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Archive für 23.9.2008
atelier
23.9.2008 by admin.
stunden zugebracht mit pinsel und farbe. lange vorbereitet, lange konzipiert. hemmung anzufangen. immer das gefühl des unvermögenst, des “zu klein”. dann die hemmung, die mühsal die es macht die farben zu wählen, zu öffnen, die paste anzurühren… und dann geht alles wie von selbst. spass, freude, lust und schliesslich dieser rauschähnlich zustand, in dem man sich beherrschen muss noch alle leinwände, allen malgrund, alle wände und den boden gleich mit, mit farbe zu bedecken. gestalten, welten erstehen lassen, schaffen und schöpfen. dabei glut und fieber in mancher phase zu spüren und all die anderen zustände. dann ein blick auf die uhr und entsetzen, wie lange das alles andauert. schliesslich erschöpfung, zusammenbruchartige ermattung. das bild lebt und funkelt vor leben, davor der schöpfer, ausgedrückt wie die farbtube am boden. heimgang.
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schönheit
23.9.2008 by admin.
Vortrag von Joseph Kardinal Ratzinger– „Betrachtung des Schönen“ –April 2003 (textrechte unbekannt. anm. des bloggers)
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Im Stundengebet der Fastenzeit berührt mich jedes Jahr wieder ein Paradox, das sich in der Vesper am Montag der zweiten Woche des Vierwochenpsalters findet. Da stehen für die Fastenzeit einerseits, für die Karwoche andererseits zwei Antiphonen nebeneinander, die beide in den folgenden Psalm 45 einführen wollen, ihm aber einen ganz gegensätzlichen Deutungsschlüssel vorgeben. Es ist der Psalm, der die Hochzeit des Königs beschreibt, seine Schönheit, seine Tugenden, seine Sendung, und dann in einen Lobpreis der Braut übergeht. In der Fastenzeit wird der Psalm von der gleichen Antiphon umrahmt, die auch das ganze übrige Jahr hindurch verwendet wird; es ist der Vers 3 des Psalms, der so lautet: „Du bist der Schönste von allen Menschen, Anmut ist ausgegossen über deine Lippen.“Es ist klar, dass die Kirche diesen Psalm als prophetisch-poetische Darstellung des bräutlichen Verhältnisses von Christus und Kirche liest. Sie bekennt so Christus als den Schönsten der Menschen; die Anmut, die über seine Lippen ausgegossen ist, verweist auf die innere Schönheit seines Wortes, auf die Herrlichkeit seiner Botschaft. So wird nicht einfach eine äußere Schönheit der Erscheinung des Erlösers gepriesen: In ihm erscheint vielmehr die Schönheit der Wahrheit, die Schönheit Gottes selbst, die uns hinreißt, uns gleichsam die Wunde der Liebe, den heiligen Eros zufügt, der uns mit und in der Braut Kirche aufbrechen lässt zu der Liebe, die uns ruft.
Am Mittwoch in der Karwoche wechselt die Kirche die Antiphon und lädt uns ein, den Psalm von Jes 53,2 her zu lesen: „Nicht Schönheit war an ihm noch edle Gestalt. Sein Gesicht war entstellt.“ Wie geht das zusammen? Der „Schönste der Menschen“ ist unansehnlich, so dass man ihn nicht anschauen will; Pilatus stellt ihn der Menge vor mit den Worten: „Ecce homo“, um Mitleid zu erheischen für den Geschundenen und Geschlagenen, an dem keine äußere Schönheit geblieben ist.Augustinus, der in seiner Jugend über das Schöne und Angemessene ein Buch geschrieben hatte und ein leidenschaftlicher Liebhaber des Schönen in Wort, in der Musik, im Bild war, hat diese Paradoxe sehr stark empfunden und gesehen, dass die große griechische Philosophie des Schönen an dieser Stelle zwar nicht einfach weggeworfen, aber doch dramatisch in Frage gestellt war: Was schön ist, was Schönheit bedeutet, musste neu erfragt und erlitten werden. Er sprach im Blick auf die Paradoxe dieser Texte von „zwei Trompeten“, die gegensätzlich tönen und doch von demselben Atem – demselben Geist – ihre Töne empfangen. Er wusste, dass die Paradoxie Gegensatz, aber nicht Widerspruch ist. Beide Worte stammen von demselben Geist, der die ganze Schrift inspiriert, der aber in ihr mit unterschiedlichen Noten spielt und gerade so das Ganze der wahren Schönheit, der Wahrheit selbst vor uns hinstellt.
Vor dem Jesaja-Text bricht zunächst die Frage auf, die die Väter beschäftigt hat, ob Christus nun schön oder nicht schön war; dahinter lauert die radikalere Frage, ob die Schönheit wahr ist oder ob vielleicht das Hässliche uns an die eigentliche Wahrheit des Wirklichen heranführt. Wer an Gott glaubt, an den Gott, der sich gerade in der entstellten Gestalt des Gekreuzigten als Liebe „bis zum Letzten“ (Joh 13,1) geoffenbart hat, der weiß, dass die Schönheit Wahrheit und dass die Wahrheit Schönheit ist, aber am leidenden Christus lernt er auch, dass die Schönheit der Wahrheit Verwundung, Schmerz, ja das dunkle Geheimnis des Todes einschließt und nur in der Annahme des Schmerzes, nicht an ihm vorbei gefunden werden kann.Ein erstes Wissen davon, dass Schönheit auch mit Schmerz zu tun hat, ist denn auch in der griechischen Welt durchaus gegenwärtig – denken wir etwa an Platons „Phaidros“. Platon sieht die Begegnung mit der Schönheit als jene heilende Erschütterung an, die den Menschen aus sich herausreißt, ihn „hinreißt“. Der Mensch, so sagt er, hat die ihm zugedachte Vollkommenheit des Ursprungs verloren. Nun befindet er sich immerfort auf der Jagd nach der heilenden Urgestalt. Erinnerung und Sehnsucht bringen ihn auf die Suche, und die Schönheit reißt ihn aus der Zufriedenheit des Alltags heraus. Sie macht ihn leiden. Wir könnten in seinem Sinn sagen: Der Pfeil der Sehnsucht trifft den Menschen, verwundet ihn und beflügelt ihn gerade so, zieht ihn nach oben.In der Aristophanes-Rede des „Symposion“ heißt es, dass die Liebenden nicht wissen, was sie eigentlich voneinander verlangen. Vielmehr sei es offenbar, dass ihrer beider Seelen nach etwas anderem als dem Liebesgenuss dürste. Dies andere aber vermag die Seele nicht auszusprechen; „sie ahnt nur, was sie eigentlich will und spricht sich selber in Rätseln davon“.Im 14. Jahrhundert findet man bei dem byzantinischen Theologen Nikolaus Kabasilas – in seinem Buch über das Leben in Christus – diese Erfahrung Platons wieder, bei der das Ziel der Sehnsucht noch namenlos bleibt. Nun ist sie christlich verwandelt, wenn er sagt: „Menschen, die ein so mächtiges Sehnen in sich haben, dass es ihre Natur übersteigt, und sie mehr begehren und vermögen, als zu erstreben dem Menschen zukommt, solche Menschen hat der Bräutigam selbst verwundet; deren Augen hat er selber einen Strahl seiner Schönheit gesandt. Die Größe er Wunde verrät ja den Pfeil, und das Sehnen deutet hin auf den, der den Pfeil geschossen hat.“ Schönheit verwundet, aber gerade so erweckt sie den Menschen zu seiner höchsten Bestimmung.
Was Platon und mehr als eineinhalb Jahrtausend später Kabasilas sagen, hat nichts mit oberflächlichem Ästhetizismus und nichts mit Irrationalismus, mit Flucht vor der Helligkeit und dem Ernst der Vernunft zu tun. Schönheit ist Erkenntnis, ja, eine höhere Art des Erkennens, weil sie den Menschen mit der ganzen Größe der Wahrheit trifft. Kabasilas ist darin ganz Grieche geblieben, dass er das Erkennen an den Anfang stellt: „Ursache des Liebens ist das Erkennen“, sagt er, „das Erkennen gebiert das Lieben“. Gelegentlich, so fährt er fort, könne das Erkennen so stark sein, dass es gleichsam die Wirkung eines Liebestrankes ausübe. Er lässt dies nicht so im Allgemeinen stehen. In seiner gründlichen Art des Denkens unterscheidet er zwei Arten des Erkennens: Erkennen durch Belehrung, das Erkennen von zweiter Hand bleibt und keine Berührung mit der Realität selbst bringt. Das Zweite ist demgegenüber Erkennen durch eigene Erfahrung, durch Berührung mit den Dingen selbst. „Solange wir also ein Wesen nicht gekostet haben, lieben wir den Gegenstand auch nicht so, wie er geliebt werden müsste.“Das Getroffensein vom Strahl der Schönheit, das den Menschen verwundet, ist das eigentliche Erkennen: das Berührt-Werden von der Wirklichkeit, „von der persönlichen Gegenwart Christi selbst“, wie er sagt. Die Überwältigung durch die Schönheit Christi ist realere und tiefere Erkenntnis als bloße rationale Deduktion. Die Bedeutung theologischer Reflexion, genauen und sorgsamen theologischen Denkens dürfen wir nicht gering schätzen – es bleibt absolut notwendig. Aber darob die Erschütterung durch die Begegnung des Herzens mit der Schönheit als wahre Weise des Erkennens zu verachten oder abzuweisen, verarmt uns und verödet Glaube wie Theologie. Diese Weise des Erkennens müssen wir wieder finden – das ist die dringende Forderung der Stunde.Hans Urs von Balthasar hat von dieser Einsicht her sein Opus magnum der theologischen Ästhetik gebaut, aus dem viele Einzelheiten in die theologische Arbeit eingegangen sind, während ihr Ansatz, der das eigentlich Wesentliche des Ganzen bildet, kaum aufgenommen ist. Dies ist freilich nicht nur und wohl nicht einmal vor allem ein Problem der Theologie, sondern auch der Pastoral, die den Menschen wieder die Begegnung mit der Schönheit des Glaubens vermitteln muss. Die Argumente treffen so oft ins Leere, weil zu viel Argumentationen gegensätzlicher Art in unserer Welt konkurrieren, so dass sich dem Menschen unmittelbar der Eindruck aufdrängt, den die mittelalterlichen Theologen in die Form gefasst haben: Die Vernunft habe eine wächserne Nase, das heißt, man könne sie, wenn man nur geschickt genug ist, nach den verschiedensten Richtungen herumdrehen. Alles ist so gescheit, so einleuchtend – wem sollen wir vertrauen?Die Begegnung mit der Schönheit kann das Auftreffen des Pfeiles werden, der die Seele verwundet und sie damit hellsichtig macht, so dass sie nun – vom Erfahrenen her – Maßstäbe hat und jetzt auch die Argumente recht wägen kann. Mir bleibt unvergessen das Bach-Konzert, das nach dem frühen Tod von Karl Richter Leonhard Bernstein in München dirigiert hat. Ich saß neben dem evangelischen Landesbischof Hanselmann. Als der letzte Ton einer der großen Kantaten des Thomas-Kantors triumphal verklungen war, schauten wir uns spontan an und sagten ebenso spontan zueinander: Wer das gehört hat, weiß, dass der Glaube wahr ist. In dieser Musik war eine so unerhörte Kraft anwesender Wirklichkeit vernehmbar geworden, dass man nicht mehr durch Schlussfolgerungen, sondern durch Erschütterung wusste, dass dies nicht aus dem Leeren stammen konnte, sondern nur geboren werden konnte durch die Kraft von Wahrheit, die in er Inspiration des Komponisten sich gegenwärtig setzt.Und wird nicht dasselbe klar, wenn wir uns von der Dreifaltigkeits-Ikone Rubljews anrühren lassen? In der Kunst der Ikonen, aber auch in den großen abendländischen Bildwerken der Romanik und der Gotik ist die Erfahrung, die Kabasilas schildert, von innen nach außen gewandert uns so mittelbar geworden. Paul Evdokimov hat eindringlich gezeigt, welchen inneren Weg die Ikone voraussetzt. Sie ist gerade nicht einfach Abdruck des sinnlich Wahrnehmbaren, sondern setzt, wie er sagt, ein „Fasten des Sehens“ voraus. Die innere Wahrnehmung muss sich vom bloß sinnlichen Eindruck befreien und in Gebet und Askese ein neues, tieferes Sehen erlernen, den Überschritt vom bloß Äußeren zu der Tiefe der Wirklichkeit gewinnen, so dass der Künstler sieht, was die Sinne als solche nicht sehen und was doch im Sinnlichen erscheint: den Herrlichkeitsglanz Gottes, den „göttlichen Glanz auf dem Antlitz Christi“ (2 Kor 4,6). Das Hinschauen auf die Ikone, überhaupt auf die großen Bilder christlicher Kunst führt uns einen inneren Weg, einen Weg der Überschreitungen, und bringt uns so, in dieser Reinigung des Schauens, die eine Reinigung des Herzens ist, die Schönheit zu Gesicht oder wenigstens einen Strahl von ihr. Gerade so bringt sie uns mit der Macht der Wahrheit in Berührung.Ich habe schon öfters gesagt, dass meiner Überzeugung nach die wahre Apologie des Christlichen, sein überzeugender Wahrheitsbeweis, allem Negativen entgegen zum einen die Heiligen sind und zum anderen die Schönheit, die der Glaube hervorgebracht hat. Damit Glaube heute wachsen kann, müssen wir uns selbst und die uns begegnenden Menschen in die Begegnung mit den Heiligen, in die Berührung mit dem Schönen führen.
