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Interview mit dem Kulturminister des Vatikan. Aus: Rheinischer Merkur 47/2008

RM: Momentan ist die Kirche ja nicht gerade für ihre Nähe zur Kunst berühmt.
Ravasi: Das gilt nicht überall: In Deutschland etwa interessiert sich die Kirche vergleichsweise stark für die Kunst, zum Beispiel Bischöfe wie Gerhard Ludwig Müller aus Regensburg, dem wir viele Kontakte zu Künstlern, zu Sammlern und zu Experten verdanken. Der Vatikan als Kunstsammler
RM: Aber die Entfremdung zwischen der Kirche und der modernen Kunst ist doch evident!
Ravasi: Ja, das ist wahr. In der Architektur sieht das anders aus. Der Musik und auch der bildenden Kunst aber fehlt allzu oft das Metaphysische, Transzendente. So versprechen wir uns einiges von unserer Intervention in Venedig.
RM: Könnte eine größere Nähe zur Kunst auch das Selbstverständnis der Kirche verändern?
Ravasi: Wir wollen einen doppelten Neubeginn: Die Kirche soll zu ihrer fruchtbaren Auseinandersetzung mit der Kunst zurückfinden. Und wir wollen die persönliche Begegnung der Geistlichen mit der Kunst wiederbeleben. Der Papst, die Bischöfe und die Prieser sollen durch die Kunst auf die Gegebenheiten der traditionellen Architektur einwirken können. Wir wollen große Kunst statt hässlicher, amateurhafter Arbeiten, wir wollen neue Werke, die zu der alten und der neuen Architektur passen.

RM: Wie wollen Sie Kirche und Kunst einander näherbringen? Ravasi: Ich sehe drei Möglichkeiten. Wir müssen die Kunst, die klassische und die moderne, bei der Ausbildung in den Priesterseminaren einbeziehen. Dann wird auch die Grammatik der zeitgenössischen Kunst verstehbar. Zweitens wollen wir dafür sorgen, dass Architekten und Künstler konkret zusammenarbeiten, wenn es etwa darum geht, die künstlerische Gestaltung eines Altars in das Ensemble eines Gebäudes einzupassen. Drittens wollen wir den Dialog zwischen der Kulturverwaltung des Heiligen Stuhles und den Künstlern fördern. Wir haben gute Kontakte zu Künstlern, die sich dem gerne stellen. Rationalität und Demut
RM: Das heißt, der Heilige Stuhl wird zeitgenössische Kunst sammeln?
Ravasi: Wir haben ja hier im Vatikan schon ein Museum für zeitgenössische Kunst. Wir hoffen, einige der Kunstwerke auch in dieses Museum zu übernehmen, damit sie dort neue Impulse aussenden und weitere Künstler zu liturgischen Sujets inspirieren.

RM: Technik und Wissenschaft reichen nicht aus?
Ravasi: Sagen wir es mit Benedikt XVI.: Es geht um eine höhere Rationalität, um eine Vernunft, die Kultur, Glauben und Religiosität verbindet. Meistens wird nach den vorletzten Fragen geforscht. Die Kirche kann und muss die letzten, die wesentlichen Fragen stellen, die nach dem Leben und seinem Sinn, nach Tod und Jenseits, nach Liebe, Gerechtigkeit und Schmerz. Das Göttliche drängt nicht

RM: Eine Ihrer frühesten Erinnerungen handelt davon, wie Sie als Zehnjähriger auf einem Hügel stehen; laut pfeifend fährt ein Zug vorbei. Hat dieses Bild für Sie eine besondere Bedeutung?
Ravasi: Für mich war das ein elementar religiöser Moment, eine Begegnung mit der Grundsituation unserer Existenz. In der thomistischen Philosophie gehen wir vom Sein aus und versuchen dann, darüber hinauszukommen, zu etwas Höherem. Doch für mich war dieser verhallende Klang der Zugpfeife eine Vision dessen, was uns bevorsteht, ein Aufschein des Zukünftigen. Wir sind vergänglich, und der Glaube gibt uns einen festen Anhaltspunkt, einen stabilen Fels in dieser flüchtigen Welt der Geschichte. RM: Geht die Erkenntnis der Vergänglichkeit, geht die Erfahrung, dass wir begrenzt sind, allem voraus?
Ravasi: Damit stehe ich nicht allein. Augustinus, Pascal, Kierkegaard oder Dostojewski sehen es ähnlich. Wenn sie von Gott sprechen, gehen sie vom Schlechten aus, vom Bösen, nicht vom Guten. Aristoteles und Thomas von Aquin dagegen gehen vom Guten aus, um das absolut Gute zu zeigen. Für mich geht die Hoffnung aus von der Fragilität des Seins. Das Göttliche drängt nicht. Für Paulus ist die Gnade eine Theophanie.

RM: Sie haben einmal gesagt, Sie werden eher vom Pessimismus des Nordens bestimmt als vom mediterranen Optimismus. Was meinen Sie damit?
Ravasi: Ich muss sagen, dass mir der mediterrane Optimismus besonders durch die Kunst sehr nahe ist. Sie handelt auch vom Triumph der menschlichen Fähigkeiten, vom menschlichen Sinn für die Schönheit. Doch der „mediterrane Optimismus“ ist ein Stereotyp. Denn in die Schönheit ist auch der Begriff der Schuld eingeschrieben. Diesen Sinn für die Schuld hat die protestantische Welt vergessen. Auch Sigmund Freud hat dazu beigetragen, indem er den Sinn für die Schuld durch anderes ersetzt hat.

Auszüge aus dem Gespräch mit Hans-Joachim Neubauer.

Lesetipp: Gianfranco Ravasi: Über die Liebe. Biblische Weisheit und menschliche Erfahrung. Verlag Neue Stadt, München 2007.

© Rheinischer Merkur Nr. 47, 20.11.2008

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