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Archiv der Kategorie g Leben und Gedanken

achtung! hier steigen engel nieder!

engel in thalfingen   engel-in-thalfingen-015.JPG

am ortseingang von thalfingen zeigt ein schild eine fussgängertreppe an. schnee und haben der figur flügel wachsen lassen. hier ist also die treppe aus dem himmel, auf der die engel niedersteigen.

r.i.p. prof. James McEvoy (+ 2.10.2010)

“das drama der menschheit wird mit jedem kind neu geboren” (james mcEvoy).

er war ein pan tau, der durch sein wesen und mit seinem intellekt berge versetzen konnte und brücken schlagen zwischen fernen welten. als ich vor jahren meine ersten schritte über den campus von maynooth wagte - einige tage vor semesterbeginn - da stand er plötzlich vor mir und fragte wer und was ich bin und antwortete meinem akzent entsprechend in meiner sprache. “ich unterrichte hier philosophie”, sagte er bescheiden, “und würde mich freuen, wenn wir uns in einem kurs wiedersehen”.

im master-seminar zitierte er nietzsche aus dem kopf in deutsch, platon in griechisch, montaigne in französisch. von nietzsche musste ich ihm eine cd besorgen. musik, vom “ketzer” selbst komponiert. er mochte ihn nicht. den religionskritikern unter den philosophen ordnete er sinnesorgane zu: nietzsche war der philosoph der nase, denn dieser roch im heiligsten noch den teufel…

er war leise in der welt, aber er sagte was zu sagen war. er gab richtung und halt und auch die freiheit ganz anderes zu tun. james mcEvoy war ein mann der mit wenigen worten und gesten viel sagen konnte. mehr als es bedurfte gab er nicht von sich. er war ein gentleman der sich mit dem mann von der straße ebenso austauschen konnte wie mit dem kontrahenten am tisch der professoren.

staunen und freude waren für ihn wichtig. es schmerzte ihn wenn er sah wie menschen die schnelle befriedigung suchten, “fun” mit “joy” verwechselten und alles nur noch “fast” gehen musste: “fast food, fast sex, fast liturgy…”. in diese neue welt passte auch die passionsfrömmigkeit nicht mehr, mit der, wie er sagte, alle spiritualität steht und fällt.

pan tau streicht an seinem hut und verschwindet. aber er hinterlässt ein bischen zauber in der welt. james mcEvoy auch: er polterte nicht in der welt, aber er hintelässt mit seinen leisen worten rettungsinseln für den fall, dass es um uns herum zu schnell wird.

Schlingensief

Künstler können, was andere nicht vermögen: das Innere, das Innerste kommunizieren, es malen, meißeln, formen, in Töne und Klänge verwandeln, in Szene setzen, in bewegten Bilden aufleben lassen, es in Worte kleiden, schreiben, sagen, singen, schreien, fluchen… Darum ist ihre Existenz für jede Zivilisation und jede Kultur existenziell. Die Künstler sind im Besitz der Sprachen, deren Besitz sie zu dem macht, was sie sind. Sie leben intensiver, nehmen sensibel die Wirklichkeit wahr, manchmal seismographisch und für sich selbst nicht immer gesund. Manche schmiedet das Leben auch so lange, bis es keinen Ausweg mehr gab: Schreien oder Eingehen - Kunst oder Tod.

