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März 2009
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Archive für 21.3.2009

Hymnus

in der nacht

hymnus

hinter der nächsten wand / schuftet jetzt einer, / und ich schlafe.

hinter dem nächsten land / schießt jetzt einer, / und ich schlafe.

hinter dem nächsten meer / hungert jetzt einer, / und ich träume.

hinter dem nächsten berg / rebelliert jetzt einer, mit grund, / und ich bete.

herr, man erzählt, du hängtest lampen / an den himmel der nacht. / doch der himmel der nacht / ist ein löchriges all, / drin dreht die liebe erde. / vieles haben wir dir / noch angedichtet. / doch du bliebst der herr.

hinder der wand / steht ein nächster / und schläft nicht.

hinter dem nächsten land / tut ein nächster, was not tut, / und schläft nicht.

hinter dem nächsten meer / liebt vielleicht einer / und träumt nicht.

im garten am berg / fürchtet sich einer wie wir / und betet.

bete für uns, / sonst tut es niemand. amen

aus: neues stundenbuch. ausgewählte studientexte für ein künftiges brevier. band 2: geistliche lesungen. freiburg 1971

Halleluja in Moll

Beim Propheten Jeremia begegnet in der jüdisch-christlichen Geistesgeschichte schon eine Persönlichkeit, die fundamental mit ihrer Existenz hadert. Kohelet, der Prediger, erlebt das Leben trotz vieler Annehmlichkeiten, die er sich erlauben kann, als belastend und er nimmt das Ergebnis all seines Denkens und Forschens gleich vorweg: alles ist nur Windhauch.

Während Jeremia bemerkt, dass er nicht anders kann und seinem Lebensschicksal nicht auskommt, versucht Kohelet das nichtige Leben mit dem Jetzt zu (er-)füllen.

Beide vermitteln ein Gottesbild, das schwer zu fassen ist, da ER beide weder durch seinen Auftrag, noch durch Erkenntnis (Gottes), noch durch seine Gegenwart mit Glück oder Zufriedenheit bedenkt. “Deine Hand lastet schwer auf mir”. Ihre Existenz ist belastet durch Gott. Sie erleben durch seinen Auftrag, bzw. Berufung keine Erlösung.

Ganz in dieser biblischen Tradition steht Soeren Kierkegaard, der dänische Philosoph. Vor allem der letzte Eintrag in sein Tagebuch (25. September 1855), wenige Tage vor seinem Zusammenbruch und Tod geschrieben, bringt die Extreme von existenziellem Leid und der Liebe Gottes, die absoluten Frieden und Glück schenkt, zusammen. Auch dieser Gott (der hier beschriebene Gott, die hier beschrieben Seite Gottes…) bleibt für die meisten Menschen ein fremder, ein unaktzeptabler Gott, der nicht in das Bild des “lieben Gottes” hineinpasst. Aber welcher Mensch erlebt sein Leben schon als ”glatt und rund”? Wie viele Gründe und wieviele Geschehnisse im Leben gibt es, den allmächtigen, barmherzigen, allwissenden, liebenden und mitfühlenden Gott in den Kirchen und Kapellen zurückzulassen? Sehr viele, manchmal und manchem zu viele.

Er ist der Immer-Andere. Anders ist auch der Gott Kierkegaards…

“Das Ziel des Lebens aus christlicher Sicht

Unser Ziel in diesem Leben ist es, bis zum höchsten Punkt des Lebensüberdrusses gebracht zu werden.

Der, der zu diesem Punkt getrieben wurde, stellt fest, das Gott ihn dorthin gebracht hat - aus Liebe -, und er hat die Prüfung des Lebens damit bestanden und ist reif für die Ewigkeit.

(…) Nur diejenigen, die zu diesem äussersten Punkt des Lebensüberdrusses gelangt sind und - mit der Hilfe der Gnade - dennoch davon überzeugt sind, dass Gott das aus Liebe tut - und die darüber keinen Funken Zweifel in ihrer Seele haben, nicht einmal im entferntesten Winkel ihrer Seele daran Zweifeln, dass Gott Liebe ist! - nur die sind reif für die Ewigkeit.

Und Gott empfängt sie in der Ewigkeit. Was will Gott denn? Er möchte Seelen die preisen können, anbeten und verehren, und ihm danken - das ist der Dienst der Engel. Darum ist Gott umgeben von Engeln (…). Die Engel gefallen ihm. Was ihm aber noch mehr gefällt als der Lobpreis der Engel ist ein menschliches Wesen, das im Leben bis ans äusserste gelangt ist, dem Gott schier reine Grausamkeit geworden ist und dem er die grausamste Last auferlegt hat um ihn jeder Lebensfreude zu berauben und dieser Mensch bleibt trotzdem dabei, dass Gott die Liebe ist und das er das alles aus Liebe tut. So ein Mensch wird ein Engel. Und im Himmel kann dieser Gott sehr wohl loben; aber die schlimmste Zeit ist immer die Zeit des Lernens, die Zeit der Schule.

