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Archive für 10.7.2008

alle achtung!

Predigt von Hwst. Herrn Bischof Dr. Gerhard Ludwig Müller
anl. der Pontifikalmesse mit den Kunstschaffenden
Wolfgangwoche 2008 ?St. Emmeram? 25. Juni 2008

Liebe Schwestern und Brüder!

Jeder Mensch ? sei er Skeptiker, Nihilist oder religiös ? steht vor der
Frage: Was ist der Mensch? Worin besteht der tiefere Sinn des menschlichen
Daseins?
Um dem Geheimnis des Menschen näher zu kommen, wurde in der Philosophie
zwischen dem Menschen als homo faber und homo ludens unterschieden. Der
Mensch als homo faber muss wie alle anderen Lebewesen Sorge tragen für
sein Dasein. Es gilt Wohnung, Nahrung, Kleidung zu beschaffen und die
technischen Fertigkeiten in verschiedenen Berufen zu erlernen, um
zivilisiert und dem menschlichen Dasein angemessen leben zu können. Der
Mensch als homo ludens hingegen macht durch Musizieren, Malen, Bauen und
andere Formen der Gestaltung deutlich, dass das Leben auch etwas
Zweckfreies an sich hat. Es gehört zum Ziel des menschlichen Daseins,
durch Geist und Tat dem Leben einen tieferen Sinn abzugewinnen und ihn
deutlich zu machen.  Der Mensch ist jedoch kein reines Naturwesen, das mit
den Tieren verglichen werden müsste, und darüber hinaus noch eine
künstlerische Dimension erhebt. Der Mensch ist in sich selber eine
Einheit, eine leib-seelische Spannungseinheit. Durch seine Arbeit und
seine Daseinsfürsorge wächst er heran. Im zweckfreien Tun der Musik, der
Architektur, der Malerei und den verschiedenen Formen der Wissenschaft und
Künste wächst er über sich hinaus.
Gott selbst hat den Menschen in den Garten der Schöpfung hineingesetzt und
ihm aufgetragen, die Welt, seine Umwelt zu bebauen und zu pflegen (vgl.
Gen 1). Darin leuchtet die innere Einheit von homo faber und homo ludens
auf. Gott selber ist der Künstler. Die Werke seiner Schöpfung sind ein
Spiegelbild seines Willens.

In der Philosophie spricht man von den Transzendentalien des Seins: Unum,
verum, bonum, die zusammengefasst sind im pulchrum. Alle Werke der
Schöpfung werden durch diese Charakteristika bezeichnet.
Die Welt ist nicht ein Chaos, das wir erst zu bändigen hätten, sondern das
unum, alles Seiende, ist eins, ist in sich eine innere Seinseinheit. Darum
werden wir nicht vom Chaos umschlossen oder von einem Ganzen, welches das
Einzelne zu nichts machen würde, sondern jedes einzelne Seiende ?
insbesondere der Mensch ? ist eine Individualität, eine eigene
Verwirklichung des Seins.
Alles Seiende ist verum, ist wahr und weist hin auf die Wahrheit Gottes.
Es zeigt sich, dass der menschliche Geist sich nicht darin erschöpft,
lediglich für das Dasein Fürsorge zu tragen, sondern dass er befähigt ist,
sich auf das Wahre auszurichten. Er will erkennen, was die Welt im
Innersten zusammenhält. Er strebt nach Antworten auf die fundamentalen
Fragen nach dem Sinn menschlichen Lebens und Wirkens, nach dem Sinn des
Leidens.
Alles Seiende ist auch gut, ist ein bonum. Es strahlt die Güte Gottes
wider. Am Ende seiner Schöpfungswerke ? wir kennen die Darstellung des
Sieben-Tage-Werkes aus dem ersten Kapitel des Buches Genesis ? heißt es:
?Und Gott sah alles an, was er gemacht hatte: Und es war sehr gut?
(Gen1,31). Alles Geschaffene ? auch wir Menschen ? sind Widerschein der
Güte Gottes und darum ausgerichtet, das Gute zu tun und im Tun des Guten
unseren freien Willen zu verwirklichen. Nicht darin besteht der Sinn
menschlichen Lebens, das zu tun, was gerade Spaß macht, sondern das zu
tun, was gut ist, was aufbauend und förderlich ist für mich selber und die
ganze Gemeinschaft der Menschen, der jeder von uns angehört.
All das ist zusammengefasst im pulchrum, im ?Schönen?. Mit ihm ist nicht
nur ein äußerlicher ästhetischer Reiz für die Sinne gemeint. Vielmehr geht
es um die Ästhetik im ursprünglichen Sinn: um Empfindung, um ein inneres
Wahrnehmen des tiefen Sinngrundes der ganzen Schöpfung. Im pulchrum
scheint auf, dass das Ganze nicht aus einem Chaos hervorgeht und im
Sinnlosen sich verrätselt, sondern dass alles aus der Wirklichkeit Gottes
herkommt und auf sie hin geöffnet ist. So wird der innere Zusammenklang
zwischen Schöpfer und Schöpfung hörbar, sichtbar und fühlbar.