In dem, wie Künstler die Existenz in ihren Tiefen und Höhen beschreiben, schaffen sie diese auch. Sie heben die bloßen Abläufe, das scheinbar Alltägliche, das sonst schnell Vergessene, das Ungesagte, den stummen Schrei durch ihren Fingerzeig in ein anderes Sein – sie verleihen Ungesagtem etwas Ewigkeit. Damit sind sie Schöpfer einer Welt, in der wir uns beheimatet fühlen – die für uns etwas wie Heimat ist -, weil sie uns und unserer Anwesenheit auf der Erde vertraut sind. Ganz so wie Ernst Bloch meinte, die eigentliche Heimat ist etwas, was wir füreinander schaffen müssen, sonst gibt es sie nicht. „Ich bin. Aber ich habe mich nicht. Darum werden wir erst.“ Christoph Schlingensief war so einer: unruhig und unzufrieden mit sich und der Welt. Zornig, ungeschminkt und direkt, wenn er vor aller Welt mit seinem eigenen Tod rang, wenn er den Besuchern seiner Produktionen die Wahrscheinlichkeit eines Krebstodes wütend von der Bühne ins Gesicht brüllte. Eine andere Einsicht Blochs wurde einem da bewusst: wir leben, angetrieben von einem inneren Kraftwerk, das sich aus der Utopie nährt. Und wir können übermenschliches durch diesem Antrieb leisten. Dann ist da aber eine Macht, die jeder Utopie trotzt: der Tod. Alle weltimmanenten Paradiese sind begrenzt durch dieses Monster, das sich nicht eliminieren lässt – von keiner Kunst der Welt.

„Ich habe keinen Bock auf Himmel, ich habe keinen Bock auf Harfe spielen und singen und irgendwo auf einer Wolke herumgammeln“.(Schlingensief) Das Bild vom passiven Jenseits war so gar nicht seines, nicht für den impulsiven Weltenbastler, nicht für diesen Schöpfer.

Jedem, der ihn von der Bühne herab drohen gehört hat, wird ein Unbehagen am Samstag gekommen sein, als die Todesnachricht kam. Denn wir hörten und sahen, dass da einer stirbt, aber „fühlen konnte man es nicht“.(SZ) Sein toben auf der Bühne hat jetzt etwas Prophetisches. Gerade weil es Erlösung für ihn nur aus sich selbst heraus gab, aus dem eigenen Schaffen und Wirken, darum hat sein Tod nun auch etwas Aufwühlendes für Menschen, die ihn gar nicht persönlich kannten. Sein Tod ist ein Teil seines Kampfes geworden. Vorweggenommen und Ausgesprochen schon lange vor seinem Eintreffen. Sein Durst nach Leben, sein Sträuben gegen das Erlöschen ist für uns greifbar, sichtbar und hörbar geworden: nicht, weil er das Leiden und den Tod zu seiner Kunst gemacht hat – das gar nicht! – sondern weil hier ein Künstler mit dem Tod rang, der diesem Ringen eine Stimme gab. Nämlich seine.

ein traum…

jetzt:oberelchingen-marz-2010.jpg        hoffnung:Oberelchingen ohne störenden Mittelblock 

vor mehr als 20 jahren wurde mit dem “mittelblock” versucht in den vorher sorgfälltig konzipierten raum der ehem. klosterkirche oberelchingen, ein element der konziliaren communio-theologie zu integrieren. damit wurde allerdings das raumemerlebnis zerstört.

betritt man die kirche von oberelchingen durch den haupteingang, so befindet man sich an einem dunklen ort im bauwerk. an der hinteren südwand hat die kirche keine fenster (hier schloss sich das konventgebäude an) und die fenster im nörlichen seitenschiff sind nicht gross. aber um so näher man dem hochaltar kommt, um so grösser und lichter werden die fenster. nach dem eintritt in die kirche wird der blick damit unweigerlich nach vorn gezogen, auf den hochaltar hin.

mitten in dieser blickachse steht nur ein hindernis: einer absperrung gleich sitzt der mittelblock sperrig im weg. der blick wird hingezogen zum altar und stolpert dann über schranke. liturgische prozessionen (bruderschafstsonntage, karfreitag, der brautzug bei der hochzeit, taufen am taufbecken, uvm.) werden erschwert oder verhindert.

es wäre eine notwendige anstrengung diesen fehler zu revidieren und den alten und durchdachten raum wieder herzustellen.

Verhüllung - Fastenzeit

Verhüllung.

Fastenzeit Oberelchingen 2010

Sie sehen noch viel zu viel!

Verhüllter Hochaltar Oberelchingen Fastenzeit 2010

Eigentlich sollten Sie gar kein Bild und kein Gold mehr sehen, keine Ranken und Girlanden, kein Zierrat. Es ist Fastenzeit! Über 100 Meter Stoff reichten gerade für eine Sichtbehinderung auf den Hochaltar und die Verhüllung eines Teiles des Benediktusaltares.