Wie jemand, der die Idee hat die ganze Welt zu bereisen nur um einen Sänger mit der vollendeten Stimme zu hören, so sitzt Gott im Himmel und horcht. Und immer, wenn er jemanden hört, den er zum äussersten Lebensüberdruss gebracht hat und der ihn (trotzdem) lobt, sagt Gott bei sich: hier ist die Stimme! (Hier ist der perfekte Ton!) Hier ist es, sagt er, als ob er eine Endeckung macht; aber er wusste es schon, denn er selbst war immer mit diesem Menschen und half ihm so gut Gott es eben kann, bei dem, was einzig die Freiheit vermag. Nur die Freiheit vermag so etwas. Aber die Überraschung fähig zu sein dieses Lob aus sich selbst heraus auszusprechen - ganz so als ob Gott selbst es wäre, der es ausspricht - und in seiner Freude darüber zu diesem Lob fähig zu sein, ist er so glücklich, dass er nichts hört; nicht hört, dass er es selber war, der dieses Lob aussprach, und alles dankbar Gott aufopfert und Gott lobt damit es weiter Gott ist, der es tut, weil er es sich selbst nicht zutraut, aber ganz auf Gott vertraut.”

Soeren Kierkegaard ist hier kein Masochist, Gott ist auch kein Sadist. Das Leid, das Leiden ist Notwendig um zur Vollkommenheit zu gelangen. Gott gefällt das Leid nicht! Und der Mensch der hier gemeint ist, erlebt die Grausamkeit wirklich, es ist weder ein pastellfarbenes Gefühl der Romantik, noch ein durch die Pharmazie dosiertes und gedrosseltes Leid. Es ist die nackte Wahrheit menschlichen Seins, so wie viele es erleben. Die Frage ist lediglich, ob es nicht irgend einen anderen Weg gäbe?

Wie klingt jetzt aber diese Stimme, dieser Ton, dieses Lob eines Menschen, dem Gott (und das Leben) “zur reinen Grausamkeit” geworden ist?

Wenn ich Kompositionen von Sir John Taverner höre, kommt mir oft Kierkegaards Tagebucheintrag in den Sinn. Fragments of a Prayer oder Song for Athene sind zwei Stücke, die beide das Halleluja (bzw. Alliluia) beinhalten. Halleluja ist der Lobgesang an Gott. Aber bei Taverner kommt das Hallel aus einem gequälten und verzweifeltem, einem ringenden und flehenden Herzen. Aber es ist ein Halleluja!

Gott kann man loben auch aus dem eigenen Elend heraus. Man muss sich nicht verstellen, man muss nicht Dur anstimmen. Aus meiner ganzen menschlich-irdenen Realität empor kann ich mich vor ihm verneigen - und weiss nicht wie der Friede geschieht, der dabei mich umfängt.

            

 

THIS LIFE’S DESTINY IN CHRISTIAN EYES

Our destiny in this life is to be brought to the highest pitch of world-weariness.

He who when brought to that point can insist that it is God who has brought him there, out of love, has passed life’s examination and is ripe for eternity.

It was through a crime that I came into the world, I came against God’s will. The offence, which even though it makes me a criminal in God’s eyes is in a sense not mine, is to give life. The punishment fits the crime: to be bereft of all lust for life, to be led to the extremity of world-weariness. Man would try his bungling hand at God’s handiwork, if not create man, at least give life. ‘You’ll pay for this all right, for only by my grace is the destiny of this life world-weariness, only to you who are saved do I show this favour of leading you to the highest pitch of world-weariness.’ Most people these days are so spiritless, so deserted by grace, that the punishment simply isn’t used on them. Lost in this life they cling to this life, out of nothing they become nothing, their life is a waste.

Those who have a little more spirit, and are not overlooked by grace, are led to the point where life reaches the highest pitch of world-weariness. But they cannot come to terms with it, they rebel against God, etc.

Only those who, when brought to this point of world-weariness could continue to insist with the help of grace that it is out of love that God does this, so they do not hide any doubt in their soul, not in the deepest cranny of their soul, that God is love—only they are ripe for eternity.

And God receives them in eternity. What then does God want? He wants souls who could praise, adore, worship, and thank him—the business of angels. That is why God is surrounded by angels, for the kind of beings of which there are legions in ‘Christendom’, who for ten rigsdaler could bawl and trumpet to God’s praise and glory, these do not find favour with him. No, the angels please him, and what pleases him even more than the praises of the angels is a human being who, on life’s final lap, when God is transformed as if into sheer cruelty, and does everything with the most cruelly contrived callousness to deprive him of all lust for life, nevertheless continues to believe that God is love, and that it is from love that God does this. A man like that then becomes an angel. And in heaven, there he can very well praise God; but the hardest time is always the time of learning, of schooling. Like someone who got the idea of travelling all over the world to hear a singer with perfect voice, God sits in heaven listening. And every time he hears someone praise him, someone he brings to the extremity of world-weariness, God says to himself: Here is the voice. Here it is, he says, as if he were making a discovery; but he was prepared all the same, for he was himself present with that man and helped him as much as God can in what only freedom can do. Only freedom can do it. But the surprise at being able to express oneself by thanking God as if it were God who did it, and in his joy at being able to do this he is so happy that he will hear nothing, nothing, about he himself having done it but refers everything gratefully to God, and prays God that it will continue to be God who does it, for he does not trust himself but trusts God (XI 2 A 439).

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