sie zu Beiträgen im Internet, im Radio oder im Fernsehen imstande sind und sich zu Streitfragen und Auseinandersetzungen, die zwischen dem Glauben und den Naturwissenschaften bestehen, äußern können: creatio ex nihilo und creatio continua, Evolution, dynamische Natur der Welt, Auslegung der Heiligen Schrift und wissenschaftliche Studien, Stellung und Rolle des Menschen im Kosmos, Beziehung zwischen dem Ewigkeitsbegriff und der raum-zeitlichen Struktur des physikalischen Universums, unterschiedliche Erkenntnislehren, usw.
- einer Einführung der Seminaristen und ständigen Fort- und Weiterbildung der Priester, die ihnen hilft, fundiert auf die Fragen der Gläubigen zu antworten, die ihre Kenntnis von der Lehre der Kirche vertiefen wollen, um in einem oft fremden, wenn nicht sogar feindlichen kulturellen Kontext bestehen zu können.
- Kommunikationsnetzen unter katholischen Gelehrten, die in höheren katholischen Bildungseinrichtungen, staatlichen Universitäten, privaten Einrichtungen und privaten Forschungszentren lehren, sowie unter wissenschaftlichen Akademien, Fachverbänden und Bischofskonferenzen.
- der Gründung von Akademien für das Leben oder speziellen Arbeitsgemeinschaften in diesem Bereich, zu denen anerkannte und kirchentreue katholische Fachleute gehören.
- einer weit verbreiteten katholischen Presse und von katholischen Veröffentlichungen in Zusammenarbeit mit qualifizierten Fachleuten auf diesen Gebieten.
- katholischen Buchhandlungen, die fachkundig durch die vielen Sammlungen, Zeitschriften und wissenschaftlichen Veröffentlichungen führen können.
- Pfarrbibliotheken und Pfarrvideotheken, die in Fragen zur Beziehung von Naturwissenschaft, Technik und Glauben konsultiert werden können.
- einer Pastoral, welche die Wissenschaftler zu einem tiefen geistlichen Leben führt oder sie darin bestärkt.
36. Die Verknüpfung der Ästhetik mit dem Streben nach dem Gutem und der Suche nach dem Wahrem ist sicherlich ein vorzügliches Feld der Kulturpastoral, um das Evangelium unter Berücksichtigung der Zeichen der Zeit zu verkünden. Die Künstlerpastoral erfordert ein ästhetisches Gespür sowie eine nicht minder große christliche Sensibilität. In unserer Kultur, die von einer Flut von oft banalen und brutalen Bildern, die Fernsehen, Film und Videos täglich zeigen, geprägt ist, weckt das fruchtbare Bündnis zwischen Evangelium und Kunst neue Epiphanien der Schönheit, die bei der Betrachtung Christi, des menschgewordenen Gottessohnes, bei der Meditation seiner Geheimnisse und ihrer Ausstrahlung im Leben Marias und der Heiligen (vgl. Johannes Paul II., Brief an die Künstler, 4. April 1999) entstehen.
Auf institutioneller Ebene machen steigende Diversifizierung und Zersplitterung einen neuen Dialog der Kirche mit den verschiedenen Kunsteinrichtungen oder Kunstverbänden erforderlich. Von der Pfarr- bis zur Kategorialseelsorge, von den Diözesen bis zu den Bischofskonferenzen, von den Seminaren bis zu den Ausbildungszentren und Universitäten fördert diese Pastoral Verbände, die geeignet sind, einen konstruktiven Dialog mit Künstlern und der Welt der Kunst einzufädeln. Für die Ortskirchen, die manchmal ihnen gegenüber auf Distanz gegangen sind, kann dieser dank geeigneter Orte der Begegnung neu hergestellte Kontakt nur von Vorteil sein.
Auf kreativer Ebene hat die Erfahrung gelehrt: Unter politischen Bedingungen, die für die wahre Kultur, welche die Freiheit voraussetzt, ungünstig waren, hat sich die Kirche zur Verfechterin und Beschützerin von Kunst und Kultur gemacht. Viele Künstler haben daher in ihrer Mitte einen vorzüglichen Ort zur Entfaltung ihrer persönlichen Kreativität gefunden. Diese Haltung und Rolle der Kirche gegenüber der Kultur und den Künstlern sind höchst aktuell - vor allem im Bereich der Architektur, Malerei und Kirchenmusik. Ruft man die Künstler zur Beteiligung am Leben der Kirche auf, fordert man sie gleichzeitig zur Erneuerung der christlichen Kunst auf. Eine vertrauensvolle Beziehung zu den Künstlern, das heißt ihnen zuhören und mit ihnen zusammenarbeiten, ermöglicht die Aufwertung all dessen, was den Menschen bildet und seinem Menschsein ein höheres Niveau verleiht, und zwar durch eine intensive Teilhabe am Geheimnis Gottes, dem schönsten und höchsten Gut. Um konstruktiv zu sein, darf sich die Beziehung von Glaube und Kunst nicht auf die Annahme der Kreativität beschränken. Vorschläge, Konfrontationen und Unterscheidungen sind notwendig, denn Glaube ist Treue zur Wahrheit. Die Liturgie stellt in dieser Hinsicht dank ihrer inspirativen Kraft und vielfältigen Möglichkeiten, die sie den Künstlern in ihrer Unterschiedlichkeit bietet, um die Weisungen des II. Vatikanischen Konzils zu verwirklichen, ein außergewöhnliches Umfeld dar. Es ist wichtig, eine einheimische und zugleich katholische Ausdrucksform des Glaubens unter Beachtung der liturgischen Vorschriften anzuregen.(26) Die Notwendigkeit, neue Kirchen zu bauen und auszustatten, macht eine eingehende Reflexion über die Kirche als sakraler Ort und über die Bedeutung der Liturgie erforderlich. Die Künstler sind aufgerufen, diesen spirituellen Werten Ausdruck zu verleihen. Ihre Kreativität soll die Entwicklung von Malereien und musikalischen Kompositionen ermöglichen, die eine größtmögliche Zahl ansprechen, um ihnen die Transzendenz der Liebe Gottes zu offenbaren und um sie ins Gebet einzuführen. Das II. Vatikanische Konzil war sich in diesem Punkt sofort klar, und seine Weisungen sind stets zu verwirklichen: “Durch angestrengtes Bemühen soll erreicht werden, daß die Künstler das Bewußtsein haben können, in ihrem Schaffen von der Kirche anerkannt zu sein, und daß sie im Besitz der ihnen zustehenden Freiheit leichter zum Kontakt mit der christlichen Gemeinde kommen. Auch die neuen Formen der Kunst, die gemäß der Eigenart der verschiedenen Völker und Länder den Menschen unserer Zeit entsprechen, sollen von der Kirche anerkannt werden. In das Heiligtum aber sollen sie aufgenommen werden, wenn sie in einer dafür angepaßten Aussageweise den Erfordernissen der Liturgie entsprechen und den Geist zu Gott erheben” (Gaudium et spes, Nr. 62).
Auf der Ebene der Ausbildung: Eine auf die Kunst und die Künstler zielende Pastoral setzt eine angemessene Ausbildung voraus,(27) um die Schönheit der Kunst und die Epiphanie des Geheimnisses zu erfassen. Die Verantwortlichen einer solchen Einführung in die Kunst in Verbindung mit der theologischen, liturgischen und spirituellen Ausbildung sollen Priester und Laien aussuchen, denen sie die Künstlerpastoral anvertrauen mit der Aufgabe, in der christlichen Gemeinschaft klare Urteile zu fällen und begründete Beurteilungen über die Botschaft der zeitgenössischen Kunst abzugeben.
Die Handlungsmöglichkeiten in diesem Bereich sind zahlreich und vielfältig. Verbände, Genossenschaften von Künstlern, Schriftstellern und Akademikern zeigen, wie wichtig die Rolle von Menschen mit katholischer Kultur ist, und können einen konstruktiveren Dialog zwischen Kirche und Kunst fördern. Verschiedene Formulierungen wie Kulturwoche oder Woche der christlichen Kultur weisen auf regelmäßige Kulturveranstaltungen mit spezifisch christlichen Angeboten hin, die für eine größtmögliche Zahl offen ist. Ein internationales oder nationales Festival der sakralen Kunst oder ein internationaler oder nationaler Preis für sakrale Kunst erlaubt es, der Kirchenmusik, dem Film und dem religiösen Buch eine besondere Bedeutung zu verleihen.
Kulturerbe und religiöser Tourismus
37. Im Kontext der Freizeitgestaltung und der Entwicklung des religiösen Tourismus erlauben zahlreiche Initiativen es, das bestehende kulturelle und religiöse Erbe zu erhalten, zu restaurieren und zur Geltung zu bringen sowie den jüngeren Generationen den Reichtum der christlichen Kultur zu vermitteln,(28) die Frucht einer harmonischen Synthese von christlichem Glauben und Geist der Völker ist. In diesem Sinn scheint es wünschenswert, einige Zielsetzungen zu fördern und zu ermutigen:
- Einführung einer Tourismus- und Freizeitpastoral sowie einer Kunstkatechese in die gewöhnlichen konkreten Aktivitäten einer Diözese.
- Erstellung von Wallfahrtswegen in einer Diözese oder Region mit den Glaubensorten, die das geistliche und kulturelle Erbe bilden, als Stationen.
- Offenere und einladendere Kirchen unter Betonung von manchmal bescheidenen, aber bedeutenden Elementen.
- Planung einer Pastoral in häufig aufgesuchten Kirchen und Kapellen, um den Besuchern ihre Botschaft zu vermitteln. Dazu mögen einfache und klare Broschüren dienen, die mit den zuständigen Organen ausgearbeitet und veröffentlicht werden sollen.
- Errichtung von Organisationen für katholische Touristenführer, die imstande sind, Touristen einen guten, vom Glaubenszeugnis beseelten kulturellen Dienst anzubieten. Solche Initiativen können auch zur Schaffung neuer, wenn auch vielleicht befristeter Arbeitsplätze für jugendliche oder auch ältere Arbeitslose beitragen.
- Ermutigung von internationalen Verbänden wie der Bund der Kathedralen in Europa (Association des Cathédrales d’Europe).
- Einrichtung und Gestaltung von Museen für sakrale Kunst und religiöse Anthropologie, die sich bevorzugt um die Qualität der Ausstellungsstücke sowie die pädagogisch lebendige Präsentation kümmern und dabei das Interesse für den Glauben und für die Geschichte verbinden und vermeiden, daß die Museen zu Lagern von toten Gegenständen werden.
- Einrichtung und Vermehrung von Fonds, insbesondere für Bibliotheken, die auf das profane und christliche Kulturerbe jeder Region spezialisiert sind und einer größtmöglichen Zahl breite Kontaktmöglichkeiten mit diesem Erbe bieten.
- Einrichtung und Ermutigung von katholischen Buchhandlungen - vor allem in Pfarreien und an Wallfahrtsorten - mit qualifiziertem Personal, das imstande ist, nützliche Ratschläge zu erteilen - und dies trotz aller Schwierigkeiten im Verlagswesen und auf dem Büchermarkt in vielen Ländern.
38. Die Kulturpastoral erreicht die jungen Menschen mit einer Methode, die die Person in ihrem Innersten berührt, in den verschiedenen Bereichen der Lehre, Ausbildung, der Freizeit. Wenn die Familie der wesentliche Ort für die traditio fidei bleibt, so verstehen es die Pfarreien, Diözesen, katholischen Internate und Universitäten sowie die verschiedenen kirchlichen Bewegungen, die in den verschiedenen Lebens- und Lehrbereichen präsent sind, ihrerseits konkrete Initiativen zu ergreifen. Sie dienen der Förderung von:
- Orten, wo sich junge Menschen gern treffen und Freundschaften entstehen. Sie bilden ein Umfeld, das den Jugendlichen in seinem Glauben trägt.
- dem jeweiligen Bildungsniveau angepaßten Vortrags- und Reflexionsreihen zu aktuellen Themen des christlichen Lebens, die von gemeinsamem Interesse sind.
- kulturellen oder soziokulturellen Verbänden, offenen Bildungs- und Freizeitveranstaltungen, wie Gesang, Theater, Filmclub, usw.
- Kultursammlungen wie Bücher und Videokassetten, die eine christliche kulturelle Information und Bildung sowie einen Austausch mit anderen Jugendlichen oder Gleichaltrigen ermöglichen.