Verhüllter Benediktusaltar Oberelchingen Fastenzeit 2010 (Verhüllter Benediktusaltar)

 Das Verhüllen von Bildern in der Kirche hat eine lange Tradition. Sie ist eigentlich so alt wie die Bilder in der Kirche selbst. Damals, als ein Bildnis nicht nur zur Dekoration diente, war ein Bild oder eine Statue im sakralen Raum ständig mit Aktion verbunden. Eingebunden in das Kirchenjahr wurde das Bild geschmückt, verhüllt, herumgetragen und durch verschiedenste offizielle und private Rituale verehrt. Die mittelalterlichen Flügelaltäre sind ein Zeugnis dafür: nur zu den hohen Feiertagen zeigte sich der prächtige Schrein in der Mitte, flankiert von reich bebilderten Klapptafeln. Während des Kirchenjahres waren die Flügel geschlossen und während der Fastenzeit ganz verhängt. Anfänglich mit schmucklosen Tüchern, denn es ging um das verbergen, dann wurden Szenen der Passion darauf gemalt. Diese Tradition lebt z.B. in den Misereor-Hungertüchern weiter. Erst die Dekadenz unserer Tage lässt uns immer alles sehen und konsumieren wann immer uns danach ist. Und die Kirche macht mit und verkommt damit zum Museum, das gerne zeigt, was sie hat. Es ist eine Form von Exhibitionismus, es wird meist unbewusst versucht mitzuhalten mit den vielen Bildern die uns in unserem Alltag überfluten. Doch dabei können wir nur verlieren. Alles was uns ständig zur Verfügung steht, was wir immer sehen und erleben können, daran gewöhnen wir uns. Es wird gewöhnlich bis wir es plötzlich übersehen, weil wir uns abgewöhnt haben, es wahrzunehmen. Wir sind satt. Die katholische Kirche ist die Kirche der Bilder, aber wir haben verlernt mit ihnen umzugehen. 

Mit der Verhüllung unserer Kirche erleben Sie den Raum neu. Sie sehen neu, vielleicht auch Anderes als sonst. Vielleicht ist Ihre Neugier geweckt und sie kommen ins Überlegen, was die Tücher verhüllen… wie das nochmal war hinter dem Tuch? Und Sie sehnen sich hoffentlich auf die Osternacht, in der die Sicht auf unsere festliche Kirche während des Glorias wieder ganz frei gegeben wird. „Und die Touristen?“ wurde ich gefragt. Museum oder Gotteshaus? Als Priester dieser Kirche möchte ich, dass auch die Gäste unserer Kirche mehr mitnehmen können als ein wackeliges und doch nur scheinbar vollständiges Foto. Wer jetzt in diese Kirche kommt, erlebt den Raum indem sich eine lebendige Gemeinde versammelt und miteinander Leben und Hoffnung feiert. Hier wird getauft, geheiratet und beerdigt. Wer jetzt den Kirchenraum betritt merkt, dass dieses Haus lebt und sich ändert, so wie sich unser Leben ständig ändert. Schätze werden hervorgeholt und wieder verwahrt. 

Fasten, auch das Fasten mit den Augen, schafft ein neues Wahrnehmen, Wertschätzen und Lieben.

Museum. Künstler. Kunst.

Emmy Huf von De Volkskrant gegenüber erklärt Paul Thek im April 1969:

‘Natürlich werden sie [die Besucher] an der Nase herumgeführt, die ganze Institution Museum führt uns an der Nase herum. Es ist wirklich zu verrückt, die Arbeiten eines noch lebenden Künstlers als Kunstgeschichte in einem Museum zu zeigen. Duchamp hat einmal gesagt, ein Kunstwerk habe eine reale Lebensspanne von etwa 25 Jahren und werde dann Kunstgeschichte. Heute lebt es nicht einmal mehr ein Jahr… Das Museum ist wirklich mein Erzfeind… Ich möchte nicht als Kategorie, als repräsentativ für dieses oder jenes Jahr betrachtet werden… Ich bringe meine Arbeiten um, indem ich sie zeige.’

