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August 2010
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Archive für 23.8.2010

Schlingensief

Künstler können, was andere nicht vermögen: das Innere, das Innerste kommunizieren, es malen, meißeln, formen, in Töne und Klänge verwandeln, in Szene setzen, in bewegten Bilden aufleben lassen, es in Worte kleiden, schreiben, sagen, singen, schreien, fluchen… Darum ist ihre Existenz für jede Zivilisation und jede Kultur existenziell. Die Künstler sind im Besitz der Sprachen, deren Besitz sie zu dem macht, was sie sind. Sie leben intensiver, nehmen sensibel die Wirklichkeit wahr, manchmal seismographisch und für sich selbst nicht immer gesund. Manche schmiedet das Leben auch so lange, bis es keinen Ausweg mehr gab: Schreien oder Eingehen - Kunst oder Tod.

In dem, wie Künstler die Existenz in ihren Tiefen und Höhen beschreiben, schaffen sie diese auch. Sie heben die bloßen Abläufe, das scheinbar Alltägliche, das sonst schnell Vergessene, das Ungesagte, den stummen Schrei durch ihren Fingerzeig in ein anderes Sein – sie verleihen Ungesagtem etwas Ewigkeit. Damit sind sie Schöpfer einer Welt, in der wir uns beheimatet fühlen – die für uns etwas wie Heimat ist -, weil sie uns und unserer Anwesenheit auf der Erde vertraut sind. Ganz so wie Ernst Bloch meinte, die eigentliche Heimat ist etwas, was wir füreinander schaffen müssen, sonst gibt es sie nicht. „Ich bin. Aber ich habe mich nicht. Darum werden wir erst.“ Christoph Schlingensief war so einer: unruhig und unzufrieden mit sich und der Welt. Zornig, ungeschminkt und direkt, wenn er vor aller Welt mit seinem eigenen Tod rang, wenn er den Besuchern seiner Produktionen die Wahrscheinlichkeit eines Krebstodes wütend von der Bühne ins Gesicht brüllte. Eine andere Einsicht Blochs wurde einem da bewusst: wir leben, angetrieben von einem inneren Kraftwerk, das sich aus der Utopie nährt. Und wir können übermenschliches durch diesem Antrieb leisten. Dann ist da aber eine Macht, die jeder Utopie trotzt: der Tod. Alle weltimmanenten Paradiese sind begrenzt durch dieses Monster, das sich nicht eliminieren lässt – von keiner Kunst der Welt.

„Ich habe keinen Bock auf Himmel, ich habe keinen Bock auf Harfe spielen und singen und irgendwo auf einer Wolke herumgammeln“.(Schlingensief) Das Bild vom passiven Jenseits war so gar nicht seines, nicht für den impulsiven Weltenbastler, nicht für diesen Schöpfer.

Jedem, der ihn von der Bühne herab drohen gehört hat, wird ein Unbehagen am Samstag gekommen sein, als die Todesnachricht kam. Denn wir hörten und sahen, dass da einer stirbt, aber „fühlen konnte man es nicht“.(SZ) Sein toben auf der Bühne hat jetzt etwas Prophetisches. Gerade weil es Erlösung für ihn nur aus sich selbst heraus gab, aus dem eigenen Schaffen und Wirken, darum hat sein Tod nun auch etwas Aufwühlendes für Menschen, die ihn gar nicht persönlich kannten. Sein Tod ist ein Teil seines Kampfes geworden. Vorweggenommen und Ausgesprochen schon lange vor seinem Eintreffen. Sein Durst nach Leben, sein Sträuben gegen das Erlöschen ist für uns greifbar, sichtbar und hörbar geworden: nicht, weil er das Leiden und den Tod zu seiner Kunst gemacht hat – das gar nicht! – sondern weil hier ein Künstler mit dem Tod rang, der diesem Ringen eine Stimme gab. Nämlich seine.

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