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Archive für 5.10.2010

Marguerite Porete: Aufbruch als Ausbruch


Aufbruch als Ausbruch

Marguerite Poretes mystisches Werk „Mirouer“ als Zeugnis einer Reaktion intellektueller Frauen auf den Bildungsausschluss im 13. Jahrhundert


Gliederung

1.  Einleitung und These

 

2. Marguerite, ihre Zeit, ihre Person und ihr Werk „Mirouer“               

 

2.1.Die Zeit des religiösen Aufbruchs                                       

 

2.2.Rekonstruktion der Biographie Marguerites                                  

 

2.3.Der Spiegel der einfachen Seelen                 

3.      Aufbruch als Ausbruch

3.1.Marguerite als intellektuelle Theologin     

3.1.1.      Kenntnis von anderen Theologen               

3.1.2.      Wertschätzung für die Erkenntniskraft

3.2. Aversion gegen Gelehrsamkeit und Wissenschaft

3.3. Verbindung zu und Einfluss auf Meister Eckhart

4.      Zusammenfassung und Ausblick

 

1.       Einleitung und These

2010, zum 700. Todesjahr Marguerite Poretes, erschienen zahlreiche Artikel über ihr Leben und Werk. Der „Spiegel der einfachen Seelen“ in der Übersetzung von Louise Gnädinger, der lange vergriffen war, erfuhr einen Nachdruck und gut 10 Jahre nach der richtungsweisenden Dissertation Irene Leichts über die spätmittelalterliche Mystikerin und ihr Werk, widmete sich Barbara Hahn-Jooß dem Spiegel in einer vertiefenden theologischen Dissertation.

Allen Autorinnen und Autoren, weit über den deutschsprachigen Horizont hinaus, ist gemeinsam die Anerkennung Marguerites als eigenständige und selbstbewusste Denkerin und Theologin, die ihre Lehre konsequent bis in den Tod vertritt. Ihre starke Haltung gegenüber den Hierarchien ihrer Zeit, vor allem dem Bündnis von Kirche und Staat, wie es sich im Inquisitionsprozess darstellt, lässt sie als eine herausragende Frauengestalt im Gegenüber der von Männern diktierten Ordnung erscheinen. In der Regel wird sie als standhafte Frau interpretiert, die sich von den Männern ihrer Zeit nicht zum Schweigen bringen ließ. Ihr Leben und Sterben wird darum oft schablonenhaft dargestellt und durch den heute oft verklärenden oder verzerrenden Blick auf das Mittelalter verstellt. Umso interessanter ist eine Analyse ihres Werkes, das uns als einzig sichere und authentische Quelle ihren Motiven näher bringt.     

Ihre mystische Lehre, welche die Seele wieder zurückführt zu ihrem Ursprung in Gott und dabei alle Äußerlichkeiten, Strukturen und Bindungen hinter sich lässt und für nichtig erklärt, ist in einer sorgfältigen lateinischen Edition von Paul Verdeyen von 1986 im Corpus Christianorum enthalten[1] und in viele neue Sprachen übersetzt und erläutert worden. Die Grundlagen für eine konsequente Erforschung des Mirouer sind somit gegeben.

Immer noch unzureichend beantwortet ist die Frage nach Grund und Ursache für die mystische Lehre, die Marguerite auch mit den anderen Mystikerinnen ihrer Zeit verbindet. Im 13. Jahrhundert erfuhr die Mystik eine schlagartige Verbreitung in allen Gebieten des damaligen Deutschen Reiches, besonders aber entlang des unteren Rheins. Was allgemein als religiöser Aufbruch angesehen wird, kann aber durchaus als ein Ausbruch aus den Zwängen einer Gesellschaft gesehen werden, die sich gerade erst zu Lebzeiten Marguerites, also im Übergang vom Hoch- ins Spätmittelalter, ausformte.

Obwohl Simone de Beauvoir bereits 1949 in ihrem Buch „Le Deuxième Sexe“ die Mystikerin allgemein und damit die weibliche Mystik überhaupt als Ausbruchversuch der Frau aus den ihr von außen auferlegten Zwängen benannt hat,[2] wurde diese These weder von Beauvoir noch von Leicht, die ihre Dissertation selbst als ein Werk der feministischen Theologie beschreibt, aufgegriffen oder weitergeführt. Dass die Verurteilung und Hinrichtung Marguerites und ihres Werkes unschwer im Kontext der Unterdrückung der Frau zu lesen ist, wird in den meisten Veröffentlichungen sehr deutlich. Was aber veranlasste die Begine aus Valenciennes dazu ein Buch zu schreiben, das für die damalige Ordnung scheinbar so gefährlich war, bzw. was in ihrem Werk war dermaßen anstößig, dass sie dafür in den Tod ging?

Für ein besseres Verständnis der Frage, ob der religiöse Aufbruch seit der Wende vom Hoch- zum Spätmittelalter ein Ausbruch, insbesondere der Frauen war, werden zunächst in gebotener Kürze die Umstände genannt, die zur Aufbruchsbewegung führten und ebenso die z.T. bis heute nachwirkenden Frömmigkeitsformen, die daraus entstanden sind.

Im Blick auf Marguerite und den „Mirouer“ ist also zu fragen, ob die spätmittelalterliche Mystik[3] eine ursprünglich typische weibliche Frömmigkeitsform war, und ob die Autorin unter den durchaus vielen anderen eine besondere Rolle einnimmt.

Weiter ist zu fragen, was als Ursache für das Aufkommen dieser weiblichen Mystik im Spätmittelalter ausschlaggebend war, bzw. was für Anhaltspunkte diesbezüglich in den mystischen Schriften der Frauen, insbesondere im „Mirouer“, zu finden sind.

Eine weitere Frage ist, wo die Berührungspunkte einer typisch weiblichen Frömmigkeitslehre mit den männlichen Theologen der damaligen Zeit liegen, bzw. ob sich Indizien finden lassen, welche die Mystik als eine ursprünglich weibliche Bewegung in eine allgemeine, also auch für Männer interessante Frömmigkeitsform transformiert haben und ob diese an einzelnen Personen festzumachen sind.

So könnte ein neues Bild der spätmittelalterlichen Frömmigkeitsbewegung entstehen, das die Mystik als ursprünglich und typisch weibliches Phänomen beschreibt, in dem die Frauen mehr oder weniger unbewusst auf den Bildungsausschluss ihrer Zeit reagierten. Nur mit wenig zeitlicher Verzögerung  wurde diese spirituelle Lehre durch Schlüsselfiguren und leichte Akzentverschiebung auch für Männer als individuelle Frömmigkeitsform attraktiv. Der Ursprung im weiblichen Protest wurde damit schnell nivelliert…

….

DEMNÄCHST ALS PRINT VERÖFFENTLICHT.

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