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Archive für 12.9.2008
nantes, palais de justice. hamburg, houston, rothko.
12.9.2008 by admin.
aus der grün-braunen septemberlandschaft auf der zugstrecke südlich von hannover überragt ein grosser weisser sandberg die landschaft und wirkt unwirklich und fremdartig. keine erhöhung, kein berg gehört zu dieser landschaft und dann dieser künstliche, weisse fremdkörper. in seiner reinen weissen farbe strahlt er etwas geisterhaftes, metaphysisches aus. das weiss kontrahiert die erdtöne, überhöht die ohnehin transzendete wirkung eines berges in mitten von leicht welligem land.
farbe und nichtfarbe wirken. weiss und schwarz gegen die farben der elemente: blau, wie wasser und luftiger himmel, rot wie das feuer und gelb wie das ocker der erde und das leuchtende strahlen der blumen. weiss hingegen reflektiert alles und lässt nichts hindurch, schwarz saugt alles in sich ein und auf und negiert es.
nantes. bretagne. frankreich.
bei meinem letzten besuch war der justizpalast noch nicht fertig und seine atmosphäre noch nicht ahnbar. dieses gebäude von jean nouvel ist gelungen. vom fluss aus steigt man eine leichte steigung hinauf, die bereits zur architektur gehört. schwarze pflastersteine, die man zunächst noch gar nicht als bestandteil des gebäudes wahr nimmt. dann passiert man bald den hoch überdachten vorplatz und begiebt sich unter das schwarze hohe dach, das von hohen, eckigen, schwarzen stahlsäulen getragen wird. noch nimmt man nicht wahr, das man längst im gebäude integriert ist, weil alles noch so weit und licht ist. nach drei seiten hin ist der hof offen zur stadt. man fühlt sich frei, im freien. der platz steigt noch immer an bis kurz vor der glasfassade, die in quadrate und rechtecke unterteilt ist. unterteilt von schwarzem stahl. unten sind manche elemente mit massivem, gitterrost versehen: die türen. es gibt keine griffe, man muss sich gegen den schwarzen rost stemmen um die türen zu öffnen.
innen dann wieder nach drei seiten licht durch die glasfronten. aber der boden ist schwarzer, polierter marmor, die decke mit wenigen lichtsfenstern ist schwarz und als rückwand wahrgenommenen groben kuben, die eigentlich frei im gebäude stehen und die säle und büros behinhalten, diese rückwände sind ebenfalls schwarz mit einem streng geometrischen relief. (innen sind büros und säle übrigens nicht sehr vertrauenserweckend blutrot).
der schwarze raum hat etwas sakrales. man fühlt sich „ertappt“, „nackt“, „durchschaut“. das glas gibt der ganzen stadt ein stelldichein, durch den fluss – oder ist es in nantes schon das meer? – sieht nicht nur die stadt, sondern die welt hinein in diesen raum. und sie sieht doch nicht, da alles von schwarzer dunkelheit umhüllt ist. der spiegelnde boden lässt stadt, fluss und meer, ja sogar den himmel in den raum eindringen und zeigt deren gesichter im schwarzen spiegel auf den kopf gestellt.
dieser raum wirft unweigerlich fragen im besucher auf. wer bin ich. was hat bestand in mir? worauf richte ich mich aus? was ist echt und wahr?
so eine kirche müsste es geben. einen raum, der ehrlich zu mir ist, der mich umschließt und mich reduziert auf den kern, der vor dem einen wahren bestehen kann. das wäre die sprache des jetzt; die sprache eines heute, das nach wahrheit und gültichkeit in der pluralität der meinungen fragt.
eine geniale idee.
kaum wieder im lande, werde ich auf die rothko retrospektive verwiesen. noch in hamburg zu sehen. rothko konzepierte das innere einer ursprünglich katholischen kapelle in houston. (mir schoss bald couturier durch den kopf und tatsächlich taucht sein name bei dieser sache auf)
rothko malte als grosses gesamtwerk eine serie schwarzer bilder für diese kapelle. alle acht wände voller riesiger schwarzer bilder. das ist fundamental das werk, die predigt eines spirituellen mannes jüdischer abstammung über den grossen gott, der nicht begriffen und nicht gesehen werden kann. er umschließt und zieht an. er weist nicht ab – wie weiss alles licht abweist und reflektiert, er zieht an und hinein in das grosse geheimnis seiner liebe. er ist nicht die negierung der farbe, sondern die summe. aber diese erkenntnis ängstigt, denn in der summe der farben im schwarzen wird man blind. man muss diesem gott grenzenlos vertrauen um sich in ihn hineinzubegeben, sich ihm auszuliefern.
www.rothkochapel.org www.jeannouvel.com -> category matrix -> institutional -> nantes
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