Endlich

Endlich ist ein Werk Paul Theks in Kolumba dort hin gekommen, wo es am meisten korrespondiert und irritiert: shrine (Schrein) steht mitten unter den anderen Reliquienkästchen und -kreuzen und -monstranzen im Amarium.

Die Reaktion der Besucher ist in der Regel geradezu abfällig.

Gedanken macht sich kaum jemand (zumindest in der Zeit in der ich beobachten konnte).

Warum geht man lieber von einer sinnlosen Provokation aus, als das man in sich geht und darüber nachdenkt, ob der (die) Ausstellungsmacher einen tiefen, ernsten Sinn stiften wollte.

Wir sind sehr schnell in unserem Urteil heute. Darum vielleicht auch der Erfolg der großen Buchstaben bei Gedrucktem…

die macht der frage

(der versuch einer methode)

zuerst fiel es mir auf, als ich mich mit manchen punkten der protestantischen theologie auseinandersetzte. diese radikale ablehnung des gebetes für die verstorbenen… ich fragte mich, wie es zu einer solch starren haltung entgegen der tradition und dem urmenschlichen empfinden kommen konnte. welche gründe könnten es gewesen sein, die zu dieser theologie der radikalen trennung von diesseits und jenseits führten?

eine these, eine haltung fällt für gewöhnlich nicht vom himmel und selbst wenn lange darum gerungen wird, spielen immer auch gründe eine rolle, die nicht argumentativ ausgeführt werden – ja, nicht kommuniziert werden können, weil sie den jeweiligen personen selbst oft nicht bewußt sind.

so kam mir die vermutung, dass die ablehnung des gebetes für die verstorbenen eine antwort ist. eine antwort auf die mißbräuche jener zeit. mit angst wurde geld gemacht. gute gedanken wurden pervertiert und mit heiligem wurde schindluder getrieben. darauf antwortet luther & co radikal. die konsequente haltung wider jeden totenkult erklärt sich mir auf dieser ebene.

die mißbräuche sind heute fast gänzlich abgeschafft, aber die antworten des 16. jahrhunderts hat sich in der protestantischen theologie manifestiert. die frage steht nicht mehr im raum, aber die antwort sehr wohl.

so ist es mit vielem.

hier in rom (während des studiums von kunst und kirche) wird immer wieder der platz des tabernakels im kirchenraum des 20. jahrhunderts kritisch in augenschein genommen. ein schwieriges thema. es hat mich aber angeregt mir die klassischen römischen tabernakel genauer zu betrachten: es sind in der regel sehr kleine, fast unscheinbare kästchen, mehr praktisch als sinnliches zentrum (ausnahme z.b. st. peter). im deutschsprachigen raum ist vom barock bis ins letzte jahrhundert oft der tabernakel mit der monstranznische darüber sichtbares zentrum des altares – oft von grossen anbetungsengeln umgeben. in rom beherrscht das bild das zentrum des raumes, im deutschsprachigen raum ist es der tabernakel. ist das vielleicht die antwort auf die protestantische abendmahlslehre? auch „nur“ eine antwort?

oder die unterschiedliche interpretation der trinitätslehre in ost und west. ist die orthodoxe begründung nicht vielleicht eine plausible, eine selbstverständliche antwort auf die anfrage des (dort räumlich viel näheren) monothesimus-verständnisses des islam?

wie schön wäre es, wenn man von null an beginnen würde. keine theologie und keine kunst der antworten geben würde, sondern ursprünglich und echt sein könnte. immerhin kann man den antworten ihre macht ein wenig nehmen, wenn man sie als antworten enttarnt. (und die frage in erfahrung bringt)

memento

nach dem umzug im august geht es gleich voll weiter mit viel inspiration im september und viel input im oktober.

lgim0117_2.jpg kain im bewußtsein seiner schuld

lgim0111_3.jpg ”mein” treppenhaus  

lgim0103_1.jpg wilde natur  

lgim0097_1.jpg kathartische landschaft

priester und schauspieler

jedes mal im theater oder der oper, ja sogar bei manchem strassenschauspieler bin ich überrascht wie er es fertig bringt, situationen und gefühle so zu spielen, das man ihm das dargestellte glaubt. für mindestens einen moment ist man im glauben auf der bühne wird wirklich gelitten, wirklich gelacht, wirklich gestritten oder wirklich geliebt.