- der Vorstellung von nachahmenswerten Modellen, denn es geht letztlich darum, junge Erwachsene heranzubilden, die ihren Glauben in ihrem kulturellen Umfeld leben, sei es nun an der Universität oder in der Forschung, am Arbeitsplatz oder in der Kunst.
- Wallfahrtswegen, die einer kleinen Meditationsgruppe oder einer großen Festversammlung in einer Atmosphäre ansteckender, strahlender Inbrunst kulturelle Impulse für die gelebte Spiritualität geben.
Alle diese Initiativen fügen sich in eine globale Pastoral ein, mit der die Kirche “eine neue Form des Dialogs” führt, “die es möglich macht, die Eigenart der evangelischen Botschaft in die heutigen Denk- und Anschauungsweisen hineinzutragen. Wir müssen also die apostolische Kreativität und die prophetische Kraft der ersten Jünger wiederfinden, um den neuen Kulturen begegnen zu können. Das Wort Christi muß in seiner ganzen Frische den jungen Generationen vermittelt werden, deren Haltung für traditionelle Geister manchmal schwer zu verstehen ist, die aber den geistlichen Werten gegenüber keineswegs verschlossen sind”.(29) Die Jugend ist die Zukunft der Kirche und der Welt. Die Jugendseelsorge und die Studentenseelsorge sowie die Betriebsseelsorge sind Zeichen der Hoffnung auf der Schwelle zum dritten Jahrtausend.
SCHLUSS
Für eine in der Kraft des Heiligen Geistes erneuerte Kulturpastoral
39. Die im Zuge des II. Vatikanischen Konzils (Gaudium et Spes, Nr. 53-62) in einem weiteren Sinn zu verstehende Kultur erweist sich für die Kirche an der Schwelle zum dritten Jahrtausend als Grunddimension der Pastoral, und “eine wirkliche Kulturpastoral […] ist für die Neuevangelisierung von entscheidender Bedeutung”.(30) Bei ihrem energischen Einsatz für eine Neuevangelisierung, die Geist und Herz erreicht und alle Kulturen befruchtet, prüfen und beurteilen die Hirten im Licht des Heiligen Geistes die aufkommenden Herausforderungen von dem Glauben gegenüber gleichgültigen, ja sogar feindlichen Kulturen sowie die kulturellen Gegebenheiten, welche die Ansatzpunkte für die Verkündigung des Evangeliums bilden. “Denn das Evangelium führt die Kultur zu ihrer Vollkommenheit, und die wirkliche Kultur ist für das Evangelium aufgeschlossen”.(31)
Zahlreiche Begegnungen mit Bischöfen und Gelehrten aus verschiedenen Bereichen - Wissenschaft, Technik, Pädagogik, Kunst - haben die Themen einer solchen Pastoral, ihre Voraussetzungen und Erfordernisse, Hindernisse und Ansatzpunkte, primären Ziele und vorzüglichen Mittel deutlich gemacht. Die ungeheure Weite dieses Apostolatsfelds in “dem überaus weitläufigen Areopag der Kultur” (Redemptoris Missio, Nr. 37), in der Verschiedenheit und Komplexität der Kulturbereiche macht eine Zusammenarbeit auf allen Ebenen, von der Pfarrei bis zur Bischofskonferenz, von einer Region bis zu einem Kontinent erforderlich. Der Päpstliche Rat für die Kultur bemüht sich seinerseits im Rahmen seiner Sendung,(32) eine solche Zusammenarbeit zu unterstützen und anregende Gespräche und geeignete universitäre, geschichtliche, philosophische, theologische, wissenschaftliche, künstlerische und intellektuelle Initiativen vor allem auf der Ebene der römischen Dikasterien, der Bischofskonferenzen, der Internationalen Katholischen Organisationen sowie der Päpstlichen Akademien (33) und Katholischen Bildungszentren (34) zu fördern.
“Geht zu allen Völkern, und macht alle Menschen zu meinen Jüngern; tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, und lehrt sie, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe” (Mt 28, 19-20). Auf diesem Weg, den der Herr gewiesen hat, erfolgt die Kulturpastoral in enger Verbindung mit dem persönlichen und gemeinschaftlichen Glaubenszeugnis von Christen; sie fügt sich als vorzügliches Mittel zur Evangelisierung der Kulturen und zur Inkulturation des Glaubens in die Sendung ein, die Frohbotschaft des Evangeliums den Menschen aller Zeiten zu verkünden. “Diese hat als Erfordernis den gesamten geschichtlichen Weg der Kirche geprägt, ist aber heute besonders wichtig und dringlich. Der Prozeß der Einfügung der Kirche in die Kulturen der Völker verlangt viel Zeit. […] Sie ist also ein tiefgreifender, umfassender und schwieriger Prozeß” (Redemptoris Missio, Nr. 52). Wer sieht auf der Schwelle zum dritten Jahrtausend darin nicht das Thema für die Zukunft der Kirche und der Welt? Die Verkündigung des Evangeliums Jesu Christi drängt uns, lebendige Glaubensgemeinschaften zu bilden, die in den verschiedenen Kulturen integriert sind und Hoffnung bringen, um eine Kultur der Wahrheit und der Liebe zu fördern, in der jeder seine Berufung als Kind Gottes verwirklichen, das heißt “Christus in seiner vollendeten Gestalt darstellen” (Eph 4,13) kann. Auf der Schwelle zum dritten Jahrtausend nach Christus, dem Sohn Gottes und Sohn Marias, dessen Botschaft der Liebe und der Wahrheit das wesentliche Bedürfnis jeder menschlichen Kultur über alle Erwartungen hinaus erfüllt, ist die Kulturpastoral äußerst dringlich; die Aufgabe ist gigantisch, die Modalitäten sind vielfältig und die Möglichkeiten immens. “Der Glaube an Christus schenkt den Kulturen eine neue Dimension, nämlich die der Hoffnung auf das Reich Gottes. Die Christen sind dazu berufen, diese Hoffnung auf eine neue Erde und einen neuen Himmel in das Herz der Kulturen einzupflanzen. […] Weit davon entfernt, sie zu gefährden oder zu verarmen, bringt das Evangelium ihnen ein Mehr an Freude und Schönheit, an Freiheit und Sinn, an Wahrheit und Güte”.(35)
Die Kulturpastoral verfolgt in ihren vielfältigen Ausdrucksformen letztlich nur ein Ziel: Sie will der ganzen Kirche helfen, ihre Sendung zu erfüllen, nämlich das Evangelium zu verkünden. Auf der Schwelle zum dritten Jahrtausend hilft sie kraft des Wortes Gottes, das “Inspiration des ganzen christlichen Daseins” (Tertio millennio adveniente, Nr. 36) ist, dem Menschen, das Drama des atheistischen Humanismus zu überwinden und einen “neuen Humanismus” (Gaudium et spes, Nr. 55) zu schaffen, der imstande ist, überall auf der Welt durch das Wunder der Neuheit Christi verwandelte Kulturen zu schaffen: “Dazu ist das Wort Gottes Mensch geworden und der Sohn Gottes zum Menschensohn, damit der Mensch das Wort in sich aufnehme und, an Kindesstatt angenommen, zum Sohn Gottes werde”.(36) Er erneuert den Menschen nach dem Bild seines Schöpfers (vgl. Kol 3,10) und damit alle Kulturen durch die schöpferische Kraft seines Geistes, der in alle Ewigkeit sprudelnden Quelle der Schönheit, Liebe und Wahrheit, nach dem “neuen Menschen, der nach dem Bild Gottes geschaffen ist” (Eph 4,24).
Vatikanstadt, Pfingsten, 23. Mai 1999
Paul Kardinal Poupard
Präsident
Bernard Ardura, O. Praem.
Sekretär
(1) Johannes Paul II., Ansprache vor den Vereinten Nationen zum 50-jährigen Bestehen der Weltorganisation, 5. Oktober 1995, Nr. 9.
(2) Johannes Paul II., Schreiben zur Errichtung des Päpstlichen Rates für die Kultur, 20. Mai 1982, in: AAS 74 (1982) 683-688.
(3) Johannes Paul II., Ansprache vor dem Päpstlichen Rat für die Kultur, 15. Januar 1985, Nr. 2.
(4) Päpstliche Bibelkommission, Glaube und Kultur im Licht der Bibel, 1981.
(5) Internationale Theologenkommission, Glaube und Inkulturation, 1989.
(6) Puebla: Die Evangelisierung Lateinamerikas in Gegenwart und Zukunft, Schlußdokument der 3. Generalversammlung der lateinamerikanischen Bischöfe 1979, Nr. 385-436 (Hrsg. Deutsche Bischofskonferenz, Stimmen der Weltkirche 8 [1979]); Santo Domingo: Neue Evangelisierung - Förderung des Menschen - Christliche Kultur, Schlußdokument der 4. Generalversammlung der lateinamerikanischen Bischöfe 1992, Nr. 228-286 (Hrsg. Deutsche Bischofskonferenz, Stimmen der Weltkirche 34 [1992]).
(7) Vgl. Johannes Paul II., Ansprache vor der UNESCO, 2. Juni 1980, Nr. 12.
(8) Vgl. Indiferentismo y sincretismo. Desafíos y propuestas pastorales para la Nueva Evangelización de América Latina, Symposium, San José de Costa Rica, 19.-23. Januar 1992, Bogotà, Celam, 1992.
(9) Vgl. Santo Domingo: Neue Evangelisierung - Förderung des Menschen - Christliche Kultur, a.a.O., Nr. 230.
(10) Puebla: Die Evangelisierung Lateinamerikas in Gegenwart und Zukunft, a.a.O., Nr. 405.
(11) Johannes Paul II., Predigt bei der heiligen Messe zur Amtsübernahme, 22. Oktober 1978, Nr. 5.
(12) Päpstlicher Rat für die sozialen Kommunikationsmittel, Pastoralinstruktion Aetatis novae, 1992, Nr. 4.
(13) Päpstlicher Rat für die sozialen Kommunikationsmittel, Ethik in der Werbung, 22. Februar 1994.
(14) Johannes Paul II., Botschaft zum 31. Welttag der sozialen Kommunikationsmittel, 24. Januar 1997.
(15) Johannes Paul II., Ansprache vor den Vereinten Nationen zum 50-jährigen Bestehen der Weltorganisation, 5. Oktober 1995, Nr. 8.
(16) Après Galilée. Science et foi. Nouveau Dialogue, Paris 1994.
(17) Johannes Paul II., Ansprache bei der Generalaudienz, 6. Dezember 1995, Nr. 1.
(18) Johannes Paul II., Ansprache vor der UNESCO, Nr. 11.
(19) Vgl. 4. Lateinamerikanische Bischofskonferenz, Santo Domingo, a.a.O., Nr. 228-286; Nachsynodales Apostolisches Schreiben Ecclesia in America, 22. Januar 1999, Nr. 64.
(20) Vgl. Außerordentliches Kardinalskonsistorium in Rom (4.-6. April 1991): Die Sekten - Herausforderung an die Pastoral der Kirche, Vatikan 1986; Sekten und neue religiöse Bewegungen. Anthologie der Texte der katholischen Kirche 1986-1994, Paris 1996.
(21) Johannes Paul II., Ansprache vor dem Päpstlichen Rat für die Kultur, 14. März 1997, Nr. 4.
(22) Vgl. zwei Schreiben des Päpstlichen Rates für den interreligiösen Dialog, Pastoral Attention to African Traditional Religion, in Bulletin 68 [1988] XXIII2, 102-106; Pastoral Attention to Traditional Religions, in ebd. 84 [1993] XXVIII3, 234-240.
(23) Vgl. Kongregation für das katholische Bildungswesen, Der katholische Laie - Zeuge des Glaubens in der Schule, 15. Oktober 1982; Johannes Paul II., Nachsynodales Apostolisches Schreiben Christifideles laici über die Berufung und Sendung des Laien in der Kirche und in der Welt, Nr. 44.
(24) Vgl. Kongregation für das katholische Bildungswesen, Päpstlicher Rat für die Laien, Päpstlicher Rat für die Kultur, Die Präsenz der Kirche an der Universität und in der universitären Kultur (1994).
(25) Päpstlicher Rat für die Kultur, Centres Culturels Catholiques, Vatikanstadt 21998; Päpstlicher Rat für die Kultur - Kommission der Italienischen Bischofskonferenz für katholische Bildung, Kultur, Schule und Universität, I Centri Culturali Cattolici. Idea, esperienza, missione. Elenco e indirizzi, Rom 21998.