Aber nun müssen wir uns noch einem Einwand stellen. Die Behauptung, dies sei Flucht ins Irrationale, bloßer Ästhetizismus, haben wir schon abgewiesen. Denn das Gegenteil ist wahr: Gerade so wird die Vernunft aus ihrer Betäubung befreit und aktionsfähig. Schwergewichtiger ist heute ein anderer Vorwurf. Die Botschaft der Schönheit wird durch die Macht der Lüge, der Verführung, der Gewalt, des Bösen überhaupt in Frage gestellt: Kann die Schönheit wahr sein? Oder ist sie nicht am Ende doch eine Täuschung? Ist nicht vielleicht die Wirklichkeit im Grunde böse? Die Angst, dass am Ende doch nicht der Pfeil des Schönen uns vor die Wahrheit bringt, sondern die Lüge, das Hässliche und Gemeine die eigentliche „Wahrheit“ seien, hat die Menschen aller Zeiten bedrängt.Sei hat in der Gegenwart Ausdruck gefunden in der Formel, nach Aschwitz könne man nicht mehr dichten. Nach Auschwitz könne man nicht mehr von einem guten Gott reden. Wo war Gott bei den Verbrennungsöfen geblieben, so fragt man. Nun, dieser Einwurf, für den es auch schon vor Auschwitz in all den Furchtbarkeiten der Geschichte Gründe genug gab, zeigt auf jeden Fall, dass ein bloß harmonischer Begriff der Schönheit nicht ausreicht. Er wir dem Ernst der Infragestellung Gottes, der Wahrheit, der Schönheit nicht gerecht. Apoll, der für Sokrates „der Gott“ war und die ungetrübte Schönheit als das wahrhaft Göttliche verbürgte, reicht nicht aus. Damit kommen wir wieder auf die „zwei Trompeten“ der Bibel zurück, von denen wir ausgegangen waren, auf das Paradox, dass von Christus sowohl gesagt werden kann „Du bist der Schönste unter allen Menschen“ wie „Nicht Schönheit war an ihm… Sein Gesicht war entstellt“.In der Passion Christi ist die bewundernswerte griechische Ästhetik mit ihrer ahnenden Berührung des doch unnennbar gebliebenen Göttlichen nicht aufgehoben, aber überschritten worden. Die Erfahrung des Schönen hat eine neue Tiefe, einen neuen Realismus empfangen. Der, der die Schönheit selber ist, hat sich ins Gesicht schlagen, sich anspucken, sich mit Dornen krönen lassen – das Grabtuch von Turin kann es uns auf ergreifende Weise ahnen lassen. Aber gerade in dem so entstellten Gesicht kommt die wahre, die letzte Schönheit zur Erscheinung: die Schönheit der Liebe, die „bis zum Letzten“ geht und sich eben darin stärker erweist als die Lüge und die Gewalt.Wer diese Schönheit wahrgenommen hat, weiß, dass eben doch die Wahrheit und nicht die Lüge die letzte Instanz in der Welt ist. Nicht die Lüge ist „wahr“, sondern eben die Wahrheit: Es ist sozusagen ein neuer Trick der Lüge, dass sie sich selbst als solche darstellt und uns sagt: Über mich hinaus gibt es nichts. Hört auf, nach der Wahrheit zu suchen oder gar sie zu lieben. Da seid ihr auf dem Irrweg.Die Ikone des Gekreuzigten befreit uns von dieser heute überwältigenden Einrede, sie setzt allerdings voraus, dass wir uns mit ihm verwunden lassen und der Liebe trauen, die es riskieren konnte, die äußere Schönheit abzulegen, um gerade die Wahrheit der Schönheit zu verkünden.
Die Lüge kennt freilich auch noch einen anderen Trick: die verlogene, die falsche Schönheit – eine grelle Schönheit, die die Menschen nicht aus sich herausreißt in die Ekstase des Aufbrechens nach oben, sondern ihn ganz in sich hinein vermauert. Es ist die Schönheit, die nicht die Sehnsucht nach dem Unsagbaren, nicht den Willen zur Hingabe, zum Sich-Verlieren weckt, sondern das Begehren wachruft, den Willen zur Macht, zur Habe zum Genuss. Es ist die Art von Schönheitserfahrung, von der die Genesis im Sündenfall erzählt: Eva sah, dass vom Baum zu essen „schön“ war, und er war „köstlich anzusehen“. Die „Schönheit“, wie sie sie erfährt, erweckt in ihr die Lust des Habens, biegt sie sozusagen auf sich selbst zurück. Wer würde nicht – zum Beispiel in der Werbung – die Bilder kennen, die mit aller Raffinesse dafür gemacht sind, den Menschen unwiderstehlich zum Zugreifen zu verlocken, die Befriedigung des Augenblicks statt den Aufbruch zum anderen hin zu suchen?So steht die christliche Kunst heute (und vielleicht immer schon) zwischen zwei Feuern: Sie muss sich dem Kult des Hässlichen widersetzen, der uns sagt, alles andere, alle Schönheit sei Betrug, nur die Darstellung des Grausamen, Niedrigen, Gemeinen sei die Wahrheit und die wahre Aufklärung. Und sie muss der verlogenen Schönheit widerstehen, die den Menschen verkürzt, statt ihn groß zu machen und gerade dadurch Lüge ist.
Wer kennt nicht das viel zitierte Wort von Dostojewski: „Die Schönheit wird uns erlösen“? Man vergisst aber meistens zu erwähnen, dass Dostojewski mit der erlösenden Schönheit Christus meint. Ihn müssen wir sehen lernen. Wenn wir ihn nicht mehr bloß durch Worte kennen, sondern vom Pfeil seiner paradoxen Schönheit getroffen sind, dann lernen wir ihn wirklich kennen und wissen von ihm nicht mehr bloß aus zweiter Hand. Dann sind wir der Schönheit der Wahrheit, der erlösenden Wahrheit begegnet.Nichts kann uns mehr mit der Schönheit Christi selbst in Berührung bringen als die vom Glauben geschaffene Welt des Schönen und das Leuchten auf dem Gesicht der Heiligen, durch das hindurch sein eigenen Leuchten sichtbar wird.
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matisse und vence.
23.9.2008 by admin.