der schauspieler kann einem das unglaublichste glaubend machen.

und dann denke ich an manchen kirchbesuch, denke an den handelnden priester. er ist kein schauspieler. er muss den menschen nichts vormachen, nicht theatralisch ein drehbuch umsetzen, er muss nichts spielen - ja, er darf nicht spielen! wenn er an das glaubt was er tut, dann spielt er nicht, dann ist er sogar das gegenteil von einem schauspieler. allerdings merkt man selten etwas davon.

freilich hat die ars celebrandi viel mit dem zu tun, was theater vor allem im alten griechenland einmal war, aber darum geht es hier gar nicht. es geht nicht um die catharsis, um das drama der welt- und heilsgeschichte - es geht um das darstellen dessen was wahrheit ist - und was oft genug nur laienspielcharakter hat.

ein priester ist kein schauspieler, wohl aber ein darsteller und er sollte sich bewusst sein, was er darstellt.

vielleicht sollten priester mehr ins theater gehen… 

versuche einer theorie

Versuche über die Berufung des Künstler

SIAC 19. Juli 2009 Glenstal Abbey

 1. Vorrede: Albert Schweizer kam zur Erkenntnis, dass Leben nur auf Kosten anderen Lebens möglich ist. Mit jedem Schritt auf der Erde, mit jedem Atemzug vernichten wir anderes Leben, schränken wir anderes Leben ein. Dabei hat alles Leben ein Recht auf Leben. Welches mehr als Anderes? So kam er zu dem Schluss: «Ehrfurcht vor dem Leben bedeutet: Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will.»

Schweizer öffnet die Augen, dass es keinen Ausweg gibt und keine einfache Lösung: Leben ist ohne Schuld nicht möglich. Im Auftrag und in der Berufung zum Leben ist impliziert, dass der Mensch sündigt, sündigen muss. Die Erbsünden-Theologie versucht dies zu umreißen.

2. Vorrede: Im Deutschen heißt „Education“ Bildung. Dieses Wort wird von Bild abgeleitet. Inpicturation müsste man es wohl übersetzten. Wir denken in Bildern und Bilder machen unser Bild von Welt. Menschen die Bilder machen haben also eine hohe Verantwortung, denn Bild macht Welt. 

 

***

Meine Kollegen hört man gelegentlich sagen, ich habe noch nicht herausbekommen, ob ich mehr Künstler oder Priester sein will. Sie irren sich aber sehr in ihrer Einschätzung. Denn beides ist im Endeffekt ein und dieselbe Berufung. Beide, Priester und Künstler öffnen Türen zu einer anderen Welt, verbinden Welten und suchen eine Sprache, die den Menschen hilft zu kommunizieren – in Dialog zu treten mit sich selbst (Reflektion), dem Universum (allem Geschaffenem), mit Gott (dem Ursprung und Ziel). Beide vermitteln das im Profanen Unsagbare.

*** 

„Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und das Wort war Gott. Er war am Anfang bei Gott. All Dinge sind durch ihn geworden…”

Der Prolog des Johannesevangeliums erzählt viel über das Wesen Gottes. Das Wort ist nichts konkretes, Worte sind – aus der Sicht eines Menschen der Bilder macht – die abstraktesten Dinge überhaupt. Eigentlich sind Worte nur bestimmte Geräusche, nur Laute. Aneinander gereihte Buchstaben. Das gesprochene Wort ist bereits in dem Moment in dem es ausgesprochen wurde Vergangenheit – nur die Seele des Wortes ist dann noch eine Weile präsent. Natürlich können wir heute aufnehmen und mit Hilfe technischer Geräte wiedergeben, aber das ist nicht das selbe, nicht das gesprochene Wort, sondern nur die Erinnerung daran.

Von allen verschiedenen Worten ist das gesungene Wort das höchste. Das geht so weit, dass einige sagen, der Heilige Geist selbst sei Gesang/Melodie/Klang.

