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Archive für 18.8.2009

versuche einer theorie

Versuche über die Berufung des Künstler

SIAC 19. Juli 2009 Glenstal Abbey

 1. Vorrede: Albert Schweizer kam zur Erkenntnis, dass Leben nur auf Kosten anderen Lebens möglich ist. Mit jedem Schritt auf der Erde, mit jedem Atemzug vernichten wir anderes Leben, schränken wir anderes Leben ein. Dabei hat alles Leben ein Recht auf Leben. Welches mehr als Anderes? So kam er zu dem Schluss: «Ehrfurcht vor dem Leben bedeutet: Ich bin Leben, das leben will, inmitten von Leben, das leben will.»

Schweizer öffnet die Augen, dass es keinen Ausweg gibt und keine einfache Lösung: Leben ist ohne Schuld nicht möglich. Im Auftrag und in der Berufung zum Leben ist impliziert, dass der Mensch sündigt, sündigen muss. Die Erbsünden-Theologie versucht dies zu umreißen.

2. Vorrede: Im Deutschen heißt „Education“ Bildung. Dieses Wort wird von Bild abgeleitet. Inpicturation müsste man es wohl übersetzten. Wir denken in Bildern und Bilder machen unser Bild von Welt. Menschen die Bilder machen haben also eine hohe Verantwortung, denn Bild macht Welt. 

 

***

Meine Kollegen hört man gelegentlich sagen, ich habe noch nicht herausbekommen, ob ich mehr Künstler oder Priester sein will. Sie irren sich aber sehr in ihrer Einschätzung. Denn beides ist im Endeffekt ein und dieselbe Berufung. Beide, Priester und Künstler öffnen Türen zu einer anderen Welt, verbinden Welten und suchen eine Sprache, die den Menschen hilft zu kommunizieren – in Dialog zu treten mit sich selbst (Reflektion), dem Universum (allem Geschaffenem), mit Gott (dem Ursprung und Ziel). Beide vermitteln das im Profanen Unsagbare.

*** 

„Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und das Wort war Gott. Er war am Anfang bei Gott. All Dinge sind durch ihn geworden…”

Der Prolog des Johannesevangeliums erzählt viel über das Wesen Gottes. Das Wort ist nichts konkretes, Worte sind – aus der Sicht eines Menschen der Bilder macht – die abstraktesten Dinge überhaupt. Eigentlich sind Worte nur bestimmte Geräusche, nur Laute. Aneinander gereihte Buchstaben. Das gesprochene Wort ist bereits in dem Moment in dem es ausgesprochen wurde Vergangenheit – nur die Seele des Wortes ist dann noch eine Weile präsent. Natürlich können wir heute aufnehmen und mit Hilfe technischer Geräte wiedergeben, aber das ist nicht das selbe, nicht das gesprochene Wort, sondern nur die Erinnerung daran.

Von allen verschiedenen Worten ist das gesungene Wort das höchste. Das geht so weit, dass einige sagen, der Heilige Geist selbst sei Gesang/Melodie/Klang.

„Am Anfang war das Wort. Und das Wort war bei Gott. Und das Wort war Gott:“

Es steht die Frage im Raum, was dieses Wort aussagt(e)? Was war die Bedeutung dieses Wortes?

Durch dieses Wort ist alles geworden, heißt es weiter im Prolog. Das kürzeste Wort in unserer Sprache ist das „Ja“. Alles muss mit einem Ja begonnen haben: dem positiven Willen zum zur gesamten Schöpfung, zu allem sichtbaren und unsichtbaren, zu allen Geschöpfen und zur ganzen Geschichte und schließlich dem Ja zu jedem menschlichen Wesen bis hin zu mir selbst.

Am Anfang war also das große Ja.

Aber dennoch ist das Wort selbst abstrakt. Aber es hat eine Aussage, eine Wirkung! Das Wort bleibt in sich ein Geheimnis, aber seine Wirkung sehen wir überall.

„Dann sagte Gott: laßt uns Menschen machen nach unserem Abbild, uns gleich.“

In der Schöpfung ist Gott der große Künstler, der Kreator von dem alle Kreativität ausgeht. Er hat den Menschen nach seinem eigenen Bild geschaffen und ihm seine Kreation anvertraut – zum weiter schaffen „macht euch die Erde Untertan.“ – „Wachset und Vermehret euch“. In der Gott-Ebenbildlichkeit und diesem Auftrag sehe ich unsere Berufung zur Kreativität. Freilich ist die Zeugung und die Weitergabe des Lebens der höchste Akt der Kreativität, allerdings ist die Gestaltung und die Ordnung der Welt als kreativer Akt nicht minder wichtig und nicht weniger gemeint.