Norbert Schmidt: Henri Matisse und die Kapelle in Vence
[aus dem Tschechischen ins Deutsche übertragen von Peter Zigman, Rechte der deutschen Übersetzung bei Ralf Gührer. Artikel muss sprachlich noch überarbeitet werden]
Der Bau der Dominikanerinnenkapelle in Vence
Eure Exzellenz, in aller Ehrfurcht lege ich Ihnen die Rosenkranzkapelle der Dominikanerinnen in Vence vor. Verzeihen Sie mir bitte, dass ich Ihnen diese Arbeit nicht selbst vorlegen kann, mein Gesundheitszustand verhindert mir das. Dieses Werk forderte von mir vier Jahre systematischer, unermüdlicher Arbeit und ist das Ergebnis meines ganzen aktiven Lebens. Über alle seine Unvollkommenheiten hinaus halte ich es für ein Meisterwerk. Möge die Zukunft diese Meinung durch das wachsende Interesse für diesen Bau auch außerhalb dessen höherer Bedeutung bestätigen! Ich verlasse mich, Eure Exzellenz, auf Ihre lange Erfahrung mit Menschen und auf Ihre tiefe Klugheit bei der Beurteilung des Bemühens, welches das Ergebnis eines der Wahrheitssuche eingeweihten Lebens ist.(1)
Henri Matisse
Diesen Brief, adressiert Mons. Remond, dem Bischof in Nizze, hat bei der Einweihung der Kapelle am 25. Juni 1951 Vater Marie-Alain Couturier OP vorgelesen, der Hauptvertreter der Nachkriegswiederherstellung der sakralen Kunst in Frankreich.(2) Am Anfang der Geschichte der bekannten Kapelle stand aber keine gezielte Absicht, sondern die Freundschaft der Ordensschwester Jacques-Marie mit dem berühmten Maler. Sie haben sich im Jahre 1942 in Nizze kennen gelernt, wo sie sich (damals noch als die Krankenschwester Monique Bourgeois) lange Nächte um den schwer kranken Matisse gekümmert hatte. Die Freundschaft überdauerte auch danach, als sie dem dominikanischen Orden beigetreten ist. Seit 1946 weilte sie im Kloster in Vence, wohin zufälligerweise in die Villa Le Rêve auch Matisse eingezogen ist. Eines Tages hat sie ihm die Idee der Schwester anvertraut,
1
dass sie eine neue Kapelle bauen möchten. Sie zeigte ihm ein selbstgemaltes Bild der Jungfrau Maria, und Matisse hat ihr empfohlen, eine Vitrage [ein Glasbild] daraus zu machen, und er hat ihr sogar die Hilfe bei ihrer Herstellung versprochen.(3) Der Bau der Kapelle setzte sich in Gang allerdings erst durch einen weiteren Zufall. Im Herbst 1947 weilte im Kloster der Dominikanerinnen der junge Bruder Louis-Bertrand Rayssiguier OP. Die Klostervorsteherin hat ihm vorgeschlagen, dass falls er sich mit jemandem bedeutenden treffen wolle, dann könne er sich dem in Vence wohnenden Henri Matisse als ihr „Architekturberater“ vorstellen.. Bruder Rayssiguier gefertigte daher schnell eine Skizze der Kapelle, zu der er sich durch die Zeitschrift L’Art Sacré inspirieren ließ, in der gerade ein Heft über die moderne Sakralarchitektur der Schweiz erschienen ist. Er war nämlich überzeugt, dass Matisse „eines religiösen Werkes mächtig ist“. Er hat gehofft, dass in Vence etwas ähnlich der Kirche in Assy entstehen könnte, wo Vater Couturier mit den Künstlern wie Legér, Bazaine, Lipschitz und Rouault zusammengearbeitet hatte. Die Idee, dass Matisse bildend-künstlerisch den Vorschlag der ganzen Kapelle macht, legte Rayssiguier dem Maler gleich bei ihrem ersten Treffen vor. Und der achtundsiebzigjähriger Maler hat dieses gewagte Angebot von dem siebenundzwanzigjährigen Dominikaner spontan angenommen. Von der formalen Seite her hat ihn wohl <67/68> die Bearbeitung einer großen Fläche angelockt, die Möglichkeit einer bildend-künstlerischen „Durchbrechung“ des Raumes und die Realisierung der Glasscheibenfenster, welche er vorher nie gemacht hatte. Zur Planung der Kapelle wurde auch Vater Couturier mitberufen. Er zusammen mit Rayssiguier hatten als den Architekten Le Corbusier vorgeschlagen, aber Matisse setzte als den Berater und Fachgaranten von Rayssiguiers Plänen August Perret durch. Gleichwohl war es über das Thema der Dekoration schnell entschieden — St. Dominik, Jungfrau Maria und der Kreuzweg —, die Suche nach der richtigen Form hat lange gedauert.(4)
Matisses Kapellenkonzept beruht auf dem Kontrast und Zusammenspiel der weißen Kachelnwandbeläge mit der schwarzen einfachen Linearzeichnung sowie der farbigen Vitragenfenstern mit dem Motiv eines Baums des Lebens. Alle anderen Elementen wie das Kruzifix auf dem Altar, das Beschlagwerk an Türen oder sogar die Messenroben stammen ebenso aus den Händen des berühmten Malers. Matisse selbst zögert nicht diese Kapelle, die seinen Worten nach „neben Kathedralen eine bloße Blume, jedoch eine Blume“(5) ist, als
2
sein „Meisterwerk“ zu bezeichnen. Die Kapelle ist nach der Meinung von Vielen eine „Botschaft der Freude“. „Eine Explosion der reinen, ruhigen, einfachen und feierlichen Freude.“(6) Trotzdem ist Picasso zufolge der schönste und überzeugendste Teil der Kapelle der Kreuzweg.(7) Er weicht sowohl von dem ruhigen und hellen bisherigen Werk Matisses sowie auch vom Charakter der anderen Teile der Kapelle. Couturier ist mit Picasso einverstanden und gibt dazu zu, „dass wohl gerade er am meisten die Zuschauer unserer Zeit beunruhigt“. Zunächst wollte Matisse die Szene auf traditionelle Art darstellen, aber die Geschichte der Kreuzigung befiel ihn in dem Maße, dass er die einzelnen Halte durcheinander stellte — jedem Halt verpasste er eine Ziffer und gruppierte ihn in ein Bild. Couturier bietet eine Erklärung an, dass es um eine Parallele zu den Notizen geht, welche sich einer in Eile kritzelt und unter dem Druck starker Emotionen. Wiewohl wir sie nicht leicht entschlüsseln können, wirken sie auf uns überzeugender als die Worte, mit denen wir das Ereignis erfassen könnten. Ein paar Jahrzehnte nach dem Bau der Kapelle hat Marcel Billot mit der Unterstützung des Ehepaars Menils und dessen Menil-Foundation(8) aus dem Archiv von Vater Couturier ausgesucht und zusammengestellt ein beachtenswertes Buch La Chapelle de Vence – Journal d’une création. Die Ausschnitte der Gespräche mit Henri Matisse, welche für sich Bruder Rayssiguier notiert hat, die Notizen aus den Tagebüchern von Vater Couturier und den sämtlichen erhaltenen Briefwechsel, die Skizze sowie weitere Dokumente hat er zusammengestellt auf die Art und Weise, dass wir sozusagen einen Tag für Tag die Entstehung und Realisierung der Rosenkranzkapelle beobachten können. Das Buch endet mit dem Tod von Vater Couturier im Januar 1954. Matisse stirbt im selben Jahr um ein paar Monate später.(9) Vor dem Leser entfaltet sich auf diese Weise auf mehr als 450 Seiten ein faszinierendes Zeugnis einer einzigartigen Freundschaft und intensiver Zusammenarbeit bei der Realisierung eines erstrangigen Sakralwerkes des 20. Jahrhunderts. Die unten aufgeführte Ausschnitte aus diesem Tagebuch eines Werkes hat Dom Samuel ausgewählt, der derzeitige Vorsteher des Klosters der Zisterzienser von der strengeren Observanz im Neuhof, in der Zeit, als er noch der Prior in der französischen Abtei in Sept-Fons gewesen war. Zu den Kopien mit den unterstrichenen Sätzen hat er einen Brief zugelegt, in dem er schreibt: „Ich habe dieses Buch noch im Sommer des Jahres 1994 gelesen, bevor es überhaupt gedacht werden konnte, dass wir eines Tages ein Kloster gründen werden.
3
Was mich interessiert hatte, war nicht die ästhetische Sichtweise, sondern die Analogie zwischen
dem Bemühen eines Künstlers und dem Bemühens eines Mönches.“(10) <68/69>
Es ist uns eingefallen, dass die ausgewählten Ausschnitte nicht nur eine geschichtliche
Sonde in das Geschehen bei der Entstehung einer Kapelle der französischen Dominikanerinnen
an der Wende der 1940-1950er Jahre sind. Die Ausschnitte bieten uns nämlich insbesondere
einen einzigartigen Einblick in ein konkretes Zusammentreffen und das Ineinandergreifen
der Welt der Religion mit der Welt der Kunst. Darüber hinaus sind sie das ein
zweifacher Einblick. Erstens erfassen sie für uns von innen her das Zusammentreffen des
weltberühmten Malers (welcher bis zu jener Zeit gar nicht in den Zusammenhang mit der
Sakralkunst gebracht wurde) mit der Aufgabe, eine Kapelle zu gestalten. Zweitens enthüllen
sie vor uns den Blick eines Zisterziensermönches, der das Buch über die Kapelle in Vence
mit der Erfahrung von lectio divina in die Hände nimmt. Die Ausschnitt erhellen indirekt
ebenso auch die Bewegungsgründe und Gedanken der Mönche, welche an der Wende des
Jahrhunderts ein Kloster in Westböhmen aufgebaut haben. Wir haben daher Dom Samuel gebeten,
ob er für uns seine Sehensweise näherlegen könnte, und er ist uns zu unserer großen
Freude entgegengekommen.
Anmerkungen:
(1) L’Art Sacré 1951/11-12, S. 3-4 ; tschechisch ebenfalls im Buch Henri Matisse : Pozdnítexty [Späte Texte]. Praha, Arbor vitae 199, S. 75. Diese Übersetzung von Jitka Hamzová
wird hier zitiert.
(2) Zu Vater Couturier siehe mehr auch im Artikel Norbert Schmidt: „‘Duch vane, kam
chce’. Portrét Marie-Alain Couturiera OP“ [‘Der Geist weht, wohin er will’. Das Portrait von
Marie-Alain Couturier OP]. In : Salve 2004/4, S. 55-75. Hier kann man auch weitere Verweise
auf fremdsprachige Literatur finden.
(3) Im Jahre 2003 hat Professorin Barbara Freed einen Dokumentarfilm A Model for Matisse
aufgenommen, der den Bau der Kapelle in Vence gerade aus der Sicht der Schwester Jacques-
Marie nahe legte.
(4) Henri Matisse – M.-A. Couturier – L.-B. Rayssiguier: La Chapelle de Vence. Journald’une création. Paris, Cerf 1993, S. 11-29.
4
(5) Marie-Alain Couturier OP : Die Freiheit des Christen. Gespräche mit Braque, Matisse,
Picasso. Tagebuch 1947-1954. Mainz, Matthias-Grünewald-Verlag 1964, S. 176.
(6) Henri Matisse – M.-A. Couturier – L.-B. Rayssinguier: La Chapelle de Vence. Journald’une création
. Paris, Cerf 1993, S. 8.(7) Marie-Alain Couturier OP : Die Freiheit des Christen. Gespräche mit Braque, Matisse,
Picasso. Tagebuch 1947-1954. Mainz, Matthias-Grünewald-Verlag 1964, S.149.
(8) Das Ehepaar Menils hat sowohl den Bau der Kapelle in Vence und die Kirche in Assy
wie auch später die Mark-Rothko-Kapelle in Houston unterstützt.
(9) Bruder Rayssiguier starb im Alter von sechsunddreißig Jahren im Jahre 1956.
(10) Im Brief von Dom Samuel vom 29. 4. 2006.
<69/–/71>
Dom Samuel OCSO
Das Gebet und die Kultur
Matisses Gedanken — eine Hilfe für das Gebet?
Im Sommer endet das nächtliche Chorgebet ein paar Minuten vor viertel Fünf. Die Brüder
beten still in der Kirche noch eine halbe Stunde. Nach dem Gebet Angelus Domini bleiben
manche weiterhin in der Kirche, andere wiederum gehen in das Skriptorium um zu lesen…
Das Kloster versinkt in die Stille.
