Infos

Sie befinden sich aktuell in den Archiven des Blogs ralf’s blog für Februar, 2011.

Februar 2011
S M D M D F S
« Dez   Mrz »
 12345
6789101112
13141516171819
20212223242526
2728  
Links

Archive für Februar 2011

neuesFeb2011

bilderfeb2011-004.JPG   shape of my heart II

meer2011 I  meer2011 II  meer2011 III 

homage an ?

homage an m.ernst I  homage an m.ernst II

Wiederherstellung des Raumes

Theologie der Architektur

Bemerkungen zur ehem. Klosterkirche Oberelchingen

 

Die vergangenen 50 Jahre – „Liturgie als Bauherr“(1)

Das 20. Jahrhundert war von großen Veränderungen im Leben der Menschen geprägt und dieser Prozess hat sich in den letzten Jahren eher noch beschleunigt. Das Ringen um eine authentische Feier der Liturgie geht mit dieser Beobachtung einher. Authentisch Gottesdienst feiern meint zum Einen, treu den Auftrag Christi zu erfüllen, wenn er sagt „tut dies zu meinem Gedächtnis“(2), zum anderen heißt authentisch ebenso, dass wir, die Gemeinde – sein mystischer Leib – unser Leben und unsere Welt wirklich und glaubwürdig in die Feier der Liturgie mit einbringen, ja einbringen müssen! Wir feiern nichts Abstraktes und Fernes, sondern seine Gegenwart in unserer Welt, in unserem Leben, hier und heute.

Spätestens mit der Liturgiereform nach dem 2. Vatikanischen Konzil wurde dieses Bemühen durch Umbauten im Kirchenraum sichtbar. Mit viel Überlegung, Mut und Experimentierfreude wurden damals in fast allen Kirchen der Altar, die Sedilien (Priester- und Ministrantensitze), der Ambo und auch das Kirchengestühl neu konzipiert und platziert. Die Gottesdienstgemeinde sollte mehr in das Geschehen am Altar einbezogen werden, was auch durch die Stellung der einzelnen liturgischen Orte im Raum zueinander umgesetzt werden sollte.

In den mehr als 40 Jahren seit der Liturgiereform mussten sich die neuen Objekte und Orte bewähren. Das vergangene Jahrzehnt wurde deshalb geprägt von vielen Altarweihen, nachdem die mehr oder weniger provisorisch aufgestellten Holzaltäre durch den Richtlinien entsprechende Steinaltäre ersetzt(3) und deren Position noch einmal überprüft worden war (z.B. in Unterelchingen).

 

Grundsätzliche Fragestellungen und Probleme

Seit sich der christliche Gottesdienst aus den Wohnhäusern der Urgemeinde hinein in größere Räume und Gebäude verabschiedet hat, gibt es Unstimmigkeiten im Zueinander von Liturgie, Gemeinde, Zelebrant und Mitfeiernden. Dies kristallisiert sich an den Brennpunkten Altar (und dessen Ausrichtung), Tabernakel, Sedilien, Ambo und dem Zelebrationskreuz besonders heraus. An die ursprüngliche Stelle der Sedilien, rückte ab dem Mittelalter der Altar und in der frühen Neuzeit erst der Tabernakel, der sich vorher auf der Seite, in einer Kapelle oder noch früher hängend, etwa in Form einer Taube, über dem Altar befand. Spätestens beim Altarkreuz wird deutlich, dass es nicht gleichzeitig vom Priester und der Gemeinde angesehen werden kann – außer bei der Zelebration „versum dei“ (mit dem Rücken zur Gemeinde), die aber das Zueinander von Gemeinde und Zelebrant weitgehend negiert.

Kurzum: die Entwicklung der Liturgie und der historisch dafür gebauten Räume produzierte ein paar unlösbare Probleme, welche bei jeder Gestaltung liturgischer Orte im Auge behalten werden müssen, um sich schließlich nicht als Störfaktoren entwickeln zu können.

 

Die ehem. Klosterkirche

Die Pfarr- und Wallfahrtskirche Oberelchingen gehört zu den herausragenden Baudenkmälern der Diözese Augsburg, darin sind sich Kunsthistoriker, sowie kirchliche und weltliche Sachverständige einig.

Die ehemalige Klosterkirche in Oberelchingen ist das Resultat aus fast 900 jähriger Baugeschichte. Grundriss und sogar einige noch gut sichtbare Bauelemente kann man auch in der jetzigen Kirche der romanischen Epoche zuordnen. Mehrere Bauphasen übersetzen den Sakralraum in die künstlerische Sprache der jeweiligen Zeit. Die letzte große Gesamtgestaltung erfuhr die Kirche nach dem Brand und Wiederaufbau 1773 – 1784. Der Bau des Kirchenschiffs blieb dabei weitgehend unverändert. Bereits Gotik und Barock hatten dort die Fenster vergrößert. Im Chorraum, der vom Brand am meisten beschädigt wurde, fanden die größten Veränderungen statt: die Wände wurden zugunsten großer dreiteiliger Fenster durchbrochen, die den Altarraum mit Licht durchfluten. Das feine Dekor der Kirche in Weiß und Gold trägt zudem dazu bei, dass der Raum freundlich, festlich und leicht wirkt und dem Betrachter auf den ersten Blick als Einheit erscheint.