(26) Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung, Römische Liturgie und Inkulturation, 4. Instruktion über die richtige Anwendung der Konzilskonstitution über die Liturgie (1994), Nr. 37-40.
(27) In dieser Hinsicht sind die Vorlesungszyklen an der Universität hervorzuheben, die der Ausbildung zukünftiger Verantwortlicher für das kulturelle Erbe der Kirche gewidmet sind. Solche Vorlesungszyklen gibt es beispielsweise an der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom, am Institut Catholique in Paris und an der Katholischen Universität in Lissabon; vgl. Päpstliche Kommission für die Kulturgüter der Kirche, Rundschreiben über die Ausbildung in den Kulturgütern in den Seminaren, 15. Oktober 1992.
(28) Vgl. Johannes Paul II., Ansprache vor der ersten Vollversammlung der Päpstlichen Kommission für die Kulturgüter der Kirche (1995).
(29) Johannes Paul II., Ansprache vor dem Päpstlichen Rat für die Kultur, 18. Januar 1983, Nr. 3.
(30) Johannes Paul II., Ansprache vor dem Päpstlichen Rat für die Kultur, 14. März 1997, Nr. 4.
(31) Ebd., Nr. 5.
(32) Ebd.: “Ich habe den Päpstlichen Rat für die Kultur gegründet, um der Kirche dabei zu helfen, den heilbringenden Auftrag zu leben, wo die Inkulturation des Evangeliums mit der Evangelisierung der Kulturen Hand in Hand geht”.
(33) Papst Johannes Paul II. hat den Koordinationsrat der Päpstlichen Akademien am 6. November 1995 eingerichtet mit dem Ziel, deren Beitrag zum christlichen Humanismus an der Schwelle zum neuen Jahrtausend zu fördern. Bei der ersten öffentlichen Sitzung des Rates am 28. Novembre 1996 unter seinem Vorsitz hat der Heilige Vater die jährliche Verleihung des Preises der Päpstlichen Akademien angekündigt. Dieser Preis soll die Talente und Initiativen zur Förderung des christlichen Humanismus, seine theologischen, philosophischen und künstlerischen Äußerungen tragen. Papst Johannes Paul II. hat diesen Preis zum ersten Mal bei der zweiten öffentlichen Sitzung der Päpstlichen Akademien am 3. November 1997 verliehen.
(34) Vgl. die Sendung und Aufgaben des Päpstlichen Rates für die Kultur: Johannes Paul II., Schreiben zur Gründung des Päpstlichen Rates für die Kultur, 20. Mai 1982 und Motu proprio Inde a Pontificatus, 25. März 1993.
(35) Johannes Paul II., Ansprache vor dem Päpstlichen Rat für die Kultur, 14. März 1997, Nr. 5.
(36) Athanasius, De incarnatione, 54,3 (PG, 25,92).
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Museum. Künstler. Kunst.
18.12.2009 by admin.
Emmy Huf von De Volkskrant gegenüber erklärt Paul Thek im April 1969:
‘Natürlich werden sie [die Besucher] an der Nase herumgeführt, die ganze Institution Museum führt uns an der Nase herum. Es ist wirklich zu verrückt, die Arbeiten eines noch lebenden Künstlers als Kunstgeschichte in einem Museum zu zeigen. Duchamp hat einmal gesagt, ein Kunstwerk habe eine reale Lebensspanne von etwa 25 Jahren und werde dann Kunstgeschichte. Heute lebt es nicht einmal mehr ein Jahr… Das Museum ist wirklich mein Erzfeind… Ich möchte nicht als Kategorie, als repräsentativ für dieses oder jenes Jahr betrachtet werden… Ich bringe meine Arbeiten um, indem ich sie zeige.’
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kolumba details
25.11.2009 by admin.
kolumba. christliche martyrerin. .spanische prinzessin. http://www.heiligenlexikon.de/BiographienK/Kolumba_von_Sens.htm die klanginstalation in der ausgrabung läßt taubengurren aus der alten ruine erfahren. der name der prinzessin im lateinischen heißt nichts anderes als taube.
der steg über die ausgrabung ist aus massivem roten tropenholz (zertifiziert). die handläufe erinnern an kirchenbänke. die raumhöhe ist der gewölbehöhe der spätgotischen kirche angeglichen. das raumvolumen läßt die dimension der kolumba-pfarrkirche erahnen.
fortsetzung folgt
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Hinterlassenschaften.
25.11.2009 by admin.
hier ist das museum ein museum, ein ort des bewahrens und staunens über dinge, die übrig geblieben sind und nicht wirklich in unsere zeit passen. es gibt viele textilien zu sehen. eine cappa magna, z.b. und mittelalterlich und anitke paramente. paul theks modezeichnungen sind diesen kostbaren stoffen beigesellt. und sein shrine in amarium!
die textilien sind ohne schutz (weder eine visuelle umfassungslinie, noch ein akustisches signal) in den raum gestellt. mich gruselte bei der vorstellung, wie anziehend diese uralten gewebe für die hände sind.
hinterlassenschaften. eine ausstellung die auch in der art der präsentation zeigt, wie fragil und kostbar zugleich das erbe der erinnerung für uns ist.
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führungschwierigkeitsgrade
25.11.2009 by admin.
“am leichtesten (zu führen) sind menschen mit religiösem hintergrund. leute aus der pfarrgemeinde. die sind am ehesten dazu bereit sich auf neue dimensionen einzulassen. am schwersten tut man sich bei ärzten. für die ist alles was nicht klar benennbar und zählbar ist unnützes spielzeug”. MS
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und ravasi im vorfeld des treffens in der faz
25.11.2009 by admin.
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was die faz über das treffen papst:künstler schreibt
25.11.2009 by admin.
immerhin: sie schreibt. die süddeutsche und andere haben es nicht einmal kritisch erwähnt.#
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Benedikt XVI zu Künstlern (englischer Text)
24.11.2009 by admin.
MEETING WITH ARTISTS
ADDRESS OF HIS HOLINESS BENEDICT XVI
Sistine Chapel
Saturday, 21 November 2009
Dear Cardinals,
Brother Bishops and Priests,
Distinguished Artists,
Ladies and Gentlemen,
With great joy I welcome you to this solemn place, so rich in art and in history. I cordially greet each and every one of you and I thank you for accepting my invitation. At this gathering I wish to express and renew the Church’s friendship with the world of art, a friendship that has been strengthened over time; indeed Christianity from its earliest days has recognized the value of the arts and has made wise use of their varied language to express her unvarying message of salvation. This friendship must be continually promoted and supported so that it may be authentic and fruitful, adapted to different historical periods and attentive to social and cultural variations. Indeed, this is the reason for our meeting here today. I am deeply grateful to Archbishop Gianfranco Ravasi, President of the Pontifical Council for Culture and of the Pontifical Commission for the Cultural Patrimony of the Church, and likewise to his officials, for promoting and organizing this meeting, and I thank him for the words he has just addressed to me. I greet the Cardinals, the Bishops, the priests and the various distinguished personalities present. I also thank the Sistine Chapel Choir for their contribution to this gathering. Today’s event is focused on you, dear and illustrious artists, from different countries, cultures and religions, some of you perhaps remote from the practice of religion, but interested nevertheless in maintaining communication with the Catholic Church, in not reducing the horizons of existence to mere material realities, to a reductive and trivializing vision. You represent the varied world of the arts and so, through you, I would like to convey to all artists my invitation to friendship, dialogue and cooperation.
Some significant anniversaries occur around this time. It is ten years since the Letter to Artists by my venerable Predecessor, the Servant of God Pope John Paul II. For the first time, on the eve of the Great Jubilee of the Year 2000, the Pope, who was an artist himself, wrote a Letter to artists, combining the solemnity of a pontifical document with the friendly tone of a conversation among all who, as we read in the initial salutation, “are passionately dedicated to the search for new ‘epiphanies’ of beauty”. Twenty-five years ago the same Pope proclaimed Blessed Fra Angelico the patron of artists, presenting him as a model of perfect harmony between faith and art. I also recall how on 7 May 1964, forty-five years ago, in this very place, an historic event took place, at the express wish of Pope Paul VI, to confirm the friendship between the Church and the arts. The words that he spoke on that occasion resound once more today under the vault of the Sistine Chapel and touch our hearts and our minds. “We need you,” he said. “We need your collaboration in order to carry out our ministry, which consists, as you know, in preaching and rendering accessible and comprehensible to the minds and hearts of our people the things of the spirit, the invisible, the ineffable, the things of God himself. And in this activity … you are masters. It is your task, your mission, and your art consists in grasping treasures from the heavenly realm of the spirit and clothing them in words, colours, forms – making them accessible.” So great was Paul VI’s esteem for artists that he was moved to use daring expressions. “And if we were deprived of your assistance,” he added, “our ministry would become faltering and uncertain, and a special effort would be needed, one might say, to make it artistic, even prophetic. In order to scale the heights of lyrical expression of intuitive beauty, priesthood would have to coincide with art.” On that occasion Paul VI made a commitment to “re-establish the friendship between the Church and artists”, and he invited artists to make a similar, shared commitment, analyzing seriously and objectively the factors that disturbed this relationship, and assuming individual responsibility, courageously and passionately, for a newer and deeper journey in mutual acquaintance and dialogue in order to arrive at an authentic “renaissance” of art in the context of a new humanism.
That historic encounter, as I mentioned, took place here in this sanctuary of faith and human creativity. So it is not by chance that we come together in this place, esteemed for its architecture and its symbolism, and above all for the frescoes that make it unique, from the masterpieces of Perugino and Botticelli, Ghirlandaio and Cosimo Rosselli, Luca Signorelli and others, to the Genesis scenes and the Last Judgement of Michelangelo Buonarroti, who has given us here one of the most extraordinary creations in the entire history of art. The universal language of music has often been heard here, thanks to the genius of great musicians who have placed their art at the service of the liturgy, assisting the spirit in its ascent towards God. At the same time, the Sistine Chapel is remarkably vibrant with history, since it is the solemn and austere setting of events that mark the history of the Church and of mankind. Here as you know, the College of Cardinals elects the Pope; here it was that I myself, with trepidation but also with absolute trust in the Lord, experienced the privileged moment of my election as Successor of the Apostle Peter.
Dear friends, let us allow these frescoes to speak to us today, drawing us towards the ultimate goal of human history. The Last Judgement, which you see behind me, reminds us that human history is movement and ascent, a continuing tension towards fullness, towards human happiness, towards a horizon that always transcends the present moment even as the two coincide. Yet the dramatic scene portrayed in this fresco also places before our eyes the risk of man’s definitive fall, a risk that threatens to engulf him whenever he allows himself to be led astray by the forces of evil. So the fresco issues a strong prophetic cry against evil, against every form of injustice. For believers, though, the Risen Christ is the Way, the Truth and the Life. For his faithful followers, he is the Door through which we are brought to that “face-to-face” vision of God from which limitless, full and definitive happiness flows. Thus Michelangelo presents to our gaze the Alpha and the Omega, the Beginning and the End of history, and he invites us to walk the path of life with joy, courage and hope. The dramatic beauty of Michelangelo’s painting, its colours and forms, becomes a proclamation of hope, an invitation to raise our gaze to the ultimate horizon. The profound bond between beauty and hope was the essential content of the evocative Message that Paul VI addressed to artists at the conclusion of the Second Vatican Ecumenical Council on 8 December 1965: “To all of you,” he proclaimed solemnly, “the Church of the Council declares through our lips: if you are friends of true art, you are our friends!” And he added: “This world in which we live needs beauty in order not to sink into despair. Beauty, like truth, brings joy to the human heart, and is that precious fruit which resists the erosion of time, which unites generations and enables them to be one in admiration. And all this through the work of your hands . . . Remember that you are the custodians of beauty in the world.”
Unfortunately, the present time is marked, not only by negative elements in the social and economic sphere, but also by a weakening of hope, by a certain lack of confidence in human relationships, which gives rise to increasing signs of resignation, aggression and despair. The world in which we live runs the risk of being altered beyond recognition because of unwise human actions which, instead of cultivating its beauty, unscrupulously exploit its resources for the advantage of a few and not infrequently disfigure the marvels of nature. What is capable of restoring enthusiasm and confidence, what can encourage the human spirit to rediscover its path, to raise its eyes to the horizon, to dream of a life worthy of its vocation – if not beauty? Dear friends, as artists you know well that the experience of beauty, beauty that is authentic, not merely transient or artificial, is by no means a supplementary or secondary factor in our search for meaning and happiness; the experience of beauty does not remove us from reality, on the contrary, it leads to a direct encounter with the daily reality of our lives, liberating it from darkness, transfiguring it, making it radiant and beautiful.