„Das ganze Leben richtete ich mich danach, was ich getan habe, nicht danach, was ich mir
gedacht habe…“
„Ich bin stets alleine, nur alleine mit mir alleine.“
Bei der Lektüre dieser und der folgenden Ausschnitte könnte die Leserschaft leicht in einen
ernsthaften Irrtum geraten, wenn sie den Versuch unternehmen würde, auf die Frage zu antworten,
was etwa einem Mönch die Lektüre des Buches Journal d’une création (Das Tage-
5
buch eines Werkes) bringe, das mit der Entstehung der Kapelle in Vence, hergestellt von
Henri Matisse, zusammenhängt, und warum sie eigentlich überhaupt für einen von Interesse
sein sollten, welchen Gott zum Leben in seiner Nähe berufen hatte. Wäre vielleicht der Sinn
für die Kunst und für die Schönheit notwendig zu dem, damit einer ein Christ oder ein
Mönch sein könnte? Das wohl nicht. Die architektonische Schönheit des Klosters im Neuhof
bildet ja keinen notwendigen Bestandteil des Mönchlebens. Solche Schönheit kommt als ein
nichtverdientes, nebenseitiges und unwesentliches Geschenk, welches das dem Gebet geweihte
Leben bereichert — und dieses Gebet ist nicht unwesentlich, sondern eben umgekehrt
dringlich und nötig erforderlich.
Auf der anderen Seite ist es kaum möglich, sich zum Aushalten in einem dem Gebet
geweihten Leben zu verpflichten und dabei die authentischen Werte zu vernachlässigen, welche
die Kultur mit sich bringt. Das ist selbstverständlich und die Mönche befolgen das vor
allem in der Praxis (junge Männer bekommen beim Eintreten ins Kloster nicht nur die Bücher
über das geistige Leben in die Hände, sondern auch solche, welche ihre Persönlichkeit
und Kenntnisse in vielen anderen Bereichen weiter entwickeln). Eine theoretische Erörterung
ist hier allerdings ebenso am Platze: Kann sich einer, den Gott zum Leben in einem Kloster
berufen hat, für das Werk und die Persönlichkeit Henri Matisses interessieren? Und auf welche
Art und Weise? Sollte er sich überhaupt für ähnliche Themen interessieren? Weshalb?
Die Antwort auf diese Frage würde eine gründliche Erörterung über den Charakter
eines Gebets erfordern. Versuchen wir sie kurz zu skizzieren. „Das Geheimnis aller Geheimnisse
ist nicht das Geheimnis der Einverleibung, noch das Geheimnis der Erlösung, ja noch
das Geheimnis der heiligsten Dreifaltigkeit — alle diese sind von Gott abgeleitet. Das Geheimnis
aller Geheimnisse ist ‘Gott’ zu sagen, ohne dass der Mensch wüsste, was das heißt
‘sagen’; es ist Gott zu lieben, ohne dass der Mensch wisse, wen er mag.“(1) Darf der Mensch
ja vielleicht hoffen, dass er Gott kennen lernt und mit ihm reden wird, wenn unsere Zivilisation
binnen ganzen Jahrhunderten nicht einmal das Geheimnis des gegenseitigen Kennenlernens
und Gesprächs <71/72> zweier Wesen ausgeschöpft hat, die eine gleiche Wesenhaftigkeit
besitzen? Dürfen Sie vielleicht als Mensch hoffen, dass Sie den Gott lieben werden,
wenn es so schwierig ist diejenigen zu lieben, welche uns ähnlich sind und neben uns leben?
6
Das erstrangige Geheimnis der christlichen Offenbarung ist das Geheimnis des Treffens der
Menschen mit seinem Gott.
Es ist ziemlich leicht die Tatsache anzunehmen, dass es einen Gott gibt und er uns
liebt. Jeder Mensch guten Willens kann für sich einen Zugang zu Gott, erfasst als eine Vorsehung
[Providenz] finden. Aber Gott als ein Freund? Der Gott, den wir lieben können? Wer
könnte einen Anspruch auf eine derartige Erfahrung erheben? Bereits die Ausbildung einer
richtigen Beziehung zum Vater, zum Lehrer, zum Bruder ist eine sehr empfindliche Sache…,
und wir möchten in eine Beziehung mit Christus, mit Gott treten? Der Mönch, der sich zu
einem dem Gebet eingeweihten Leben verpflichtet, kann sich nicht der Realismusfrage seiner
Beziehung mit Christus entziehen. Er hat die Verpflichtung, die mit dieser Beziehung verknüpften
Schwierigkeiten zu überlegen. Wie muss man sich vorbereiten, damit wir anfangen,
in allen Dimensionen seines persönlichen Daseins die wesentliche und geheimnisvolle Beziehung
mit seinem Herrn zu entfalten? Gibt es denn keine Gefahr, dass diese Einweihung oberflächlich
bleibt, dass sie eines Tages ausgeschöpft wird und danach abstirbt, da sie keine ausreichend
tiefgreifenden Wurzeln gehabt hätte?
Die Lektüre eines Werkes wie die während des Baus der Kapelle in Vence entstandenen
Texte spielt ihre Rolle bei diesem Wurzelnschlagen. Je mehr ist die Persönlichkeit
eines Menschen entfalteter, je fester ist ihr Fundament, umso stabilere Stütze findet in ihm
die Gnade. Die Entfaltung einer Persönlichkeit muss nicht unbedingt auf die Weise geschehen,
welche der Welt nicht gefällt. Der heilige Benedikt Labre (2), ein Bettler und Eremit,
hatte ein großes Herz und eine heroische Ausdauer, er war eine starke Persönlichkeit —
aber es mag sein, dass die Welt ihn durch andere Brille gesehen hatte. Sobald sich ein
Mensch freiwillig in den Dienst an etwas Großem stellt, kommen seinem Leben vorher ungeahnte
Qualitäten zu, ohne dass er selbst sich um diese Emporhebung bemüht hätte. Und falls
diese große Sache eine übernatürliche Dimension hat, werden auch die erreichten Qualitäten
sie besitzen. Das Erhabendste, das wir in uns haben — die Fähigkeiten unseres Verstandes,
unseren Durst nach der Gerechtigkeit, das schöpferische Vermögen, die Schönheitssuche,
den Dynamismus der Menschenliebe, die Demut —, das alles sind die Gaben Gottes, welche
eine andere, tiefere Gabe heranziehen, die Gabe der Gnade. Die Gnade übergeht in unser
Menschenleben und eröffnet unserem Dasein „neue Horizonte“, wie dies der Papst Benedikt
7
XVI. gesagt hatte.(3) Hätte es kein Verhältnis zwischen den natürlichen Tatsachen der Menschen
und den übernatürlichen Tatsachen gegeben, könnte uns das Geheimnis Gottes keine
Erkenntnis und keine innere Wandlung darbringen. So ist es aber nicht. Umgekehrt, die Ereignisse
der Menschen bieten der Gnade als ob einen Raum für die Einverleibung.
Ein solides Leben des Gebetes ist ein notwendiges Fundament für die Herstellung
einer Beziehung zu dem unsichtbaren und unwahrnehmbaren Gott durch Jesus Christus, welcher
sichtbar ist — in seinem geschichtlichen Wirken und in den Wirkungen der Sakramente.
In den beiden Fällen wird uns der Weg durch den Glauben geöffnet. Was ist das aber ein Gebet?
Der heilige Thomas soll gelehrt haben, dass einer nicht zu lange beten solle: „Non debet
esse oratio diuturna.“ In der Tat eine merkwürdige Behauptung, die allerdings als ein Witz
gemeint wurde! Dieser Text befindet sich ja in einer der Einwendungen zu der Frage, im
Rahmen welcher <72/73> der heilige Thomas den direkten Gegenteil beweist. Alte Auseinandersetzungen,
die alte und leider tief verwurzelte Abneigung gegenüber einem langen Gebet.
Das Gebet, das Geheimnis der Vereinigung
Das gegenseitige Verhältnis von Gott und Mensch ist möglich, da der Mensch imstande ist,
sich an Gott mit einer Bitte um das zu wenden, was er entbehrt. Ebenso auch der Mönchberuf
— die Einweihung des eigenen Lebens dem freundschaftlichen Verhältnis mit Christus durch
das Gebet — wie jedes Gebet, ja sogar auch ein in einer panischen Angst gesendetes Gebet
eines zweifelnd glaubenden Menschen, entsteht immer aus einer unklaren, aber verlässlichen
Anschauung einer Entfernung zwischen zwei Arten vom Guten: „Ohne Gott hätte mein
Leben keinen Sinn, Gott gibt den Sinn meinem Leben; ich kann nicht mehr weiter, der Herr
wird mir helfen.“ Die Gnade trägt immer dazu bei, dass der Mensch diese Entfernung erblicke,
wichtig ist aber, dass solch ein Einblick auch zu einer tatsächlichen Erkenntnis wird. Danach
wenden wir uns schon zu dem, welcher uns das geforderte Gute geben kann, und durch
unsere Bewegung zu ihm entsteht der Kontakt. Eine Definition des Gebets müssen wir daher
im Bereich der Tätigkeit suchen, die diesen geheimnisvollen Charakter einer Vereinigung
hat.(5)
8
Wie kann sich einer, der betet, dessen bewusst werden, dass es ein bestimmtes Gutes,
das für ihn bis zu jetzt fremd und unerreichbar war, tatsächlich gibt und ihm angeboten wird?
Wie kann er versichern, dass dieses Gute für ihn beständig anziehend wäre? Und sollte dieses
Gute absolut sein, wird er ihm solch einen Wert zusprechen, dass sich sein Sehnen ausschließlich
auf diesen konzentriere? Sollte dieses Gute in einer bestimmten Verbindung bestehen
und sollte bereits nun das Gebet selbst die Möglichkeit dieser Verbindung abbieten,
wie wird sie sich in konkrete Taten menschlichen Wesens in Zeit einverleiben, wenn wir die
Wechselseitigkeit menschlicher Sehnsüchte in Betracht ziehen?
Da affektive Anziehung ist eine Begierde ist, die aus einer Sinnes- oder Verstandes-,
natürlichen oder übernatürlichen Erkenntnis ausgeht, ist diese Anziehung immer ein Ergebnis
einer Überlegung (Meditation oder Kontemplation).(6) Diese Termini also betonen den Erkenntnis-
Aspekt. Die Frömmigkeit ist ein Willensakt, welcher uns in die Richtung zu dem
durch die Intelligenz im Glauben erkannten Guten hinführt. Eine Frömmigkeit in sich selber
kann der Mensch anfeuern — durch die Überlegungen über die Gottes Größe oder über das,
wie sehr er einen Gott brauche.