 

Dem Baumeister des späten 18. Jahrhunderts gelang es durch die meisterliche Verwendung der Lichtführung, dem Raum Sakralität zu verleihen. Der Raum an sich hat eine theologische Aussage und „predigt“. Allein das natürliche Licht in der Oberelchinger Kirche erzählt dem Kirchenbesucher unbewusst von Gott und Mensch: Wir Menschen reagieren auf Licht. Unser Auge – und nicht nur das – wird angezogen vom Licht. Licht bedeutet Leben, Freiheit, Sicherheit. Das griechisch/lateinische Wort Theos/Deus für Gott, leitet sich ab vom Wort für Licht.

 

Doch kommen wir zurück zum Grundmotiv der Kirche von 1784, den Raum wie wir ihn heute betreten. In Oberelchingen betritt man die Kirche durch den Eingang im Westen. Man kommt aus der Richtung der untergehenden Sonne – der Nacht – und nach dem Eintritt in die Kirche befindet man sich am dunkelsten Ort des Gotteshauses: direkt unter der Empore, die nur gemalten Fenster auf der rechten Seite, an die sich vor dem Abbruch des Klosters durch die Säkularisation die Konventgebäude angeschlossen haben und die Fenster auf der Nordseite geben dem Ort hinter der Kirchentüre nur wenig Licht. Der Chorraum mit dem Hochaltar und dem Tabernakel steht hell und klar von den großen Fenstern beleuchtet im Licht. Automatisch zieht es den Besucher nach vorn, als würde eine unsichtbare Macht zum Eintretenden sagen: „Komm!“

 

Mit diesem Impuls, mit diesem Drang hin zum Heiligen wurde durch das Kirchenjahr hindurch gearbeitet und „gespielt“. Die grazile Kommunionbank wurde in der Mitte mal geöffnet mal geschlossen, der Kreuzaltar mitten auf den Stufen war nicht Trennung sondern Meilenstein: Christus am Kreuz hat den Weg ins Paradies wieder aufgetan. Um dorthin zu gelangen führt der Weg jeden vorbei am Kreuz. Links und rechts war der Chorraum durch das Gitter abgesperrt. Zwei Tore jeweils neben dem Kreuzaltar erlaubten einen Durchlass. In der Advents- und Fastenzeit waren schwere Vorhänge an den Gittern angebracht und verbargen den lichten Raum. Alle diese Sichtschranken waren aber nicht so massiv und störend im Raum der Oberelchinger Kirche, wie der Mittelblock, der heute dort steht und sich Auge und Geist in den Weg stellt.

 

Der Impuls, der ihn dorthin gebracht hat ist trotz des grundsätzlich negativen Befundes ein sehr guter gewesen. Die Initiatoren von damals wollten eine größere Nähe der Gemeinde zum Altar (4) und die Aufhebung der Geschlechtertrennung in der Kirche. Zudem war geplant das alte Taufbecken wieder zu benutzen. Diese drei Hoffnungen gehen aus einem Pfarrbrief hervor, der zur Inbetriebnahme des Mittelblocks erschienen war. Fakt ist, dass sich auch 20 Jahre später die Kirche immer noch großteils von hinten füllt; dass von vielen der Mittelblock „irgendwie“ mit den Kinderbänken assoziiert wird; dass das Taufbecken bis vor einem Jahr zugeschraubt war und auch durch den schmalen Gang schwer benutzbar ist. Vor allem aber, ist das theologische Konzept des gesamten Kirchenraumes „vom Dunkel ins Licht“ durch den Mittelblock gestört. Auch die Verwendung von hellem Holz wirkt in unserer Kirche wie ein weiterer Fremdkörper.

 

Hinzu kommt die Behinderung im Vollzug der Liturgie. Der Mittelblock negiert das Konzept der Prozessionskirche. Alte Elchinger wissen noch die Wege, die am Bruderschaftssonntag und anderen Festtagen gegangen wurden. Ein ordentlicher „großer Einzug“ ist zu den Feiertagen und besonders am Karfreitag ebenso wenig möglich, wie ein gebührender Ein- und Auszug bei Hochzeiten oder Beerdigungen.

 

Nicht umsonst nennt der Kunstreferent unserer Diözese die Pläne zur Schaffung eines Mittelganges eine „Beseitigung eines Missstandes“ und auch das staatliche Denkmalamt stimmt dem zu. Bei einem Hausbesuch an Weihnachten meinte eine gehbehinderte Frau zu mir: „Wenn sie den Mittelblock raustun, dann helf´ ich ihnen sägen!“

 

Der Mittelblock war eine gute Idee, doch die Realität entpuppte ihn als Störfaktor in mehrfacher Hinsicht inmitten der feinsinnigen Bau- und Theologiekonzepte der Kirche und der liturgischen Praxis der Pfarr- und Wallfahrtskirche.