Indeed, an essential function of genuine beauty, as emphasized by Plato, is that it gives man a healthy “shock”, it draws him out of himself, wrenches him away from resignation and from being content with the humdrum – it even makes him suffer, piercing him like a dart, but in so doing it “reawakens” him, opening afresh the eyes of his heart and mind, giving him wings, carrying him aloft. Dostoevsky’s words that I am about to quote are bold and paradoxical, but they invite reflection. He says this: “Man can live without science, he can live without bread, but without beauty he could no longer live, because there would no longer be anything to do to the world. The whole secret is here, the whole of history is here.” The painter Georges Braque echoes this sentiment: “Art is meant to disturb, science reassures.” Beauty pulls us up short, but in so doing it reminds us of our final destiny, it sets us back on our path, fills us with new hope, gives us the courage to live to the full the unique gift of life. The quest for beauty that I am describing here is clearly not about escaping into the irrational or into mere aestheticism.
Too often, though, the beauty that is thrust upon us is illusory and deceitful, superficial and blinding, leaving the onlooker dazed; instead of bringing him out of himself and opening him up to horizons of true freedom as it draws him aloft, it imprisons him within himself and further enslaves him, depriving him of hope and joy. It is a seductive but hypocritical beauty that rekindles desire, the will to power, to possess, and to dominate others, it is a beauty which soon turns into its opposite, taking on the guise of indecency, transgression or gratuitous provocation. Authentic beauty, however, unlocks the yearning of the human heart, the profound desire to know, to love, to go towards the Other, to reach for the Beyond. If we acknowledge that beauty touches us intimately, that it wounds us, that it opens our eyes, then we rediscover the joy of seeing, of being able to grasp the profound meaning of our existence, the Mystery of which we are part; from this Mystery we can draw fullness, happiness, the passion to engage with it every day. In this regard, Pope John Paul II, in his Letter to Artists, quotes the following verse from a Polish poet, Cyprian Norwid: “Beauty is to enthuse us for work, and work is to raise us up” (no. 3). And later he adds: “In so far as it seeks the beautiful, fruit of an imagination which rises above the everyday, art is by its nature a kind of appeal to the mystery. Even when they explore the darkest depths of the soul or the most unsettling aspects of evil, the artist gives voice in a way to the universal desire for redemption” (no. 10). And in conclusion he states: “Beauty is a key to the mystery and a call to transcendence” (no. 16).
These ideas impel us to take a further step in our reflection. Beauty, whether that of the natural universe or that expressed in art, precisely because it opens up and broadens the horizons of human awareness, pointing us beyond ourselves, bringing us face to face with the abyss of Infinity, can become a path towards the transcendent, towards the ultimate Mystery, towards God. Art, in all its forms, at the point where it encounters the great questions of our existence, the fundamental themes that give life its meaning, can take on a religious quality, thereby turning into a path of profound inner reflection and spirituality. This close proximity, this harmony between the journey of faith and the artist’s path is attested by countless artworks that are based upon the personalities, the stories, the symbols of that immense deposit of “figures” – in the broad sense – namely the Bible, the Sacred Scriptures. The great biblical narratives, themes, images and parables have inspired innumerable masterpieces in every sector of the arts, just as they have spoken to the hearts of believers in every generation through the works of craftsmanship and folk art, that are no less eloquent and evocative.
In this regard, one may speak of a via pulchritudinis, a path of beauty which is at the same time an artistic and aesthetic journey, a journey of faith, of theological enquiry. The theologian Hans Urs von Balthasar begins his great work entitled The Glory of the Lord – a Theological Aesthetics with these telling observations: “Beauty is the word with which we shall begin. Beauty is the last word that the thinking intellect dares to speak, because it simply forms a halo, an untouchable crown around the double constellation of the true and the good and their inseparable relation to one another.” He then adds: “Beauty is the disinterested one, without which the ancient world refused to understand itself, a word which both imperceptibly and yet unmistakably has bid farewell to our new world, a world of interests, leaving it to its own avarice and sadness. It is no longer loved or fostered even by religion.” And he concludes: “We can be sure that whoever sneers at her name as if she were the ornament of a bourgeois past – whether he admits it or not – can no longer pray and soon will no longer be able to love.” The way of beauty leads us, then, to grasp the Whole in the fragment, the Infinite in the finite, God in the history of humanity. Simone Weil wrote in this regard: “In all that awakens within us the pure and authentic sentiment of beauty, there, truly, is the presence of God. There is a kind of incarnation of God in the world, of which beauty is the sign. Beauty is the experimental proof that incarnation is possible. For this reason all art of the first order is, by its nature, religious.” Hermann Hesse makes the point even more graphically: “Art means: revealing God in everything that exists.” Echoing the words of Pope Paul VI, the Servant of God Pope John Paul II restated the Church’s desire to renew dialogue and cooperation with artists: “In order to communicate the message entrusted to her by Christ, the Church needs art” (no. 12); but he immediately went on to ask: “Does art need the Church?” – thereby inviting artists to rediscover a source of fresh and well-founded inspiration in religious experience, in Christian revelation and in the “great codex” that is the Bible.
Dear artists, as I draw to a conclusion, I too would like to make a cordial, friendly and impassioned appeal to you, as did my Predecessor. You are the custodians of beauty: thanks to your talent, you have the opportunity to speak to the heart of humanity, to touch individual and collective sensibilities, to call forth dreams and hopes, to broaden the horizons of knowledge and of human engagement. Be grateful, then, for the gifts you have received and be fully conscious of your great responsibility to communicate beauty, to communicate in and through beauty! Through your art, you yourselves are to be heralds and witnesses of hope for humanity! And do not be afraid to approach the first and last source of beauty, to enter into dialogue with believers, with those who, like yourselves, consider that they are pilgrims in this world and in history towards infinite Beauty! Faith takes nothing away from your genius or your art: on the contrary, it exalts them and nourishes them, it encourages them to cross the threshold and to contemplate with fascination and emotion the ultimate and definitive goal, the sun that does not set, the sun that illumines this present moment and makes it beautiful.
Saint Augustine, who fell in love with beauty and sang its praises, wrote these words as he reflected on man’s ultimate destiny, commenting almost ante litteram on the Judgement scene before your eyes today: “Therefore we are to see a certain vision, my brethren, that no eye has seen, nor ear heard, nor the heart of man conceived: a vision surpassing all earthly beauty, whether it be that of gold and silver, woods and fields, sea and sky, sun and moon, or stars and angels. The reason is this: it is the source of all other beauty” (In 1 Ioannis, 4:5). My wish for all of you, dear artists, is that you may carry this vision in your eyes, in your hands, and in your heart, that it may bring you joy and continue to inspire your fine works. From my heart I bless you and, like Paul VI, I greet you with a single word: arrivederci!
Je suis heureux de saluer tous les artistes présents. Chers amis, je vous encourage à découvrir et à exprimer toujours mieux, à travers la beauté de vos œuvres, le mystère de Dieu et le mystère de l’homme. Que Dieu vous bénisse!
Dear friends, thank you for your presence here today. Let the beauty that you express by your God-given talents always direct the hearts of others to glorify the Creator, the source of all that is good. God’s blessings upon you all!
Sehr herzlich grüβe ich euch, liebe Freunde. Mit eurem künstlerischen Talent macht ihr gleichsam das Schöpferwirken Gottes sichtbar. Der Herr, der uns im Schönen nah sein will, erfülle euch mit seinem Geist der Liebe. Gott segne euch alle.
Saludo cordialmente a los artistas que participan en este encuentro. Queridos amigos, os animo a fomentar el sentido y las manifestaciones de la hermosura en la creación. Que Dios os bendiga. Muchas gracias.
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Ravasi zieht Billanz zur Begegnung des Papstes mit den Künstlern
23.11.2009 by admin.
22/11/2009 10.32.16
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Vatikan: Ravasi zieht Bilanz
Radio Vatikan
Erzbischof Gianfranco Ravasi, der “Architekt“ der Begegnung Papst Benedikts mit den Künstlern gestern in der Sixtina, zieht eine positive Bilanz des Treffens. Mehr als 250 Künstler aller Sparten waren der Einladung gefolgt; unter den gewaltigen Fresken Michelangelos hörten sie eine Meditation über Schönheit in der Kunst. „Wenn wir zugeben, dass Schönheit uns berührt, dass sie uns verwundet, dass sie unsere Augen öffnet, dann entdecken wir die Freude des Sehens neu und verstehen die tiefe Bedeutung unserer Existenz“, sagte Benedikt den Künstlern. Gudrun Sailer bat Erzbischof Ravasi um seine Bilanz des Treffens.
„Gut ist es gelaufen, aus zwei Gründen: einerseits wegen der offensichtlichen Anteilnahme des Papstes an diesem Thema. Er ist ja beispielsweise ein großer Musikliebhaber und hat bestimme Ausdrucksformen der Kunst immer gemocht. Andererseits ist es auch gut gelaufen auf der Seite der Künstler. Die konnten heute vor allem ein Wort wiederfinden, das in der letzten Periode der zeitgenössischen Kunst vollkommen ins abseits geraten war: nämlich Schönheit. Da geht es nicht um Ästhetiszismus um seiner selbst willen, sondern um die Schönheit des Seins und der Existenz.“
Papst Benedikt hat an einer Stelle gewarnt vor einer künstlerischen Auffassung von Schönheit, die nur den Skandal und damit letztlich eine Art von Zerstörung im Blick hat. Es waren teilweise aber auch Künstler vertreten, die zu so einer Auffassung von Schönheit neigen.
„Die Kunst war in letzter Zeit die Darstellung der Krise, der inneren Leere der Gesellschaft. Auf diese Art hat sie ein Werk gschaffen, das zwar künstlerisch war, aber eben Ausdruck einer Verneinung, einer Verletzung, eines Bruchs der Harmonie. Diese „Verneinungskunst“ hatte ihre Funktion, das will ich nicht bezweifeln, doch am Ende verlor die Kunst damit ihre Fähigkeit, einen anderen Horizont zu öffnen. Viele derer, die diese Form von Kunst geschaffen hatten, haben das erkannt und wollen jetzt offenbar die Herausforderung annehmen, sich auf einem anderen Feld zu versuchen: dem der positiven Schönheit, des Lichts, des Symbols, der großen Erzählung, des großen Ausdrucks der Existenz. In diesem Sinn war auch die Anwesenheit jener Künstler wichtig, die früher dieser „anderen Welt“ angehörten – und sie waren vielleicht sogar in der Überzahl.“
Peter Stein sagte im Interview mit uns, er halte es auch für die Aufgabe des Künstlers, gegebenenfalls auch Hässliches abzubilden und es dem menschlichen Geist in Erinnerung zu halten. Welchen Platz hat das Hässliche, das Böse, aus Ihrer Sicht in der zeitgenössischen Kunst?
„Eines ist klar: Das Böse ist von seiner Natur her eine Grundkomponente in der Kunstgeschichte. Ein französischer Dichter sagte, dass die Gesänge der Verzweiflung die schönsten sind. Wir waren in der Sixtinischen Kapelle vor dem Meisterwerk Michelangelos, dem Jüngsten Gericht, der ultimativen Verurteilung des Bösen. Es ist also nicht das Böse in sich, die Leere, die Verzweiflung, sondern die Darstellung als Selbstzweck und sozsuagen bloß als Wahrgenommenes des Bösen, ohne erkennen zu wollen, dass selbst im Bösen der Keim, der Funken des Unendlichen steckt, der die letzte Erwartung der Hoffnung ist.
Sie haben oft von einer regelrechten „Ehescheidung“ zwischen Kirche und Kunst in den vergangenen Jahrzehnten gesprochen. Welche Früchte soll nun dieses Treffen tragen?