Durch die Werke der Kunst, nun im spezifischen Sinn, wird uns diese innere
Erhebung zuteil. Für uns Menschen erwächst daraus Hoffnung! Das Leitwort
der diesjährigen Wolfgangswoche lautet: ?Jesus Christus, Sinngrund unserer
Hoffnung?. Das Ganze endet nicht in einem nihil, in einem ?Nichts?. Durch
alle Gebrochenheit der Welt hindurch leuchtet am Ende die Hoffnung auf.
Dieser Hoffnung, die dem Menschen geschenkt ist, dienen die Künstler im
spezifischen Sinne des Wortes in besonderer Weise. Sie sollen das
Geheimnis des menschlichen Daseins aufschließen, nicht verrätseln. Die
Kunst weckt das Bewusstsein für das Sein als unum, vom menschlichen Sein
als Individualität. Der Mensch ist kein Unglücksfall der Schöpfung. Als
Person ist er das Ziel des Wirkens Gottes: Bild und Gleichnis seines
Schöpfers.
Der Mensch ist auch auf Erkenntnis hin angelegt. Er kann hineingeführt
werden in die tieferen Schichten des Seins, in das Gute, in das Wahre, in
die Erkenntnis, dass im ganzen Sein der Schöpfung Christus selber
aufleuchtet, dass Christus das Bild, der Abglanz der Herrlichkeit des
Vaters ist. Wir alle sind durch die Werke seiner Schöpfung Ausdruck SEINES
Kunstschaffens  und werden hingeführt zum eigentlichen Ziel unseres
Lebens: Gott zu schauen mit unseren eigenen Augen, von Angesicht zu
Angesicht. Wir musizieren mit den Chören der Engel. All unsere Sinne
werden angesprochen im Sehen, Schaffen, Handeln und Musizieren. Sie werden
ausgerichtet auf Gott, den Ursprung aller Schönheit und allen Seins.

