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September 2008
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im vorarlberg

ernst krenek

das land “vor” dem arlberg, das für uns freilich hinter dem arlberg liegt, dieses letzte stück “vorderösterreich”, hat eben wegen dieser lage und weil es das von uns wienern entfernteste ist und irgendwie in eine andere welt hineinzureichen scheint, eine besondere anziehung für uns. in unserer vermutung von allelei unerwarteten merkwürdigkeiten werden wir auch nicht getäuscht. welche fülle von abendteuern eröffnet sich dam, der fafür sinn und gefühl hat, schon wenn er die landkarte aufschlägt und die namen von orten, fluren, bergen, alpen und böchen, besonders im südlichen vorarlberg, zu lesen beginnt! es sind jene rätischen nomenklaturen, die jedem besucher von graubünden vertraut sind - aber dort wohnt ja auch noch ein stamm, der dieses selstame, vom ebenmass anderer romanischen sprachen durch rauhe und zarte, aber stets in barocker weise ausschweifende bildungen unterschiedene idiom heute noch spricht. im vorarlberg ist die fülle fremdartiger namen aber nur noch ein zeugnis längst verschwundener besiedelung durch jenes eigenartige volk, so dass sie als ein namenszauber im eigentlichen sinn, als beschwörung einer märchenwelt des wohllautes zu wirken scheint. während in dem geklirr der bündnerischen namen, wie bonaduz, rhäzüns, alvaneu, auf grund einer obskuren wahlverwandtschaft, die nur für den nicht so abwegig ist, der daran glaubt, dass keinem menschen und keinem ding sein name “zufällig” zufällt, die rauhe, kriegerische, dem protestantismus zuneigende art jenes kantons aufzuklingen scheint und die atmosphäre des jürg jenatsch manifestiert wird - ausgenommen davon sind dubime und engelhafte bildungen wie silvaplana, sils-maria, die mit recht orte bezeichnen, an denen die erde dem himmel anzugrenzen scheint -, so sind charakteristisch für vorarlberg jene sanften, viersilbigen kadenzen, wie tschiffanella, valisera, tilisuna, gamperdona, fontanella. es tönt wie die namen verzauberter naturgöttinen, die hier in alpe, tal und see gebannt sind, märchenhaftund spielerisch, wie figuren aus marterlincks gebrechlicher mythologie oder gestalten aus zauberopern. manche dreisilibige bezeichnungen klingen männlicher, bleiben aber immer in der grazilen sphäre des unwirklichen: mustrigil, suggadin, tromenir;so könnten die drei knaben aus der zauberflöte heissen. es sind aber alpen und bäche im montafon, die so genannt werden. dieses unbewusste festhalten des leuchtenden schattens einer alten, versunkenen traumwelt durch die verscheidensten, ganz anders gestalteten und rauhen gegenwarten ist aber ein recht österreichisches element.

(…) was als offenkundige und altbekannte eigenart dieses landes und als starker unterschied gegen innerösterrich sehr kräftig in erscheinung tritt, ist das alemannische wesen, das schon in der sprache der bevölkerung sogleich auffällt. während, wenigstens für das wissenschaftlich unkontrollierte ohr, die dialekte des unterlandes, im rheintal und am bodensee, mehr dem schwäbischen des allgäus zuneigen, scheinen die des gebirges sich eher dem schyzerdütsch anzunähern. der gesamthabitus des landes dürfte aber eher dem der angrenzenden schweizer kantone ähneln als dem der reichdeutschen schwäbischen landschaften, die wohl schon früher stärker in den oberbegriffen bayern und würtemberg aufgingen als vorarlberg in der kategorie österreich und später einer immer durchgreifenderen gesamtdeutschen “gleichschaltung” anheimfiehlen. (dass wir allemannen am ostufer des bodensees mehr in die kategorien bayern und würtemberg aufgingen, kann nur im vergleich mit vorarlberg so stehen gelassen werden. wir sind es nicht! aber vorarlberg ist nunmal noch viel weniger homogen in der kategorie österreich als wir. anmerkung der redaktion;o)

zu den kennzeichen einer mehr schweizerischen mentalität gehört der starke trieb zur individuellen behauptung kleiner und kleinster einheiten, von rationalistischen quanitätsanbetern sehr zu unrecht als kantönligeist verlacht. hier legt jeder ort, jede talschaft den grössten nachdurck auf ihre eigene geschichte, ihre besondere tradition, ihre eigentümliche dialektnuace, und was im bregenzer wald recht ist, mag in lustenau und hohenems noch lange nicht billig sein. jeder zusammentritt zu grösserer gemeinschaft geschieht nur unter der voraussetzung vollkommener anerkennung der besonderen eigenart, und das ist sehr gut so. auf diese art weist das land, wenn man ihm und seiner geschichte nähertritt, eine erheblich grössere dichte auf als die österreichische provinz sonst. gewiss hat auch in anderen ländernjede kleinere einheit ihre besondere tradition und eigenart, aber dort sind diese dinge zugunsten der weiträumigen zusammenfassung des alten grossstaats viel mehr in den hintergrund getreten, so dass die innerösterreichische provinz heut eleicht einem allui homogenen charakter und darum eine gewisse geistige flachheit aufweist, die ihrem inneren reichtum keineswegs entspricht und in der gegebenen kleinheit des gesamtstaates auf die dauer verhängnisvoll sein muss. (hier sollte das beispiel der schweiz mit ihren zahlreichen geistigen zentren anlass zu einem differenzierungs- und regenerationsprozess geben.) im vorarlberg hingegen hat sich durch die bewusste tradition der lokalgeschichte vieles an der rechtlichen und anderen partikularitäten und an besonderen brauchtümern lebendig erhalten, was anderswo verwischt oder in eine rein museale, unlebendige sphäre zurückgedrängt wurde. dieser umstand ist zweifellos geeignet, das selbstbewusstsein und die innere festigkeit der aus solchem verhältnissen hervorgegangenen menschen zu heben, und ist sicher der grund für die besondere bewährung der politischen begabungen dieses landes in leitenden stellen des gesamtstaates. aus dieser haltung ergbit sich nämlich nicht etwa ein kleinlicher provinzialismus, wie man annehmen könnte, sondern vielmehr eine gewisse sichere weltoffenheit. als negativ könnte man höchstens gelegentlich einen schuss pedanterie wahrnehmen, der übrigens allen demokratischen staatsbildungen der alemannen als eine art korrektiv der freiheit beigegeben ist. im vorarlberg ist dieser zug durch das alte österreichische element sehr glücklich ausgeglichen. (…) in der talschaft montafon, die ursprünglich zum kloster st. peter bei bludenz gehörte und darum zwei gekreuzte schlüssel im wappen führt, hatte sich in unbekannter zeit der brauch eingebürgert, bei besonderen anlässen dieses wappen mit der päpstlichen tiara zu krönen. als am ende des siebzehnten jahrhunderts jemand den montafonern riet, zur sanktionierung dieses brauches die bewilligung des heiligen vaters einzuholen, und als im zuge der darauf von kirchlicher seite eingeleiteten erhebungen über die entstehung der auffälligen übung zeugen aus dem tal einvernommen wurden, kam folgende legende an den tag: als einstens der papst zum konzil nach konstanz gereist sei, habe au der von ihm projektierten reiseroute die pest gewütet; da hätten ihn die montafoner gewarnt und ihn auf ihren schultern über die joche der berge getragen, damit er sicher ans ziel gelange, und als belohnung habe er ihnen gewährt, die dreifache krone im siegel zu führen. (…)

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