„Am Anfang war das Wort. Und das Wort war bei Gott. Und das Wort war Gott:“

Es steht die Frage im Raum, was dieses Wort aussagt(e)? Was war die Bedeutung dieses Wortes?

Durch dieses Wort ist alles geworden, heißt es weiter im Prolog. Das kürzeste Wort in unserer Sprache ist das „Ja“. Alles muss mit einem Ja begonnen haben: dem positiven Willen zum zur gesamten Schöpfung, zu allem sichtbaren und unsichtbaren, zu allen Geschöpfen und zur ganzen Geschichte und schließlich dem Ja zu jedem menschlichen Wesen bis hin zu mir selbst.

Am Anfang war also das große Ja.

Aber dennoch ist das Wort selbst abstrakt. Aber es hat eine Aussage, eine Wirkung! Das Wort bleibt in sich ein Geheimnis, aber seine Wirkung sehen wir überall.

„Dann sagte Gott: laßt uns Menschen machen nach unserem Abbild, uns gleich.“

In der Schöpfung ist Gott der große Künstler, der Kreator von dem alle Kreativität ausgeht. Er hat den Menschen nach seinem eigenen Bild geschaffen und ihm seine Kreation anvertraut – zum weiter schaffen „macht euch die Erde Untertan.“ – „Wachset und Vermehret euch“. In der Gott-Ebenbildlichkeit und diesem Auftrag sehe ich unsere Berufung zur Kreativität. Freilich ist die Zeugung und die Weitergabe des Lebens der höchste Akt der Kreativität, allerdings ist die Gestaltung und die Ordnung der Welt als kreativer Akt nicht minder wichtig und nicht weniger gemeint.

Ernst Bloch sagt, dass die eigentliche Ursünde des Menschen sei,  den Auftrag zur Gestaltung der Welt zu verweigern. Ich muss hier allerdings anfügen, dass die betenden Nonnen und Mönche sehr aktiv sind, „das Angesicht der Erde zu erneuern.“ Schaffen und schöpfen sind nicht zwangsläufig Muskelarbeit.

Nicht das, aber anderes hat Bloch aber vergessen. Das Fehlende lehrt uns Meister Eckhart: „Ohne Gott bin ich nichts, mit ihm bin (und kann) ich alles.“  Und Paul van Dyk im Lied „Nothing but you“: „Ich habe nichts. Mit dir habe ich alles.“ Ich bin nichts. Mit dir bin ich alles, mit allem eins.

Wir haben einen heiligen Auftrag, eine Mission zum kreativ sein – aber wir brauchen die Demut zu wissen, dass wir wie der Pinsel, der Stift oder Hammer und Meißel in unserer Hand, auch wir nur ein Werkzeug in der Hand Gottes sind. Wir sind lebende Instrumente. Aber da ist ein großer Unterschied: Pinsel, Stift und Hammer sind willenlos in unserer Hand, Gott akzeptiert unser Ja oder Nein absolut. Er zwingt uns nicht, will uns aber brauchen.

„Du sollst dir kein Bildnis machen von nichts im Himmel oben oder auf der Erde unten, oder im Wasser dazwischen.“ Es geht um Götzenbilder, um Fixierungen auf Bilder. Es ist uns verboten die Freiheit Gottes und seiner Geschöpfe zu beschneiden und uns eine fixe Idee von alledem zu machen. Selbst ich selbst bin mehr als das Bild und der Eindruck, den ich von mir habe.

Darum sollten wird das Bilderverbot (das Verbot Idole zu schaffen) sehr ernst nehmen – vor allem als Künstler – noch mehr als christliche Künstler. Natürlich nicht im fundamentalistischen Sinn; nicht im Sinn der Katholibans. Die Bibel will von uns ernst, nicht wörtlich genommen werden. Das Bild/Abbild darf niemals höher gesehen werden, als das abstrakte Wesen, dass das Ding erst ausmacht. Wir müssen darauf achten, dass wir nicht in Liebe zu unserer Hände Werk verfallen. Wir täuschen uns in allem; da ist immer eine je größere Unähnlichkeit als die Ähnlichkeit, die Erkenntnis, die wir zu haben glauben.