Gott zieht uns zu sich nicht nur mittels geistiger Wahrheiten des Glauben allein an,
die nackt und ohne Zierde sind, sondern auch durch natürlich gekannte Tatsachen, welche auf
irgendwelche Art und Weise unser Gefühl betreffen — durch die Armut und den Irregang der
heutigen Welt, die Krankheit und das Leiden, die Leere, welcher wir plötzlich gegenüberstehen,
die Schönheit der Liturgie, die Harmonie und Einheit der christlichen Lehre, die
Erhabenheit der Kirche (und die Nichtigkeit ihrer Diener), die Beispiele einiger großer Geister,
soll es um Christen gehen oder auch nicht, beispielsweise solche, wie Matisse ist… Die
Aufgabe der Frömmigkeit ist, in ein Bündel, in eine fest zusammengefesselte Garbe all diese
Elemente zusammenbinden, damit sie zu einer Stütze unserer Treue werden. <73/74>
Geben Sie sich nicht den Träumen hin!
Die folgenden Jahrzehnte werden schwierig. Wenn es nicht zu einem Wunder kommt — und
es wäre unklug darauf einfach mit Händen im Schoß zu warten —, wird die christliche Gemeinschaft,
also der harte Kern der bekennenden Christen, immer wieder schrumpfen. Wir
9
sind noch nicht bis zum Boden hinuntergesunken. Und trotzdem ist eine Wiedererweckung
möglich. Wir müssen darauf hoffen und mit allen Kräften daran arbeiten. Wenn wir die kommenden
schweren Jahre überwinden möchten, reicht uns die bloße Frömmigkeit nicht. Zu
einer unentbehrlichen Ausstattung wird das geistige Leben, aufgelehnt auf eine starke und
aufgeschlossene Kultur, auf eine dem Kirchenglauben treue Theologie und auf die Praxis des
langen und ausdauernden Gebets. Wer nicht im geistigen Leben leben wird, wird hinweggefegt
haben werden. Der heilige Geist wird diejenigen erleuchtet, welche in Gottes Nähe
leben werden, und er wird sie auf jedem Schritt und Tritt in Schutz nehmen. Der Christus
wird mit uns gelebt haben, Tag für Tag, bis zum Ende der Welt. Die Jahre, die nun kommen,
werden für sie schwierig und wunderbar.
Aus dem Französischen von Oldrich Selucky
Anmerkungen:
(1) Der bisher nicht veröffentlichte Text der französischen Dichterin Marie-Noelle (1883-
1967), der von Benoît Lobet zitiert wird in:Hector Bianciotti – Benoît Lobet: Lettres à unami Prêtre [Briefe dem Freund Priester]. Paris, Gallimard 2006, S. 166 und 167.
(2) Der Heilige Benedikt Labre, ein Franzose, lebte in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts.
Nach ein paar wiederholten Versuchen, einem Kloster beizutreten (unter Anderem
auch in Sept-Fons) wurde er zu einem Eremiten, und bis zu seinem Tod wanderte er von
einem Wallfahrtsort zu dem nächsten.
(3) Die Enzyklika Deus caritas est, Nr. 1 und 28.
(4) IIaIIae, 83, Art. 14, Nr. 1: „Das Gebet soll nicht lange sein.“
(5) Vgl. IIaIIae, 82 (De devotione) und 83 (De oratione).(6) Vgl. IIaIIae, 180, 3, ad 1, wo die Definitionen der Termini contemplatio, meditatio etc. zu
finden sind. Vorsicht wegen der Unterstellung ungültiger Begriffe — wir sind hier noch nicht
in der Zeit von Devotio moderna und der heilige Ignatius hat seine Geistige Übungen noch
nicht verfasst; die Kontemplation, von welcher hier die Rede ist, ist nicht die Kontemplation
des heiligen Jan von Kreuz!
10
Dom M.-Samuel OCSO (*1954), ein Franzose, vom Beruf Bauingenieur. Am Ende der
Flegeljahre verlor er seinen Glauben, wieder angenommen hat er sie zusammen mit der unerwarteten
und inständigen Berufung zum Mönchleben. Im Jahre 1983 wurde er Novize im
Kloster Sept-Fons und während der Formation erreichte er durch Korrespondenzkurse ein Lizenziat
in der Philosophie. Im Jahre 1990 wurde er zum Priester, ein Jahr später wurde er
zum Prior ernannt. In dieser Zeit sind die ersten Tschechen in das Kloster gekommen. Zusammen
mit ihnen wurde er im Jahre 1998 beauftragt, die Gründung eines neuen Klosters
vorzubereiten. Seit dem Jahre 2002 ist er der Vorsteher im Mutter-Gottes-Kloster in Neuhof
bei Pilsen (Nový Dvůr u Plzně). In Salve wurde mit ihm ein Interview publiziert: „Wir haben
kein Versprechen des Minimalismus ablegen!“; in: Salve 2004/4, S. 91-102.
<74/–/77>
Ausschnitte aus dem Tagebuch eines Werkes
Das erste Treffen vom Bruder Rayssiguier mit Henri Matisse, Vence, am 4. 12. 1947
„Und so sammle ich den Stoff, bearbeite ihn und verpasse ihm die Ordnung, allerdings
sobald das Bild fertig ist, kommt es mir so vor, dass nicht ich es hergestellt habe, sondern
Gott.“
[…]
„Aber Meister, werden Sie nicht von dieser Art Arbeit von sich selbst (— für mich selbst
habe ich mir gesagt ‘von dieser Ahnung Gottes in Ihrer Arbeit’, da ich bei ihm Zweifel sowohl
über Gott hatte, sowie auch vor allem über die Art und Weise, auf welche er zu ihm gekommen
war —) zu den Motiven offensichtlich religiöser Art, zu der christlichen Ikonegraphie
geführt?“
„Nein. Wenn ich christliche Motive darstellen will, bin ich derjenige, der sie malt.“
[…]
Das hat zweifelsohne seinen Ursprung darin, dass er keinen christlichen Geist besitze; wäre
er von einem christlichen Leben durchdrungen, ginge ihm das von sich selbst alleine, genau
11
so wie wenn er andere Sachen malt, welche aus seinem natürlichen ästhetischen Leben
quellen.
Aus dem Tagebuch von Vater Couturier, am 7.-9. 7. 1948
„Das ganze Leben richtete ich mich danach, was ich getan habe, nicht danach, was ich mir
gedacht habe…“
Aus einem Gespräch von Henri Matisse, Bruder Rayssiguier und Auguste Perret, am 22. 7.
1948
Einige Galerien haben eine Geldsammlung für junge Maler angelegt, damit sie ihnen
ermöglichen, auch hochwertige Farben zu benutzen. Matisse hat sich dazu geäußert: „Marquet
hat gesagt: ich werde Blumen mit dem Straßenkot malen.“ (Bemerkung von Lydia Delector)
Aus dem Tagebuch von Vater Couturier, am 17. 9. 1948
„Einst habe ich danach gestrebt, berühmt zu werden, aber heutzutage bedeutet der Ruhm für
mich nichts mehr, er bringt mir nichts: ich bin ich selber. Darüber hinaus diejenigen, welche
über mich im Guten reden, werden dann in zwei Tagen darauf das gleiche von denjenigen
sagen, welche keine Begabung besitzen.“
Aus dem Tagebuch von Vater Couturier, am 5. 10. 1948
Matisse (ein Arbeitstreffen). — Als er kleine Skizzen mit einer Feder angefangen hatte,
durchdrang ihn eine unerträgliche Unruhe. Lydia hat zu ihm gesagt: „Na denn, seien Sie doch
nicht so gereizt.“ Er reagierte ziemlich eruptiv : „Ich bin nicht gereizt, sondern ich habe
Lampenfieber.“ Die Atmosphäre war wie in einem Operationssaal. Lydia sitzend auf der
Bettleiste mit dem oder jenem Werkzeug in der Hand, mit der Tusche, den Papieren und
einem tragbaren Tischlein. Er zeichnend ohne ein einziges Wort, ohne jede Aufregung, doch
in dieser seiner Regungslosigkeit herrschte die äußerste Spannung. <77/78>
12
Henri Matisse in einem Gespräch mit Bruder Rayssinguier, am 13. 11. 1948
Courthion, der sich wunderte, dass er nicht berühmt wurde, gleichwohl er hinter sich fünfzig
Bücher hatte, hat mir gesagt, dass er bei mir ein bestimmtes Arbeitsvorgehen findet. Ich habe
ihm dazu gesagt:
„Es gibt nicht mehr Arbeitsvorgehen: arbeiten Sie wahrhaftig.“
[…]
„Ja schon, das sind die Strebsamen, aber letztendlich kommen sie lediglich zu etwas sehr allgemeinem,
es ist so etwas wie ein Regionalzug. Ihre Vorgehensweise ist, alles gleich am
Anfang explodieren zu lassen. Ich aber ziehe überflüssige Kleiderstücke von mir ein Stückchen
für Stückchen aus. Vor den vierzig-fünfzig Jahren ging ich etwas nach, was mich angezogen
hatte, als ob ich mich von Seite zu Seite des Tales verbummelt hätte, das uns von
Vence trennt; in Wirklichkeit habe ich in einem dunklen Wald herumgetappt, durch welchen
ich bis zum Heute gekommen bin, ohne voraus zu wissen, wohin eigentlich meine Schritte
führen.“
Henri Matisse im Gespräch mit Bruder Rayssiguier, am 23. 11. 1948
16:30 – 17:30 Reporters. Nach deren Weggang hat er zu mir gesagt:
„Ich mag den Ruhm nicht. Das da waren die Menschen, die mich nicht kennen und die auf
mich pfeifen, sie haben nichts davon gesehen, was ich gemacht habe…“
[…]
Maillol hat am Anfang des Jahrhunderts zu Matisse gesagt: „Na also, Matisse, wir werden sowieso
nie so berühmt wie Félix Potin!“ (Anmerkung von Lydia Delector)
Aus dem Tagebuch von Vater Couturier, am 25.–30. 11. 1948
Er selbst spürt, dass er zu einer bestimmten höheren Ebene gelangt hat: Was mich jetzt interessiert,
ist nun das, ob er diese Auseinandersetzung mit dem Heiligen in sein „Schaffen“, und
also in seine Bildwerke als solche, einen neuen Charakter der Religiosität und des Heiligtums;
jene unauslöschlichen Nuancen, dank welchen ein „religiös“ aufgefasster Akt nicht bereits
in der alleinigen Durchführung von Linien und Masse mit einem sinnlich aufgefassten
13
Akt identisch ist. Wie kann man allerdings unterscheiden, geschweige denn dann definieren
solcherlei Sachen?
Henri Matisse im Gespräch mit Bruder Rayssiguier, am 6. 1. 1949
Die Frage ist, worin denn der Wahnsinn fuße. „Das ist nur ein Mangel an Gestaltung und Zusammenhang:
Schauen Sie sich die Bilder der Wahnsinnigen an: immer sehen diese gleich
aus.