Der Papst hat seine Rede beschlossen mit den Worten Pauls VI. vor 45 Jahren: auf Wiedersehen! Es wird jetzt meine Aufgabe sein, da Kontinuität herzustellen. Zum einen sollten wir den jungen Generationen den Reichtum der kulturellen Tradition zurückgewinnen, denn sie haben heutzutage oft verschmutzte Augen und Ohren von all den hässlichen Bildern und Tönen. Zum anderen hoffe ich auch, dass die Künstler mit ihren Werken reagieren auf diese Einladung diese Papstes zum Austausch. Jedenfalls, geht um das Zurückfinden zum Dialog zwischen Kunst und Kirche in Etappen. Eine solche Etappe ist auf unserer Seite, bei der nächsten Biennale von Venedig mit einem Pavillon des Heiligen Stuhles präsent zu sein, sodass wir konkret zeigen können, worin dieser Dialog besteht. Wir wollen auch Ausstellungen unterstützen und zeigenössische Kunst fördern, die neue Themen, Herausforderungen, Vorschläge aufgreift.
Aber der Zweck des Teffens war es bestimmt nicht, die Künstler für den Vatikan-Pavillon bei der Biennale zu rekrutieren…?
Nein, weil wir noch nicht einmal definitiv beschlossen haben teilnzunehmen und auch noch keine Liste von Künstlern steht. Es wären jedenfalls nicht viele, sieben oder acht. Aber wer weiß, vielleicht beteiligt sich der eine oder andere der Künstler, der heute hier war? Denken wir an Bill Viola oder an (den aus Indien stammenden, britischen Bildhauer) Anish Kapoor. Wir hätten ja auch gerne eine Auswahl aus allen Kontinenten, aus Amerika nicht nur die USA, sondern auch aus Lateinamerika und auch aus Afrika. Wir wollen darauf achten, dass die Stimmen, die wir da einladen, starke, aber auch vielfältige sind.
(rv 22.11.2009 gs)
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Benedikt XVI zu Künstlern am 21.11.2009 in der Sixtinischen Kapelle
23.11.2009 by admin.
Verehrte Kardinäle,
Mitbrüder im Bischofs- und Priesteramt,
Ehrenwerte Künstler,
Meine Damen und Herren,
Mit großer Freude begrüße ich euch an diesem festlichen Ort, so reich an Kunst und Geschichte. Ich grüße jeden von euch herzlich und danke euch dafür, dass ihr meiner Einladung gefolgt seid. Zu diesem Treffen möchte ich die Freundschaft der Kirche mit der Welt der Künste ausdrücke und erneuern, eine Freundschaft, die durch die Zeiten stark geworden ist. Von seinen Anfängen an hat das Christentum den Wert der Kunst erkannt und klugen Gebrauch gemacht von den verschiedenen Ausdrucksweisen der Kunst, um die ewige Botschaft der Erlösung auszudrücken. Diese Freundschaft muss fortwährend gefördert und genährt werden, so dass sie authentisch und fruchtbringend ist, angepasst an die verschiedenen historischen Perioden und aufmerksam für soziale und kulturelle Verschiedenheiten. Das ist der Grund für unser Treffen heute. Ich bin Kardinal Gianfranco Ravasi, dem Präsidenten des päpstlichen Rates für Kultur und der päpstlichen Kommission für das kulturelle Erbe der Kirche und seinen Mitarbeitern zutiefst dankbar, dass sie dieses Treffen ermöglicht und organisiert haben, und ich danke ihm für die freundlichen Worte. Ich grüße die Kardinäle, die Bischöfe, die Priester und die einzelnen ehrenwerten Persönlichkeiten, die hier anwesend sind. Ich danke auch dem Chor der Sixtinischen Kapelle für ihren Beitrag zu diesem Treffen. Das Ereignis dieses Tages dreht sich um euch, verehrte und hochgeschätzte Künstler aus verschiedensten Ländern, Kulturen und Religionen, einige von euch vielleicht weit entfernt von der Religion, aber nichtsdestoweniger dadurch interessiert an der Kommunikation mit der katholischen Kirche, dass ihr die Horizonte der menschlichen Existenz nicht auf materielle Realitäten, nicht auf eine verengte und vereinfachende Sichtweise, reduziert. Ihr repräsentiert die mannigfaltige Welt der Kunst und dadurch, durch euch, möchte ich allen Künstlern meine Einladung zu Freundschaft, Dialog und Zusammenarbeit aussprechen.
In diesen Tagen finden einige bedeutende Jahrestage statt. Es sind zehn Jahre seit dem Brief meines verehrten Vorgängers, des Dieners Gottes Papst Johannes Paul II., an die Künstler vergangen. Erstmalig hat damals, kurz vor dem Heiligen Jahr 2000, der Papst, der selber ein Künstler war, einen Brief an die Künstler geschrieben, der die Feierlichkeit eines päpstlichen Dokuments mit dem freundlichen Ton einer Konversation verband, einer Konversation unter allen jenen, die, wie wir in den Eingangsworten lesen, „sich leidenschaftlich der Suche nach neuen Erscheinungsformen des Schönen widmen.” Vor 25 Jahren hat derselbe Papst Fra Angelico selig gesprochen, ein Modell der vollkommenen Harmonie zwischen Glauben und Kunst. Ich erinnere mich auch, wie am 7. Mai 1964, vor 45 Jahren, hier an derselben Stelle sich ein historischer Moment ereignete, auf ausdrücklichen Wunsch von Papst Paul VI., um die Freundschaft zwischen Kirche und Kunst zu bekräftigen. Seine Worte bei dieser Gelegenheit hallen heute erneut unter dem Gewölbe der Sixtinischen Kapelle und berühren unsere Herzen und Gedanken.
„Wir brauchen euch“, sagte er damals. „Wir brauchen eure Mitarbeit, um unseren Dienst ausführen zu können, ein Dienst, der wie ihr wisst darin besteht, die geistlichen Dinge, das Unsichtbare, Unverstehbare, die Dinge Gottes, zu predigen, zugänglich und verstehbar zu machen für den Geist und die Herzen der Menschen. In dieser Tätigkeit seid ihr Meister. Es ist eure Aufgabe, eure Mission, und eure Kunst besteht darin, Schätze des himmlischen Bereichs des Geistes zu ergreifen und sie in Worte, Farben, Formen zu kleiden, sie zugänglich zu machen.“ Paul VI. schätzte die Künstler so sehr, dass er gewagte Ausdrücke gebrauchte. „Wenn wir auf eure Hilfe verzichten müssten“, schloss er an, „würde unser Dienst stagnieren und unsicher werden, und es bräuchte eine besondere Anstrengung – um es so auszudrücken – um ihn künstlerisch, ja sogar prophetisch zu machen. Um die Höhen des lyrischen Ausdrucks der intuitiven Schönheit zu erklimmen, muss sich das Priestertum mit der Kunst decken.“ Bei dieser Gelegenheit ging Paul VI. die Verpflichtung ein, die „Freundschaft zwischen Kirche und Künstlern neu zu gründen“ und er lud die Künstler ein, ein ähnliches, gemeinsames Engagement einzugehen, die Gründe für die Störungen der Beziehung ernsthaft und objektiv zu analysieren, und persönlich die Verantwortung zu übernehmen, mutig und leidenschaftlich einen neuen und tieferen Weg des gemeinsamen Kennenlernens und Dialoges zu gehen, um eine authentische Renaissance der Kunst im Kontext eines neuen Humanismus zu erreichen.
Dieses historische Treffen hat – wie ich erwähnt habe – hier in diesem Heiligtum des Glaubens und menschlicher Kreativität stattgefunden. Es ist also kein Zufall, dass wir an diesem Ort zusammenkommen, der für seine Architektur und seinen Symbolik geschätzt wird, und natürlich für seine Fresken, die ihn einzigartig machen. Von den Meisterwerken von Perugino und Botticelli, Ghirlandaio und Cosimo Rosselli, Luca Signorelli und anderen, bis zu den Szenen der Schöpfungsgeschichte und dem Jüngsten Gericht des Michelangelo Buonarotti, der uns hier eine der außergewöhnlichsten Schöpfungen der gesamten Kunstgeschichte geschenkt hat. Die universelle Sprache der Musik ist hier häufig erklungen, Dank des Genies der großen Musiker, die ihre Kunst in den Dienst der Liturgie gestellt haben, dem Geist bei seinem Aufstieg zu Gott helfend. Gleichzeitig ist die Sixtinische Kapelle voller lebendiger Geschichte, denn es ist der feierliche und ernste Ort von Ereignissen, welche die Geschichte der Kirche und der Menschheit kennzeichnen. Wie sie wissen, wählt das Kardinalskollegium hier den Papst. Hier habe ich selbst, mit Ängstlichkeit zwar aber auch mit vollem Vertrauen in den Herrn, den ehrenvollen Moment meiner Wahl zum Nachfolger des Apostels Petrus erlebt.
Liebe Freunde, erlauben wir diesen Fresken, heute zu uns zu sprechen und uns dem letzten Ziel menschlicher Geschichte näher zu bringen. Das Jüngste Gericht, dass sie hinter mir sehen, erinnert uns daran, dass die menschliche Geschichte Bewegung und Aufstieg ist, eine andauernde Spannung auf die Fülle hin, auf das menschliche Glück hin, auf einen Horizont hin, der immer die Gegenwart übersteigt auch wenn die beiden zusammenfallen. Aber die dramatische Szene, die das Fresko darstellt, stellt uns auch das Risiko des menschlichen Scheiterns vor Augen. Dieses Risiko droht den Menschen einzunehmen, wann immer er zulässt, dass die Mächte des Bösen ihn leiten. Das Fresko stößt einen lauten prophetischen Ruf aus, gegen das Böse und gegen jede Form der Ungerechtigkeit. Für Gläubige ist der auferstandene Christus der Weg, die Wahrheit und das Leben. Für seine gläubigen Anhänger ist er die Tür, durch die wir zu dem direkten Anblick Gottes gebracht werden, von dem grenzenloses, volles und endgültiges Glück strömt. So bietet Michelangelo unserem Blick das Alpha und das Omega, den Anfang und das Ende der Geschichte, und er lädt uns ein, unseren Lebensweg mit Freude, Mut und Hoffnung zu gehen. Die dramatische Schönheit des Gemäldes Michelangelos wird zu einer Verkündigung der Hoffnung, einer Einladung unseren Blick zu heben zum letzten Horizont. Das tiefe Band zwischen Schönheit und Hoffnung war der entscheidende Inhalt der bewegenden Botschaft, die Papst Paul VI. am Ende des Zweiten Vatikanischen Konzils, am 8. Dezember 1965, an die Künstler richtete: „Euch allen“, erklärte er feierlich, „erklärt die Kirche des Konzils durch unsere Lippen: wenn ihr Freunde echter Kunst seid, seid ihr unsere Freunde.“ Und er ergänzte: „Diese Welt in der wir leben braucht Schönheit, um nicht in Verzweiflung zu versinken. Schönheit, wie auch die Wahrheit, bringt dem menschlichen Herz Freude, und es ist diese kostbare Frucht, die dem Zahn der Zeit widersteht, die Generationen vereint und sie fähig macht, in Bewunderung zusammen zu stehen. Und all dies durch das Werk eurer Hände. Vergesst nicht, dass ihr die Treuhänder des Schönen in der Welt seid.“
Unglücklicherweise ist unsere Zeit nicht nur durch negative Erscheinungen auf sozialem und wirtschaftlichem Gebiet geprägt, sondern auch durch die Schwächung der Hoffnung, durch ein Fehlen von Vertrauen in menschliche Beziehungen, die Anzeichen von Resignation, Aggression und Verzweiflung wachsen lassen. Die Welt in der wir leben riskiert, bis zur Unkenntlichkeit entstellt zu werden, weil unkluge menschliche Handlungsweisen, anstatt ihre Schönheit zu pflegen, skrupellos ihre Ressourcen für das Wohl einiger weniger ausbeuten und dadurch nicht selten die Wunder der Natur entstellen. Was kann den Enthusiasmus und die Zuversicht wiederherstellen, was kann den menschlichen Geist ermutigen, seinen Weg zu finden, seine Augen zum Horizont zu erheben, von einem Leben, das seiner Berufung würdig ist, zu träumen – wenn nicht die Kunst? Liebe Freunde, als Künstler wisst ihr gut, dass die Erfahrung der Schönheit, einer Schönheit die authentisch ist und nicht nur vergänglich und künstlich, auf keinen Fall nur ergänzend oder sekundär für unsere Suche nach Sinn und Glück ist. Die Erfahrung der Schönheit entfernt uns nicht von der Wirklichkeit, im Gegenteil, sie führt zu einer direkten Begegnung mit den täglichen Wirklichkeiten unseres Lebens. Sie befreit die Wirklichkeit von der Dunkelheit, verklärt sie und macht sie strahlend und schön.