Die Kunst muss sich aber auch der Tatsache stellen, dass es einen Riss
gibt ? mitten durch die Schöpfung hindurch! Durch die Sünde, durch
Egoismus und Selbstbezogenheit ist der Mensch oft blind, taub und stumpf
geworden für die Schönheit der Werke Gottes. Darum bricht das Menschliche
innerlich auseinander. Es verrätselt sich und steht durch die Erfahrung
des Destruktiven, Zerstörerischen und Vergänglichen in der ständigen
Versuchung zu meinen, alles sei umsonst; eine Erlösung gäbe es nicht. Wir
alle kennen die Erfahrung, dass scheinbar alles, was wir tun und wirken,
am Ende vergeht und uns wie Staub zwischen den Fingern zerrinnt.
Die Überzeugung des Glaubens ist aufgrund der Auferstehung Jesu Christi
eine andere: ?Selig die Toten, die im Herrn sterben … ihre Werke
begleiten sie? (Offb 14,13). Alles, was an Gutem und Wahren in der Kultur
hervorgebracht wird, das mag zu Staub zerfallen, am Ende aber wird es
wieder gebracht in der recapitulatio, der ?Wieder-Aufhauptung?, der
?Wiedererrichtung? in Jesus Christus. Nichts von dem, was getan worden
ist, war vergeblich. Es war ein Wegstück, ein Element auf unserem Weg hin
zur Vollendung, in dem all das, was an menschlicher Kultur gewachsen ist,
hineingenommen wird in das ewige Leben, in die Anschauung Gottes und die
Gemeinschaft der Menschen mit dem Gott der Liebe und untereinander.
Das Rätselhafte unseres Daseins findet seinen unüberbietbaren Ausdruck im
Kreuz Jesu Christi. Das Kreuz zeigt die Abgründe in unserer menschlichen
Seele. Es zeigt die ganze Widerständigkeit des Menschen gegenüber dem
geschenkten Dasein. Darum sind wir aufgefordert, die Schattenseiten des
menschlichen Daseins nicht aus dem Blick zu verlieren. Aber nicht um zu
Zynikern zu werden! Wenn wir den Blick nicht verschließen vor diesem
Schattendasein des menschlichen Lebens, vor allen Abgründen des Leidens,
des Verweslichen, des Hässlichen, das es in unserem Dasein gibt, aber auch
hinschauen auf Jesus Christus, den Gekreuzigten, dann wissen wir, dass uns
mitten in Kreuz und Leiden Hoffnung und Heil erwachsen. So ist es ein
Auftrag an jene Menschen, die eine besondere Befähigung und Begabung zum
Gestalten und Ausdrücken in Wort, Bild und Ton empfangen haben, diese
Begabungen einzubringen in den Willen Gottes, des Schöpfers, der auch
unser Erlöser ist. Die Kunst stellt sich hinein in den Dienst des
Heilswerkes Gottes, sie ist für Jesus Christus da, der uns den Grund der
Hoffnung gegeben hat.

Die Kunst ist nicht nur einseitig ästhetisch, bloßer Sinnengenuss und
äußere Anregung, sondern ästhetisch im tiefsten Sinne des Wortes: Sie
lässt uns das Ganze des Seins wahrnehmen, auch in seinen Abgründen, die
Schöpfung bis hin zum Kreuz Jesu, die Erfahrung des Überwältigseins von
den Wunderwerken Gottes und der Erfahrung der Abgründigkeit des
Verlorenseins des Menschen. In der Kunst nehmen wir diese ganze
Spannbreite wahr und bringen sie zum Ausdruck mit dem Ziel, die Menschen
tiefer hinein zu führen in den Sinn unseres Daseins, in die Schönheit des
Guten und des Wahren, in jene Hoffnung, die sich zusammenfasst in der
Auferstehung Jesu Christi. Gott wird das Kunstwerk seiner Schöpfung
vollenden, wenn er ?den neuen Himmel? und ?die neue Erde? herbeiführt,
wenn es keine Tränen mehr gibt, keinen Kummer und keinen Klage, wenn die
herrliche Gottesstadt, ?das neue Jerusalem? erscheint, geschmückt mit
?Juwelen und Edelsteinen?, mit all dem, was die Menschen an Gutem und
Wahren gestaltet und geprägt haben (Offb 21). Die menschliche Kultur und
die ganze Menschheit werden hineinvollendet in das Gesamtkunstwerk Gottes.
All das findet seine Aufgipfelung in der Liturgie der Kirche, die ein
Vorausverkosten des vollendeten Gesamtkunstwerkes Gottes ist, eine
Vorausverkostung der neuen Schöpfung, in der auch unser Wirken erlöst,
befreit und vollendet eingehen wird. Amen.

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