[…]
Notwendigkeit, den Menschen Wahrheit zu sagen.
„Immer habe ich darauf bedrängt: Sagen Sie mir, wenn ich ein Dummkopf bin, wenn Ihr der
Meinung sind, aber sagen Sie mir es.“
„Ich werfe mir manchmal vor, was ich falsch gemacht habe: ich kann es nicht loswerden.“
[…]
„Mir wurde gelehrt, dass man die Fehler der Anderen schweigsam ertragen muss…“
<78/79>
Henri Matisse im Gespräch mit Bruder Rayssiguier, am 9. 2. 1949
„Das Ergebnis ist für mich ein Rätsel. Ich, welcher immer bemüht war, das eigene Arbeitsvorgehen
zu erörtern, kann ich mir das nicht erklären. Ich habe den Eindruck, als ob das jemand
Anderes geschaffen hätte.“
[…]
„Alles, was schön ist, ist einfach.“
„Alles, was ernsthaft ist, ist religiös.“
Aus dem Tagebuch von Vater Couturier, Mitte Februar 1949
„So konnte ich mir allmählich während meiner Zusammentreffen mit Braque, Matisse, Picasso
und Chagall all dasjenige bestätigen, was ich mir schon seit so langem gedacht hatte
und was ich über das künstlerische Schaffen gesagt habe: nämlich dass es irrational ist, unabsichtlich
und rein spontan. Die inneren Regeln jedes Werkes hängen von einem Kanon universeller
Schönheit ab, der allein an sich ebenso unergründlich ist wie die individuelle Schön-
14
heit jedes Werkes, und zum Ausdruck bringen lässt er sich lediglich per Analogie. „Dasjenige,
was man in der Kunst mit den Worten zur Äußerung bringen kann, das zählt nicht.“
(Matisse)
Zuletzt, bei Matisse. Danach, als er zum zweiten Male eine große Zeichnung des Vorschlags
für das Glasfenster hinter dem Altar in Vence verworfen hatte, fand ich ihn vor einem Packungspapierblatt,
auf welchem eiserne Konturen und äußere Umrisse aufgezeichnet waren…
Offensichtlich hatte er keine Idee gehabt, er wusste gar nicht, was er unternehmen wird. Ich
habe ihn gefragt, was denn nun. Er hat mir gesagt: „Wahrscheinlich fange ich mit einem farbigen
Fleck an, und das Weitere kommt schon danach.“ Er hält immer noch (allerdings gar
nicht dogmatisch, eher als ein Arbeiter) an dieser lebendigen, organischen Einheit eines
werdenden Werkes fest.
Henri Matisse im Gespräch mit Bruder Rayssiguier, am 11. 3. 1949
„Es ist abzuwarten, die Wahrheit werde sich letztendlich immer durchsetzen.“
Henri Matisse im Gespräch mit Bruder Rayssiguier, am20. 3. 1949
„Alle denken, dass diese Änderungen lediglich meine Kapritze sind, aber das stimmt ja
nicht…“
[…]
„Ich suche… Ich habe das bereits fertiggemacht, ich kann nichts mehr hinzumachen. Ich bin
davon etwas durcheinander; es ist unangenehm, ich habe daraus kein Gefühl einer Befriedigung.“
[…]
Ich arbeite, mein Weg ist mühsam und krummartig, und wenn ich fast am Ende bin, habe ich
das Gefühl, dass ich vor der Tür des Ergebnisses bin… Und sobald ich mich wieder auf den
Weg zum Bild gebe, muss ich auf Neue anfangen.“
[…]
„Die Bilder, die ich fertiggemacht habe, lasse ich so, dass ich an sie sehe. Das ist die größte
Prüfung: wenn ich irgendwelche Mängel innewerde, korrigiere ich sie, aber wenn es nicht
geht, lasse ich sie dort.“
15
<79/80>
Aus dem Tagebuch von Vater Couturier, am 31. 3. 1949
Manche heutigen jungen Künstler sind nicht imstande, seinen eigenen Ausdruck zu finden,
da die Worte, die sie in Anspruch nehmen könnten, unausweichlich die Worte von Picasso,
Matisse, Rouault und Braque sind. Er hat erwidert: „So ist es doch immer mit allen Generationen.
Alles wurde ausgesagt, und gerade durch diese Mauer bemüht sich jede Generation
durchzukommen. Gerade deswegen, dass Sie von einer Mauer umklammert werden, suchen
Sie weiter.“
Was lässt sich also den jungen verzweifelten Künstlern empfehlen? „Viel arbeiten… Rodin
pflegte zu sagen, dass es nötig ist, viele Stunden täglich zu arbeiten. Er hat einen seiner Schüler
gefragt, was dieser in der letzten Zeit gemacht hatte, und er erwiderte ihm: „Ich habe
nichts fertig getan, doch ich habe sehr viel nachgedacht.“ Darauf hat Rodin reagiert: „Passen
Sie gut auf: mit zwanzig Jahren hat einer im Kopf viel Blödsinn. Es ist notwendig, bescheiden
zu arbeiten.“
Aus dem Tagebuch von Vater Couturier, am 1. 4. 1949
Eines Tages habe ich Lilien (für Mallarmé) gezeichnet, ohne eigentlich so ganz gut zu
wissen, was ich tue. In dem Augenblick hat an der Tür Pierre geklingelt. Ich habe nach ihm
gerufen: „Geh jetzt nicht herein, lauf weg und komm später.“ Die kleinste Ablenkung kann
nämlich alles kaputtmachen.
Henri Matisse im Gespräch mit Bruder Rayssiguier, am 2. 4. 1949
Jacqueline sagte zu mir, dass sie von Matisse gefragt worden war, warum wir uns gestern so
„viel hin und her gewundert“ hatten, als er mit Vater Couturier über den Vorschlagsbildern
des Kreuzwegs redete. Er arbeitet nämlich immerfort erhaben, still und in sich eingenommen.
16
Brief Henri Matisses an Bruder Rayssiguier, am 3. 4. 1949
„Immer bestehe ich darauf, dass es am wichtigsten ist, sich auf die tatsächlich fähigen Menschen
zu verlassen — und nicht auf die Bewunderer, obgleich die Kontakte mit diesen sosehr
angenehm sein sollten.“
(Anmerkung von Lydia Delector: Bruder Rayssiguier hatte gelegentlich lange depressive
Zeiten durchgemacht, während welcher er, obschon er für den Bau der Kapelle Feuer und
Flamme war, ohne einen Grund anzugeben ganze Wochen nichts unternommen hat. Matisse
hat das immer aufgeregt. Da er seit seiner Operation im Jahre 1941 wie ein Mensch lebte, der
„mit einem Fuß im Grabe“ weg ist, war jeder Zeitverlust für ihn unerträglich, insbesondere
wenn er dessen Ursache nicht kannte. Für ihn war die Kapelle das Wichtigste. Es war sich
dessen bewusst, dass es ein Ereignis in der Weltkunst wird, und war der Meinung, dass sich
alle Beteiligen bedingungslos der Sache opfern sollten, um so mehr die Ordenleute, welche
dies zweifach betrifft.)
Henri Matisse im Gespräch mit Bruder Rayssiguier, am 12. 4. 1949
„Meister, was ist zu tun, wenn ich irgendein Gemälde echt sehr schlecht finde, und sein
Autor fragt mich dabei nach meiner Meinung über das Werk. Was soll ich ihm sagen? Wenn
ich ihm die Wahrheit sage, verletze ich ihn.“ <80/81>
„Sagen Sie ihm, dass es interessant ist. Nur sehr wenige Menschen verdienen es, dass wir ihnen
die Wahrheit sagen. Ihre Ablehnung könnte einige Menschen ganz hart verletzen und sie
hätten dann keine Mut weiterzumachen.“
[…]
„Wenn Sie nicht aus der Branche sind, werden Sie so behandelt werden, als ob Sie sich in der
Sache nicht auskennen sollten; und wenn Sie das doch sind, wird es Ihnen unterstellt werden,
dass aus Ihnen die Eifersucht spricht, und so landen Sie wiederum dort, wo sie gewesen
waren.“
„Lassen Sie die Menschen, damit sie darauf selber kommen; nichts anderes können Sie damit
anfangen.“
„Das ist kein Gewerbe; es ist, als ob Sie ein Kind ins Wasser schmeißen würden.“
17
„Manche Maler sind zeitlebens erfolglos auf de Suche: weil sie mehr Intelligenz als Gefühl
besitzen.“
Henri Matisse im Gespräch mit Bruder Rayssiguier, am 7. 5. 1949
Er ist in Nizze angekommen: den ganzen Monat hat es geregnet. Er machte ein paar Portraits.
Und dann eines Tages hörte es auf zu regnen, und es wurde herrlich hell. Das Licht in Nizze
besitzt eine Einzigartigkeit, und zwar alles, was den Sonnenstrahlen entgegengestellt wird,
wird von ihm eingenommen, wird quasi grau, und das, was im Schatten siecht, wird farbiger
als das, was im Sonnenlicht badet.
Henri Matisse im Gespräch mit Bruder Rayssiguier, am 25. 5. 1949
„Cézanne ist kein Impressionist.“
Als ich einmal Vater Pissare gefragt hatte, wer ein Impressionist ist, sagte er zu mir: „Ein Impressionist
ist ein Mensch, der nie ein Bild zweimal malt; ein Klassiker umgekehrt produziert
das ganze Leben dasselbe.“
[…]
Ein Klassiker strebt nach einem immer gleichen Gleichgewicht der Masse. Er malt immer
wieder ein Bild, als ob es ein Gebet wäre, welches ihn in Entzückung bringt.
[…]
„Zunächst“, hat er gesagt, „beginne ich mit einer deskriptiven Zeichnung; das mag so etwa
eine Stunde von zwei Stunden Sitzung dauern. Es interessieren mich am meisten die Verhältnisse
zwischen den Dingen: daraus entsteht dann ein inneres Bild (er zeigt auf seinen
Schädel), welches sich durchsetzt.“
Henri Matisse im Gespräch mit Bruder Rayssiguier, am 29. 5. 1949
Man muss sich jene richtigen Grundsätze aufstellen und dann an ihnen festhalten, wie beispielsweise
solche, über welche ich mit Ihnen gestern gesprochen habe: tue gut das, was dutust, oder keine Ausreden. Nicht sein wie manche jungen Maler, welche nach der Arbeit mit
den teuersten Farben fordern. Ich wurde immer kritisiert, zur Seite geschoben, und das noch
immer ein bisschen. Und immer, wenn ich von der Kritik verfolgt wurde, stürzte ich mich in
18
die Arbeit mit noch mehr Verve. Andere suchten Zuflucht bei den Katholiken, Juden oder
Freimauern, ich blieb immer bei meiner Arbeit. <81/82>
In dem Augenblick, als ich keinen Widersacher mehr hätte, begänne ich mich zu langweilen:
ich hätte niemanden mehr gegenüber mir… Es wäre wie das Boxen in die Leere.“
Henri Matisse im Gespräch mit Bruder Rayssiguier, am 12. 6. 1949
Sie sind Akademiker und verdienen eine schulische Umgangsweise. Bestimmt führen sie unendliche
Diskussionen darüber, wie ich, mithilfe der flächenmäßig gelegten Farben, wie sie
das nennen, den Raum kreiere.