Eine wesentliche Bedeutung wirklicher Schönheit, wie Plato betont, ist wirklich, dass sie dem Menschen einen gesunden Schock versetzt, ihn aus sich selbst herausholt, ihn wegzerrt von Resignation und davon, zufrieden zu sein mit der Eintönigkeit – sie lässt ihn sogar leiden, sticht ihn wie ein Pfeil, und weckt ihn dadurch auf, die Augen des Herzens und des Geistes neu geöffnet, und gibt ihm Flügel und zieht ihn empor. Dostojewskis Worte, die ich jetzt zitieren möchte, sind gewagt und paradox, aber sie laden zum Nachdenken ein. Er sagt: „der Mensch kann ohne Wissenschaft leben, er kann ohne Brot leben, aber er kann nicht ohne Schönheit leben, weil es dann in der Welt nichts mehr zu tun gäbe. Hier ist das ganze Geheimnis, hier ist das Ganze der Geschichte.“ Der Maler Georges Braque nimmt diesen Gedanken auf: „Kunst soll stören, Wissenschaft beruhigt.“ Schönheit lässt uns nicht in Ruhe, aber dadurch erinnert sie uns an unsere letzte Bestimmung, sie setzt uns zurück auf unseren Weg, erfüllt uns mit neuer Hoffnung, gibt uns den Mut, ganz und gar das Geschenk des Lebens zu leben. Die Suche nach Schönheit die ich hier beschreibe meint ganz klar nicht die Flucht ins Irrationale oder in einen Ästhetizismus.
Allzu oft ist die Schönheit die uns aufgedrängt wird leider illusorisch und täuschend, oberflächlich und verblendend und hinterlässt den Betrachter betäubt. Anstatt ihn aus sich selbst heraus zu führen und ihm den Horizont echter Freiheit durch das Emporziehen zu erweitern, schließt sie ihn in sich selbst ein und versklavt in weiter durch den Entzug von Hoffnung und Freude. Es ist eine verführerische und heuchlerische Schönheit, die Begehren aufleben lässt, den Willen zur Macht, zum Besitz und zur Herrschaft über andere. Es ist eine Schönheit, die schnell in ihr Gegenteil umschlägt, die Gestalt von Unanständigkeit annehmend, von Übergriff oder grundloser Provokation. Authentische Schönheit aber erschließt das Sehnen des Menschlichen Herzens, das tiefe Verlangen zu wissen, zu lieben, auf den Anderen zuzugehen, die Hände nach dem Jenseits auszustrecken. Wenn wir zugeben, dass Schönheit uns berührt, dass sie uns verwundet, dass sie unsere Augen öffnet, dann entdecken wir die Freude des Sehens neu und verstehen die tiefe Bedeutung unserer Existenz, das Geheimnis, dessen Teil wir sind. Von diesem Geheimnis können wir die ganze Fülle erwarten, die Freude, die Leidenschaft, sich diesem Geheimnis täglich zuzuwenden.
Hierzu zitiert Papst Johannes Paul II. in seinem Brief an die Künstler die folgenden Zeilen des polnischen Dichters Cyprian Norwid: „Schönheit soll uns zur Arbeit begeistern, und Arbeit hebt uns empor.“ Und später fügt er hinzu: „Soweit sie das Schöne sucht, die Frucht der Vorstellung die über den Alltag hinausgeht, ist Kunst von ihrer Natur her ein Appell an das Mysterium. Auch wenn sie die dunkelsten Tiefen der Seele oder die beunruhigendsten Aspekte des Bösen erkunden, leiht der Künstler auf seine Art dem universellen Verlangen nach Erlösung Stimme.“ Und zum Abschluss stellt er fest: „Schönheit ist ein Schlüssel zum Mysterium und ein Ruf zur Transzendenz“.
Diese Ideen treiben uns zu einem weiteren Schritt unserer Reflexion. Schönheit, sowohl die des Universums und der Natur als auch die durch Kunst ausgedrückte, kann ein Weg zur Transzendenz werden, zum letzten Geheimnis, zu Gott, weil sie die Horizonte menschlichen Bewusstseins erweitert und öffnet und uns so über uns selbst hinaus weist und uns mit dem Abgrund der Ewigkeit konfrontiert.
Kunst kann in jeder Form eine religiöse Qualität annehmen, wo sie den großen Fragen unserer Existenz begegnet, den fundamentalen Themen die dem Leben den Sinn geben. Dadurch werden sie zu einem Weg tiefer innerer Reflexion und Spiritualität. Diese große Nähe, diese Harmonie zwischen dem Weg des Glaubens und dem Weg des Künstlers wird durch viele Kunstwerke bezeugt, die sich auf die Personen, Geschichten und Symbole der immensen Sammlung von Figuren – im weitesten Sinn des Wortes – nämlich der Bibel, der Heiligen Schrift, stützen. Die großen biblischen Erzählungen, Themen, Bilder und Parabeln haben unzählige Meisterwerke in jedem Bereich der Kunst inspiriert, genauso wie sie zu den Herzen der Gläubigen jeder Generation durch das Handwerk der Volkskunst gesprochen haben, die nicht weniger beredsam und bewegend sind.
So mag man durchaus von einer via pulchritudinis sprechen, einem Weg der Schönheit, der gleichzeitig ein künstlerischer und ästhetischer Weg ist, ein Weg des Glaubens, eine theologische Suche. Der Theologe Hans Urs von Balthasar beginnt sein großes Werk Herrlichkeit – eine Theologische Ästhetik mit diesen bezeichnenden Beobachtungen: „Schönheit ist das Wort, mit dem wir beginnen wollen. Schönheit ist das letzte Wort, dass der denkende Intellekt zu sprechen wagt, weil es einen Heiligenschein formt, eine unberührbare Krone um das Zweierpaar des Wahren und des Guten und ihrer untrennbaren Verbindung untereinander.“ Er fügt dann hinzu: „Schönheit ist die Selbstlosigkeit, ohne die die antike Welt sich nicht verstehen wollte, ein Wort das unmerklich aber doch unzweifellos sich von unserer neuen Welt verabschiedet hat, unserer Welt der Zinsen, sie ihrem eigenen Geiz und ihrer eigenen Traurigkeit überlassend. Sie wird nicht geliebt oder gefördert, nicht einmal mehr durch die Religion.“ Und er schließt: „Wir können sicher sein, dass wer auch immer über ihren Namen spottet als wäre er ein Ornament einer bürgerlichen Vergangenheit – ob er es zugibt oder nicht – der kann nicht mehr beten und wird bald unfähig sein, zu lieben.“ Der Weg der Schönheit führt uns also dazu, das Ganze im Teil zu ergreifen, das Unendliche im Endlichen, Gott in der Geschichte der Menschheit. Simone Weil schrieb dazu: „In allem, was in uns den reinen und authentischen Sinn für das Schöne weckt, dort ist Gott wahrhaft anwesend. Es gibt eine Art Inkarnation Gottes in der Welt, für die die Schönheit das Zeichen ist. Schönheit ist er experimentelle Beweis dafür, das Inkarnation möglich ist. Deswegen ist jede echte Kunst ihrer Natur nach religiös.“ Hermann Hesse drückt dies noch direkter aus: „Kunst bedeutet, Gott in allem, was existiert, zu entdecken.“ Die Worte von Papst Paul VI. aufnehmend hat der Diener Gottes Papst Johannes Paul II. neu das Verlangen der Kirche nach einem erneuertem Dialog und nach Kooperation mit Künstlern vorgetragen: „Um die Botschaft verkünden zu können, die Christus ihr anvertraut hat, braucht die Kirche Kunst.“ Aber gleichzeitig fragt er: „braucht die Kunst die Kirche?“ und lädt durch diese Frage Künstler ein, eine Quelle frischer und gut begründeter Inspiration in der religiösen Erfahrung zu finden, in Christlicher Offenbarung und in dem großen Werk, der Bibel.
Liebe Künstler, indem ich schließe, möchte auch ich wie mein Vorgänger eine herzliche, freundschaftliche und leidenschaftliche Bitte an euch richten. Ihr seid die Treuhänder der Schönheit: dank eures Talentes habt ihr die Möglichkeit, zum Herz der Menschheit zu sprechen, einzelne und gemeinsame Empfindlichkeiten zu berühren, Träume und Hoffnungen wachzurufen, und Horizonte von Wissen und menschlichem Engagement zu erweitern. Seid dankbar für diese Gaben, die ihr empfangen habt und seid euch eurer großen Verantwortung bewusst, Schönheit mitzuteilen, durch und in Schönheit zu kommunizieren! Durch eure Kunst seid ihr selbst Boten und Zeugen der Hoffnung für die Menschheit! Und fürchtet euch nicht, euch der ersten und letzte Quelle der Schönheit zu nähern und in den Dialog mit den Gläubigen zu treten, mit denen, die wie ihr auch glauben, dass sie Pilger in dieser Welt und in der Geschichte sind, auf dem Weg zu unendlicher Schönheit! Glaube nimmt nichts von eurem Genie oder eurer Kunst weg: im Gegenteil, er erhöht sie und nährt sie, er ermutigt sie, die Schwelle zu überschreiten und mit Begeisterung und Gefühl das letzte und endgültige Ziel zu betrachten, die Sonne, die niemals untergeht, die Sonne, die die Gegenwart erleuchtet und sie schön macht. Der Heilige Augustinus, der in die Schönheit verliebt war und ihr Lob sang, hat die folgenden Worte niedergeschrieben, als er die letzte Bestimmung des Menschen betrachtete und vorwegnehmend die Szene des jüngsten Gerichts beschrieb, die uns heute vor Augen ist: „Deswegen sehen wir eine Vision, meine Brüder, die kein Auge je gesehen, kein Ohr je gehört und kein Herz je ergriffen hat: eine Vision die alle weltliche Schönheit übertrifft, sei es die von Gold und Silber, Wäldern und Feldern, Meer und Himmel, Sonne und Mood, oder Sterne und Engel. Der Grund ist der: sie ist die Quelle aller anderen Schönheit.“ Mein Wunsch für euch alle, liebe Künstler, ist dass ihr diese Vision immer vor Augen haben mögt, in euren Händen und in euren Herzen, dass sie euch Freude bringe und weiterhin großartige Werke inspiriere. Von Herzen segne ich euch und, wie Paul VI., grüße ich euch mit einem einzelnen Wort: arrivedeci, auf Wiedersehen!
(Übersetzung: Pater Bernd Hagenkord SJ - Radio Vatikan)
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Benedikt XVI in Paris über die Kultur
23.11.2009 by admin.
Mit einer lectio magistralis ist Papst Benedikt am Freitag Nachmittag in Paris vor die Welt der Kultur getreten. Rund 700 Kulturschaffende, darunter auch Vertreter der UNESCO, der Kulturorganisation der Vereinten Nationen, waren im Collège des Bernardins versammelt. Auf den Tag genau zwei Jahre nach der Rede des Papstes in der Regensburger Universität gehörten zu den Zuhörern in Paris auch der Vertreter der muslimischen Gemeinschaft Frankreichs.
Wir dokumentieren die Grundsatzrede des Papstes in der offiziellen deutschen Übersetzung:
Herr Kardinal,
Frau Kulturminister,
Herr Bürgermeister,
Herr Kanzler des Institut de France,
liebe Freunde!
Danke, Herr Kardinal, für Ihre freundlichen Worte. Wir befinden uns hier an einem historischen Ort, der von den Söhnen des heiligen Bernhard von Clervaux erbaut wurde und den Ihr Vorgänger, der verstorbene Kardinal Jean-Marie Lustiger, als Zentrum des Dialogs zwischen dem christlichen Denken und den intellektuellen und künstlerischen Strömungen der heutigen Gesellschaft wollte. Ich begrüße im Besonderen die Frau Kulturminister, die die Regierung vertritt, sowie die Herren Giscard d’Estaig und Chirac. Desgleichen grüße ich die anwesenden Minister, die Vertreter der UNESCO, den Herrn Bürgermeister von Paris und alle anderen Amtsträger. Ich möchte nicht meine Kollegen des Institut de France vergessen, die um meine Wertschätzung ihnen gegenüber wissen, und danke Prinz de Broglie für seine herzlichen Worte. Wir werden uns morgen Vormittag wiedersehen. Ich danke den Vertretern der muslimischen Gemeinde Frankreichs, dass sie die Einladung zur Teilnahme an dieser Begegnung angenommen haben. Ihnen entbiete ich meine besten Wünsche in dieser Zeit des Ramadan. Mein warmherziger Gruß gilt nun natürlich der gesamten vielfältigen Welt der Kultur, die Sie, liebe Gäste, so würdig vertreten.
