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Archive für 11.7.2009

Ursberger Josefsbote II/09

Wer nur den lieben Gott läßt walten…

Im Kirchturm meiner Heimatgemeinde befindet sich noch das alte Uhrwerk, das früher die Turmuhr und den Glockenschlag angetrieben hat. Zu meiner Ministrantenzeit ging sie noch, auch wenn sie keine Funktion mehr hatte, da eine neue, funkgesteuerte Uhr ihre Aufgaben übernommen hat. Es war jedesmal ein Ereignis, wenn die fast Zimmergroße, mechanische Uhr für wenige Momente in Gang gebracht wurde. Dann schwang der riesige Pendel durch das gesamte darunterliegende Stockwerk, die Gewichte hingen schwer an den Ketten und ein undurchschaubares Räderwerk kam in Gang. Da gab es ganz kleine Zahnräder und ganz große, eines Trieb das andere an, manchmal wurde etwas ausgelöst, was früher einmal die Zeiger weiterbewegte oder dem Glockenhammer das Schlagen befahl.

Diese alte Kirchturmuhr wurde mir zum Lebensgleichnis: so undurchschaubar für mich das Rädergewirr war, in dem es sich immerzu bewegte, klackte und tickte -, so wenig nachvollziehbar, wozu dieses oder jenes einzelne Teil im Uhrwerk war, so undurchschaubar und so wenig nachvollziehbar schien und scheint mir zuweilen mein Leben und meine Aufgabe in der Welt.
Das Ergebnis der Räderwerksarbeit war sichtbar - wie es dazu kommt blieb mir verschlossen. Im Rückblick auf das bisherige Leben macht manches Sinn, was zur konkreten Zeit größte Ratlosigkeit ausgelöst hat.

Wie sinnlos erscheint oft der Alltag, die immer gleiche Mühe (Rasenmähen, Fensterputzen, Unkrautjäten,…) der Trott der Arbeit, das Lernen und Studieren. Wie schwer fällt es gerade Dinge zu tun, deren Ertrag wir nicht sofort wahrnehmen, oder auf den wir scheinbar vergeblich warten. Wie ein Rädchen im Uhrwerk. Immer rund herum, angetrieben von langsamen Großen oder emsigen Kleinen. Das Rädchen kann den Zusammenhang gar nicht verstehen, wie soll es auch – warum auch?

Das Rädchen hat seine Aufgabe. Eine Aufgabe, die ihm vom Meister aufgegeben ist. Ohne dieses Rädchen würde die Uhr ins Leere laufen, sie würde nicht funktionieren. Das große Ganze würde massiv gestört sein.

So mache ich mir immer wieder gegenwärtig, dass ich ein kleines Rad bin, das sich in einem Zusammenhang dreht den ich niemals verstehen werde. Ich vertraue aber dem Meister dieses Werkes und versuche treu meinen Dienst zu tun, dort wo er mich hinstellt. Manchmal ist es schwer das anzunehmen, aber wenn ich daran glaube, dass es keinen Zufall gibt, dann geht es besser.
„Wie schwierig sind für mich, o Gott, deine Gedanken,
wie gewaltig ist ihre Zahl!
Wollte ich sie zählen, es wären mehr als der Sand.
Käme ich bis zum Ende,
wäre ich noch immer bei dir.“ (Ps 139,17f)

Wenn ich mir bewußt mache wie begrenzt ich und meine Möglichkeiten sind, bleibt mir das mich-Ergeben im Vertrauen auf Gottes unergründliche Weisheit. In diesem Augenblick fällt aber auch viel Last von mir ab. Denn niemand außer ich selbst verlangt von mir, das Leben und die Weisheit Gottes zu verstehen. Rainer Maria Rilke vertieft diesen Gedanken und weist einen Weg ins Glück, wenn er schreibt:
Du musst das Leben nicht verstehen,
dann wird es werden wie ein Fest.
Und lass dir jeden Tag geschehen
so wie ein Kind im Weitergehen von jedem Wehen
sich viele Blüten schenken lässt.

Sie aufzusammeln und zu sparen,
das kommt dem Kind nicht in den Sinn.
Es löst sie leise aus den Haaren,
drin sie so gern gefangen waren,
und hält den lieben jungen Jahren
nach neuen seine Hände hin.

In dieser Haltung schrieb Georg Neumark in den letzten Jahren des 30jährigen Krieges das Lied Wer nur den lieben Gott läßt walten. Er war unterwegs um in Königsberg das Studium aufzunehmen, doch wurde er und seine Reisegesellschaft unterwegs überfallen und ausgeraubt. Er stand vor dem Nichts. Nach langem Suchen in mehreren Städten, fand er endlich eine kleine und bescheidene Anstellung als Hauslehrer in Kiel. Noch am ersten Abend schrieb er dieses Lied.

1. Wer nur den lieben Gott läßt walten
und hoffet auf ihn allezeit,
den wird er wunderbar erhalten
in aller Not und Traurigkeit.
Wer Gott dem Allerhöchsten traut,
der hat auf keinen Sand gebaut.

2. Was helfen uns die schweren Sorgen,
was hilft uns unser Weh und Ach?
Was hilft es, daß wir alle Morgen
beseufzen unser Ungemach?
Wir machen unser Kreuz und Leid
nur größer durch die Traurigkeit.

(5.) Denk nicht in deiner Drangsalshitze
Daß du von Gott verlassen seist
Und daß Gott der im Schoße sitze
Der sich mit stetem Glücke speist.
Die Folgezeit verändert viel
Und setzet Jeglichem sein Ziel.

3. (7.) Sing, bet und geh auf Gottes Wegen,
verricht das Deine nur getreu
und trau des Himmels reichem Segen,
so wird er bei dir werden neu.
Denn welcher seine Zuversicht
auf Gott setzt, den verläßt er nicht.

Das Original hat sieben Strophen, die in modifizierter Weise noch im Evangelischen Gesangbuch vorkommen (EG, Nr. 369), das Gotteslob (Nr. 295) kürzt das Lied auf drei Strophen zusammen

Für ihn beinhaltete es sein ganzes Schicksal und schließlich den Trost, der ihm an jenem Tag widerfahren ist. Das Lied ist so komponiert, dass Text und Melodie sich gegenseitig interpretieren. Die Pausen sind so gesetzt, dass Fragen aufkommen. Die Pausen nach jeder Zeile erzwingen einen Moment des Unbeantworteten. Was ist mit dem, der nur den lieben Gott läßt walten? Was ist mit dem, der auf ihn allezeit seine Hoffnung setzt? Die Melodie beginnt in Moll und endet dann in Dur. Die Setzung in Dur bekräftigt die jeweilige Aussage: Wer Gott dem Allerhöchsten traut, der hat auf keinen Sand gebaut!

Das Lied beinhaltet mein Gefühl vom Uhrwerk. Aber es weitet gleichzeitig das starre und mechanische Bild in dem ich als Rädchen eingezwängt und vielleicht unfrei bin. Wer nur den lieben Gott läßt wallten weitet den Blick in ein dynamisches Vertrauen, das sich nicht still in und um sich selbst dreht. Das Lied kann auch nach fast vierhundert Jahren noch Trost, Zuversicht und Gottvertrauen spenden. „Denn welcher seine Zuversicht auf Gott setzt, den verläßt er nicht.“

©Ralf Gührer

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