[…]
„Einen überfällt aus solcher modernen Kunst überfällt eine wirkliche Panik.“
„Es ist grauenvoll, wie es einfach ist.“
„Ist es wahr, dass Cézanne zu Ende seines Lebens empfohlen hatte, lediglich mit den geometrischen
Formen zu arbeiten?“
„Ja schon, er hat gesagt, dass es möglich ist, alles auf Würfel und Kugeln zu reduzieren.
Diese Äußerung muss allerdings in den Kontext gesetzt werden, in dem er sie ausgesprochen
hatte, nämlich in der Auseinandersetzung (damit er provozierte). Als ich Picasso gefragt
hatte, was der Kubismus ist, hat er zu mir gesagt: ‘Kubismus? Keine Ahnung, fragen Sie bei
Juan Gris.’ Bedeutungslose Maler brauchen Etiketten, um sich irgendwohin eingliedern zu
können.
Henri Matisse im Gespräch mit Bruder Rayssiguier, am 22. 7. 1949
Über junge Maler hat er mir gesagt, dass sie alles gleich sofort verwirklichen möchten, dass
das ihr innigstes Ziel sei, und daher ihre Kunst schlecht sei. Im Rahmen seiner persönlichen
Entwicklung wurde es sich dessen bewusst, dass er nie mit einem schnelleren Tempo
voranschreiten konnte; er hatte einfach „Schritt gehalten“. Und sollte ihm jemand gesagt
haben, dass er in achtundvierzig Stunden stirbt, hätte er sowieso nicht schneller arbeiten
können. „Sie hängen sich auf die Äste, anstatt auf den Wurzeln aufzubauen.“ Er sagte ebenso,
dass er sehr gut versteht, dass sie sich von der vorherigen Generation abheben wollen.
19
Henri Matisse im Gespräch mit Bruder Rayssiguier, am 27. 9. 1949
Er fragte mich nach meiner Meinung zu Picassos Ausstellung, die ich mir angeschaut hatte.
Als ich ihm gesagt habe, dass sie auf mich gar nicht, weder mit so vollem und erschöpfendem
Eindruck noch mit Vollkommenheit der Mittel, so gewirkt hatte wie die Bilder Matisses, erwiderte
er, dass die Bilder Picassos eine große Einfachheit aufweisen, welche aus ihnen zu
empfinden ist.
[…]
Er hat zu mir gesagt, dass demjenigen, das Picasso in der letzten Zeit macht, „die Dichte
fehlt. Nun ist es bloß so ein Schwatzen. Sagen Sie das allerdings niemandem, dass ich das gesagt
habe. Es ist für mich eine sehr schöne Romanze (insbesondere seine blaue und rosarote
Periode).“
Henri Matisse im Gespräch mit Bruder Rayssiguier, am 9. 1. 1950
Wie haben darüber gesprochen, wie die Menschen auf sein Alter reagieren. Über die Art und
Weise, wie sich die Menschen zu jemandem benehmen, der achtzig ist: „eine Statue“, „er
entwickelt sich nicht mehr“…
„Wenn ich sage, dass ich mich noch entwickle, wollen sie mir nicht glauben.“
<82/83>
Henri Matisse im Gespräch mit Bruder Rayssiguier, am 17. 2. 1950
Kreuzweg: Er hat sich den Kreuzweg in der Phase angeschaut, in welcher ich ihn damals
auch gesehen hatte, und er hat zu sich gesagt, dass er schon fertig sei; mit einer Erleichterung
legte er sich wieder. Und dann kehrte er zu ihm wieder zurück und hie und da hat er noch etwas
nachgebessert.
[…]
Er hat mir wiederholt erzählt, dass das Bedürfnis, zu dem zurückzukehren, was er gemalt
hatte, zu ihm aus dem Inneren kommt und dass er ihm folgen muss: „Es ist das Bemühen
eines Häftlings, der sich befreit.“
[…]
Er hat sich geäußert, dass das [der Kreuzweg] einen Funken hat.
20
Aus dem Tagebuch von Vater Couturier, am 29. 2. 1950
„Die Künstler besitzen die Fähigkeit, die Ereignisse ihrer Zeit zu vermitteln, sie tun dies
allerdings mithilfe von Zeichen, welche nicht für Alle leserlich sind…“
[…]
„Was ist Ihre Meinung über Picasso?“ Ich habe geantwortet: „Verehrte Fräulein, nehmen Sie
die Bilder von Picasso nicht auf die leichte Achsel. Sie sind sehr ernsthaft zu nehmen. Diesen
Mann kenne ich bereits seit vierzig Jahren. Das, was er macht, macht er mit dem eigenen
Blut.“
Aus dem Brief Henri Matisses an Vater Couturier, am 27. 2. 1950
Der Kreuzweg ist nun fertig. […] „Ich mache mir Sorgen, dass dieses Bild nicht positiv angenommen
wird. […] Es ist aus ihm ein Drama zu spüren. Es ist ein dem Kalvarienweg von
Bretagne ähnlich konzipierter Kalvarienweg. Ich habe dabei sehr viel für mich gewonnen.
Seine Durchführung mag ziemlich roh sein, die Mehrheit derjenigen, die ihn sehen werden,
kann das eher zur Abneigung bewegen. Gott aber hatte meine Hand geführt. Was sollte ich
tun? Einzig sich beugen — den Anderen kann das allerdings nur schwer erklärt werden.“
Aus dem Brief Henri Matisses an Vater Couturier, am 21. 3. 1950
„Mein Verstand verbietet mir, darüber zu viel zu grübeln, da ich daran [an der Kapelle]
nichts ‘aus dem eigenen Willen’ getan habe, nämlich ohne all das, was ich tue, nicht als notwendig
zu empfinden. Ich hatte das Ende des Wegs erreicht, welcher sich für mich in einen
Sackweg wandelte.“
Aus dem Brief Henri Matisses an Vater Couturier, am 27. 4. 1950
„Lieber Vater, nach den jedem Bemühen eigenen Problemen nähern wir uns nun zu einem
siegreichen Ende.“
21
Aus dem Tagebuch von Vater Couturier, am 28. 8. 1950
Matisse hat mir ein Gespräch nacherzählt, welches er mit Cortot führte, als er dessen Bildnis
gemalt hatte. Es sagte zu ihm, dass es ergreifend gewesen sein musste, Beethovens 9. Symphonie
direkt von Beethoven selbst wiedergegeben zu hören. „Na das kaum“, meinte dazu
Cortot, „es gäbe daran gar nichts Interessantes.“ Ein geniales Werk übersteigt die Vorstellung,
welche über das Werk der Autor selbst hat: Erst eine andere, außergewöhnlich (und auf
eine andere Art und Weise) begabte Person ist dann imstande, all seine Größe zu enthüllen.
<83/84>
Aus dem Tagebuch von Vater Couturier, am 18. 2. 1951
Matisse. — „Möchten Sie sich der Malerei widmen? Dann schneiden Sie sich zuerst die
Zunge aus, denn ab jetzt werden Sie sich nur noch mit dem Pinsel ausdrucken.“
Aus dem Tagebuch von Vater Couturier, im April 1951
Diejenigen, die jenes Glück und jene Ehre gehabt hatten, Matisse in jenen vierzig Jahren näher
zu kennen, als Tag und Nacht die Kapelle in Entstehung begriffen war — zunächst
allerdings in seinem Inneren, in einem Geheimnis seiner Seele —, die wissen, wie Monat für
Monat, Woche für Woche allmählich das eine Projekt nach dem anderen zustande gekommen
ist, und wie diese dann um den Preis vieler Opfer immerfort vereinfacht wurden.
[…]
Andere werden sagen: „Also das ist lediglich das hier?“ Eben, das ist nur das hier, es ist nur
noch das da: alles Andere wurde auf dem Weg geopfert, liegend verlassen an dessen Rande,
damit es möglich wurde, weiter und höher zu gelangen.
Aus dem Tagebuch von Vater Couturier, am 23. 6. 1951
„Sie können auf sich stolz sein.“ Er hat geantwortet: „Ich bin zufrieden, aber ich bin niemals
auf das stolz gewesen, was ich mache. Jedes Mal, wenn ich an etwas mit meinen zehn fingern
gearbeitet habe, wie ich es am besten konnte, legte sich plötzlich in die Sache etwas rein, was
mit mir nichts zu tun gehabt hatte, was von irgend anderswo eingetroffen ist, und hat das
Werk zu Ende geführt. Einer tut, was er kann, und in dem Augenblick, als er schon zu Ende
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kommt, kommt her eine himmlische Kraft, um das Werk abzuschließen… Nächstes Mal
müssen Sie allerdings von Anfang an beginnen. Haben Sie Vertrauen, machen Sie weiter fort,
es kommt schon wieder unterwegs an Sie.“
Über seine Eltern: „Alles, was ich getan haben, stammt von meinen Urhebern, den bescheidenen,
aber aufrichtigen Menschen ohne zu viel Hab und Gut.“
„Mein ganzes Leben habe ich das Lügen gemieden, ohne sich in etwas zu verwickeln: fürs
Lügen war ich nicht genug schlau.“
Über Picasso: „Er wendet sich mit dem Rücken zu seiner eigenen Wahrheit: als ob ein feiner
Mann zu einem Bauer werden möchte, dem Stroh aus den Holzpantoffeln raushängt.“
Frau Lydia sagt zu ihm: „Quatschen Sie nicht so über Picasso…“ Sie ist aber nicht der Meinung,
dass er solche Bemerkungen auch anderen erzählen würde. Sie weißt auch, dass ich es
nicht weiter durchlasse.
Er hat mir erzählt, dass zu ihm letzte Woche Picasso mit Françoise zu Besuch kam. Der hat
ihm zehn große Landschaften zum Anschauen gebracht und wollte seine Meinung hören.