Heute Abend möchte ich zu Ihnen über die Ursprünge der abendländischen Theologie und die Wurzeln der europäischen Kultur sprechen. Eingangs habe ich erwähnt, dass wir uns an einem emblematischen Ort befinden. Er ist an die Mönchskultur gebunden. Junge Mönche haben hier gelebt, um ihre Berufung tiefer verstehen und ihren Auftrag besser leben zu lernen. Dies ist ein Ort, der mit der Kultur des Mönchtums zu tun hat. Geht uns das heute noch etwas an, oder begegnen wir dabei bloß einer vergangenen Welt? Um darauf antworten zu können, müssen wir uns einen Augenblick auf das Wesen des abendländischen Mönchtums selbst besinnen. Worum ging es da? Von der Wirkungsgeschichte des Mönchtums her können wir sagen, dass im großen Kulturbruch der Völkerwanderung und der sich bildenden neuen staatlichen Ordnungen die Mönchsklöster der Ort waren, an dem die Schätze der alten Kultur überlebten und zugleich von ihnen her eine neue Kultur langsam geformt wurde. Aber wie ging das zu? Was hat die Menschen bewegt, die sich an diesen Orten zusammenfanden? Was wollten sie? Wie haben sie gelebt?
Da ist zunächst und als erstes ganz nüchtern zu sagen, dass es nicht ihre Absicht war, Kultur zu schaffen oder auch eine vergangene Kultur zu erhalten. Ihr Antrieb war viel elementarer. Ihr Ziel hieß: quaerere Deum. In der Wirrnis der Zeiten, in der nichts standzuhalten schien, wollten sie das Wesentliche tun – sich bemühen, das immer Gültige und Bleibende, das Leben selber zu finden. Sie waren auf der Suche nach Gott. Sie wollten aus dem Unwesentlichen zum Wesentlichen, zum allein wirklich Wichtigen und Verlässlichen kommen. Man sagt darüber, dass sie „eschatologisch“ ausgerichtet waren. Aber das ist nicht in einem zeitlichen Sinn zu verstehen, als ob sie auf das Ende der Welt oder auf ihren eigenen Tod hingeschaut hätten, sondern in einem existentiellen Sinn: Sie suchten das Endgültige hinter dem Vorläufigen. Quaerere Deum: Weil sie Christen waren, war dies nicht eine Expedition in eine weglose Wüste, eine Suche ins völlige Dunkel hinein. Gott hatte selbst Wegzeichen ausgesteckt, ja, einen Weg gebahnt, den zu finden und zu gehen die Aufgabe war. Dieser Weg war sein Wort, das in den Büchern der heiligen Schriften vor den Menschen aufgeschlagen war. Die Suche nach Gott verlangt so von innen her eine Kultur des Wortes oder – wie Jean Leclercq es ausgedrückt hat: Eschatologie und Grammatik sind im abendländischen Mönchtum inwendig miteinander verbunden (vgl. L’amour des lettres et le désir de Dieu, S. 14). Das Verlangen nach Gott, der désir de Dieu, schließt den amour des lettres, die Liebe zum Wort mit ein, das Eindringen in alle seine Dimensionen. Weil im biblischen Wort Gott unterwegs ist zu uns und wir zu ihm, darum muss man lernen, in das Geheimnis der Sprache einzudringen, sie in ihrem Aufbau und in der Weise ihres Ausdrucks zu begreifen. So werden gerade durch die Gottsuche die profanen Wissenschaften wichtig, die uns den Weg zur Sprache zeigen. Weil die Suche nach Gott die Kultur des Wortes verlangte, daher gehört zum Kloster die Bibliothek, die die Wege zum Wort aufzeigt. Daher gehört zu ihm auch die Schule, in der die Wege konkret geöffnet werden. Benedikt nennt das Kloster eine dominici servitii schola. Das Kloster dient der eruditio, der Formung und Bildung des Menschen – Formung letztlich darauf hin, dass der Mensch Gott zu dienen lerne. Aber dies schließt gerade auch die Formung des Verstandes, die Bildung ein, durch die der Mensch in den Wörtern das eigentliche Wort wahrzunehmen lernt.
Wir müssen noch einen Schritt weitergehen, um der Kultur des Wortes ganz ansichtig zu werden, die zum Wesen der Suche nach Gott gehört. Das Wort, das den Weg der Gottsuche öffnet und selbst dieser Weg ist, ist ein gemeinsames Wort. Gewiss, es trifft jeden einzelnen mitten ins Herz (vgl. Apg 2, 37). Gregor der Große beschreibt dies wie einen jähen Stich, der unsere schläfrige Seele aufreißt und uns wachmacht für Gott (vgl. Leclercq, ebd., S. 35). Aber es macht uns so auch wach füreinander. Es führt nicht auf einen bloß individuellen Weg mystischer Versenkung, sondern in die Weggemeinschaft des Glaubens hinein. Und darum muß dieses Wort nicht nur bedacht, sondern auch recht gelesen werden. Wie in der Rabbinenschule, so ist auch bei den Mönchen das Lesen selbst des einzelnen ein zugleich körperlicher Vorgang. „Wenn aber legere und lectio ohne ein erläuterndes Beiwort gebraucht werden, dann bezeichnen sie meistens eine Tätigkeit, die wie Singen und Schreiben den ganzen Körper und den ganzen Geist ergreift“, sagt Jean Leclercq dazu (ebd., S. 21).
Und noch einmal ist ein weiterer Schritt zu tun. Das Wort Gottes bringt uns selber ins Gespräch mit Gott. Der Gott, der in der Bibel spricht, lehrt uns, wie wir selber mit ihm reden können. Besonders im Buch der Psalmen gibt er uns die Worte, mit denen wir ihn anreden können, unser Leben mit seinen Höhen und Tiefen ins Gespräch mit ihm zu bringen vermögen, so dass dabei das Leben selbst Bewegung auf ihn hin wird. Die Psalmen enthalten immer wieder Anweisungen auch dafür, wie sie gesungen und mit Instrumenten begleitet werden sollen. Für das Beten vom Wort Gottes her reicht das Sprechen nicht aus, es verlangt Musik. Zwei Gesänge der christlichen Liturgie stammen von biblischen Texten, in denen sie im Mund der Engel erscheinen: das Gloria, das zuerst bei der Geburt Jesu von den Engeln gesungen wurde und das Sanctus, das nach Jesaja 6 der Ruf der Seraphine ist, die Gott unmittelbar nahestehen. Der christliche Gottesdienst bedeutet von daher die Einladung, mit den Engeln mitzusingen und so das Wort zu seiner höchsten Bestimmung zu führen. Noch einmal Jean Leclercq zu diesem Thema: „Die Mönche mussten Melodien finden, die die Zustimmung des erlösten Menschen zu den Geheimnissen, die er feiert, in Töne übersetzen. Die wenigen uns erhalten gebliebenen Kapitelle von Cluny zeigen so die christologischen Symbole der einzelnen Tonarten“ (vgl. ebd., S. 229).
Bei Benedikt steht als maßgebende Regel über dem Gebet und Gesang der Mönche das Psalmwort: Coram angelis psallam Tibi, Domine – im Angesicht der Engel psalliere ich vor dir (vgl. 138,1). Hier drückt sich das Bewusstsein aus, beim gemeinsamen Gebet in der Anwesenheit des ganzen himmlischen Hofes zu singen und damit dem höchsten Maßstab ausgesetzt zu sein: so zu beten und zu singen, dass man in die Musik der erhabenen Geister einstimmen kann, die als die Urheber der Harmonie des Kosmos, der Musik der Sphären galten. … Aus diesem inneren Anspruch des Redens mit Gott und des Singens von Gott mit den von ihm selbst geschenkten Worten ist die große abendländische Musik entstanden. Es ging nicht um private „Kreativität“, in der das Individuum sich selbst ein Denkmal setzt und als Maßstab wesentlich die Darstellung des eigenen Ich nimmt. Es ging vielmehr darum, wachsam mit den „Ohren des Herzens“ die inneren Gesetze der Musik der Schöpfung selbst, die vom Schöpfer in seine Welt und in den Menschen gelegten Wesensformen der Musik zu erkennen und so die gotteswürdige Musik zu finden, die zugleich dann wahrhaft des Menschen würdig ist und seine Würde rein ertönen lässt.
Um die Kultur des Wortes einigermaßen zu verstehen, die sich im abendländischen Mönchtum aus der Suche nach Gott von innen her entwickelte, ist schließlich noch ein wenigstens kurzer Hinweis auf die Eigenart des Buches oder der Bücher nötig, in denen dieses Wort den Mönchen entgegenkam. Die Bibel ist rein historisch und literarisch betrachtet nicht einfach ein Buch, sondern eine Sammlung von Literatur, deren Entstehung sich über mehr als ein Jahrtausend hin erstreckt und deren einzelne Bücher man nicht ohne weiteres als eine innere Einheit erkennen kann; sie stehen vielmehr in erkennbaren Spannungen zueinander. Das gilt schon innerhalb der Bibel Israels, die wir Christen als Altes Testament benennen. Es gilt erst recht, wenn wir als Christen das Neue Testament mit seinen Schriften sozusagen als hermeneutischen Schlüssel mit der Bibel Israels verbinden und diese so als Weg auf Christus hin verstehen. Die Bibel wird im Neuen Testament im allgemeinen zurecht nicht als „die Schrift“, sondern als „die Schriften“ bezeichnet, die freilich zusammen dann doch als das eine Wort Gottes an uns angesehen werden. Aber schon dieser Plural macht sichtbar, dass Gottes Wort hier nur durch Menschenwort und Menschenwörter hindurch zu uns kommt, dass Gott nur durch Menschen hindurch, durch deren Worte und deren Geschichte zu uns redet. Dies wieder bedeutet, dass das Göttliche an dem Wort und an den Wörtern nicht einfach zutage liegt. Modern ausgedrückt: Die Einheit der biblischen Bücher und der göttliche Charakter ihrer Worte sind nicht rein historisch greifbar. Das Historische ist die Vielfalt und die Menschlichkeit. Von da aus versteht man die zunächst befremdlich erscheinende Formulierung eines mittelalterlichen Distichons: Littera gesta docet – quid credas allegoria … (vgl. Augustinus von Dänemark, Rotulus pugillaris, I). Der Buchstabe zeigt die Fakten an; was du zu glauben hast, sagt die Allegorie, das heißt die christologische und pneumatische Auslegung.
Wir können es auch einfacher ausdrücken: Die Schrift bedarf der Auslegung, und sie bedarf der Gemeinschaft, in der sie geworden ist und in der sie gelebt wird. In ihr hat sie ihre Einheit, und in ihr öffnet sich der das Ganze zusammenhaltende Sinn. Noch einmal anders gewendet: Es gibt Dimensionen der Bedeutung des Wortes und der Wörter, die sich nur in der gelebten Gemeinschaft dieses Geschichte stiftenden Wortes öffnen. Durch das zunehmende Wahrnehmen der verschiedenen Sinndimensionen wird das Wort nicht entwertet, sondern erscheint erst in seiner ganzen Größe und Würde. Deswegen kann der „Katechismus der katholischen Kirche“ mit Recht sagen, dass das Christentum nicht einfach eine Buchreligion im klassischen Sinn darstellt (vgl. Nr. 108). Es vernimmt in den Wörtern das Wort, den Logos selbst, der sein Geheimnis durch diese Vielfalt hindurch ausbreitet. Diese eigentümliche Struktur der Bibel ist eine immer neue Herausforderung an jede Generation. Sie schließt von ihrem Wesen her all das aus, was man heute Fundamentalismus nennt. Denn das Wort Gottes selber ist nie einfach schon in der reinen Wörtlichkeit des Textes da. Zu ihm zu gelangen verlangt eine Transzendierung und einen Prozess des Verstehens, der sich von der inneren Bewegung des Ganzen leiten lässt und daher auch ein Prozess des Lebens werden muss. Immer nur in der dynamischen Einheit des Ganzen sind die vielen Bücher ein Buch, zeigt sich im Menschenwort und in der menschlichen Geschichte Gottes Wort und Gottes Handeln in der Welt.