Das Bilderverbot, bzw. das Verbot der Idolatrie sagt: glaube niemals – das ist es! Sei immer skeptisch gegenüber den eigenen Möglichkeiten und dem eigenen Wissen. Die Wahrheit ist immer größer.

Für mich möchte ich sagen, ich sündige immer wenn ich ein Bild schaffe, denn das Werk ist immer nur ein Bruchteil dessen, was mich als Idee zum schaffen antrieb. Das ist recht platonisch: Die Welt der Ideen werde ich niemals erreichen – womöglich nicht mal berühren. Aber es ist meine Sehnsucht, mein Schicksal so nah wie möglich daran heranzukommen in meinem Schaffen und Wirken.

Weil ich immer unter meinen eigenen Ideen zurückbleibe, darum bezeichne ich meine Kunst als Sünde. Ja, so oft ich kreativ bin, bin ich ein Sünder. Aber im selben Augenblick bin ich zur Kreativität berufen! Ich muss.

Jeder der einen Stift in die Hand nimmt und eine Linie zeichnet, teilt damit die Welt, zieht eine Grenze, greift ein, ändert. Es ist immer ein Akt der Gewalt (siehe A. Schweizer) - aber es ist unser Auftrag.

Es spiegelt sich darin das Geheimnis des Menschen schlechthin: Wir sind Wesen zwischen Tier und Gott. Wir stehen auf der Erde, aber wir strecken uns nach dem Himmel, haben den Kopf in den Wolken.

Der entscheidende Punkt ist die Qualität! Wir haben darauf zu achten, dass unsere Arbeit die Sünde wert ist, die wir begehen. Nebenbei gesagt: wirkliche Qualität ist niemals Sünde, ist niemals häretisch, ist immer Klassik.

„Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt. Und Wir haben seine Herrlichkeit gesehen“

Das ist noch einmal aus dem Prolog des Johannes genommen. Wir sahen! In Jesus Christus ist der abstrakte Gott sehr konkret geworden. Er wurde ein konkreter, erfahrbarer und sichtbarer Mensch. Einer von uns. Seine Göttlichkeit wurde dadurch aber um so mehr verborgen. Ein Bild täuscht uns eben um so leichter.

Felix culpa.

sehenswert

pamela hardesty: www.pamelahardesty.wordpress.com

tom o´sullivan: www.tomosullivanarchitects.com

helen mcLean: www.helenmcleanart.com

rebecca carroll: www.rebeccacarroll.com

Erich Fried - Vielleicht

Das Leben wäre vielleicht einfacher
wenn ich dich gar nicht getroffen hätte
Weniger Trauer - jedes Mal
wenn wir uns trennen müssen
weniger Angst - vor der nächsten
und übernächsten Trennung
Und auch nicht soviel
von dieser machtlosen Sehnsucht
wenn du nicht da bist
die nur das Unmögliche will
und das sofort
im nächsten Augenblick
und die dann
weil es nicht sein kann
betroffen ist
und schwer atmet

Das Leben wäre vielleicht einfacher
wenn ich dich nicht getroffen hätte
Es wäre nur nicht mein Leben

Erich Fried - Aussteiger

AUSSTEIGER
Sie hatten sich
an den Rand
der Welt
zurückgezogen
um dort
noch leben zu können
Aber sie fanden
daß die Welt

keine Ränder hatte
und immer noch
von allen Seiten
eindrang auf sie
Das war
nicht ganz
ohne Komik
aber sie starben daran.