„Zehn Landschaften! Er musste wohl eine wirklich große Krise durchgemacht haben…“
Aus dem Tagebuch von Vater Couturier, am 9. 8. 1951
Matisse. — „Das ist tatsächlich interessant! Wir beherrschen die Sachen nicht, wir selbst
werden geherrscht. Ich bin ein bloßer Diener.“
Das Echo, welches die Kunst Matisses in der Welt erreicht hatte, könnte gar nicht erklärt
werden, wenn dieser Mann nicht ein bestimmtes Niveau der Vollkommenheit erreicht hätte:
und diese Vollkommenheit erreichte er <84/85> durch das eigene Ergreifen der Möglichkeiten
und der Kraft der Malerei, noch mehr aber durch das heroische Bewusstsein dessen, was
solch eine Reinheit der Mittel und Möglichkeiten in einem Werk und Leben erfordert. Matisse
gehört zu denjenigen zuletzt sehr seltenen Menschen, für welche ein Zweck die Mittel
nie heiligt, für welche es umgekehrt allein durch eine extreme Befreitheit der Mittel möglich
ist, ein bestimmtes Ziel, eine Abstraktion zu erreichen. Gerade dadurch strahlte er in die
ganze Welt aus, und obwohl er nie vorhatte, sich zu gefallen, hat er sich letztendlich durchgesetzt
und die Malerkunst seiner Zeit verändert.
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Was überdauert, ist nicht ein Stil, sondern Mensch. Denn „die Art und Weise, das ist der
Mensch selbst…“ Wirklich lebendige Menschen erfinden Weisen, auf welche sie sich zur
Äußerung bringen können, und erneuern sie ständig.“
Als Matisse über die Stationen des Kreuzweges redete, von denen er die Skizze immer
wieder aufs Neue angefangen hatte, sagte er: „Einer muss das in dem Maße auswendig
kennen, damit er das mit geschlossenen Augen zeichnen kann…“
Jede Befreitheit bedeutet einen schmalen Gipfel: unter ihm stapeln und drängen sich
Tausende von unbekannten Sachen, welche ihm geopfert wurden und welche dessen Grundlage
bilden. Ohne diese Opfer, auf welche sich einer im Inneren einlässt, oder, wie man es
auch sagen kann, ohne viele Entscheidungen zu treffen, ist keine wirkliche Einheit möglich.
Das Mit-den-den-geschlossenen-Augen-Zeichnen heißt auch vergessen.
Aus dem Tagebuch von Vater Couturier, am 14. 8. 1951
Ich hatte über die Schulen geredet, welche nur aus einem geheizten Atelier, ohne Professoren
und kostenlos, bestünden. Er sagte dazu: „Gerade umgekehrt: es ist nötig, dass der Mensch
im Atelier vor Kälte stürbe und seine Professoren miserabel wären; das hauptsächlichste ist
nämlich, alles Leichte zu beseitigen.“
Aus dem Tagebuch von Vater Couturier, am 21. 1. 1952
Was Vence betrifft, hat einmal Braque zu mir gesagt: „Es liegt vielleicht daran, dass ich Matisse
zu gut kenne: aber wenn ich schon einmal zu Besuch zum Herrn Gott gehe, stört mich
die Vorstellung, dass mir die Tür gerade von Matisse geöffnet wird.“ Daran ist etwas Wahres:
Damit die Kunst tatsächlich sakral wäre, sollte sie mehr oder weniger anonym sein. Es
sollte sich uns keine individuelle Persönlichkeit aufdrängen.
Aus dem Brief von Vater Couturier an Henri Matisse, am 6. 6. 1952
„So ist das Leben, und wir müssen uns damit abfinden: derjenige unser Teil, welcher der
Reue und des Leidens fähig ist, ist der beste Teil unseres Wesens. Es ist also gut, dass wir
leiden, und es wäre ein Fehlen, das Leiden schnell loswerden zu wollen.
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Aber gerade deswegen der Gedanke an die Menschen wie Sie und an alles, für was wir ihnen
dankbar sind und für immer dankbar bleiben — die Freude, innere Freiheit und geistige Erhebung,
macht mich stärker. Ich bete zu Gott, damit er diesen Trost auch Ihnen spendete, damit
er Sie darüber in den unausweichlichen Augenblicken der Trübsal überzeugte.
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Aus dem Tagebuch von Vater Couturier, am 20. 6. 1952
„Ich bin wie ein Mensch, welcher sich auf eine Reise vorbereit, die Koffer sind schon eingepackt
und er auf den Zug wartet, von welchem er weiß, dass er in jedem Augenblick ankommen
sollte.“
„Manche Menschen würden gerne zum Anfang ihres Lebens zurückkehren. Ich nicht. Ich
habe meine Aufgabe erfüllt; ich möchte nicht von Anfang an wieder anfangen.“
Er zeigte mir aus dem Papier ausgeschnittene große blaue Bilder, welche geduckte Frauen
darstellten. Er sagte mir, dass er sich damit auf neue Gemälde vorbereitet — wiewohl er nicht
weißt, wie sie sein werden.
„Immer habe ich wie ein Mameluck gearbeitet, welcher auf die Pforte herumschlägt.“
Aus dem Tagebuch von Vater Couturier, im Juli 1952
„Ein Gemälde ist eine in dem Maße aufwendige und komplizierte Angelegenheit, dass es notwendig
ist, ihr alle Zeit zu opfern. Falls sich der Maler noch der Politik widmen will, dann
wird er sich nur nach seinen Emotionen richten und alles geht Bach runter, oder er wird
einfach Andere kopieren…“
Sambat, der ihn gefragt hatte, wen er wählen wird, soll er gesagt haben: „Denjenigen, welcher
am fortschrittlichsten ist, da es die Menschen, die stagnieren, immer genug gibt. Daher
ist es notwendig mit denjenigen zusammenzuhalten, welche nach vorne hinausführen.
Allerdings mit so einer Einstellung habe ich niemals gewählt.“
Matisse hat mir erklärt, dass Christus als der einzige in der Kapelle ein gemaltes Antlitz bekommen
hat (auf Veronikas Tuch), damit es klar wird, dass einzig Er uns sein Wesen vorlegt,
während bei den Heiligen wir alle das Recht haben, sich sie selber vorzustellen.
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Aus dem Tagebuch von Vater Couturier, im Juli – August 1952
Vater McClynn hat bei einer Gelegenheit Matisse gefragt, ob er, falls er nicht für die Ordensschwester
gearbeitet hätte, sondern für Landleute, seinen Gestalten auch Augen und Münder
gemalt hätte.
„Ehest schon.“
„Und sind Sie der Meinung, dass sie noch stets genauso wahrhaft wären?“
„Selbstverständlich, lediglich weniger expressiver…“
Ausgewählt von Dom Samuel OCSO, Vorsteher des Klosters in Neuhof
Aus dem Französischen Original: Henri Matisse, M.-A. Couturier, L.-B. Rayssiguier: La Chapelle de
Vence. Journal d’une création. Paris, Cerf 1993 übersetzt von Zuzanna Bedrichova
Anmerkung:
Lydia Delector war Matisses Assistentin in seinen letzten zwanzigen Jahren seines Lebens.
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Henri Matisse (1869–1954), heutzutage gehalten für einen der bedeutendsten Künstler des
20. Jahrhunderts, wollte zuerst nicht ein Maler werden. Er studierte Jura und mit dem Malen
hat er erst bei der Rekonvaleszention nach der Operation des Blinddarms. Danach ging er
nach Paris, um dort bei Gustav Moreau zu studieren. Seine künstlerische Anfänge sind verknüpft
mit dem Impressionismus. Im Jahre 1905 geling ihm ein malerischer Durchbruch, als
er den pointilistischen Stil überwunden hat, indem er kleine Flächen zu größeren Einheiten
zusammengebunden und ihren Kontrast versteigert hat. Dank diesem Stil — heutzutage bekannt
unter dem Namen Fauvismus — wurde er berühmt. Bekannt sind beispielsweise die
Bilder Der Tanz und Die Musik. Später hat er sich ebenso der Graphik und den Kompositionenaus ausgeschnittenen Papieren (Zyklus
Jazz und Baudelaires Blumen des Bösen) gewidmet.
Im Herbst des Lebens hat er an der Realisierung der Kapelle in Vence gearbeitet (Eröffnung
der Kapelle 1951) und für die Kirche in Assy hat er den Vorschlag der Gestalt des
Heiligen Dominik gemacht (1948).
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Marie-Alain Couturier OP (1897–1954), ein Maler, Dominikaner und ein Freund der französischen
Künstler, hat sich zeit seines ganzen Lebens der Frage nach der Beziehung der Kirche
und der modernen Kunst gewidmet. Er war der Chefredaktor der in seiner Zeit bedeutendsten
französischen Zeitschrift über die sakrale Kunst L’Art Sacré, welcher Ziel nichts
Kleineres als die Wiederbelebung der christlichen Kunst in Frankreich war. Im Herbst des
Lebens nahm er nach dem unfreiwilligen aber inspirativen Exilaufenthalt in den USA während
des II. Weltkrieges an die Realisierung eines der schönsten sakralen Bauten des 20.
Jahrhunderts teil: Plateau d’Assy, Vence, Audincourt, Ronchamp, La Tourette. Über Vater
Couturier ist in der Zeitschrift Salve eine Studie erschienen: Norbert Schmidt: „‘Duch vane,
kam chce’. Portrét Marie-Alain Couturiera OP“ [‘Der Geist weht, wohin er will’. Das Portrait
von Marie-Alain Couturier OP]. In : Salve 2004/4, S. 55-75.
Louis-Bertrand Rayssiguier OP (1920–1956), ein Dominikaner, der angefangen hatte, sich
mit der Architektur und modernen Kunst ohne jegliche Vorbereitung erst bei der Zusammenarbeit
mit Matisse, Perett und Couturier bei dem Bauen der Kapelle der Dominikanerinnen in
Vence zu beschäftigen. Vence ist allerdings nicht die einzige architektonische Tat des jungen
Dominikaner geblieben. Im Jahre 1954 hat er angefangen, an einem Neubau einer Eremiteneinsiedelei
Saint-Rouinen-Argonne in den Wäldern bei Argonne zu arbeiten. Er hat einen
einfachen Betonkubus auf den Abstützungen von corbusierschen Gestalten und Gemessenheit
vorgeschlagen. Eine der Interessantheiten der Kapelle ist die Tatsache, dass die Glasfenster
[Vitragen] nach den Vorschlägen von Kimié Bando, einem zehnjährigen japanischen
Mädchen, ausgefertigt wurden. Bruder Rayssiguier ist allerdings nach einer langen Krankheit
bereits im Jahre 1956 im Alter von 36 Jahren verstorben, so dass aus der Eremiteneinsiedelei
lediglich die Kapelle fertig gemacht wurde (1961).
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k.o.
23.9.2008 by admin.
gerade aus frankfurt zurück. der meister zieht die daumenschrauben an… die zeit die bleibt wird rar. wahrscheinlich verschwinde ich hinter dem bücherturm, den er zu lesen befohlen hat. adee schöne welt, ich gehöre der wissenschaft )o:
(o;
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