Die ganze Dramatik dieses Themas ist in den Schriften des heiligen Paulus ausgeleuchtet. Was die Überschreitung des Buchstabens und sein Verstehen allein vom Ganzen her bedeutet, hat er drastisch ausgedrückt in dem Satz: „Der Buchstabe tötet, der Geist aber macht lebendig“ (2 Kor 3, 6). Und weiter: „Wo der Geist … da ist Freiheit“ (2 Kor 3, 17). Man kann aber das Große und Weite dieser Sicht des biblischen Wortes nur verstehen, wenn man Paulus ganz zuhört und dann erfährt, dass dieser freimachende Geist einen Namen hat und so die Freiheit ein inneres Maß: „Der Herr ist der Geist. Wo aber der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit“ (2 Kor 3, 17). Der befreiende Geist ist nicht einfach die eigene Idee, die eigene Ansicht des Auslegers. Der Geist ist Christus, und Christus ist Herr, der uns den Weg zeigt. Mit dem Wort von Geist und Freiheit ist ein weiter Horizont eröffnet, aber zugleich der Willkür der Subjektivität eine klare Grenze gesetzt, die den einzelnen wie die Gemeinschaft klar in die Pflicht nimmt und eine neue, höhere Bindung als die des Buchstabens, nämlich die Bindung von Einsicht und Liebe erschafft. Diese Spannung von Bindung und Freiheit, die weit über das literarische Problem der Schriftauslegung hinausreicht, hat auch Denken und Wirken des Mönchtums bestimmt und die abendländische Kultur zutiefst geprägt. Sie ist als Aufgabe auch unserer Generation gegenüber den Polen von subjektiver Willkür und fundamentalistischem Fanatismus neu gestellt. Es wäre ein Verhängnis, wenn die europäische Kultur von heute Freiheit nur noch als Bindungslosigkeit auffassen könnte und damit unvermeidlich dem Fanatismus und der Willkür in die Hand spielen würde. Bindungslosigkeit und Willkür sind nicht Freiheit, sondern deren Zerstörung.
Wir haben bisher beim Bedenken der „Schule des göttlichen Dienstes“, als die Benedikt das Mönchtum bezeichnet, nur auf ihre Orientierung auf das Wort – auf das „ora“ – geachtet. In der Tat wird von da aus die Richtung des Ganzen des mönchischen Lebens bestimmt. Aber unsere Betrachtung bliebe doch unvollständig, wenn wir nicht auch die mit „labora“ umschriebene zweite Komponente des Mönchtums wenigstens kurz ins Auge fassen würden. In der griechischen Welt galt die körperliche Arbeit als Sache der Unfreien. Der Weise, der wirklich Freie ist allein den geistigen Dingen hingegeben; er überlässt die körperliche Arbeit als etwas Niedriges den Menschen, die zu diesem höheren Dasein in der Welt des Geistes nicht fähig sind. Ganz anders die jüdische Tradition: Alle die großen Rabbinen übten zugleich auch einen handwerklichen Beruf aus. Paulus, der als Rabbi und dann als Verkünder des Evangeliums an die Völkerwelt auch Zeltmacher war und sich den Unterhalt mit der eigenen Arbeit seiner Hände verdiente, ist hier keine Ausnahme, sondern steht in der gemeinsamen Tradition des Rabbinentums. Das Mönchtum hat diese Überlieferung aufgenommen; der Hände Arbeit gehört konstitutiv zum christlichen Mönchtum. Benedikt spricht in seiner Regula nicht eigens über die Schule, obwohl Unterricht und Lernen praktisch darin vorausgesetzt sind, wie wir sahen. Aber er spricht ausdrücklich über die Arbeit (vgl. Kap. 48). Und genauso Augustinus, der der Mönchsarbeit ein eigenes Buch gewidmet hat. Die Christen, die damit in der vom Judentum vorgegebenen Tradition fortfuhren, mussten sich dazu noch zusätzlich angesprochen sehen durch das Wort Jesu im Johannes-Evangelium, mit dem er sein Wirken am Sabbat verteidigte: „Mein Vater arbeitet bis jetzt und auch ich arbeite“ (5, 17). Die griechisch-römische Welt kannte keinen Schöpfergott; die höchste Gottheit konnte sich ihrer Vision nach nicht mit der Erschaffung der Materie gleichsam die Hände schmutzig machen. Das „Machen“ der Welt war dem Demiurgen, einer untergeordneten Gottheit vorbehalten. Anders der christliche Gott: Er, der eine, der wirkliche und einzige Gott ist auch Schöpfer. Gott arbeitet; er arbeitet weiter in und an der Geschichte der Menschen. In Christus tritt er als Person in die mühselige Arbeit der Geschichte ein. „Mein Vater arbeitet bis jetzt und auch ich arbeite.“ Gott selbst ist der Weltschöpfer, und die Schöpfung ist nicht zu Ende. Gott arbeitet. So musste nun das Arbeiten der Menschen als besondere Weise der Gottebenbildlichkeit des Menschen erscheinen, der sich damit am weltschöpferischen Handeln Gottes beteiligen kann und darf. Zum Mönchtum gehört mit der Kultur des Wortes eine Kultur der Arbeit, ohne die das Werden Europas, sein Ethos und seine Weltgestaltung nicht zu denken sind. Zu diesem Ethos müsste freilich gehören, dass Arbeit und Geschichtsgestaltung des Menschen Mit-Arbeiten mit dem Schöpfer sein will und von diesem Mit her ihr Maß nimmt. Wo dieses Maß fehlt und der Mensch sich selber zum gottartigen Schöpfer erhebt, kann Weltgestaltung schnell zur Weltzerstörung werden.
Wir sind davon ausgegangen, dass die Grundhaltung der Mönche im Zusammenbruch alter Ordnungen und Gewissheiten das quaerere Deum war – sich auf die Suche machen nach Gott. Wir könnten sagen, dass dies die eigentlich philosophische Haltung ist: Über das Vorletzte hinauszuschauen und sich auf die Suche nach dem Letzten und Eigentlichen zu machen. Wer Mönch wurde, machte sich auf einen weiten und hohen Weg, aber er hatte doch schon die Richtung gefunden: das Wort der Bibel, in dem er Gott selbst sprechen hörte. Er musste nun versuchen, ihn zu verstehen, um auf ihn zugehen zu können. So ist der Weg der Mönche doch schon Weg im Inneren des angenommenen Wortes, auch wenn die Wegstrecke unermesslich bleibt. Das Suchen der Mönche trägt in gewisser Hinsicht schon ein Finden in sich. Deshalb muss es vorher schon, damit dieses Suchen möglich werde, eine erste Bewegung geben, die nicht nur den Willen zum Suchen weckt, sondern auch glaubhaft macht, dass in diesem Wort der Weg verborgen ist oder besser: dass in diesem Wort Gott sich selbst auf den Weg zu den Menschen begeben hat und daher Menschen auf ihm zu Gott kommen können. Mit anderen Worten: Es muss Verkündigung geben, die den Menschen anredet und so Überzeugung schafft, die Leben werden kann. Damit sich ein Weg ins Innere des biblischen Wortes als Gotteswort öffne, muss dieses Wort selbst zunächst nach außen gesprochen werden. Klassischer Ausdruck für diese Notwendigkeit des christlichen Glaubens, sich für die anderen mitteilbar zu machen, ist ein Satz aus dem Ersten Petrus-Brief, das in der mittelalterlichen Theologie als biblische Begründung für die Arbeit der Theologen gewertet wurde: „Seid stets bereit, jedem, der euch nach der Vernunft (dem Logos) eurer Hoffnung fragt, Antwort zu geben“ (3, 15). (Logos muss Apo-logie, Wort muss Antwort werden). In der Tat haben die Christen der werdenden Kirche ihre missionarische Verkündigung nicht als Propaganda aufgefasst, die dazu dienen sollte, ihre eigene Gruppe zu vergrößern, sondern als eine innere Notwendigkeit, die aus dem Wesen ihres Glaubens folgte: Der Gott, dem sie glaubten, war der Gott aller, der eine, wirkliche Gott, der sich in der Geschichte Israels und schließlich in seinem Sohn gezeigt und damit die Antwort gegeben hatte, die alle betraf und auf die alle Menschen im Innersten warten. Die Universalität Gottes und die Universalität der auf ihn hin offenen Vernunft ist für sie der Grund der Verkündigung und zugleich die Verpflichtung dazu. Für sie gehörte ihr Glaube nicht der kulturellen Gewohnheit zu, die je nach Völkern verschieden ist, sondern dem Bereich der Wahrheit, die alle gleichermaßen angeht.
Das grundlegende Schema der christlichen Verkündigung „nach außen“ – an die suchenden und fragenden Menschen – findet sich in der Rede des heiligen Paulus auf dem Areopag. Halten wir dabei gegenwärtig, dass der Areopag nicht eine Art Akademie war, auf der sich die erlauchtesten Geister zur Diskussion über die höchsten Dinge trafen, sondern ein Gerichtshof, der in Sachen Religion zuständig war und dem Import fremder Religionen entgegentreten sollte. Genau dies wird Paulus vorgeworfen: „Es scheint ein Verkünder fremder Gottheiten zu sein“ (Apg 17, 18). Dem hält Paulus entgegen: Ich habe bei euch einen Altar gefunden mit der Aufschrift: Einem unbekannten Gott. Was ihr verehrt, ohne es zu kennen, das verkünde ich euch (17, 23). Paulus verkündet keine unbekannten Götter. Er verkündet den, den die Menschen nicht kennen und doch kennen – den Unbekannt-Bekannten; den, nach dem sie suchen, um den sie letztlich wissen und der doch wieder der Unbekannte und Unerkennbare ist. Das Tiefste menschlichen Denkens und Empfindens weiß irgendwie, dass es Ihn geben muss. Dass am Anfang aller Dinge nicht die Unvernunft, sondern die schöpferische Vernunft stehen muss; nicht der blinde Zufall, sondern die Freiheit. Aber obwohl alle Menschen dies irgendwie wissen, wie Paulus im Römer-Brief ausdrücklich sagt (1, 21), bleibt dieses Wissen unwirklich: Ein nur gedachter und erdachter Gott ist kein Gott. Wenn er sich nicht zeigt, dann reichen wir doch nicht bis zu ihm hin. Das Neue der christlichen Verkündigung ist, dass sie nun allen Völkern sagen darf: Er hat sich gezeigt. Er selbst. Und nun ist der Weg zu ihm offen. Die Neuheit der christlichen Verkündigung besteht in einem Faktum: Er hat sich gezeigt. Aber dies ist kein blindes Faktum, sondern ein Faktum, das selbst Logos – Gegenwart der ewigen Vernunft in unserem Fleisch ist. Verbum caro factum est (Joh 1, 14). Gerade so ist im Faktum nun Logos, ist Logos unter uns. Das Faktum ist vernünftig. Freilich bedarf es immer der Demut der Vernunft, um es annehmen zu können; der Demut des Menschen, die der Demut Gottes antwortet.
Unsere heutige Situation ist von derjenigen in vieler Hinsicht verschieden, die Paulus in Athen vorfand, aber durch die Verschiedenheit hindurch ihr doch auch in vielem sehr verwandt. Unsere Städte sind nicht mehr mit Altären und mit Bildern vielfältiger Gottheiten angefüllt. Gott ist wirklich für viele der große Unbekannte geworden. Aber wie damals hinter den vielen Götterbildern die Frage nach dem unbekannten Gott verborgen und gegenwärtig war, so ist auch die gegenwärtige Abwesenheit Gottes im stillen von der Frage nach ihm bedrängt. Quaerere Deum – Gott suchen und sich von ihm finden lassen, das ist heute nicht weniger notwendig denn in vergangenen Zeiten. Eine bloß positivistische Kultur, die die Frage nach Gott als unwissenschaftlich ins Subjektive abdrängen würde, wäre die Kapitulation der Vernunft, der Verzicht auf ihre höchsten Möglichkeiten und damit ein Absturz der Humanität, dessen Folgen nur schwerwiegend sein könnten. Das, was die Kultur Europas gegründet hat, die Suche nach Gott und die Bereitschaft, ihm zuzuhören, bleibt auch heute Grundlage wahrer Kultur.Vielen Dank.
(rv 12.09.2008 bp)
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