 

Eine Kirche ist nie „fertig“

Wie die Gemeinde in ihr, so lebt auch eine Kirche. Alte Aufnahmen und Dokumente zeigen, dass sich auch in den letzten beiden Jahrhunderten die Kirche von Oberelchingen immer wieder verändert hat. In den ersten Jahren nach der Säkularisation wurde von Pfarrer und ehem. Pater Edelmann der Kreuzweg und die Bilder der Sieben-Schmerzen-Mariens an Konrad Huber in Auftrag gegeben. Es folgte die Herz-Jesu-Statue mit dem dazugehörigen Altar. Erst am Anfang des 20. Jahrhunderts wurden die Assistenzfiguren (Maria und Johannes unterm Kreuz) des alten Kreuzaltares in weiß und gold gefasst. Die Tafeln an der Innenseite der Pfeiler wurden bis in die 1940er Jahre entfernt und es folgte in den 60er Jahren die Verlegung des Kreuzaltares in die „Kerkerkapelle“(5), wobei die Chorschranken (Gitter) entfernt, bzw. neu platziert wurden. Es folgten schlichte Bänke vor dem alten, manieristischen Kirchengestühl, die derzeit teils noch vor der Gnadenkapelle stehen. Der heutige Volksaltar mit seinen blauen Füßen, ist bereits der zweite an dieser Stelle, aber noch immer ein Holztisch, bzw. ein „Edelmöbel, aber kein Altar“, wie sich vor einiger Zeit ein Sachverständiger geäußert hat.

Diese Aufzählung soll zeigen, dass jede Generation, jede Zeit das Ihre zur Ausstattung der Oberelchinger Kirche beigetragen hat. Vieles fügt sich heute so perfekt in den Gesamtbau, dass wir es gar nicht als später hinzugekommenen Teil empfinden.

 

Mittelgang und neues Gestühl

Unsere Vorbereitungen zur Wiederherstellung des Mittelganges sind mittlerweile schon weit gediehen. Kostenvoranschläge und Gutachten sind eingeholt, die zuständigen Behörden und Ämter auf staatlicher wie auf kirchlicher Seite kontaktiert worden. Zur Zeit wird über Skizzen für die neuen Stuhlwangen beratschlagt und für eine Probebank ausgesucht. Die neuen Bänke sollen mobil, bequem und behindertengerecht sein und vielleicht näher an den Altarstufen beginnen, als der jetzige Mittelblock. Es sollen möglichst keine Sitzplätze verloren gehen, das alte Taufbecken soll gut nutzbar sein.

 

Auf unsere Anfrage, ob wir den bestehenden Mittelblock wieder verwenden könnten und ein Umbau möglich wäre, meinten die Schreiner einstimmig, dass diese Arbeiten sogar mehr kosten würden, als die Neuanschaffung eines massiven Eichengestühls. Der Mittelblock ist großteils aus Weichholz gefertigt und die daraus gewonnenen Bänke wären in ca. 20 Jahren bereits wieder renovierungsbedürftig.

 

Hilfe fürs Sägen brauchen wir wahrscheinlich nicht. Aber die Klärung des Kirchenraumes mit der Schaffung eines Mittelganges und neuer Bänke ist mit großem finanziellem Aufwand verbunden. Sägen könnte helfen, aber „rascheln“ hilft noch mehr…

 

Ihr Pfarrer R. Gührer

 

Kontoverbindung:

Kath. Kirchenstiftung Oberelchingen

Konto:12 48 006

BLZ: 630 614 86

VR Bank Langenau

Verwendungszweck: Kirchengestühl 2011

 

(1)   Titel eines Ende 2010 erschienen Buches

(2)   Lk 22,19

(3)   Der Altar ist ein Symbol für Christus. Er selbst ist Altar, Opfer und Priester. Wenigstens die Altarplatte sollte aus (Natur-)Stein bestehen und der gesamte Altar „aus passendem, würdigem und haltbarem Material“ gefertigt sein; er soll „feststehend, geweiht und umschreitbar“ sein. (Allgemeine Einführung ins römische Messbuch AEM 262 und 263)

(4)   Der heutige Zelebrationsaltar ist trotz des Mittelblocks kaum näher an der Gemeinde als der Kreuzaltar an dem alten Gestühl. Ohne das Angebot der Bänke im Bereich des Mittelblocks hätte die Liturgiereform in Oberelchingen trotz Änderung der Zelebrationsrichtung eine weitere Distanzierung von Gemeinde und Zelebrant zur Folge gehabt.

(5)   Der Kerkeraltar ist nicht mehr rekonstruierbar. Von ihm existieren auch keine Fotographien. Der bekleidete, fast lebensgroße Kerkerheiland steht in traurigem Zustand auf dem Dachboden, zwei kleine geschnitzte Kerkerszenen befinden sich im Archiv in besserem Zustand. Eventuell gehörte das „Elchinger Jesuskind“, eine ebenfalls kostbar bekleidete und bewegliche Statue mit ihrem Schrein, ebenfalls zu diesem Altar.

|