(aus dem Gedichteband: Um Klarheit)

Josefsbote I - Gutes bewahren

(Den Ursberger Josefsboten können Sie beziehen bei: Ursberger Josefsbote. Klosterhof 2. 86513 Ursberg. Tel.: 08281/920) 

Mit auf dem Weg 

Gutes bewahren. Das ist das erste von drei Themen, die im Ursberger Jubiläumsjahr 2009 betrachtet werden. Mit dem bewahren ist das so eine Sache. „Verweile doch, du bist so schön“ so ähnlich heißt der verhängnisvolle Satz in Goethes Faust. Gutes erfahren und erleben, das weckt in uns auch den Wunsch es zu bewahren. Aber in aller Regel ist das Beste das wir erleben auch oft sehr flüchtig: Augenblicke und Momente des Glücks in der Natur, mit anderen Menschen, in uns selbst versunken – in Gott… „verweile doch!“ – aber da ist dieser Augenblick schon weg, in den Fingern verronnen. Vergangenheit. Erinnerung.   Bewahren heißt im Lateinischen conservare. Der Mensch war in seiner Geschichte immer schon darauf angewiesen Dinge zu bewahren um überleben zu können. Konservierungshilfen waren lebensentscheidend: Salz, Zucker, Trocknung, Feuer und Rauch, Kälte, Alkohol und neuerdings Vakuum und Bestrahlung. Nicht zu vergessen die allseits beliebten Konservierungsstoffe. Alles das bewahrt uns vieles Gute. Gutes und Schönes, dessen Zeit unter natürlichen Voraussetzungen schon abgelaufen wäre.Wie man Lebensmittel bewahrt, das wissen wir. 

Weit schwieriger ist es ethisch und moralisch Gutes zu bewahren. Freilich, man kann es dokumentieren, fotografieren, archivieren, auswerten und publizieren, aber ist es dadurch wirklich bewahrt? Ist es noch wahr? Be-wahr-t?  Gutes bewahren im Sinn der Überschrift unseres Jubiläumsjahres meint mehr als nur vor Vergessenheit bewahren. Es meint fortführen und übersetzen vom Damals ins Heute. Übersetzen, wie ein Schiff Passagiere hinübersetzt über den Fluss der Zeit vom Damals ins Jetzt. Dabei muss durchaus manches konserviert werden, das meint Dokumentiert und somit Eingefroren, weil es wertvoll ist, aber nicht ins Jetzt paßt. Aber wer weiß, vielleicht ist es die große Entdeckung für Morgen und wenn es nicht vor dem Vergessen bewahrt werden würde, wäre es verloren.    

Wir haben eine viele Konservierungsstoffe und Möglichkeiten, die unsere Vorfahren nicht erahnt haben, doch im Bewahren sind wir nicht wirklich gut. Die Gesellschaft in der wir leben  ist eine Wegwerfgesellschaft. Was wird noch geflickt? Was wird ausgebessert? Was wiederverwendet? Die ganz Alten wissen noch, wie wertvoll einmal ein Knopf war. Wer kommt heute noch auf die Idee vor dem Entsorgen eines Hemdes die Knöpfe abzutrennen? Was ist es heute noch wert geflickt zu werden? Was (oder wer) ist es mir noch wert, dass ich dafür Zeit investiere?Unserer Welt eine Wertigkeit der Dinge abhanden gekommen. Das gilt leider für alle Bereiche. Konsumiert wird ungeheuer viel. Dinge werden gebraucht, benutzt und weggeworfen. Wir brauchen eine neue Sicht der Dinge, einen neuen Sinn für Wert und Wertschätzung. Dinge müssen wieder kostbar sein. (Teuer ist etwas anderes!) Wichtig ist, dass man nicht nur die Vergangenheit, das Konservierte, im Blick hat, denn das Gefühl sagt uns immer, dass damals alles besser war als es in Wirklichkeit gewesen ist. Unsere Zeit fordert von uns Energie  und Tapferkeit Neues zu wagen, unbetretenes Land zu ertasten, Mut Fehler zu machen und so Zukunft zu gestalten. Wer mit einem Bein auf dem be-währt-en Grund der Vergangenheit steht, der kann mit dem anderen frohen Mutes in die unbekannte Zukunft schreiten und befindet sich damit im Jetzt.  

Im Matthäusevangelium bringt Jesus dieses Phänomen auf den Punkt, wenn er einen guten Schriftgelehrten so beschreibt, denn der „gleicht einem Hausherrn, der aus seinem reichen Vorrat Neues und Altes hervorholt.“ (Mt 13,52) (c) Ralf Gührer