Ernst Bloch sagt, dass die eigentliche Ursünde des Menschen sei,  den Auftrag zur Gestaltung der Welt zu verweigern. Ich muss hier allerdings anfügen, dass die betenden Nonnen und Mönche sehr aktiv sind, „das Angesicht der Erde zu erneuern.“ Schaffen und schöpfen sind nicht zwangsläufig Muskelarbeit.

Nicht das, aber anderes hat Bloch aber vergessen. Das Fehlende lehrt uns Meister Eckhart: „Ohne Gott bin ich nichts, mit ihm bin (und kann) ich alles.“  Und Paul van Dyk im Lied „Nothing but you“: „Ich habe nichts. Mit dir habe ich alles.“ Ich bin nichts. Mit dir bin ich alles, mit allem eins.

Wir haben einen heiligen Auftrag, eine Mission zum kreativ sein – aber wir brauchen die Demut zu wissen, dass wir wie der Pinsel, der Stift oder Hammer und Meißel in unserer Hand, auch wir nur ein Werkzeug in der Hand Gottes sind. Wir sind lebende Instrumente. Aber da ist ein großer Unterschied: Pinsel, Stift und Hammer sind willenlos in unserer Hand, Gott akzeptiert unser Ja oder Nein absolut. Er zwingt uns nicht, will uns aber brauchen.

„Du sollst dir kein Bildnis machen von nichts im Himmel oben oder auf der Erde unten, oder im Wasser dazwischen.“ Es geht um Götzenbilder, um Fixierungen auf Bilder. Es ist uns verboten die Freiheit Gottes und seiner Geschöpfe zu beschneiden und uns eine fixe Idee von alledem zu machen. Selbst ich selbst bin mehr als das Bild und der Eindruck, den ich von mir habe.

Darum sollten wird das Bilderverbot (das Verbot Idole zu schaffen) sehr ernst nehmen – vor allem als Künstler – noch mehr als christliche Künstler. Natürlich nicht im fundamentalistischen Sinn; nicht im Sinn der Katholibans. Die Bibel will von uns ernst, nicht wörtlich genommen werden. Das Bild/Abbild darf niemals höher gesehen werden, als das abstrakte Wesen, dass das Ding erst ausmacht. Wir müssen darauf achten, dass wir nicht in Liebe zu unserer Hände Werk verfallen. Wir täuschen uns in allem; da ist immer eine je größere Unähnlichkeit als die Ähnlichkeit, die Erkenntnis, die wir zu haben glauben.

Das Bilderverbot, bzw. das Verbot der Idolatrie sagt: glaube niemals – das ist es! Sei immer skeptisch gegenüber den eigenen Möglichkeiten und dem eigenen Wissen. Die Wahrheit ist immer größer.

Für mich möchte ich sagen, ich sündige immer wenn ich ein Bild schaffe, denn das Werk ist immer nur ein Bruchteil dessen, was mich als Idee zum schaffen antrieb. Das ist recht platonisch: Die Welt der Ideen werde ich niemals erreichen – womöglich nicht mal berühren. Aber es ist meine Sehnsucht, mein Schicksal so nah wie möglich daran heranzukommen in meinem Schaffen und Wirken.

Weil ich immer unter meinen eigenen Ideen zurückbleibe, darum bezeichne ich meine Kunst als Sünde. Ja, so oft ich kreativ bin, bin ich ein Sünder. Aber im selben Augenblick bin ich zur Kreativität berufen! Ich muss.

Jeder der einen Stift in die Hand nimmt und eine Linie zeichnet, teilt damit die Welt, zieht eine Grenze, greift ein, ändert. Es ist immer ein Akt der Gewalt (siehe A. Schweizer) - aber es ist unser Auftrag.

Es spiegelt sich darin das Geheimnis des Menschen schlechthin: Wir sind Wesen zwischen Tier und Gott. Wir stehen auf der Erde, aber wir strecken uns nach dem Himmel, haben den Kopf in den Wolken.

Der entscheidende Punkt ist die Qualität! Wir haben darauf zu achten, dass unsere Arbeit die Sünde wert ist, die wir begehen. Nebenbei gesagt: wirkliche Qualität ist niemals Sünde, ist niemals häretisch, ist immer Klassik.

„Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt. Und Wir haben seine Herrlichkeit gesehen“

Das ist noch einmal aus dem Prolog des Johannes genommen. Wir sahen! In Jesus Christus ist der abstrakte Gott sehr konkret geworden. Er wurde ein konkreter, erfahrbarer und sichtbarer Mensch. Einer von uns. Seine Göttlichkeit wurde dadurch aber um so mehr verborgen. Ein Bild täuscht uns eben um so leichter.

Felix culpa.

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